Krakatau

Nachdem Dr. Farkas in der Schweiz keine Anstellung mehr gefunden hatte, war er nach Konstanz emigriert. Dort hatte er zwei Jahre verbracht, bis er in Konflikt mit der Fakultätsleitung geraten war. Nach einigen ähnlich flüchtigen Zwischenstationen in Bologna, Rom und Genf war er in Südamerika gelandet; zuletzt hatte ich ihn in Bogotá erreicht, kurz vor der geplanten Expedition. Im Ganzen glich seine Karriere der Art, wie er vor mir über die Lavasteine hüpfte. Ich hatte Mühe, den Sprüngen zu folgen, und wusste von der Reise nur so viel, als dass sie in ein unwirtliches Loch führte – der Ort, wo seiner Vermutung nach die Unterirdischen lebten. Farkas blieb stehen und blickte bedeutungsvoll zu mir zurück.
«Na, was habe ich gesagt?» Er schwenkte den Arm. «Krakatau.»
Wenn Farkas «Krakatau» sagte, meinte er nicht den Vulkanausbruch von 1883, sondern eine Chiffre, eine Theorie. Sie besagte, dass die Ausbrüche der letzten zweihundert Jahre durch eine Serie von Ereignissen im Leben derer, die er die «Unterirdischen» nannte, verursacht worden waren. Ihr Aussehen glich dem kleiner Kinder im Alter von zehn oder zwölf. Die Proportion ihrer Gliedmassen und Köpfe hatten zwar menschliches Ansehen, aber ihre Körper waren infolge ihrer Lebensweise vollkommen von erstarrter Asche bedeckt. In Konstanz hatten die Archäologen lachend gefragt, ob Farkas denn unbeschadet den Dämpfen des Krakatau entstiegen sei, und seine Antwort trug ihm viel Häme ein: Nein, so eine gefährliche Unternehmung sei gar nicht nötig, denn die in Pompeji freigelegten Aschefiguren legten bereits ein hinreichendes Zeugnis von der Existenz der Unterirdischen ab. Man hätte nämlich nicht die verschütteten Bewohner der römischen Stadt ausgegraben, sondern die Überreste der Vulkanmenschen, die beim Angriff auf die Stadt getötet worden waren. Zu Farkas’ Leidwesen war von einem solchen Angriff weder bei Tacitus, noch bei Livius oder einer anderen römisch-antiken Quelle die Rede. In Berlin hatte er sich mit der Behauptung zu retten versucht, er besässe ein vergessenes Fragment des Lukian; ob er sich damit einen Gefallen getan hatte, blieb zu bezweifeln.
«Als wir über den Rio Paraná fuhren, da benutzten Sie so ein Ding. Wie hiess das nochmals?», fragte der Privatdozent.
«Das hier?», fragte ich und holte einen kleinen Ventilator aus der Tasche. Eines der billigen Plastikteile, die man in jedem Supermarkt kaufen konnte. «Ein Handventilator.»
«Genau. Den werden wir ab jetzt nicht mehr brauchen.»
Ich zuckte fragend mit den Achseln, worauf der Dozent enthusiastisch auf eine Höhle wies. Ihr Eingang lag in einer Senke, die von den bizarren, säulenartigen Gesteinsformationen umgeben war, die man hier oben überall fand.
«Das ist es?», fragte ich zweifelnd.
«Laut Karte ja.»
«Sieht mir nicht nach dem Eingang einer Stadt aus.»
«Wer hat etwas von Stadt gesagt?», fragte Farkas leicht verärgert zurück.
«Ich dachte nur …»
«Natürlich müsst ihr Journalisten immer übertreiben. Sie hofften bestimmt etwas Gigantisches zu finden.»
«Ich erinnere Sie gerne an unser erstes Gespräch in Bogotá. Sagten Sie nicht …?»
«Schon gut», knurrte er. «Kommen Sie.» Farkas begann den Hang hinunterzurutschen. Während ich ihm folgte, rätselte ich, was ihn dazu bewogen hatte, ein Sensationsblatt wie das unsere zu kontaktieren. Besonders erfreut über die Zusammenarbeit schien er nämlich nicht. Andererseits dachte wie Fachwelt wohl dasselbe über ihn.
«Erklären Sie nochmals», fragte ich, als ich ihn einholte, «worin besteht der Unterschied zwischen den Figuren in Pompeji und denen auf dem Cotopaxi?»
«Ich dachte, Sie interessierten sich für den Unterschied zwischen ihren und unseren Fortpflanzungsorganen?», meinte er herablassend.
«Auch», gab ich zu.
