Am Festival

Das Festival fand auf einer Wiese in der Nähe eines abgelegenen Grenzdorfes statt. Im Dorf geschah die meiste Zeit des Jahres nicht viel. Gelegentlich übernachteten Wanderarbeiter im Hotel, die saisonal über die Grenze pendelten. Nur während der drei Festivaltage im Sommer waren sämtliche Zimmer ausgebucht und auf dem Parkplatz standen die Wagen dicht an dicht in der Hitze. Am Rand der Wiese, gesäumt von Baumgruppen, parkierten die Camper, weiter entfernt von der Strasse waren die Zelte aufgeschlagen. Davon gab es so viele, dass sie beinahe die Sicht auf die Mitte der Wiese versperrten. Auf drei Bühnen spielten dort Bands, deren sphärische Musik in die späten Abendstunden passte, wenn die Dämmerung einsetzte und die ersten Feuer brannten. Die letzte Gruppe trat für gewöhnlich von der Bühne ab, wenn der Wind aufgehört hatte, über die Äste der umgebenden Bäume zu streichen. Dann, wenn die Stille einsetzte, kehrten die Besucher vor ihre Zelte zurück und verbrachten den Rest der Nacht mit leisen Gesprächen.
Ich kam am zweiten Tag an, als neben manchem Zelt schon ein Holzkohlegrill qualmte. Unter den Leuten hatten sich bereits flüchtige Bekanntschaften gebildet. Mein Zelt hatte ich am Rand des Zauns aufgestellt, der das Festivalgelände abgrenzte, und schlenderte über das trockene Gras. Die Zelte liessen nur wenig Platz übrig, sodass ich gezwungen war, über die Pflöcke zu steigen. Neben den drei Bühnen wurden an diversen Ständen Fanartikel, Essen und Alkohol verkauft. An jedem anderen Tag wäre mir der Zeitpunkt zu früh erschienen, aber da ich morgen bereits wieder abreisen würde, wollte ich die Stimmung geniessen und bestellte ein starkes Bier. Während ich am Tresen wartete, blickte ich um mich und sah am Merchandise-Stand einen auffälligen Mann. Er trug einen langen weissen Bart und einen alten, verschrumpelten Spitzhut. Sogar der leicht neckische Blick passte zu einem Zauberer; wäre nicht die fehlende Robe gewesen. Stattdessen hatte er dasselbe T-Shirt wie ich: ein schwarzes mit der Aufschrift meiner Lieblingsband, die auch schon letztes Jahr hier aufgetreten war. Ich musterte ihn mit erwachter Neugier und nahm mein Bier. Es schwappte über den Rand eines dicken Krugs mit dem Festivallogo. Ich nahm einen Schluck und ging langsam zum Merchandise-Stand, wo der Alte noch immer die Accessoires auf dem Tisch betrachtete. Ich tat es ihm gleich, wobei ich einen Aufnäher der besagten Band entdeckte.
«Teuer», murmelte ich.
Wie erhofft stieg der Alte darauf ein. «Früher war alles besser», meinte er ironisch und zwinkerte mir zu.
«Ich glaube, der heutige Auftritt aber wird der beste seit Jahren», entgegnete ich.
«Ja, sie haben mich noch nie enttäuscht», gab der alte Mann zu. «Haben Sie das Konzert vorletztes Jahr erlebt, wo der Bassist ausgefallen war?»
«Nein.»
«Selbst da war die Band nicht zu halten. Das hätten Sie sehen müssen!» Er lachte, wobei – sah ich richtig? – ein Silberzahn aufblitzte. «Aber ich will Sie nicht neidisch machen», fügte er entschuldigend hinzu. «Man sieht sich dann also abends.»
Ohne etwas gekauft zu haben, bahnte sich der Mann einen Weg zu den hinteren Zeltreihen. Ich sah ihm nach und wunderte mich; ich wusste nicht wieso, aber vom Gespräch hatte ich mir mehr erhofft. Achselzuckend schlenderte ich mit dem Bier zum Essensstand.

Als die Luft in der Nachmittagssonne flimmerte, suchten die Menschen Schutz unter schattenspendenden Schirmen. Kleinere Musikgruppen, die mal mehr, mal weniger zur Ausrichtung des Festivals passten, spielten träge auf. Am späteren Nachmittag kam ein Alleinunterhalter, der verschiedene Instrumente gleichzeitig beherrschte. Das Geschehen auf der Bühne interessierte mich vorerst lediglich am Rande. Nach und nach zeigte der Alkohol Wirkung und ich fühlte mich müde. Um für den Abend fit zu sein, wollte ich ein kurzes Nickerchen machen. Deshalb ging ich zurück zum Zelt und legte mich hin. Mein Schlaf wurde jedoch gestört – kurz, nachdem ich die Augen geschlossen hatte, erklang draussen ein leises Fluchen. Ich streckte den Kopf aus dem Zelt und blinzelte. Ein junger Mann war über meinen Zeltpflock gestolpert und hingefallen. Zum Glück hatte ich den Pflock gut verankert, sonst hätte er das ganze Zelt mitgerissen. Der Mann war ziemlich bleich und dünn. Als hätte ich das Hindernis mit böser Absicht aufgestellt, zischte er: «Kannst du nicht aufpassen?»
«Tut mir leid», gab ich zurück, wohl wissend, dass mir nichts leid tun sollte.
«Stell dein Ihr Zelt das nächste Mal woanders hin», belehrte er mich.
«Alles klar», sagte ich gleichgültig.
Er trat auf mich zu – aufgrund der Statur verlor seine Geste aber von der erhofften Bedrohlichkeit.
«Hören Sie, es tut mir leid …», begann ich genervt, da streckte er mir einen Zettel hin. Ich stutzte und faltete ihn auseinander. «Helfen Sie mir. Ich bin ein Gefangener des Zauberers», stand da. Völlig verblüfft stierte ich auf den Zettel, dann auf den jungen Mann – aber er hatte sich aber bereits entfernt, ohne Blick zurück, als wäre nichts gewesen. Mit dem Papierstück in der Hand stand ich bestimmt eine Minute wie versteinert auf der Stelle und versuchte zu begreifen, wie mir gerade geschehen war. Entweder spielte man mir einen üblen Streich – oder die Nachricht zeugte vom irrigen Delirium einer Entführung, die sich im Kopf des Betroffenen abspielte. So oder so hielt ich es nicht für angebracht, der Sache weiter nachzugehen. Ich warf den Zettel fort und kehrte ins Zelt zurück, um den verpassten Schlaf nachzuholen.

Allmählich brach die Dämmerung herein und die Atmosphäre wurde intensiver, magischer. Überall zündete man Feuerkörbe an, Fledermäuse huschten durch die Schatten. Jetzt war die Zeit, auf die alle gewartet hatten. Die Besucher strömten zur Hauptbühne, wo der Headliner spielen sollte. Wie immer liess sich die Band Zeit. Bevor der erste Gitarrenton erklang, dröhnte aus den Boxen ein leises, tiefes Synthesizergeräusch, das von einer Nebelmaschine unterstützt wurde. Die Nebelschwaden erreichten bald die vordersten Zuschauer, die sich gespannt an die Absperrung zwischen Platz und Bühne geklammert hielten, und schwebte über die Köpfe zu den hinteren Besuchern, die mit einem Bier in der Hand bei den Rundtischen standen. Ich befand mich in der Mitte des Publikums, wo das Gedränge immer grösser wurde. Das letzte Mal hatte ich mir einen Platz in der vordersten Reihe sichern können, diesmal war ich jedoch zu spät gekommen. Ich ärgerte mich ein wenig, war aber froh, dass ich vor dem Auftritt die Möglichkeit hatte, zu den Verpflegungsständen zu gehen. Da die Warterei anhielt, machte ich irgendwann von ihr Gebrauch.
Wieder bestellte ich den Krug mit dem Festivallogo. Und wieder sah ich just in dem Augenblick, da ich die Hand um den Henkel schloss, den Zauberer. Er winkte mir von einem der Stehtische aus zu. Zögerlich ging ich zu ihm. Einerseits hatte ich sonst keine Gesellschaft, andererseits kam mir der Vorfall mit dem bleichen Mann in den Sinn. Unter welchen Zauber er auch gefallen war, einen anderen als diesen Alten, der ihn hätte wirken können, gab es hier offensichtlich nicht.
«Na, schon gespannt?», fragte der Zauberer grinsend und wies auf die Bühne.
«Kann man wohl sagen», meinte ich distanziert. Seine joviale Art wirkte auf mich weniger einladend als vorher.
«Ich war ja immer jemand, der die Spätphase skeptisch beurteilt hat. Aber in den letzten Jahren musste ich doch zugeben, dass sie reifer geworden sind.» Er nickte zur Bühne. Sie war nach wie vor leer.
«Welches ist Ihr Lieblingsalbum?», fragte ich.
«Das Pilz-Album.»
So nannten Kenner das vierte Album. Es zeigte auf dem Cover einen moosbedeckten Waldabschnitt, wo im Hintergrund, wenn man genau hinsah, ein Pilz zu sehen war.
«Mich hat das erste am meisten beeindruckt», meinte ich. «Das war damals echt neue Musik.»
«Ja? Wie alt waren Sie denn, als es erschien?», fragte der Zauberer mit gespielter Strenge.
Ich lachte und winkte ab. Er nahm einen Schluck Bier.
Vorne kam nach und nach Leben in die Szene. Das Publikum begann zu jubeln, als die Schatten menschlicher Gestalten durch den Nebel auf der Bühne huschten. Ob es sich dabei um die Band selbst oder einen verirrten Roadie handelte, spielte keine Rolle. Danach geschah wieder eine Weile nichts. Bis das Schlagzeug erklang – und kaum hatte sich der Nebel verzogen, standen auf einmal sämtliche Bandmitglieder im Scheinwerferlicht und spielten den ersten Song. Es handelte sich das neue Material, das ich noch nicht allzu gut kannte. Die Melodie war jedoch eingängig und die sphärischen Abschnitte fuhren ein wie eh und je. Glücklich liess ich mich berieseln und schloss die Augen. Da stiess mich der Zauberer an der Schulter.
«Da, schauen Sie», sagte er und wies nach vorne. Der Bassist strauchelte. Zuerst hielt ich den raschen Schritt, den er gegen das Publikum machte, für einen Teil der Performance. Als er jedoch vom Rand der Bühne stürzte, erschrak ich. In der allgemeinen Verunsicherung schaffte ich es, mir einen Weg nach vorne zu bahnen. Ich stiess durch den Kreis der Schaulustigen – und blieb abrupt stehen. Der Mann, der dort am Boden lag, war derselbe, der mir den Zettel gereicht hatte.

