In den Tiefen der Aargauer Wälder – sagen wir, sie sind tief – befindet sich eine kleine Bahnstation. Geht man von dort aus wenige Schritte den Kiesweg entlang, entdeckt man ein eigentümliches Naturschauspiel: Zwei Findlinge stützen einen dritten, der auf ihnen zu balancieren scheint. Womöglich haben die Gletscher die riesenhaften Steine auf diese Art zurückgelassen. Oder, was wahrscheinlicher ist, Menschen aus prähistorischen Zeiten haben sie eigenhändig an diesen Ort transportiert und eine Kultstätte errichtet. Die Anordnung verschiedener kleiner Menhire rund um den Platz lassen auf die Nutzung eines uralten Kalendersystems schliessen. Einer Sage nach, die später entstand, sollen ausserdem einst Heinzelmännchen, sogenannte Erdmannli, unter dem Stein gewohnt haben, bis sie von zwei jungen Burschen vertrieben worden waren.
Ich hatte den Erdmannlistein und die gleichnamige Bahnstation schon öfters besucht und mir dabei alle möglichen Geschichten überlegt, die damit zusammenhingen. Besonders interessierte mich die Überlagerung der verschiedenen Mythen, die der megalithischen Kultur und die der Heinzelmännchen, von denen keine unglaubwürdiger schien als die andere. In meiner Fantasie verschmolzen sie zu einer einzigen Erzählung – die Erdmannli mussten das mit wenigen Marksteinen versetzte, rudimentäre Kalendersystem ausgebaut und verfeinert haben, sodass sie zu den Herren über die Zeit wurden. Als die zwei jungen Burschen, Prinzen aus gutem Hause, die Erdmannli verärgert hatten, waren die Störenfriede deshalb in eine weit entfernte Zukunft geschickt worden. Wohin, liess sich nicht sagen; vielleicht sogar in unsere Zeit.
«Du spinnst wieder herum», sagte mein Freund und schüttelte den Kopf.
Ich zuckte mit den Achseln. «War nur so eine Idee.»
Dieses Mal hatte ich für den Ausflug meinen alten Studienfreund mitgebracht. Obwohl wir uns immer gut verstanden, hielt er offenbar nicht viel von meiner Neuinterpretation der Sage. Das hätte ich ihm übelgenommen, wären wir nicht in Bierlaune gewesen.
«Du», sagte er und schwenkte seine Bierdose herum. «Was hältst du davon, die Erdmannli erneut zu verärgern?»
«Ich dachte, du glaubst mir nicht?», fragte ich zurück. «Ausserdem sind sie sicher schon längst weg.»
«Man kann nie wissen», entgegnete der Freund und stand auf. Ich sah von der Holzbank aus zu, wie er zu den Findlingen torkelte.
«Du meinst also, wir sind die zwei Prinzen?»
Er nickte. «Wir haben es nur vergessen.»
«Dann sollen wir uns bei den Erdmannli entschuldigen», gab ich zu Bedenken.
«Das werden wir sehen», sagte er, öffnete den Hosenschlitz und urinierte an die Felsen. Was daraufhin folgte, geschah furchtbar schnell, laut und unerwartet. Zuerst erklang ein ohrenbetäubender Knall. Dann spürte ich, wie etwas an meinen Füssen zerrte, sodass ich das Gleichgewicht verlor. Im nächsten Augenblick fand ich mich auf dem Waldboden liegend wieder. Ich wandte den Kopf, der furchtbar schmerzte, und erblickte den Freund neben mir, dem es offenbar ähnlich ergangen war. Er rappelte sich auf, wischte sich das Laub aus dem Haar und half mir hoch.
«Was war das?», fragte ich.
«Lass uns verschwinden», meinte er beunruhigt.
Wir gingen die kurze Strecke zur Bahnstation zurück. Das Bier vergassen wir dabei vollkommen, doch uns war auch nicht mehr nach Trinken zumute. Als wir den Bahnsteig erreichten, überkam mich ein seltsames Gefühl, das ich nicht bestimmen konnte. Etwas an der Anordnung der Bäume, am Zustand des Wartehäuschens und an den Gleisen fühlte sich falsch an, obwohl ich nicht hätte sagen können, was es war. Alles wirkte exakt gleich wie heute Morgen, als wir aus dem Zug gestiegen waren. Ich trat an die Tafel mit dem Fahrplan und stutzte. Die Abfahrtszeiten hatten sich geändert. Ausserdem stand da …
«Gültig ab Januar 2074», las ich laut vor.
Mein Freund blinzelte verwirrt. «Das ist ein Witz, oder?»
Ich schüttelte den Kopf.
Wir schwiegen. Durch die Bäume fuhr ein kühler Wind, liess die Blätter rascheln. Mir wurde unheimlich zumute. «Viel verändert hat sich eigentlich nicht», murmelte ich zögerlich. «Fahren wir ins Dorf.»
«Das wird sich in fünfzig Jahren auch nicht verändert haben», pflichtete mir der Freund bei.
Wir setzten uns auf den Perron und harrten dessen, was uns da auf den Gleisen entgegenrauschen mochte.