Als wir etwa zehn Meter in die Höhle eingedrungen waren, befanden wir uns in kompletter Dunkelheit. Wir mussten unsere Stirnlampen aufsetzen, um etwas zu sehen. Im weissen Licht erschienen die Wände wie aus einer anderen Welt. Oder wenigstens versuchte ich mir das in Gedanken an den künftigen Artikel einzureden. Je weiter wir gingen, desto kühler wurde die Luft. Der Gang, der in die Tiefe führte, machte eine Biegung, und wir standen unvermutet in einer Grotte mit länglichen Felsnischen, die horizontal übereinanderlagen.
«Sehen Sie?», sagte Farkas aufgeregt. «Das sind ihre Betten.» Er schwenkte den Kopf hin und her, sodass das Licht seiner Stirnlampe nervös umherhuschte.
Die Anordnung der Nischen wirkten durchaus ungewöhnlich, sie als Betten zu erkennen, hätte aber viel Fantasie benötigt. Mehr, als ich meinen potenziellen Lesern zumuten wollte. Ich drängte den Privatdozenten zum Weitergehen. Erst warf er mir fehlenden Geist vor, dann stimmte ihn die Aussicht, mehr zu entdecken, um.
Wir marschierten durch den Gang weiter, der sich alsbald in drei kleinere verzweigte. Kurzentschlossen nahm Farkas den linken Weg und stiess daraufhin einen entzückten Schrei aus: wir waren erneut in einer Grotte gelandet.
«Unglaublich», keuchte der Privatdozent. «Das sind ihre Tische und Stühle.»
In der Mitte des Raumes waren ein paar zusammengewürfelte Steine zu sehen. Tische und Stühle waren darin beim besten Willen nicht zu erkennen, ich sagte jedoch nichts.
Als wir weitergingen, wurden die Gänge eng und ungemütlich. Ich begann zu schwitzen.
«Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?», fragte ich.
«Todsicher», sagte Farkas. «Und wissen Sie auch, weshalb?» Er drehte sich mit einem breiten Lächeln zu mir um. «Weil wir ihre Badeanstalt gefunden haben.»
Farkas trat zur Seite, und ich erblickte eine steinerne Halle mit beachtlichen Ausmassen. Die Decke und Wände schienen zu glühen, und der Boden war von heissen Dämpfen bedeckt. Die Hitze war beinahe unerträglich – und der Grund dafür lag etwa hundert Meter vor uns: ein brodelnder Magmasee.
Meine Instinkte setzten ein und ich zog Farkas am Arm zurück, der in faszinierter Selbstvergessenheit beinahe in die schwerflüssige Masse geschlafwandelt wäre. Ich bugsierte ihn in einen Nebengang und leuchtete ihm direkt ins Gesicht.
«Was tun Sie da?», fragte er entrüstet.
«Hören Sie mal, Dr. Farkas. Ich habe Ihre wirre Theorie gemocht, weil sie mir genau das richtige für unsere Zeitung zu sein schien. Aber dieser gefährliche Unsinn geht zu weit. Wir kehren jetzt um.»
«Aber …»
Ich schüttelte ihn. «Da sind keine Betten, keine Tische und Stühle, und keine Badeanstalt, klar? Nur Steine und Magma.»
«Wir müssen weiter», insistierte Farkas ungehalten und wollte sich von mir losreissen. Er hätte es geschafft, hätte er seine Bemühungen nicht von selbst aufgegeben. Sein Gesicht fror ein, und im selben Moment sah ich es ebenfalls: im Dunkel des Ganges bewegte sich eine Gestalt auf uns zu. Sie hatte ungefähr die Grösse eines Kindes; und als sie in den Lichtkegel der Lampen trat, erkannten wir, dass sie vollkommen von Asche bedeckt war.
«Ein Unterirdischer», flüsterte der Dozent. Ich liess ihn los.
Nach und nach traten aus dem Dunkel weitere dieser Geschöpfe. Sie drängten uns in die Halle zurück, indem sie mit langsamen Schritten auf uns zugingen und uns umzingelten. Der einzige Fluchtweg, der uns blieb, war keiner – er führte direkt in den kochenden Magmasee. Mein Begleiter nahm von der drohenden Gefahr keine Notiz, sondern betrachtete die Unterirdischen mit einer Mischung aus Angst und Entzücken.
Ich versuchte ihn zur Vernunft zu bringen. «Beruhigen Sie sich. Das ist eine Kinderbande, die sich einen schlechten Scherz erlaubt, mehr nicht.»
Farkas lächelte mich an, als sähe in mir selbst ein Kind. «Ja? Und auf welchem Beweis beruht diese Annahme?»