Da er laut schrie und man eine ernstere Verletzung vermutete, trugen ihn die Sicherheitsleute zum Parkplatz. Dort warteten sie auf die Ambulanz. Sie kam, und das letzte, was wir sahen, war, wie die Notärzte unverrichteter Dinge davonfuhren und er ins Hotel geleitet wurde. Der Unfall schien also doch nicht so ernst zu sein. Das Konzert wurde trotzdem unterbrochen; der Sänger versprach aber, eine Lösung zu finden. Ich hatte das Geschehen mit gebannten Blicken verfolgt. Nun, da jeder mit dem Nächstbesten darüber zu tuscheln begann, fiel mir ein, wie der Zauberer einen ähnlichen Vorfall erwähnt hatte. Er war aber nirgends mehr zu finden. Zuerst der stille Hilferuf, jetzt das – die Merkwürdigkeiten nahmen überhand. Während die erste Aufregung langsam abflaute, stieg im Publikum eine unsichere Spannung, die manchen dazu animierte, den Namen des Bassisten zu skandieren. Verwirrt dachte ich an die vergangene Begegnung zurück. Hatte ich tatsächlich mit einem meiner Idole gesprochen, ohne es zu ahnen? Ich zückte das Handy und schaute mir das Video eines alten Auftritts an. Wirklich sah der Musiker, der dort im Halbdunkeln neben dem Gitarristen stand und den Nummer 1-Hit begleitete, dem unglücklich Stolpernden zum Verwechseln ähnlich. Weshalb war mir die Ähnlichkeit nicht schon vorher aufgefallen? Ich blickte genauer hin. Ja, nur die Gesichtszüge waren gleich geblieben, ansonsten schien er nunmehr ein ausgemergelter Schatten seiner selbst.
Als ich den Zauberer nach zwanzig Minuten Suche immer noch nicht fand und zuletzt ein Festival-Stammgast behauptete, er habe noch nie einen solchen Typ gesehen, kam ich zum Schluss, dass an der Sache definitiv etwas faul war. Ich schnappte mir eine dünne Jacke aus dem Zelt und marschierte in Richtung Hotel.
Obwohl der Parkplatz bis auf die letzte Ecke mit Autos überfüllt war, wirkte er im verlassenen Chromstahlglanz gespenstisch still. Das Hotel am Ende der Asphaltfläche schien sich mit seinen Fensterlöchern drohend über die Karosserien zu beugen. Wenige Meter vor dem Eingang suchte ich Schutz hinter einem Geländewagen. Um den Ansturm von besorgten Fans zu verhindern, hatte man zwei Sicherheitsleute abkommandiert. Sie standen mit verschränkten Armen, aber gelangweilt um sich blickend unter dem Vordach und warfen einander Beleidigungen zu. Die Walkie-Talkies an ihren Gürteln gaben dauernd Geräusche von sich. Irgendwie musste ich an ihnen vorbeikommen. Hatte das Hotel einen Hintereingang? – Das Problem erübrigte sich, als vom Parkplatz her ein Pfeifen ertönte. Ein dritter Wachmann rief die beiden mit einer Taschenlampe zu sich. Wohl hatte er etwas Verdächtiges an einem Wagen entdeckt. Kaum war das Personal ausser Sicht, nutzte ich die Chance und ging mit schnellen Schritten durch die gläserne Drehtür.
Die Rezeption war leer. Niemand würde mir unangenehme Fragen stellen – aber ich würde auch keine Antworten über den Aufenthaltsort des Bassisten bekommen. Für einmal mehr half mir der Zufall: Ein muskulöser Roadie kam durch die Drehtür. Er trug eine Gitarrentasche in der Hand. Ohne mich zu beachten – wahrscheinlich hielt er mir für einen gewöhnlichen Hotelmitarbeiter – steuerte er auf den Lift zu und drückte den Knopf. In einer Eingebung griff ich nach der Klingel auf der Theke und sprang im letzten Moment zu ihm in die Kabine.
«Buffet», sagte ich nickend, wies auf die Klingel und drückte sie. Auf mein nervöses Grinsen hin schnitt er eine Grimasse. Im dritten Stock stieg er aus und drehte sich um.
«Buffet», knurrte er und wies nach unten.
«Ah, Buffet!», erwiderte ich nervös lachend und schlug mir mit der flachen Hand auf die Stirn. Die Lifttür schloss sich. Tatsächlich fuhr ich wieder nach unten – nur um eine Minute später wieder hochzufahren. Im dritten Stock stieg ich aus, blickte nach links und rechts. Der Roadie war verschwunden. Aber die Gitarrentasche lehnte an der Wand neben einer offenen Zimmertür, aus der leise, nervöse Stimmen drangen. Eine davon identifizierte ich als diejenige des Zauberers. Plötzlich trat er aus der Tür in den Gang. Wäre er in Richtung des Lifts gekommen, hätte er mich zweifellos entdeckt – doch er verschwand weiter hinten um die Ecke. Ich holte tief Luft und schlüpfte ins Zimmer.

Im Geheimen ahnte ich, was mich erwartete. Dennoch ängstigte mich der Anblick Bassisten, wie er elend dalag, zutiefst. In der Ecke des Zimmers brannte eine rötlich gedimmte Lampe, die seinen Zustand weder hervorhob noch aber verstecken konnte. Unter dem Laken waren die Linien eines sterbenden Körpers zu erkennen; die Arme, welche er, kaum bei Bewusstsein, über den Bettrand hängen liess, wirkten so dünn, dass man glaubte, die Knöchel würden die Haut jeden Moment zerreissen. Der Kopf – fast ein Schädel – lag auf einem Turm von Kissen gebettet, die unter seinem Gewicht kaum zusammensanken.
Zu meiner Verunsicherung war er trotz seiner Lage hellwach. Kaum war ich ins Zimmer getreten, drehte er den Kopf zu mir. In seinen Augen lag zuerst blankes Erstaunen, dann aufblitzender Ärger und am Ende Resignation.
«Du hättest früher kommen müssen», murmelte er. «Jetzt ist es zu spät.»
«Wofür?», fragte ich.
Ich bekam keine Antwort.
Der Bassist drehte den Kopf auf dem Kissen, sodass er seitlich lag. «Ich kenne dich nicht», begann er. «Aber so lange ich noch Kraft habe, will ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Vor fünf Jahren lernte ich den Zauberer kennen. Ein aufgestellter alter Mann, nicht wahr? Ja, ich dachte zuerst genauso. Dann aber begannen sich die Unglücke zu häufen. Ich wurde oft krank, fiel beinahe einem Auto- oder Fahrradunfall zum Opfer. Jeweils kurz vor, während oder nach unseren Auftritten. Immer häufiger mussten wir sie absagen. Und jetzt? Sieh mich an. Ich bin nicht einmal mehr dazu in der Lage, richtig den Kopf zu heben. Der Einfluss des Zauberers hat an meinen Kräften gezehrt. Und jetzt, kurz bevor du kamst, hat er einen letzten Zauber auf mich gesprochen. Einen Todeszauber. Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit …»
«Du glaubst, der Zauberer hat dich … verzaubert?»
«Wie auch nicht», stöhnte der Bassist. «Das erste Mal traf ich ihn an ebendiesem Festival. In der Nacht vor unserem grossen Auftritt litt ich unter solchen Gelenkschmerzen, dass an meine Teilnahme nicht mehr zu denken war. Zum Glück konnte die Band kurzfristig Ersatz finden. Sie wird überleben. Aber ich … mit mir ist es aus.»
Ich wurde unsicher. Redete ich mit einem Verrückten oder tatsächlich mit dem Opfer magischer Gewalten?
«Woher weisst du, dass nicht alles schlimme Zufälle waren? Warum sollte der Zauberer dir schaden wollen?»
Der Bassist lachte leise, verzweifelt auf. «Du müsstest die Blicke sehen, die er mir zuwirft. Wie ein Rabe, ein schwarzes Gespenst steht er im Publikum. Nie lässt er die Augen von mir. Er wartet nur darauf, bis seine Flüche ihre Wirkung entfalten. Meine Finger werden klamm, wenn ich allein daran denke!» Er röchelte, als täte er bald den letzten Atemzug. Schwach fügte er hinzu: «Was deine zweite Frage angeht, so ist die Sache klar: Ihm missfällt der Pfad, den wir mit der Band eingeschlagen haben. Und er glaubt, ich allein sei schuld daran, obwohl ich nicht einmal die Hälfte der Songs schreibe. Hat er einmal den Sinn auf dich gerichtet, lässt er nicht mehr von dir ab, bis …» Der Bassist hörte auf zu Sprechen; sein Blick verlor sich irgendwo zwischen Wänden und Decke des Raumes.
«Was soll ich tun?», fragte ich, obgleich mir tausend andere Fragen durch den Kopf gingen: Wie wirkte der Zauberer seine Magie? Warum hatte der Bassist den Hilferuf gerade an mich gerichtet? Warum glaubte er den Grund für den Fluch so genau zu kennen? Doch auch die Antwort auf die letztlich gestellte Frage blieb aus. Ich hielt den Atem an und blickte ins Gesicht meines Gegenübers. Er hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht mehr. Erst fürchtete ich, er sei gestorben; dann aber sah ich, wie sich die Decke über dem Brustkorb leicht hob und senkte. Meine Erleichterung währte allerdings nicht lange. Hinter mir hörte ich ein kurzes Knurren, wie von einem Hund, der in den Angriff überging. Ich drehte mich um und erblickte den Roadie, der mit seiner bedrohlichen Masse den gesamten Türrahmen ausfüllte.
«Buffet», bellte er, stampfte auf den Boden und wies nach unten. Dass ich seinen schwingenden Armen auswich und durch die Tür entweichen konnte, glich einem Wunder, aber irgendwie schaffte ich es. Die Sicherheitsleute vor dem Hotel, die eben von ihrer Wageninspektion zurückkamen, konnten mir nur verdattert nachschauen.

Ich beschloss, über das Erlebte eine Nacht zu schlafen.
Am nächsten Morgen hörte ich, dass die Band trotz der Unannehmlichkeiten eine Lösung gefunden hatte. Wie diese aussah, konnte ich aber nicht sagen, denn als ich zur Bühne gekommen war, hatte bereits die Nachfolgegruppe gespielt, deren Musik mich nicht mehr ansprach. Ich war deshalb schnell im Zelt verschwunden und erst am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Nun sass ich mit brummendem Kopf auf der Wiese. Der Schlaf hatte keineswegs geholfen, die Gedanken zu vertreiben, die mir seit der Geschichte im Hotel durch den Kopf schwirrten. Nachdem sich die Kopfschmerzen wieder ein wenig gelegt hatte, fragte ich vorsichtig herum, was mit dem Bassisten los sei – ich erfuhr bloss, die Band wäre am frühen Morgen mit dem Tourbus in Richtung Autobahn davongefahren. Also kein Todesfall, kein Mord, ja, nicht mal ein nachtragender Roadie. Dennoch wollte ich den Zauberer zur Rede stellen und machte mich auf die Suche nach ihm. Die Hoffnung, ihn und somit die wahren Zusammenhänge dieser seltsamen, magischen Beziehung zu seinem ausgesuchten Opfer zu finden, schwand jedoch mit jeder Stunde. Als Mittag geworden war, gab ich die Suche auf. Ich konnte nicht ewig hierbleiben, zumal ich am nächsten Morgen im Büro arbeiten musste. So blieb die Ratlosigkeit in mir sitzen, während ich das Zelt abbrach, die Stangen und Pflöcke in der Tragtasche verstaute. Als alles zusammengepackt war, schaute ich ein letztes Mal auf den Fleck niedergedrückten Grases, um mich zu vergewissern, ob ich nichts vergessen hatte. – Da lag etwas. Der Zettel, den ich gestern fortgeworfen hatte. Ohne ihn erneut auszufalten, hob ich ihn auf und steckte ihn in die Tasche. In diesem Augenblick tippte mir jemand auf die Schulter.
«Wo waren Sie gestern?»
Der Zauberer beugte sich ganz nah zu mir und trommelte mit dem Finger auf den Rand seines Spitzhuts.
«Ich war … hier», stammelte ich. Eigentlich ungelogen.
«Ja? Ich habe Sie beim Konzert aber gar nicht mehr gesehen?», fragte er wieder mit derselben gespielten Strenge wie in der Frage nach meinem Alter.
«Ich stand weiter vorne», erwiderte ich.
«Ja? Ich auch.» Seine Stimme wurde beinahe drohend. Ich dachte an den schaurigen Blick, den der Bassist beschrieben hatte. Genauso hatte ich ihn mir vorgestellt. Jetzt also Schluss mit den Spielchen.
«Was haben Sie im Hotel gemacht?», konfrontierte ich ihn.
Die Überraschung auf seinem Gesicht währte nur kurz. Dann lachte der Zauberer. «Sie waren auch dort? Na, dann wissen Sie wohl, weshalb ich es war.»
«Ich weiss es nicht. Und sie werden mir den Grund für Ihr Rumschgeschleiche sofort verraten.»
Befremdet grinste er und kramte in den Tiefen seiner Robe. «Also ich verstehe nicht. Weshalb waren Sie wohl dort? Doch auch nur, um als langjähriger Fan das hier zu ergattern, oder nicht?» Mit einem triumphierenden Lächeln streckte er mir einen Zettel entgegen. In Form und Grösse entsprach er exakt demselben, der zerknüllt in meiner Tasche lag – mit dem Unterschied, dass darauf kein Hilferuf, sondern ein schwungvolles Autogramm prangte.
«Der Bassist versprach mir sogar ein Backstage-Ticket für nächstes Mal», sagte er grinsend und zwinkerte mir zu. «Als Entschädigung für den Unfall. Na, neidisch?»
Meine Überzeugung bröckelte so schnell, wie auf unsicherem Fundament nur möglich. Ich wusste nichts darauf zu erwidern und schwieg. Erst nach einer geraumen Weile konnte ich mich zu einer Frage durchringen: «Wie hat er ausgesehen? Der Bassist, meine ich.»
«Oh, ganz gut», schwadronierte der Zauberer fröhlich. «Unter uns, die Sache war wohl gar nicht so schlimm, wie es den Anschein hatte. Im Gegenteil, er verriet mir sogar, er sei ganz froh, mal eine Pause machen zu können … Nebenbei, sind Sie mit Abreisen beschäftigt?» Der Alte warf einen Blick auf die leere Wiesenfläche, auf der zuvor das Zelt gestanden war.
«Ja, leider. Ich muss morgen früh wieder arbeiten.»
«Oh, tut mir leid.»
Das waren die letzten Worte, die ich mit dem Zauberer wechselte. Vollends aus der Bahn geworfen, machte ich mich ohne weitere Umtriebe auf den Weg. Als ich im Inland an einer Raststätte hielt, warf ich den Zettel in den Abfall.

Mond

Ich hatte Glück: Am ersten Dorffest lernte ich meine erste Freundin kennen. Sie stand allein neben einem der Fahrgeschäfte auf dem Kiesplatz und sah aus, als suchte sie jemanden, der sie für eine Fahrt begleitete. Die Attraktion bestand aus jenen Drehtassen, die auf schiefer Ebene im Kreis wirbelten und in mir starke Übelkeit verursachten. Trotzdem wagte ich es und sprach sie an, ob sie Lust hätte, mit mir aufzusteigen. Sie willigte ein und lächelte dabei mit einer anziehenden Gleichgültigkeit, so, als hätte sie jeden genommen, der zufällig des Weges kam. Wir stiegen auf die Plattform und setzten uns in eine Tasse, die sich bald zu drehen begann. Während der ganzen Fahrt hielt sie die Augen fest auf mich gerichtet. Ich tat umgekehrt dasselbe und wurde so von der Übelkeit verschont. Sie rief lachend etwas in den Wind, das ich nicht verstand, und streckte die Hand nach mir aus. Ich war zu unerfahren; von ihrer Offenheit überrascht, zuckte ich zusammen und drückte mich tiefer in den Sitz, als es die Drehung schon tat.
Die Musik wurde leiser, das Zischen der Hydraulik kündigte das Ende der Fahrt an. Wir stiegen aus und liefen über den Platz. Um das wattige Gefühl in den Beinen zu vertreiben, zeichnete ich mit dem Schuh Spuren über den Kies. Sie schlug vor, den Schiessstand auszuprobieren. Glücklich darüber, dass sie meiner Begleitung noch nicht überdrüssig geworden war, stimmte ich zu. Sie jubelte, als ich alle zehn Ziele traf, und bedankte sich lächelnd, als ich ihr einen Anhänger in die Hand drückte. Obwohl mich ihre Aufgeschlossenheit freute, wunderte ich mich insgeheim darüber, wie wenig sie sonst sprach. Sie erzählte kaum von sich, und wenn längere Gesprächspausen entstanden, wirkte sie abwesend und betrübt. Ich befürchtete eine Herzensangelegenheit und wollte fragen, ob sie bereits einen Freund hatte, ahnte jedoch, dass sie nicht hier darüber reden würde. Ich kaufte uns zwei grosse Zuckerwatten und erzählte ihr von einem schönen Platz abseits des Trubels. Sie hingegen bat mich, sie ein Stück auf dem Nachhauseweg zu begleiten. Er führte an den Rand des Dorfes, wo sich ein karges Feld öffnete. Es hatte vor kurzem brach gelegen, nun wuchsen Weizensprösslinge darauf. In der Ferne konnte ich ein alleinstehendes Haus erblicken; in diese Richtung steuerte sie.
Je länger wir den Weg über das Feld gingen, desto bedrückter wurde ihre Stimmung. Sie hatte die Zuckerwatte nicht mehr angerührt, hielt aber den Stängel fest in der Hand. Immer wieder sah sie hinauf zum Mond, dessen Licht auf ihre schöne Stirn fiel. Zunächst hielt ich ihre Blicke für ein Zeichen von Verlegenheit, dann jedoch bemerkte ich die Unruhe, die in ihnen lag. Es schien, als fürchtete sie eine Katastrophe, die jeden Moment auf sie herabfahren würde. Wie sehr sich mein Eindruck bewahrheiten sollte, ahnte noch nicht.
Da begann sie von sich aus zu sprechen, allerdings nicht von einem Freund, sondern von ihrer Familie. Sie erzählte, dass sie allein bei ihrem Vater wohnte; die Mutter sei vor langer Zeit verschwunden, wohin, wisse sie nicht. Sie müsse immer wieder zurückkehren, und nichts liesse sich daran ändern. Auf diese seltsame Andeutung hin schwieg sie, obwohl ich versuchte, sie zum Fortfahren zu bewegen. Ihre Furcht vor einer unsichtbaren Bedrohung war mittlerweile so gross geworden, dass sie zu zittern begann. Mit einem Mal fuhr sie zusammen und schrie. Ich erstarrte und hörte darauf ein wirres Gestammel. Immer wieder stotterte sie nur das eine Wort: Mond … Mond. Dabei streckte sie schwach die Arme über den Kopf, als wollte sie einen Angriff von oben abwehren. Zuletzt sank sie auf der Stelle um; ich konnte sie gerade noch davor bewahren, mit dem Kopf auf den Asphalt zu knallen.
Sie hatte das Bewusstsein verloren.
Ich legte sie vorsichtig auf den Rücken und lauschte an ihrer Brust. Ein schwacher Atem. Alle Versuche, sie zu wecken, schlugen fehl. In Gedanken ging ich unzählige Krankheitsszenarien durch, doch je mehr sich in meinem Kopf zusammenhäuften, desto hilfloser fühlte ich mich. Gerade wollte in Richtung Dorf rennen, um Hilfe zu holen, als mich die Lichter zweier Wagenscheinwerfer blendeten. Ein alter Toyota hielt neben uns an. Wie es sich ergab, war der Fahrer, der in aller Hast ausstieg und die Ohnmächtige auf den Rücksitz legte, ausgerechnet der Vater des Mädchens. Mir bot er den Platz auf dem Beifahrersitz an. Wir rasten zum einsamen Haus am Feldrand. Dort trugen wir sie ins Wohnzimmer und legten sie auf das Sofa. Bei all dem Wirbel hatte ich keine Fragen gestellt, nun aber, als der Vater in der Küche verschwand und mich mit dem Mädchen in der Stube zurückliess, rief ich ihm nach, ob wir sie nicht besser ins Krankenhaus fahren sollten. Der Vater kam mit einem feuchten Lappen zurück und schüttelte den Kopf. Während er ihr das Tuch auf die Stirn drückte, verriet er mir, dass er Arzt sei. Die Zustände seiner Tochter würde er kennen. Ohnmachtsanfälle, die in regelmässigen Abständen aufträten und jeweils von selbst vorübergingen. Die Ursache erklärte er in medizinischem Kauderwelsch – statt mich zu beruhigen, förderte es aber mein Misstrauen. Als er mir riet, unbesorgt nach Hause zu gehen, fragte ich, wo sich seine Praxis befände. Darauf wurde er wütend. Er sprang auf und zischte, dass ich mich in Dinge einmischte, die mich nichts angingen. Zuletzt jagte er mich aus dem Haus.
Lange stand ich mit pochendem Herzen vor der verschlossenen Tür.
Nach einer Weile gab ich mich geschlagen und blickte ich zu den Lichtern des Dorfs. Die Festgeräusche drangen leise über das Feld und vermischten sich mit dem Rauschen des Windes, der um das Haus strich. Alles blieb ruhig, als wäre nichts geschehen.