«Kein Beweis, aber zahlreiche Artikel über verschwundene Kinder in Brasilien. Und was stützt Ihre Theorie? Ein nicht vorhandenes Fragment Lukians?»
«Was brauchen Sie Beweise, wenn wir doch das Wunder direkt vor unseren Augen haben!», rief Farkas wie im Rausch zurück.
Wir waren von unserem Gespräch so absorbiert, dass wir nicht bemerkten, wie uns die Gestalten immer näher an den See geschubst hatten. Um genau zu sein, hatten sie uns schon so weit zurückgedrängt, dass wir mit den Knöcheln im Magma standen. Als ich, an mir herunterblickend, realisierte, dass meine Füsse in der heissen Masse steckten, zog ich das rechte Bein mit Schrecken hoch – es war unversehrt. Auch Farkas stapfte verwundert in der glühenden Masse umher.
«Badeanstalt», wiederholte er mit gebrochener Stimme.
Ich fragte mich, ob ich das Wort Badeanstalt schon einmal so gehört hatte.
«Aber nicht für Unterirdische, sondern für, ah, uns?», murmelte ich in heilloser Verwirrung.
«Für uns!», rief der Dozent wie von Sinnen und rannte in den See hinein.
«Warten Sie!» Ich rannte ihm hinterher, bis ich den Boden nicht mehr unter mir spürte. In weit ausholenden Zügen schwamm ich an die Stelle, wo Farkas’ Kopf aus dem Magma ragte.
«Wie haben die das gemacht?», fragte er.
«Ich glaube, sie machen gar nichts», erwiderte ich und blickte zurück zu den aschebedeckten Figuren, die immer noch am Ufer des Sees standen. Aus der Ferne glaubte ich, einige der Gesichter deutlicher zu erkennen. Sie erinnerten mich vage an Fotos von Vermisstenanzeigen, die ich in den letzten Jahren gesehen hatte.
«Wie haben … wir das gemacht?», doppelte der Privatdozent nach.
Ich wollte ihm antworten, da erfasste uns auf einmal ein starker Strom, der uns in die Tiefe zog. Mir blieb gerade noch Zeit, die Luft anzuhalten. Blind fuchtelte ich mit den Armen, bis ich Dr. Farkas’ Hand zu fassen bekam. Ich wollte ihn zurück an die Oberfläche ziehen, stellte aber erschrocken fest, dass sich über uns eine steinerne Decke befand. Wir schwammen planlos in eine Richtung, doch unsere Kräfte schwanden. Wenn sich nicht bald eine Lösung fand, würden wir ertrinken. Da fiel mir etwas ein. Ich tastete in meiner Hose umher und beförderte den Handventilator aus der Tasche. Ohne viel nachzudenken, schaltete ich ihn ein. Es klappte: Der Ventilator erzeugte die Kraft einer Schiffsschraube, die uns in Lichtgeschwindigkeit durch das Magma beförderte. Obwohl wir uns dabei mehr als einmal den Kopf an Wänden und Decke stiessen, kamen wir so schliesslich zurück zur Magmaoberfläche. Ich blickte mich um. Wir waren nicht mehr in der Halle, sondern in einer kleinen, mit Magma gefüllten Kammer. Farkas wies auf die Decke über uns, worin sich ein Loch befand. Tatsächlich, da schien Tageslicht durch die Öffnung. Da wir genug vom unfreiwilligen Bad hatten, machten wir uns unverzüglich daran, an die Erdoberfläche zu klettern. Als wir uns aus der Öffnung gezogen hatten, fanden wir uns am Fuss des Vulkans wieder. In der Ferne schimmerte das silberne Band des Rio Paraná.
Farkas und ich blickten uns an.
«Was werden Sie darüber schreiben?», fragte er.
«Ich weiss es nicht», antwortete ich.
Der Dozent runzelte die Stirn.
«Ich weiss es nicht. Beim besten Willen nicht.»
«Ja … gut», meinte er nachdenklich.
Wir machten uns schwankend an den Abstieg.

Die Insel

Ich entdeckte die Insel durch Zufall bei einem Testflug über den Bodensee. Meine Pilotenkollegen und ich hatten eine Flugstaffel gestartet, bei der ich das Schlusslicht bildete. Auf grosser Flughöhe verlor ich die anderen aus den Augen. Allein blinzelte ich über das Wolkenmeer hinweg. Da fiel mir eine seltsame Wolkenformation auf. Sie bildete eine Art hufeisenförmige Bergkette. Ich steuerte das Flugzeug direkt darauf zu. Da tauchte die Insel wie aus dem Nichts vor mir auf. Ich hatte gerade noch Zeit, die Maschine hochzureissen. Haarscharf überflog ich die Baumwipfel am Ufer. Beim dahinter auftauchenden Bergkamm hatte ich weniger Glück. In Sekundenschnelle fuhr mein Finger zum Knopf für den Schleudersitz.