Die Maschinen summten gleichförmig im beengten Raum. Ich arbeitete in einer Garage, in der Gebrauchtwagen repariert wurden. Ein Ferienjob, um meine Eltern zufriedenzustellen. Sie sagten, ich würde damit wichtige Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln. In Wahrheit war mir die Arbeit egal, wenn sie mir nur genügend Geld einbrachte. Ich brauchte dringend neue Ersatzteile für mein Mofa, das seit den letzten Wochen ein besorgniserregendes Klappern von sich gab. Für gewöhnlich wäre ich damit samstags auf dem Pausenplatz aufgekreuzt, um die Mädchen zu beeindrucken. Nun aber wollte ich, da mir bei dem Geklappere ihr Spott sicher war, darauf verzichten. Dass ich mir die «pubertäre Aktion», wie sie Mutter nannte, mittlerweile ersparte, hatte aber auch einen anderen Grund.
Denn immerzu musste ich an sie denken, und an das Wort, das sie gerufen hatte. «Mond» – wie eine Warnung hatte es geklungen. Ich hatte mich in der Schule umgehört, aber niemand schien das Mädchen zu kennen, geschweige denn zu wissen, in welche Klasse sie ging. Ich hatte deshalb schon den Verdacht, sie käme aus der Stadt; aber warum hätte sie sich dann an unser Dorffest verirrt? Nein, das war unwahrscheinlich – ausserdem hatte ich sie doch selbst Bekanntschaft mit ihrer Familie gemacht. Allerdings weckte das Verhalten ihres Vaters nicht gerade Vertrauen. Vielleicht, kam mir in den Sinn, unterrichtete er sie zuhause und hielt sie von der Aussenwelt fern. – Weshalb das Dorffest, an das sie sich heimlich schlich, zu viel für ihre Nerven gewesen war –
Ich wusste selbst, dass meine Gedankenspiele nichts taugten. Deshalb nahm ich an einem Freitag von der Arbeit Reissaus, um nach ihr zu sehen. Damit mein Verschwinden fürs Erste unentdeckt bliebe, fragte ich den Werkstattleiter, ob ich mich um den Wagen auf der Rückseite der Garage kümmern könne. Ich wusste, dass man mich dort höchstens alle zwei Stunden behelligte, und ich würde mir so genügend Zeit verschaffen. Der Leiter gab nichtsahnend seine Erlaubnis, ich huschte um das Gebäude, bis ich vor meinem Mofa stand, das ich zuvor hier versteckt hatte. Die ersten Meter bis zum Tor schob ich es neben mir her. Kaum hatte ich jedoch die Strasse erreicht, schwang ich mich auf den Sitz und fuhr los.
Ich liess das Dorf hinter mir. Die Sonne brannte auf das Feld, das keinerlei Schatten bot. Der Asphalt war trocken und staubig. Links und rechts erstreckten sich die Sprösslinge. Endlich kam ich beim Haus an. Ich stellte das Mofa vor dem Garten ab und ging den Weg zwischen Apfelbäumen hindurch zur Haustür. Anscheinend war der Vater nicht nur Arzt, sondern auch Naturfreund. Ich klingelte. Als niemand reagierte, klopfte ich beharrlich. Immer noch keine Antwort. Ich hielt nach einem offenen Fenster Ausschau. Das fand ich nicht, dafür etwas Besseres: Eine Aussentreppe führte zu einer unverschlossenen Kellertür. Ich riss sie auf und schlüpfte hinein. Ein Druck auf den Lichtschalter erhellte einen Raum mit allerlei Gerümpel. Ich bahnte mir einen Weg zur Treppe, ging nach oben und fand mich in der Stube wieder.
Die Tochter lag noch genau so da, wie ich sie zurückgelassen hatte.
Der Vater hatte lediglich eine graue Wolldecke über sie gebreitet, unter der ihre bleichen Arme hervorlugten. Auf einem Nachttisch neben dem Sofa stand eine Tasse Tee. Sie war leergetrunken. Ich setzte mich neben das Mädchen und betrachtete sie. Ihre Wangen schienen eingefallen. Ansonsten wirkte sie so schön wie an dem Abend, als ich sie getroffen hatte. Ich beugte mich über ihr Gesicht und wollte ihren Namen flüstern – doch ich kannte ihn ja nicht.
«Juna», sagte eine Stimme hinter mir.
Der Vater hatte mich vom Ofen aus beobachtet. Er kam bedrohlich auf mich zu. «Juna» hiess in einem japanischen Dialekt «Mond», wie ich später erfuhr. Es blieb das einzige, was er sagte. All meine erneuten Fragen zu ihrem Zustand ignorierte er wortlos und drängte mich einmal mehr zum Gehen, indem er zur Tür wies. Arzt hin oder her, ich fand ihn unerträglich. In einer heissen Wut wollte ich ihn zurückstossen, doch da fiel mir etwas Besseres ein.

Ich ging nach draussen und tat so, als entfernte ich mich, machte vor dem Gartenzaun jedoch eine scharfe Biegung und schritt zielstrebig um das Haus herum. An der Seite befand sich ein zur Garage umgebauter Schuppen, in dem der Wagen parkte. Wenn dieser Tyrann jegliche Hilfe ablehnte, sollte er eben bekommen, was er verdiente. Ich klappte die Motorhaube auf – und schloss sie wieder, da mir die Unsinnigkeit meines Tuns bewusst wurde. Nein, ein kaputtes Auto würde niemandem helfen, schon gar nicht Juna. Als ich so innehaltend im Halbdunkel des Schuppens stand, fiel mir ein Leuchten auf. Es kam von der Rückwand. Zuerst vermutete ich Sonnenlicht, das durch die Lücken zwischen den Brettern schien. Dafür war es aber zu kalt. Ich trat näher und gewahrte ein loses Brett, hinter dem die Lichtquelle besonders stark leuchtete. Mit einem Ruck riss ich es von der Wand und stierte mit offenem Mund auf das, was ich sah.
Hinter der Wand hätte ich das Ende des Apfelbaumgartens erblicken müssen. Worauf ich aber schaute, war eine karge, weisse Landschaft, übersät von Kratern und Hügeln, auf denen nichts wuchs. Eine Felswüste, über die sich ein schwarzer Himmel spannte. Das kalte Leuchten dieser Wüste war so stark, dass ich die Augen zusammenkneifen musste. Am Horizont glaubte ich einen bläulichen Schemen auszumachen.
Da lenkte mich ein Geräusch ab – die Stimme des Vaters, der durch den Garten brüllte. Er hatte in der Zwischenzeit offenbar bemerkt, dass das Mofa noch immer am Gartenzaun stand, und wollte mich endgültig fortjagen. Hastig blickte mich nach einem Versteck um. Würde er erst in den kleinen Schuppen treten, bestünde wenig Aussicht auf Heimlichkeit. Da entsann ich mich, dass der Schuppen ja an der vom Zaun abgewandten Hausseite stand. Im Schutz der Fassade konnte ich eine bessere Alternative zu suchen. Und so rannte ich hinaus und sprang hinter ein Gebüsch. Es lag am Rand des Grundstücks, von wo aus man einen guten Überblick hatte. Ich beobachtete, wie der Vater wie eine Schattengestalt zwischen den Bäumen hindurchhuschte. Sein gebückter Gang wirkte unnatürlich, und meine Abneigung gegen ihn steigerte sich zu einem schwer erklärlichen Ekel.
Bald darauf war ich froh um meinen Schachzug, denn der Vater rannte zum Schuppen und riss das Tor weit auf. Ich hatte keine Zeit gehabt, das Holzbrett wieder an seinen Platz zu rücken, und so wurde mein unerlaubtes Verweilen noch augenfälliger. Ich erwartete, ihn jeden Moment aus dem Schuppen und in meine Richtung stürmen zu sehen. Doch zu meiner Verwunderung heulte der Automotor auf. Sollte er etwa wegfahren? Das schien völlig widersinnig. Nein, der Motor brummte zwar, und der Wagen fuhr, aber nicht aus dem Schuppen. Trotzdem wurde das Motorengeräusch allmählich leiser, als entfernte er sich. Aber in welche Richtung?
Erst, als ich die Vögel zwitschern hörte, wagte ich mich hinter dem Gebüsch hervor. Jeden Muskel anspannend, näherte ich mich dem Schuppen. Es blieb still. Was ebenfalls blieb, war der ungeheure Anblick der weissen Landschaft, die sich dort erstreckte, wo die hintere Bretterwand hätte sein müssen. Der Wagen fehlte, und ich ahnte: Der Vater war der falschen Spur gefolgt und suchte mich in der Einöde unter dem schwarzen Himmel.
Entweder, ich hörte auf die Vernunft, nutzte die Abwesenheit des Vaters und brachte Juna ins Krankenhaus, wo sie die nötige Behandlung bekam. Oder aber ich folgte diesem Poltergeist, dem Vater, und würde, wenn ich ihn fände, das Rätsel um seine Tochter lösen.

Wegen dem Staub, den das Mofa während der Fahrt aufwirbelte, hatte ich Mühe, durch das Helmvisier etwas zu erkennen. Dafür minderte er das gleissende Licht der Mondlandschaft. Vor mir erstreckte sich eine weite, mit Felsblöcken bespickte Ebene. Die Blöcke erreichten die Grösse von Findlingen, die ich schon auf manchen bewaldeten Berghängen gesehen hatte. Nur, dass diese, von keinem Schatten je berührt, mit der weissen Oberfläche verschmolzen schienen. In der Ferne, dort, wo sich der schwarze Himmel und die weisse Landschaft trafen, sah ich eine Staubwolke. In dieselbe Richtung führten zwei geradlinige Reifenabdrücke. Zwischen ihnen fuhr ich, einer klaren Spur ins Ungewisse folgend.
Während als einziges Geräusch das Dröhnen des Mofas meinen Kopf ausfüllte, hielt ich meinen Blick fest auf die Staubwolke gerichtet. Sie wurde weder noch grösser noch kleiner, kam weder näher noch entfernte sich. Dass ich mich in der Einöde überhaupt bewegte, bemerkte ich lediglich an den Hügelgruppen, die am Horizont auftauchten, langsam zur Seite hin wanderten und hinter mir verschwanden. Das Mofa begann wieder zu stottern; ich fürchtete, es würde zum Stillstand kommen. Da bemerkte ich eine ferne Bergkette. Zuerst war sie ein dünner Streifen, bis sie, je näher ich kam, zu einem kolossalen Felsmassiv heranwuchs. Die Staubwolke des Autos verschwand in einer Schlucht zwischen den steilen, zackigen Hängen. Ich konnte bis zum Eingang der Schlucht fahren; dann gab der felsige Grund meinem Mofa den Rest. Ich stieg ab und führte es zu Fuss unter einen Felsvorsprung. Den Helm auszuziehen wagte ich nicht, als sei ich ein Astronaut, obwohl die Bedingungen an diesem unwirtlichen Ort kaum denjenigen des wirklichen Mondes entsprechen konnten – doch was war an diesem Abenteuer überhaupt noch wirklich?
So hell das Licht gestrahlt hatte, so dunkel lauerten die Schatten am Grund der Schlucht. Der Kontrast zwischen Dunkel und Licht schmerzte so sehr in den Augen, dass sie sich nicht darauf einstellen konnten. Nach hundert Metern entdeckte ich das Auto. Es stand vor einer Geröllhalde, die ein Weiterkommen verunmöglichte. Die Fahrertür war offen, der Sitz leer. Der Vater musste ausgestiegen und über die Steine geklettert sein. Ich begann ebenfalls zu klettern, bis ich mit zerschlissenen Hosen oben ankam. Auf der anderen Seite des Gerölls mündete die Schlucht scheinbar in einer Sackgasse. Jedoch sah ich, als ich den Hang hinabrutschte, eine dunkle Öffnung im Felsen, die wegen der sie umgebenden Schatten kaum zu erkennen war. Obwohl ich sicher war, auf der richtigen Spur zu sein – einen anderen Weg gab es nicht – zögerte ich, die Höhle zu betreten; ein kalter Luftzug, so schien es, strömte aus ihren Tiefen. Doch – war da nicht ein Licht im Dunkeln? Ich folgte dem Licht; als ich darin stand, realisierte ich, dass es von einem Loch in der felsigen Decke stammte, wodurch ein fahler Schein fiel. Und dass es nicht das einzige war – in regelmässigen Abständen folgten weitere solcher Löcher, die Lichtflecken auf den Boden zeichneten, ganz so, als wiesen sie einen Pfad durch die Dunkelheit. Ob ich mich lediglich einem Zufall fügte oder nicht, es zu tun war besser als nichts, und so schritt ich den Lichtpfad ab. Er führte mich immer tiefer in die Höhle, sodass ich bald nicht mehr wusste, wie lange ich dahinwanderte. Der Weg wurde immer steiler, bis ich unverhofft einen Ausgang erreichte. Er gab die Sicht auf einen versteckten Talkessel frei, in dessen Mitte ein seltsames Gebilde stand.