Als ich wieder zu mir kam, lag wenige Meter vor mir etwas, das wie der verkohlte Rest des Sitzes aussah, daneben der Fallschirm. Ich richtete mich auf und wankte durch einen Wald. Nach einer Weile stiess ich auf das Ende der Insel. Allerdings nicht in der erwarteten Form. Steile Klippen, und darunter – nichts als Wolken. Durch eine Lücke in der Wolkendecke, tief unter mir, sah ich den Bodensee. Verwirrt wandte mich in die andere Richtung. Eine Gruppe von Gestalten in altertümlichen Umhängen kam auf mich zu. Sie packten mich bei den Schultern und schleppten mich fort. Dabei führten sie aufgeregte, unverständliche Gespräche. Bloss zwei Wörter hörte ich heraus: «Gwack» und «Kraah». Am Ende des Waldes lag eine grosse Ebene, in deren Mitte sich eine imposante Stadt mit einem Schloss erhob. Sie war von dicken Mauern umgeben. Dahinter schattenhafte Umrisse von gedrechselten Türmen. In kurzer Zeit erreichten wir die Stadttore. Unter dem Torbogen standen zwei Wachen mit Hellebarden. Die urtümliche Bewaffnung wäre mir unter anderen Umständen als erstes aufgefallen. Weitaus auffälliger waren jedoch die Vogelflügel, die aus dem Rücken der beiden wuchsen. Da meine Begleiter die Umhänge abgelegt hatten, bemerkte ich an ihnen dasselbe Merkmal. Verdattert blieb ich stehen. «Kraah!» Ich verspürte einen Tritt im Rücken. Sie zwangen mich, durch die Stadt weiterzugehen. In ihr wimmelte es von diesen Vogelmenschen. Sie folgten uns auf der Strasse oder streckten die Köpfe aus ihren Häusern. Über uns war ein stetiges Rauschen und Schnattern zu hören.
Die Architektur des Schlosses, in das sie mich führten, überbot alles Vorige an Seltsamkeiten. Den Gesetzen der Physik zufolge hätte es sofort in sich zusammenstürzen müssen. Es war aus riesigen Steinringen zusammengesetzt, deren massivster sich zuoberst befand. Obwohl das Gebäude so einem riesigen Kreisel glich, der auf seiner Spitze balancierte, schwankte es keinen Millimeter. Als wir durch das Schlosstor in den Innenhof traten, kamen uns zwei Burgwachen entgegen. Ich wurde an den Händen gefesselt und in ihre Obhut übergeben. Unvermittelt fand ich mich in einer fensterlosen Zelle wieder. Als ich an den Gitterstäben rüttelte, rief ich lediglich die Wärter auf den Plan, die mit ihren Spiessen nach mir stachen. Auf Fragen erhielt ich stets dieselbe Antwort: «Krah.»

Die Tage in Gefangenschaft liefen immer nach dem gleichen Muster ab. Am Morgen bekam ich eine Ration zu Essen, gegen Mittag wurde ich in den Hauptsaal geführt, den Abend verschmachtete ich in der Zelle, wo das Fackellicht der vorüberschreitenden Wachen durch die Gitterstäbe fiel. Im Saal residierte der Rat der Vogelmenschen. Die Ratsmitglieder trugen dunkle Roben mit diamantbesetzten Kapuzen. Die Wachen zwangen mich vor ihnen auf die Knie. Darauf hob stets ein lautes Gekrächze an. Wohl verhörten sie mich, aber wie konnte ich darauf antworten? Da das Krächzen in den Ohren schmerzte, wandte ich früher oder später den Kopf ab, was dazu führte, dass ich einen Speerstoss in die Rippen erhielt. «Gwack», sagten sie. Das markierte jeweils das Ende der Unterredung. Man zerrte mich hoch und schaffte mich in die Zelle zurück.
Mehrere Wochen verbrachte ich so, bis ich eines Morgens von drei Speerträgern in den Garten eskortiert wurde. Dort führte man mich zu einem Brunnen, wo ein unbekannter Vogelherr mit Brille sass. Bei meinem Erscheinen erhob er sich hastig und seine Hand fuhr zu einem Schreibblock, den er mit sich trug. Dann richtete er ein «Krah» an die Wachen, und man liess uns allein. Ich geriet in Verlegenheit; seine Bekleidung verriet einen Gelehrten oder Professor, was sollte ich diesem sagen? Sein Blick funkelte vor Wissbegier. Wohl hatte er schon viel vom seltsamen Eindringling gehört und wollte mehr erfahren. Tatsächlich krächzte er darauf in einem schnellen Stakkato auf mich ein. Ich wollte ihn nicht beleidigen und hielt mir die Ohren nicht zu. Dafür geriet ich plötzlich in einen heftigen Hustenkrampf. Er führte zu einer unerwarteten Reaktion. Der Gelehrte sprang mit einem entsetzten Blick auf und krächzte nach den Wachen. Die hatten das Husten von Weitem gehört und kamen sofort angestürmt. Man zeterte und zeigte auf mich; beinahe hätten sie mich auf der Stelle aufgespiesst, wäre nicht der Hauptmann dazwischengetreten. Er befahl seinen Untergebenen barsch, mich wieder in die Zelle zu sperren.

Am nächsten Tag wurde ich unter grossem Tumult zum Marktplatz geführt. Der Husten war schlimmer geworden. Aus einem seltsamen Grund löste er bei den Vogelmenschen, welche die Strassen säumten, eine heftige Abwehrreaktion aus. Sie wichen zurück oder spuckten mir vor die Füsse. Das alles vergass ich jedoch schnell, als der Scheiterhaufen vor mir auftauchte. Sollte ich, des Hustens überführt, bei lebendigem Leib verbrannt werden? Ich bäumte mich auf, doch es war schon zu spät. Die Vögel banden mich am Pfahl fest. Schon kamen die Häscher mit Fackeln.
«Kräh!»
Auf einmal war die Luft erfüllt von Vogelgeschrei. Eine kleine Gruppe von Vogelmenschen, die nicht zum Volk zu gehören schien, stiess in die Menge hinab. Das zerstreute sie zwar nicht, diente aber lediglich zur Ablenkung. Ich spürte, wie jemand von hinten an meinen Fesseln zerrte und sie lockerte. Dank dieser unerwarteten Hilfe konnte ich mich befreien. Da packten mich zwei der abtrünnigen Vögel und trugen mich davon.
«Kräh!»
Die Burgwachen und manche der Schaulustigen flogen uns nach. Wir hängten sie aber bald ab und das Geschrei der Menge wurde immer leiser. Die Stadt mit dem Marktplatz lag nunmehr wie ein kleiner Fleck unter uns. Wir überflogen Seen, Berge und Täler. Allmählich drohte ich, das Bewusstsein zu verlieren. Das Letzte, was ich wahrnahm, war, wie wir auf einen bronzefarben Berg zuflogen.

Als ich wieder erwachte, lag ich in einer Höhle. Man hatte mich auf eine steinerne Pritsche gelegt, die aus dem Felsen gehauen schien. Neben mir sass eine vermummte Gestalt. Als sie die Kapuze vom Kopf zog, blickte ich in das Gesicht einer Vogelfrau. Über ihre Stirn zog sich eine Narbe, die sie gefährlich und verwegen aussehen liess. Sie krächzte leise, doch als Antwort brachte ich wiederum lediglich ein Husten hervor. Schon das Schlimmste befürchtend, drückte ich mich gegen die Wand, doch diesmal hatte das Husten eine weitaus angenehmere Wirkung. Die Vogelfrau nickte mir verschwörerisch zu. Es schien hier als eine geheime Losung zu gelten – bestimmt der Grund, weshalb man mich befreit hatte. Aus ihrem Umhang holte sie einen Ring hervor, den sie mir voller Stolz entgegenstreckte. Darin war eine Art Wappenzeichen eingraviert, mit einem Schwert und einem gefiederten Schild.
«Krah», sagte sie mit tiefer Inbrunst.
«Krah», erwiderte ich versuchshalber.
Die Antwort schien sie vollends zu befriedigen. Sie führte mich vom Schlafplatz weg in ein verzweigtes System von Höhlengängen. Links und rechts taten sich auf unserem Weg kleine Höhlenräume und Nischen auf. In ihnen trieben sich Vogelmenschen herum. Sie trugen Uniformen und wirkten, als bereiteten sie eine Offensive vor. Gegen wen diese gerichtet sein sollte, ahnte ich bereits, wagte ich aber nicht anzusprechen. Wir traten in eine riesige Höhle, in der sich hunderte von ihnen um ein monströses Gebilde versammelt hatten. Vom steinernen Balkon aus, auf dem wir standen, konnte ich es zuerst nicht erkennen. Ich kniff die Augen zusammen und blinzelte. War das der verkohlte Pilotensitz? Tatsächlich – die Vogelmenschen hatten mein Flugzeug wieder zusammengebaut. Seine Form glich allerdings nur entfernt dem Original. Statt auf Rädern sass der Rumpf des Flugzeugs auf mechanischen Krähenfüssen, statt zweier Flügel gab es mehrere Arme, die riesige Speere abschiessen konnten. Der Aufklärungsflieger war in eine primitive, monströse Kampfmaschine verwandelt worden.