Das Gebilde, ganz aus Stein wie die es umgebenden Felswände, war zunächst nicht als funktionaler Bau zu erkennen. Seine Form glich vielmehr einer natürlichen Verwerfung in der Landschaft als einem Gebäude. Felsenspitzen, die ich nach und nach als Türme zu begreifen lernte, ragten zu beiden Seiten auf. In der Mitte wölbte sich ein Felsen, den man, wäre er nicht von tiefen Furchen zersetzt gewesen, wohl als Kuppeldach hätte bezeichnen können. Am Fuss der Kuppel das Eingangstor – oder aber eine von der Zeit vergessene Einbruchstelle. Als ich den Talkessel hinunterschritt, wurde ich für einmal mehr der allumfassenden Stille gewahr. Ich hörte nichts als meine eigenen Schritte und das leise Knirschen des Staubs, in dem meine Füsse versanken. An jedem anderen Ort wäre sie mir widernatürlich erschienen, aber hier wurde jedes Geräusch zum Eindringling, der die Ordnung – von welcher Art sie auch sein mochte – störte. Ich kam vor dem Eingang zum Stehen und blickte hinein. Auch hier ein Licht – eine einzige, kreisrunde Öffnung in der Kuppel, welche das Zentrum eines einzigen Raumes erhellte. Im Lichtschein erhob sich ein niedriges, rechteckiges Podest. Und auf diesem Podest lag Juna.
Am Rand des Lichtkreises blieb ich stehen. So unheimlich schien mir ihre Anwesenheit an diesem verlassenen Ort, dass ich vor ihr zurückschreckte. Und doch war ich mir sicher, dass sie dasselbe unschuldige Mädchen war, das mir am Dorffest zugelächelt hatte. Ich wusste nicht, wie lange ich sinnend dastand, es musste aber lange genug gewesen sein, denn unbemerkt war ein Schatten neben mich getreten. Der Vater. Ich sah ihn nicht an. Stattdessen verfolgte ich Juna mit meinen Blicken. Langsam öffnete sie die Augen und richtete sich auf. Die Umgebung schien ihr vertraut; sie nahm den Raum nicht in Augenschein, sondern drehte den Kopf und sah mich direkt an.
«Bist du es?», fragte sie. «Möchtest du zu mir kommen?»
Ihre Stimme klang unverändert. Trotzdem kam es mir so vor, als hörte ich sie zum ersten Mal.
«Geh nicht», ertönte zugleich die Stimme des Vaters rechts von mir. Dieselbe Abneigung, die mich im Garten ergriffen hatte, überkam mich und ich trat zur Seite. Gesichtslos, wie er im Dunkeln stand, wollte ich nicht in seiner Nähe bleiben. Dennoch ging ich nicht in den Lichtkreis. Waren Junas Worte eine Bitte? Oder eine Drohung?
«Wie kommst du hierher?», fragte ich sie.
«Sie war schon immer hier», antwortete der Schatten an ihrer Stelle, während sie reglos auf dem Podest sitzen blieb.
«Wie?», fragte ich in ihre Richtung.
«Das kann ich nicht sagen», erwiderte der Schatten. «Ich fand sie hier ebenso wie du.»
«Warst du nicht eben im Haus deines Vaters?», sprach ich zu Juna, den Schatten ignorierend.
«Ich bin nicht ihr Vater», antwortete er ungeachtet weiter.
«Ja? Und wer bist du dann?», wandte ich mich widerwillig endlich doch an ihn.
Juna blickte mit demselben gleichgültigen Lächeln zu mir, mit dem sie mich auf dem Kiesplatz empfangen hatte. Das Licht fiel wie damals auf ihre schöne, bleiche Stirn, und ich fühlte mich an jenen Abend im Dorf versetzt. Jetzt war sie es, die Antwort gab.
«Ich möchte, dass du bei mir bleibst», sagte sie.
«Nein», sprach wiederum der Schatten.
«Warum?», fragte ich.
«Weil sie das allen Menschen sagt, die hierher kommen.» Er stand nicht mehr neben mir, sondern hatte sich in die Dunkelheit verflüchtigt. «Sie hat es auch mir gesagt.»
«Was ist das hier für ein Ort?» Ich richtete meine Worte sowohl an Juna als auch an ihn, ahnend, dass ich von beiden, die in ihrer Feindschaft doch seltsam verbunden schienen, keine oder gegensätzliche Antworten bekommen würde.
Juna stand auf, kam auf mich zu und streckte die Hand nach mir aus, wie bei unserem gemeinsamen Moment während der wirbelnden Fahrt. «Geh besser zurück, bevor dir dasselbe passiert wie mir.» Ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten, doch ihre Stimme klang nun wie die ihres Vaters. «Zurückgehen? Nein, bitte bleib bei mir», sprach sie weiter, diesmal mit ihrer eigenen Stimme. Allmählich packte mich die Angst und ich wich zurück, weg vom Mondlicht.
«Bleib doch bei mir, bitte», wiederholte sie flehend. Gleichzeitig begannen eine Vielzahl von Stimmen aufgeregt zu flüstern. Manche kamen aus ihrem Mund, andere aus der formlosen Dunkelheit um mich herum. «Hör auf uns, und verschwinde, so lange du noch kannst. Oder willst du zum Schatten werden?»
Die Eindringlichkeit dieser Worte war es, die mich schliesslich aus der Starre riss. Ich drehte mich um und ging langsam in Richtung Ausgang. Doch schon erklang ein gellender Schrei: «Bringt ihn mir her!»
Und ich rannte los.

Wenn ich meine Verfolger gesehen oder gespürt hätte, wäre meine Flucht zielgerichtet gewesen. So aber wusste ich nicht, ob sie hinter mir, über mir oder bereits vor mir waren. Mangels Alternativen rannte ich den Weg zurück, den ich gekommen war. Das Dunkel der Höhle schien lebendig; kaum hatte ich einen der Lichtflecken passiert, erlosch er wie eine ausgeblasene Kerze. Ununterbrochen erklangen die flüsternden Stimmen. Die meiste Zeit über verstand ich nicht, was sie sagten. Manchmal hallten einzelne Satzfetzen von den Wänden wider: «Bringt ihn …» war einer davon. Wer oder was Juna und ihr Vater auch immer waren, sie waren nicht die, wofür ich sie gehalten hatte. Mein Eindruck bestätigte sich, als ich verschwitzt und mit zerrissenen Kleidern auf der Spitze der Geröllhalde ankam und hinunterblickte: vom Auto des Vaters war keine Spur zu sehen. Selbst die Reifenspuren waren weg, als hätten sie nie existiert. Am Eingang der Schlucht fand ich zwar mein Mofa wieder, aber ich musste es zurücklassen, nachdem es nicht mehr ansprang. Nach einer erschöpfenden Flucht zu Fuss sah ich endlich das Tor in die Scheune.
Willst du zum Schatten werden? Diese Worte huschten mir später oft durch den Kopf. Je länger die unwirklichen Ereignisse in die Vergangenheit rückten, desto mehr erschien mir die Frage nicht als solche, sondern als erhellende Spur. Von Juna und ihrem Vater kursierten keine Dorfgeschichten. Ich schien der erste und letzte gewesen zu sein, der die beiden je zu Gesicht bekommen hatte. Das Haus, in dem sie lebten, war, seit Jahren leerstehend, nach wenigen Wochen abgerissen worden. Die irdischen Verhältnisse, so ahnte ich, berührte sie nicht mehr als ein schwacher Lufthauch; und die Gestalten, denen ich hier auf der Erde begegnet war, waren nichts als trügerische Abbilder ihres wirklichen Lebens. Juna war nicht Opfer einer gewaltsamen Entführung gewesen, nein, sondern hatte mich, wie den vermeintlichen Vater zuvor, in ihr Licht gelockt. Während der Vater – wie so viele vor ihm – zum Mondschatten geworden war, hatte ich dem Schicksal im letzten Augenblick ein Schnippchen geschlagen.
So hatte ich zweifaches Glück: Sie blieb meine erste Freundin, und die letzte, die nachts vom Himmel schien.

Der Schatten

«Nein, Sie dürfen hier nicht reinspringen. Wegen der Schwimmer.»
Vom Beckenrand aus blickte ich ins Wasser. Um den Sprungturm zu erreichen, hätte ich die gesamte Länge des Beckens umgehen müssen. Deshalb wollte ich den Weg abkürzen, indem ich quer hindurchtauchte. Im letzten Moment hatte mich der Bademeister daran gehindert. Ich drehte mich widerwillig zu ihm um. Er war dick, trug ein weisses Hemd und weisse Hosen. Unter dem geöffneten Hemdknopf lugte ein Büschel ebenso weisser Brusthaare hervor.
«Da ist niemand», protestierte ich.
«Das meinen Sie», antwortete der Bademeister und zeigte auf einen alten Herrn, der an uns vorüberschwamm. Er schnaufte und würdigte uns keines Blickes. «Aber hier im Hallenband müssen Sie aufpassen. Wie heissen Sie?»
«Warum wollen Sie das wissen?», fragte ich irritiert. «Herr Girard.»
«Also, Herr Girard. Wie mir zu Ohren gekommen ist, treiben sich in letzter Zeit Quallen im Wasser herum.»
«Wie bitte?»
«Ha.» Der Bademeister atmete geräuschvoll aus. «Kleiner Scherz. Benutzen Sie das nächste Mal die Leitern, statt zu springen. Verstanden?»
«Aber ich bin nicht gesprungen», wollte ich antworten. Doch da hatte er seinen Rundgang schon fortgesetzt.
Verstimmt ging ich um das Becken herum und kletterte auf den Sprungturm. Von dort sprang ich mehrere Male ins Wasser. Letzten Abend hatte ich im Fernsehen die wilden Kapriolen der Kunstspringer mitverfolgt. Mein Körper, der eines dreissigjährigen Büroarbeiters, konnte mit der Grazilität der jungen Sportlerinnen natürlich nicht mithalten. Das versuchte ich aber auch gar nicht. In Wahrheit sprang ich nur, um mich vor dem anstrengenden Kilometer zu drücken, den ich mir diesen Winter wöchentlich zu schwimmen vorgenommen hatte.
Als ich das fünfte Mal oben stand, sah ich den Bademeister erneut. Er blickte von seinem Stuhl zu mir hoch und hatte die Hände vor dem Mund zu einem Trichter geformt. Seine Lippen bewegten sich, doch ich hörte nicht, was er rief. Im Glauben, es seien abermals Belanglosigkeiten, wagte ich den Sprung. Er glückte mir nicht. Hinzu kamen ein plötzlicher Schmerz im linken Bein und die leidvolle Ahnung, dass ich just einen Muskel überspannt hatte. Mit verzerrtem Gesicht schwamm ich zur Leiter und kletterte aus dem Becken. Der Bademeister kam energisch auf mich zu.
«Das haben Sie sehr gut gemacht.»
Ich hatte eine Schelte erwartet.
«Aber ich muss Sie sprechen. Haben Sie kurz Zeit?»
Ahnungslos folgte ich ihm in einen abgetrennten Bereich. Durch eine Scheibe konnte er die Vorkommnisse im Hallenbad überblicken. Er setzte sich in einen Bürostuhl, auf dem er nervös hin und her rollte.
«Tut Ihnen das Bein noch weh?»
Er musste meinen hinkenden Gang bemerkt haben.
«Ja.»
«Das ist, weil Sie meinem Schatten begegnet sind.»
Ich sah ihn fragend an.
«Sehen Sie, vor einer Woche bin ich ins Becken gefallen, als ich einen Besucher vor dem Ertrinken rettete. Ich konnte ihn aus dem Wasser hieven, aber als ich selbst aus dem Becken stieg, musste mein Schatten zurückgeblieben sein. Seither treibt er im Wasser sein Unwesen.»
Ich blickte zu den Füssen des Bademeisters. Das Licht im Raum war jedoch zu schwach, um seine Worte zu überprüfen.
«Er mag es nicht, wenn die Leute zu fest plantschen. Deshalb erzähle ich ihnen den Scherz mit den Quallen», erklärte er.
Quallen, noch dazu fiktive, erschienen mir ein ungeeignetes Mittel, um die Leute zu beruhigen. Aber ich ging nicht weiter darauf ein. «Und warum erzählen Sie mir das?»
«Für Ihr Alter scheinen Sie mir unkonventionell, Herr Girard. Mit Ihren Sprüngen und Ihren Ideen. Deshalb dachte ich, Sie könnten mir helfen.»
«Wobei?»
«Na, den Schatten wieder einzufangen.»
«Was? Und wie wollen Sie das tun?», fragte ich mit höflicher Überraschung. In Wahrheit hatte ich ihn längst durchschaut. Ein Irrer, dem das Wasser zu Kopf gestiegen war.
«Kommen Sie zu mir, wenn das Hallenbad schliesst. Dann lassen wir uns etwas einfallen. In Ordnung?»
«Alles klar», erwiderte ich. «Soll ich etwas mitnehmen?»
«Nein, Ihr Mut und Ihr Verstand reichen.»

Natürlich würde ich nicht auf einen Irren hören. Als das Signal der baldigen Schliessung erklang, ging ich deshalb so rasch wie möglich zu den Duschen, zog mich um, packte meine Sachen ein und strebte in Richtung Ausgang.
«Wo wollen Sie hin?»
Der Bademeister stand vor dem Drehkreuz.
«Ich wollte ein wenig frische Luft schnappen», log ich.
«Das können Sie auch nachher. Kommen Sie», drängte er.
Mir blieb keine andere Wahl. Ich folgte ihm am Duschbereich vorbei zu einer Tür, die in den durch Glasscheiben abgetrennten Raum von vorhin führte. Durch die Scheibe sah ich auf das Sprung- und das Schwimmbecken. Sie waren beide leer; die Wasseroberfläche spiegelglatt.
«Wo ist jetzt der Schatten?», fragte ich ungeduldig. Ich wollte ihn so schnell wie möglich zur Vernunft bringen und nach Hause gehen. So hoffte ich, meine Frage würde ihn verunsichern.
«Er taucht nicht einfach so auf. Wir müssen ihn reizen.»
«Und wie?»
«Warten Sie schnell.» Der Bademeister verschwand durch dieselbe Tür, durch die wir gekommen waren. Diesen Moment hätte ich zum Verschwinden nutzen können – aber wie ich mir unwillig eingestehen musste, begann mich die Sache zu interessieren; ich hielt den Schatten für das Symptom einer seltenen Wahrnehmungsstörung. Der Bademeister kam wieder. Über seiner Schulter trug er einen unförmigen Sack mit Wasserbällen. Da ich die Ausführung eines kruden Plans befürchtete, bei dem ich eine unangenehme Rolle spielte, fragte ich ihn aus.
«Ich will mehr über den Schatten erfahren. Ist Ihnen das schon einmal passiert?»
«Ja», gestand er ein. «Als Kind. Damals verlor ich ihn, als ich auf einen Baum kletterte. Er fiel zu Boden wie ein fauler Apfel, während ich in den Ästen hing. Können Sie sich mein Entsetzen vorstellen?»
«Was taten Sie dann?»
«Ich sprang sofort hinunter. Zum Glück bewegte er sich nicht von der Stelle und ich konnte ihn mit den Füssen festnageln. Seither hatte er sich nicht mehr selbständig gemacht – bis jetzt. Ich fürchte, diesmal wird die Sache viel schwieriger. Sind Sie bereit?»
Er drückte mir den Sack mit den Bällen in die Arme.
«Was soll ich tun?»
«Sie steigen auf den Sprungturm und werfen die Bälle hinab. Der Schatten wird aus seinem Schlaf geschreckt und nach oben tauchen. Dann fange ich ihn mit diesem Netz ein.» Der Bademeister streckte ein Netz an einer Stange in die Höhe, wie man sie beim Fischen verwendet.
Obwohl ich über die Vorstellung, der Schatten schliefe, lächeln musste, tat ich, was er verlangte. Ich kletterte also auf den Turm und öffnete den Sack mit den Bällen. Nacheinander warf ich sie hinunter, die mit einem lauten Platschen im Wasser landeten und auf der Oberfläche trieben. Um dem Bademeister die illusorische Arbeit zu erleichtern, warf ich sie möglichst nah an den Beckenrand, wo er sich mit dem Fangnetz bereit gemacht hatte.
Wie erwartet, geschah nichts. Die Bälle trieben langsam im Wasser dahin, wie Bojen, die in einem verlassenen Hafen auf ein Schiff warteten. Die Reaktion des Bademeisters hingegen kündete vom Gegenteil: Zuerst reckte er den Hals, dann begann er mit dem Netz wie wild in meine Richtung zu fuchteln. Ich sah genauer ins Wasser, konnte jedoch immer noch keinen Schatten entdecken. Was ich stattdessen sah, war, dass sich die Bälle in Bewegung setzten. Zunächst wurden zwei für kurze Zeit unter Wasser gedrückt, bevor sie wieder an die Oberfläche schossen. Daraufhin verschwanden vier, fünf Bälle gänzlich, und an ihrer Stelle drangen Blasen hoch. Schliesslich trieb etwas zum Bademeister – eine zerbissene Ballhülle.
«Dort ist er! Er frisst die Bälle!», schrie er mit Euphorie und Angst zugleich. Sofort folgte ich seinem Fingerzeig – ausser einer grossen, zerplatzenden Blase konnte ich jedoch nichts erkennen. Wenn auch nichts darauf hindeutete, was diese Phänomene verursachte, gewöhnlich waren sie bestimmt nicht. Beunruhigt überlegte ich, vom Turm zu steigen, da rief der Bademeister: «Girard! Helfen Sie mir!»
Das erleichterte mir die Entscheidung. Während ich die Stufen hinunterkletterte, beobachtete ich, wie er mit dem Fangnetz durch das Wasser fuhr. Als er einer der Blasen zu nahe kam, riss etwas am anderen Ende der Stange. Er verlor das Gleichgewicht und fiel ins Becken. Sofort rannte ich dorthin, wo das Netz trieb.
Nichts regte sich. Er schien verschwunden. –
Da hörte ich ein Keuchen. Der Bademeister lag am gegenüberliegenden Beckenrand und hustete. Wie war er dorthin gelangt? Als ich zu ihm kam, war er bereits aufgestanden. Seine weissen Kleider trieften vor Nässe, und die Haare tropften. Zu meiner Überraschung machte er jedoch einen entspannten Eindruck.
«Geschafft», sagte er. «Sehen Sie.» Er drehte sich einmal um die Achse. Ich blickte zu Boden, und dort war er, sein Schatten. Wegen der Beleuchtung hatte er weniger die Form einer menschlichen Gestalt, als vielmehr eines Durcheinanders mehrerer dunkler Flecken.
«Danke, dass Sie mir geholfen haben, Herr Girard.»
«Nicht der Rede wert», erwiderte ich. Dann sah ich zu den Bällen. Sie bewegten sich nicht.
«Er hat zu viel gefressen. Darum konnte ich ihn einfangen», erklärte der Bademeister.
«Gut …», murmelte ich.
Verstohlen blickte ich erneut zu seinem Schatten. Ich wurde mit mir nicht einig, ob er schon zuvor dort gewesen war, oder ob ich ihn einfach nicht bemerkt hatte.
«Dann also eine gute Heimfahrt», meinte er fröhlich.
«Sie bleiben hier?»
«Nur eine Weile. Das schwere Essen liegt ihm im Magen. Auf Wiedersehen.» Der Bademeister winkte mir zu, während ich verunsichert zum Ausgang lief.