«Gwack!» Die Vogelfrau forderte mich auf, an den Rand des Balkons zu stehen. Sie krächzte ihren Untertanen zu – denn sie war ohne Zweifel die wahre Königin des Vogelvolks –, diese legten ihre Arbeit nieder und schauten zu uns hoch.
«Krah», sagte ich und blickte in fragende Gesichter.
Die Vogelkönigin zupfte mich am Ärmel. Da wusste ich, was zu tun war. Ich hustete, wie es noch nie ein Husten gegeben hatte. Die versammelten Vögel verfielen in laute Jubelschreie. Die Königin persönlich hob mich hoch und ich flog in ihren Armen zum Pilotensitz hinunter. Sie platzierte mich auf dem Sitz, worauf sich die ganze Maschine ohne mein Zutun in Bewegung setzte.

Der Angriff auf das Schloss startete in den frühen Morgenstunden. Die Vögel in der Stadt wurden durch den Lärm, den die Maschine verursachte, geweckt, was aber keine Rolle spielte. Im Sekundentakt schoss sie Speere aus ihren Armen, sodass von der hastig aufgestellten Verteidigung der Stadtwachen bald nichts mehr übrig war. Vor der Stadtmauer wurde ich angewiesen, einen Knopf zu drücken. Einer der Krähenfüsse donnerte gegen die Mauer. Sie brach ein, und durch die entstandene Öffnung stakste die Maschine in die Stadt. Das Ungetüm diente nurmehr zur Einschüchterung, denn die Vorhut der Rebellen war längst über die Mauer geflogen. Die Königin kämpfte an vorderster Front. Mit dem Speer in der Hand wütete sie erbarmungslos unter ihren Feinden. Was alles an Grausamkeit verübt wurde, wage ich nicht zu beschreiben, aber in der Vogelsprache würde man es wohl «Kwäh» nennen. Nach wenigen Stunden schallte von überall her ein «Kwarg»: Die Stadt war erobert worden. Als letzte Bastion blieb das Schloss selbst, vor dem sich die Rebellenarmee versammelte. Der Rat der Altvögel sollte sich freiwillig ergeben und aus dem Tor treten, wenn nicht, drohte ihnen ein grausamer Tod. Die Ratsmitglieder weigerten sich, den Forderungen Folge zu leisten; ein Herold, den sie herausgeschickt hatten, um selbiges zu verkünden, war bereits aufgespiesst worden. Die Situation spitzte sich zu, die Königin schritt mit der Waffe in der Hand wild auf und ab; ein Blutbad schien unvermeidlich. Um die Situation zu retten, wagte ich das Äusserste – ich hustete so laut ich konnte in Richtung der Königin. Sie blieb abrupt stehen und blickte zu mir hoch. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Verwirrung ab. Sie liess die Waffe sinken, und ich hoffte schon, das Richtige getan zu haben. Dann aber huschte über ihre Lippen ein Lächeln, siegessicher und stolz. Einen Teil ihrer Kämpfer hiess sie das Schloss stürmen. Ein anderer Teil brachte die Maschine weg, von der man mich hinuntersteigen liess.
«Kwäh», sagte mir die Königin dankend, und ich ahnte etwas Ungutes.
Einen Augenblick später wurden die Ratsmitglieder vor sie gezerrt. Doch statt diese zu köpfen, wie ich fürchtete, tauschte die Herrscherin mit ihnen ernste Worte aus. Nach und nach wandten sie sich zu mir um; auch sie massen mich mit anerkennenden Blicken. Ich wagte nicht mehr zu husten.

«Kwarg».
Vielleicht drückt dies aus, was ich meine, vielleicht nicht. Sicher kann ich mir bis heute nicht sein, denn ich habe die Vogelsprache nie richtig gelernt. Kurz: Die Vögel brachen aus ihrer selbstgewählten Isolation aus und griffen die Menschen an. Sie verwüsteten Konstanz und St. Gallen. Morgen ist Zürich dran.