Die Katzen

Am Sonntagmorgen kam ich nach Hause und fand eine Sardelle im Milchkasten vor. Jemand, vermutlich ein betrunkener Student oder Possenreisser, hatte sich den merkwürdigen Scherz erlaubt, sie auf einem Stück Zeitungspapier hineinzulegen. Ich umwickelte den Fisch angewidert mit einem Taschentuch und warf ihn in den Mülleimer, bevor ich ins Treppenhaus trat. Dort begegnete ich wie üblich niemandem; der Mieter im unteren Stock war kürzlich weggezogen. Ohne die nächtlichen Störgeräusche (mein Nachbar pflegte laut Musik zu hören) schrieb ich in diesen Stunden viel an der Doktorarbeit. Sie handelte von Metonymien bei Hoffmann. Im letzten Drittel plante ich auf einige unbekannte Werke des 18. Jahrhunderts einzugehen und mit einer Rekurrenz zu schliessen.
Aber zurück zur Sardelle. Wie ich am nächsten Tag bemerkte, hatte sie einen unerwünschten Nebeneffekt. Sei es wegen des Geruchs oder der vermeintlichen Aussicht auf eine Zwischenmahlzeit, hatten sich zwei, drei Katzen um den Briefkasten versammelt. Beim Weg zur Arbeit versuchte ich sie zu ignorieren, aber als sie abends, als ich von der ETH nach Hause kam, immer noch da sassen, verscheuchte ich die ungebetenen Gäste zischend. Einzig ein besonders aufmüpfiger Kater wollte sich nicht von der Stelle rühren – ich musste ihm mit einem Tritt nachhelfen. Er verschwand im Gebüsch auf der anderen Strassenseite, nicht ohne mich vorher rachsüchtig anzufauchen.
Die Symptome setzten ein, kurz nachdem ich in der Wohnung die Schuhe ausgezogen und hinter der Eingangstür im Flur deponiert hatte. Auf ein heftiges Jucken in der Nase folgte ein Nieser, und bald darauf tränten meine Augen, als hätte ich eine Wasabi-Nuss verschluckt. Zunächst glaubte ich an eine verspätete Reaktion auf den kalten Wind, aber als die Beschwerden eine Stunde später mit noch mehr Heftigkeit und alle gleichzeitig einsetzten, vermutete ich eine Allergie. Im Geist sondierte ich die Bestandteile des Kantinenessens. Weshalb ich nicht auf die logische Schlussfolgerung kam, dass ich den Auslöser in die Wohnung geschleppt hatte, weiss ich nicht. Aber ich muss wohl müde von der Arbeit gewesen sein.
Gegen zehn Uhr abends – ich sass noch immer mit tränenden Augen auf dem Sofa – klingelte es an der Tür. Ich schlurfte in den Eingangsflur blickte durch den Spion. Im Halbdunkel des Treppenhauses stand eine zwielichtige, vermummte Gestalt, die nicht nach einem Studenten aussah. Letztere schrieben bei mir nämlich Hausarbeiten, und es hätte wohl sein können, dass einer, verzweifelt darüber, den gestrigen Abgabetermin verpasst zu haben, vorbeischaute, um sich persönlich mit einer Schachtel Pralinen zu entschuldigen. Des enttäuschten Wunschdenkens ungeachtet öffnete ich die Tür.
Ein Mann trat ein. Er trug eine Melone samt Frack, weisse Handschuhe und bunte Hosen. Er war nicht rasiert und blickte mich mit unappetitlicher Strenge an, als fühlte er sich unwohl in dem Aufzug. Ohne Begrüssung oder ein Lächeln ging er durch den Flur in die Stube.
«Wer sind Sie?», fragte ich.
«Ich bin Priester», sagte der Mann.
« … Und? Was verschafft mir die Ehre?» Der Beruf passte, wie ich fand, nicht zu seiner Kleidung.
Er betrachtete die Vorhänge mit einem Stirnrunzeln. «Ich bin hier, um Sie von Ihrer Strafe in Kenntnis zu setzen.»
«Strafe?»
«Sie müssen wissen, das ist der höhere Wille. Ihre Strafe lautet: Allergie auf Lebenszeit.»
«Wie bitte?»
«Vor wenigen Stunden haben Sie einen Fehler begangen. Sie haben jemanden misshandelt.»
Ich verstand nicht. «Die Katze?», riet ich zögernd.
«Den Kater», korrigierte der Priester. «Sie haben ihn getreten. Das Treten eines Katers steht unter Höchststrafe. Die da lautet: Katzenhaarallergie. Auf Lebenszeit. Guten Abend.»
Der Mann nahm seinen Hut.
«Halt, warten Sie. Ich habe eine Katzenhaarallergie?» Mit brennenden Augen folgte ich ihm ins Treppenhaus. Die einzige Antwort, die ich erhielt, war das Zuschlagen der Eingangstür.

«Wann sind die Symptome das erste Mal aufgetreten?»
Ich wusste überhaupt nicht, wie ich dem Arzt den Vorfall erklären sollte. Unschlüssig sass ich im Stuhl und rutschte darin hin und her. Sollte ich den Priester in der seltsamen Verkleidung erwähnen? Oder dass ich einen Kater getreten hatte? Auf dem Weg zur Praxis hatte ich mit mir gerungen. Vielleicht bildete ich mir ja alles ein und ich hatte gar keine Allergie. Andererseits zeigte der Hauttest ein deutliches Resultat. Ich starrte auf den roten Punkt auf meinem Unterarm, der wie ein Mückenstich aussah und auch so juckte.
Der Arzt widerholte seine Frage, ich schreckte hoch.
«Vor zwei Wochen», sagte ich.
«Ja, das sieht deutlich nach einer Allergie aus», bestätigte er. «Haben Sie Katzen in der Wohnung?»
Obwohl es mich verwunderte, dass wir dieses Gespräch erst nach dem Test führten, erwiderte ich: «Nein.»
«Kamen Sie sonst mit Katzen in Kontakt?»
«Ja vielleicht», sagte ich gedehnt.
«Inwiefern?»
«Da war ein Kater vor unserem Eingang. Ich habe ihn gestreichelt.»
«Haben Sie danach die Hände zu Ihrem Gesicht geführt? Zu Nase, Mund, Augen?»
«Schon möglich …»
«Das erklärt Ihre Beschwerden. Allergiker sollten nach dem Kontakt mit Katzen die Hände waschen.»
«Gibt es denn … eine Lösung dafür? Ein Gegenmittel, oder so etwas in der Art?», fragte ich ohne viel Hoffnung.
«Eine Allergie ist keine bakterielle Infektion», erklärte der Arzt gutväterlich. «Das Beste, was Sie tun können, ist den Kontakt zu Katzen abzubrechen.»
«Sie sprechen von ihnen wie von einer Geliebten.»
«Das sind Katzen vielleicht auch», erwiderte der Arzt mit einem vieldeutigen Lächeln. «Aber jetzt haben Sie ihre Gunst für immer verloren.»
Die seltsamen Worte liessen mich stutzen. Ich sah in das Gesicht des Arztes und realisierte, dass ich die ganze Zeit mit dem Priester gesprochen hatte.
«Verloren», wiederholte er ein letztes Mal, bevor er über seinen Kittel strich und den Raum verliess.