Die Pilotenjacke habe ich gegen einen edlen Mantel ausgetauscht und gelte in Vogelkreisen als engster Berater der Königin, die mit der Zustimmung des Vogelrates wieder den Thron bestiegen hat. Man begegnet mir überall in der Stadt mit furchtsamem Respekt, was ich von meinem früheren Leben in Zürich nicht behaupten kann. Wie lange dieser Feldzug noch fortdauert, weiss ich nicht. Aber eines ist ganz sicher –
Nein, dazu fällt mir kein Vogelwort mehr ein.

Hasen

Meine Kurzgeschichte „Hasen“ erschien kürzlich auf der Webseite des Magazins Delirium. Hier ist sie nochmals zu lesen:

Der Lehrer lag mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze. Sie hatte sich in einer der Kuhlen im Feld gebildet, welche die Reihen der Maisstöcke voneinander trennten. Als ich vor ihm stand, hob er den Kopf und wischte sich einen Dreckklumpen von der Stirn.
«Was tun Sie hier?», fragte er.
«Ich war auf dem Weg zum Bauernhof», sagte ich. «Wollte eine Abkürzung nehmen und bin durch das Feld gegangen.»
Der Lehrer nickte, rappelte sich auf und schwankte.
«Und was tun Sie hier?», fragte ich zurück. Uns der seltsamen Fügung anvertrauend, hatten wir unsere Schritte in Gleichklang gebracht und gingen nun nebeneinander her.
«Die Bauerntochter hat schlechte Noten geschrieben.»
«Die wollte ich eben besuchen», erwiderte ich.
Da wir den Bauernhof wegen der hohen Maispflanzen nicht sahen, gingen wir in die ungefähre Richtung, in der wir ihn vermuteten. Wir stiegen quer über die Erdfurchen hinweg. Gestern hatte es geregnet, und unsere Füsse versanken im Dreck. Wir waren lange unterwegs und kamen nur schlecht voran. Nach einer geraumen Weile hörten wir ein Brummen. Als das Brummen immer lauter wurde, zog mich der Lehrer hinter eine Maispflanze.
Zwischen den Pflanzen brach ein Auto hervor. Der Wagen, ein robuster Toyota, war dreckbespritzt. Ein Mann stieg aus. Er trug einen Filzhut, dicke Hosen und feste Stiefel. Ein Jäger. Sein Gewehr hatte er über die Schulter gelegt.
«Guten Abend», sagte er. Hinter dem dürftigen Versteck hatte er uns leicht erspäht.
Ich legte die Hand über die Stirn und schaute in den Himmel. Tatsächlich war bereits der Abend hereingebrochen, obwohl wir uns am frühen Nachmittag aufgemacht hatten.
«Was suchen Sie hier?», wollte der Jäger auch wissen.
Der Lehrer erklärte seine Situation. Als er dieselbe Frage an den Jäger stellte, behauptete dieser, der Bauer hätte ein Hasenproblem. Ich musste bei dem Wort ein wenig lachen. Der Jäger schielte missbilligend in meine Richtung.
Zu Dritt marschierten wir durch das Feld. Die Maispflanzen wuchsen immer höher und versperrten uns jegliche Sicht. Über unseren Köpfen flogen die Krähen. Ab und zu landeten sie auf den Kürbisköpfen von Vogelscheuchen, die uns mit ihren ausgestreckten Armen den Weg wiesen. Der Jäger zielte auf die Vögel. Sie flogen krächzend davon.
Als die Nacht hereinbrach, waren wir unserem Ziel nicht näher gekommen. Auf alle Seiten hin streckten sich Maisstauden in die Dunkelheit. Der Mond warf fahle Schatten.
Wir mussten auf den nächsten Morgen warten. Deshalb suchten wir uns einen freien Platz zwischen den Pflanzen und zündeten ein Feuer an. Als Brennmaterial dienten uns verwelkte Blätter. Der Lehrer warf einen Maiskolben in die Flammen.
«Das Hasenproblem ist grösser, als ich bisher angenommen habe», sagte der Jäger nach einer Weile. «Da haben Sie Recht», pflichtete der Lehrer ihm bei.
«Ja?», fragte ich ihn erstaunt.
«Ich lag ja nicht ohne Grund in der Pfütze», führte er aus. «Etwas hatte mich am Kopf getroffen und mich zu Boden geworfen. Das war bestimmt einer dieser Hasen. Als Sie auftauchten, musste er davongehoppelt sein.»
Der Maiskolben knisterte im Feuer.
«Die schlechten Noten der Bauerntochter haben wahrscheinlich auch etwas mit dem Hasenproblem zu tun», behauptete der Jäger.
«Ja», sagte der Lehrer. «Der Bauer hat keine Zeit mehr, sich um sie zu kümmern. Immer muss er sich um die Hasen kümmern.»
«Ich habe hier noch nie einen Hasen gesehen», warf ich ein.
«Weil Sie immer in den Himmel starren. Dann sehen Sie die Hasen auch nicht», wies mich der Jäger zurecht.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Pfeifen geweckt. Ich öffnete die Augen und sah auf die verkohlten Reste des Feuers. Es war kühl und ich fröstelte. Der Jäger stand abseits, pfiff und blickte um sich. Dann drehte er sich zu mir um und sagte: «Der Lehrer ist verschwunden.»
Bis zum Mittag suchten wir ihn erfolglos. Als die Luft allmählich zu heiss wurde, schlug ich vor, zum Auto zurückzukehren, doch mein Gefährte winkte energisch ab.
«Wir müssen weiter», sagte er. «Der Bauer wartet auf uns.»
«Was ist mit dem Lehrer?»
«Der kommt schon alleine zurecht.»
Da ich insgeheim dasselbe dachte, beschloss ich, dem Jäger zu vertrauen und stapfte ihm hinterher.
Wieder verging ein halber Tag, an dem wir kein Stück weiter kamen. Egal, wie lange wir durch das Feld marschierten, schienen wir uns kaum vom Fleck zu bewegen. Der Bauernhof kam nicht in Sicht, ebenso wenig das Ende der Maisstauden.
Gegen Abend begannen wieder die Krähen über unseren Köpfen zu kreisen. Der Jäger zielte mit dem Gewehr in den Himmel und gab einen Schuss ab. Laut krächzend zerstreuten sich die Vögel.
Als die Nacht hereinbrach, entfachten wir wieder ein Feuer. Diesmal warf niemand einen Maiskolben hinein.
Da ich nichts Besseres zu tun wusste, fing ich an zu reden: «Ich habe immer noch keinen Hasen gesehen.»
Der Jäger antwortete nicht.
«Wenn das Problem wirklich so schlimm ist, wie Sie sagen», fuhr ich fort, «sollten wir dann nicht längst einem begegnet sein?»
«Den Hasen begegnet man nicht einfach so», sagte er mürrisch. «Man muss aufpassen.»
Ich fragte ihn nicht weiter aus.

Am folgenden Tag war auch der Jäger verschwunden. Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Stiefelabdrücke führten von der Feuerstelle weg, direkt zwischen den Maisstöcken hindurch. Ich folgte den Abdrücken. Sie endeten vor einem dunklen Loch, das sich in der Erde auftat. Verwundert blickte in die Schwärze. Der Jäger musste hier hineingestürzt sein. Also doch ein Hasenversteck? Ich kauerte an den Rand des Lochs und streckte die Hand hinein. Gerade, als ich glaubte, mit den Fingerspitzen etwas zu berühren, spürte ich, wie mich jemand kräftig von hinten boxte. Der Schlag war so stark, dass ich ins Loch kullerte.
Als ich die Augen wieder öffnete, starrte ich in ein menschliches Gesicht. Doch es waren weder die strengen Züge des Lehrers, noch die bärtige Visage des Jägers.
«Was tust du hier, Anneliese?», rief ich aus. Anneliese, das war die Bauerntochter.
«Komm», sagte sie nur und führte mich in eine grosse unterirdische Höhle. Dort lebten und arbeiteten hunderte von Hasen. Sie knabberten an Möhren oder bedienten Baustellenfahrzeuge. In einer Ecke lagen der Jäger und der Lehrer. Sie waren gefesselt und stöhnten, während die Tiere über sie hinweghopsten.
«Hier haben die Hasen sich also versteckt!», rief ich.
Sogar den Bauern sah ich. Er hing an einer Vogelscheuche, die in der von Radspuren durchfurchten Erde steckte. Nur Anneliese war frei und überblickte fröhlich das Treiben. Da wurde ich unsicher. «Und du?», fragte ich. «Gehörst du zu diesen Hasen?»
«Ja», sagte Anneliese. «Aber wir gehören auch zu dir.»
Wieder beruhigt, beobachtete ich die Baustellenfahrzeuge. Eines fuhr so nahe an den Gefesselten vorbei, dass sie ängstlich über den Boden hopsten und dabei selbst ein wenig wie Hasen aussahen.
«Und warum hast du nicht für die Schule gelernt?», wollte ich wissen.
«Einen Palast lasse ich bauen», sagte sie und legte den Arm um mich. «Um wie eine Prinzessin zu leben. Dann muss ich nie mehr in die Schule gehen.»
Sie lächelte und ich lächelte zurück.