Krakatau

Nachdem Dr. Farkas in der Schweiz keine Anstellung mehr gefunden hatte, war er nach Konstanz emigriert. Dort hatte er zwei Jahre verbracht, bis er in Konflikt mit der Fakultätsleitung geraten war. Nach einigen ähnlich flüchtigen Zwischenstationen in Bologna, Rom und Genf war er in Südamerika gelandet; zuletzt hatte ich ihn in Bogotá erreicht, kurz vor der geplanten Expedition. Im Ganzen glich seine Karriere der Art, wie er vor mir über die Lavasteine hüpfte. Ich hatte Mühe, den Sprüngen zu folgen, und wusste von der Reise nur so viel, als dass sie in ein unwirtliches Loch führte – der Ort, wo seiner Vermutung nach die Unterirdischen lebten. Farkas blieb stehen und blickte bedeutungsvoll zu mir zurück.
«Na, was habe ich gesagt?» Er schwenkte den Arm. «Krakatau.»
Wenn Farkas «Krakatau» sagte, meinte er nicht den Vulkanausbruch von 1883, sondern eine Chiffre, eine Theorie. Sie besagte, dass die Ausbrüche der letzten zweihundert Jahre durch eine Serie von Ereignissen im Leben derer, die er die «Unterirdischen» nannte, verursacht worden waren. Ihr Aussehen glich dem kleiner Kinder im Alter von zehn oder zwölf. Die Proportion ihrer Gliedmassen und Köpfe hatten zwar menschliches Ansehen, aber ihre Körper waren infolge ihrer Lebensweise vollkommen von erstarrter Asche bedeckt. In Konstanz hatten die Archäologen lachend gefragt, ob Farkas denn unbeschadet den Dämpfen des Krakatau entstiegen sei, und seine Antwort trug ihm viel Häme ein: Nein, so eine gefährliche Unternehmung sei gar nicht nötig, denn die in Pompeji freigelegten Aschefiguren legten bereits ein hinreichendes Zeugnis von der Existenz der Unterirdischen ab. Man hätte nämlich nicht die verschütteten Bewohner der römischen Stadt ausgegraben, sondern die Überreste der Vulkanmenschen, die beim Angriff auf die Stadt getötet worden waren. Zu Farkas’ Leidwesen war von einem solchen Angriff weder bei Tacitus, noch bei Livius oder einer anderen römisch-antiken Quelle die Rede. In Berlin hatte er sich mit der Behauptung zu retten versucht, er besässe ein vergessenes Fragment des Lukian; ob er sich damit einen Gefallen getan hatte, blieb zu bezweifeln.
«Als wir über den Rio Paraná fuhren, da benutzten Sie so ein Ding. Wie hiess das nochmals?», fragte der Privatdozent.
«Das hier?», fragte ich und holte einen kleinen Ventilator aus der Tasche. Eines der billigen Plastikteile, die man in jedem Supermarkt kaufen konnte. «Ein Handventilator.»
«Genau. Den werden wir ab jetzt nicht mehr brauchen.»
Ich zuckte fragend mit den Achseln, worauf der Dozent enthusiastisch auf eine Höhle wies. Ihr Eingang lag in einer Senke, die von den bizarren, säulenartigen Gesteinsformationen umgeben war, die man hier oben überall fand.
«Das ist es?», fragte ich zweifelnd.
«Laut Karte ja.»
«Sieht mir nicht nach dem Eingang einer Stadt aus.»
«Wer hat etwas von Stadt gesagt?», fragte Farkas leicht verärgert zurück.
«Ich dachte nur …»
«Natürlich müsst ihr Journalisten immer übertreiben. Sie hofften bestimmt etwas Gigantisches zu finden.»
«Ich erinnere Sie gerne an unser erstes Gespräch in Bogotá. Sagten Sie nicht …?»
«Schon gut», knurrte er. «Kommen Sie.» Farkas begann den Hang hinunterzurutschen. Während ich ihm folgte, rätselte ich, was ihn dazu bewogen hatte, ein Sensationsblatt wie das unsere zu kontaktieren. Besonders erfreut über die Zusammenarbeit schien er nämlich nicht. Andererseits dachte wie Fachwelt wohl dasselbe über ihn.
«Erklären Sie nochmals», fragte ich, als ich ihn einholte, «worin besteht der Unterschied zwischen den Figuren in Pompeji und denen auf dem Cotopaxi?»
«Ich dachte, Sie interessierten sich für den Unterschied zwischen ihren und unseren Fortpflanzungsorganen?», meinte er herablassend.
«Auch», gab ich zu.
Als wir etwa zehn Meter in die Höhle eingedrungen waren, befanden wir uns in kompletter Dunkelheit. Wir mussten unsere Stirnlampen aufsetzen, um etwas zu sehen. Im weissen Licht erschienen die Wände wie aus einer anderen Welt. Oder wenigstens versuchte ich mir das in Gedanken an den künftigen Artikel einzureden. Je weiter wir gingen, desto kühler wurde die Luft. Der Gang, der in die Tiefe führte, machte eine Biegung, und wir standen unvermutet in einer Grotte mit länglichen Felsnischen, die horizontal übereinanderlagen.
«Sehen Sie?», sagte Farkas aufgeregt. «Das sind ihre Betten.» Er schwenkte den Kopf hin und her, sodass das Licht seiner Stirnlampe nervös umherhuschte.
Die Anordnung der Nischen wirkten durchaus ungewöhnlich, sie als Betten zu erkennen, hätte aber viel Fantasie benötigt. Mehr, als ich meinen potenziellen Lesern zumuten wollte. Ich drängte den Privatdozenten zum Weitergehen. Erst warf er mir fehlenden Geist vor, dann stimmte ihn die Aussicht, mehr zu entdecken, um.
Wir marschierten durch den Gang weiter, der sich alsbald in drei kleinere verzweigte. Kurzentschlossen nahm Farkas den linken Weg und stiess daraufhin einen entzückten Schrei aus: wir waren erneut in einer Grotte gelandet.
«Unglaublich», keuchte der Privatdozent. «Das sind ihre Tische und Stühle.»
In der Mitte des Raumes waren ein paar zusammengewürfelte Steine zu sehen. Tische und Stühle waren darin beim besten Willen nicht zu erkennen, ich sagte jedoch nichts.
Als wir weitergingen, wurden die Gänge eng und ungemütlich. Ich begann zu schwitzen.
«Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?», fragte ich.
«Todsicher», sagte Farkas. «Und wissen Sie auch, weshalb?» Er drehte sich mit einem breiten Lächeln zu mir um. «Weil wir ihre Badeanstalt gefunden haben.»
Farkas trat zur Seite, und ich erblickte eine steinerne Halle mit beachtlichen Ausmassen. Die Decke und Wände schienen zu glühen, und der Boden war von heissen Dämpfen bedeckt. Die Hitze war beinahe unerträglich – und der Grund dafür lag etwa hundert Meter vor uns: ein brodelnder Magmasee.
Meine Instinkte setzten ein und ich zog Farkas am Arm zurück, der in faszinierter Selbstvergessenheit beinahe in die schwerflüssige Masse geschlafwandelt wäre. Ich bugsierte ihn in einen Nebengang und leuchtete ihm direkt ins Gesicht.
«Was tun Sie da?», fragte er entrüstet.
«Hören Sie mal, Dr. Farkas. Ich habe Ihre wirre Theorie gemocht, weil sie mir genau das richtige für unsere Zeitung zu sein schien. Aber dieser gefährliche Unsinn geht zu weit. Wir kehren jetzt um.»
«Aber …»
Ich schüttelte ihn. «Da sind keine Betten, keine Tische und Stühle, und keine Badeanstalt, klar? Nur Steine und Magma.»
«Wir müssen weiter», insistierte Farkas ungehalten und wollte sich von mir losreissen. Er hätte es geschafft, hätte er seine Bemühungen nicht von selbst aufgegeben. Sein Gesicht fror ein, und im selben Moment sah ich es ebenfalls: im Dunkel des Ganges bewegte sich eine Gestalt auf uns zu. Sie hatte ungefähr die Grösse eines Kindes; und als sie in den Lichtkegel der Lampen trat, erkannten wir, dass sie vollkommen von Asche bedeckt war.
«Ein Unterirdischer», flüsterte der Dozent. Ich liess ihn los.
Nach und nach traten aus dem Dunkel weitere dieser Geschöpfe. Sie drängten uns in die Halle zurück, indem sie mit langsamen Schritten auf uns zugingen und uns umzingelten. Der einzige Fluchtweg, der uns blieb, war keiner – er führte direkt in den kochenden Magmasee. Mein Begleiter nahm von der drohenden Gefahr keine Notiz, sondern betrachtete die Unterirdischen mit einer Mischung aus Angst und Entzücken.
Ich versuchte ihn zur Vernunft zu bringen. «Beruhigen Sie sich. Das ist eine Kinderbande, die sich einen schlechten Scherz erlaubt, mehr nicht.»
Farkas lächelte mich an, als sähe in mir selbst ein Kind. «Ja? Und auf welchem Beweis beruht diese Annahme?»
«Kein Beweis, aber zahlreiche Artikel über verschwundene Kinder in Brasilien. Und was stützt Ihre Theorie? Ein nicht vorhandenes Fragment Lukians?»
«Was brauchen Sie Beweise, wenn wir doch das Wunder direkt vor unseren Augen haben!», rief Farkas wie im Rausch zurück.
Wir waren von unserem Gespräch so absorbiert, dass wir nicht bemerkten, wie uns die Gestalten immer näher an den See geschubst hatten. Um genau zu sein, hatten sie uns schon so weit zurückgedrängt, dass wir mit den Knöcheln im Magma standen. Als ich, an mir herunterblickend, realisierte, dass meine Füsse in der heissen Masse steckten, zog ich das rechte Bein mit Schrecken hoch – es war unversehrt. Auch Farkas stapfte verwundert in der glühenden Masse umher.
«Badeanstalt», wiederholte er mit gebrochener Stimme.
Ich fragte mich, ob ich das Wort Badeanstalt schon einmal so gehört hatte.
«Aber nicht für Unterirdische, sondern für, ah, uns?», murmelte ich in heilloser Verwirrung.
«Für uns!», rief der Dozent wie von Sinnen und rannte in den See hinein.
«Warten Sie!» Ich rannte ihm hinterher, bis ich den Boden nicht mehr unter mir spürte. In weit ausholenden Zügen schwamm ich an die Stelle, wo Farkas’ Kopf aus dem Magma ragte.
«Wie haben die das gemacht?», fragte er.
«Ich glaube, sie machen gar nichts», erwiderte ich und blickte zurück zu den aschebedeckten Figuren, die immer noch am Ufer des Sees standen. Aus der Ferne glaubte ich, einige der Gesichter deutlicher zu erkennen. Sie erinnerten mich vage an Fotos von Vermisstenanzeigen, die ich in den letzten Jahren gesehen hatte.
«Wie haben … wir das gemacht?», doppelte der Privatdozent nach.
Ich wollte ihm antworten, da erfasste uns auf einmal ein starker Strom, der uns in die Tiefe zog. Mir blieb gerade noch Zeit, die Luft anzuhalten. Blind fuchtelte ich mit den Armen, bis ich Dr. Farkas’ Hand zu fassen bekam. Ich wollte ihn zurück an die Oberfläche ziehen, stellte aber erschrocken fest, dass sich über uns eine steinerne Decke befand. Wir schwammen planlos in eine Richtung, doch unsere Kräfte schwanden. Wenn sich nicht bald eine Lösung fand, würden wir ertrinken. Da fiel mir etwas ein. Ich tastete in meiner Hose umher und beförderte den Handventilator aus der Tasche. Ohne viel nachzudenken, schaltete ich ihn ein. Es klappte: Der Ventilator erzeugte die Kraft einer Schiffsschraube, die uns in Lichtgeschwindigkeit durch das Magma beförderte. Obwohl wir uns dabei mehr als einmal den Kopf an Wänden und Decke stiessen, kamen wir so schliesslich zurück zur Magmaoberfläche. Ich blickte mich um. Wir waren nicht mehr in der Halle, sondern in einer kleinen, mit Magma gefüllten Kammer. Farkas wies auf die Decke über uns, worin sich ein Loch befand. Tatsächlich, da schien Tageslicht durch die Öffnung. Da wir genug vom unfreiwilligen Bad hatten, machten wir uns unverzüglich daran, an die Erdoberfläche zu klettern. Als wir uns aus der Öffnung gezogen hatten, fanden wir uns am Fuss des Vulkans wieder. In der Ferne schimmerte das silberne Band des Rio Paraná.
Farkas und ich blickten uns an.
«Was werden Sie darüber schreiben?», fragte er.
«Ich weiss es nicht», antwortete ich.
Der Dozent runzelte die Stirn.
«Ich weiss es nicht. Beim besten Willen nicht.»
«Ja … gut», meinte er nachdenklich.
Wir machten uns schwankend an den Abstieg.

Die Insel

Ich entdeckte die Insel durch Zufall bei einem Testflug über den Bodensee. Meine Pilotenkollegen und ich hatten eine Flugstaffel gestartet, bei der ich das Schlusslicht bildete. Auf grosser Flughöhe verlor ich die anderen aus den Augen. Allein blinzelte ich über das Wolkenmeer hinweg. Da fiel mir eine seltsame Wolkenformation auf. Sie bildete eine Art hufeisenförmige Bergkette. Ich steuerte das Flugzeug direkt darauf zu. Da tauchte die Insel wie aus dem Nichts vor mir auf. Ich hatte gerade noch Zeit, die Maschine hochzureissen. Haarscharf überflog ich die Baumwipfel am Ufer. Beim dahinter auftauchenden Bergkamm hatte ich weniger Glück. In Sekundenschnelle fuhr mein Finger zum Knopf für den Schleudersitz.

Als ich wieder zu mir kam, lag wenige Meter vor mir etwas, das wie der verkohlte Rest des Sitzes aussah, daneben der Fallschirm. Ich richtete mich auf und wankte durch einen Wald. Nach einer Weile stiess ich auf das Ende der Insel. Allerdings nicht in der erwarteten Form. Steile Klippen, und darunter – nichts als Wolken. Durch eine Lücke in der Wolkendecke, tief unter mir, sah ich den Bodensee. Verwirrt wandte mich in die andere Richtung. Eine Gruppe von Gestalten in altertümlichen Umhängen kam auf mich zu. Sie packten mich bei den Schultern und schleppten mich fort. Dabei führten sie aufgeregte, unverständliche Gespräche. Bloss zwei Wörter hörte ich heraus: «Gwack» und «Kraah». Am Ende des Waldes lag eine grosse Ebene, in deren Mitte sich eine imposante Stadt mit einem Schloss erhob. Sie war von dicken Mauern umgeben. Dahinter schattenhafte Umrisse von gedrechselten Türmen. In kurzer Zeit erreichten wir die Stadttore. Unter dem Torbogen standen zwei Wachen mit Hellebarden. Die urtümliche Bewaffnung wäre mir unter anderen Umständen als erstes aufgefallen. Weitaus auffälliger waren jedoch die Vogelflügel, die aus dem Rücken der beiden wuchsen. Da meine Begleiter die Umhänge abgelegt hatten, bemerkte ich an ihnen dasselbe Merkmal. Verdattert blieb ich stehen. «Kraah!» Ich verspürte einen Tritt im Rücken. Sie zwangen mich, durch die Stadt weiterzugehen. In ihr wimmelte es von diesen Vogelmenschen. Sie folgten uns auf der Strasse oder streckten die Köpfe aus ihren Häusern. Über uns war ein stetiges Rauschen und Schnattern zu hören.
Die Architektur des Schlosses, in das sie mich führten, überbot alles Vorige an Seltsamkeiten. Den Gesetzen der Physik zufolge hätte es sofort in sich zusammenstürzen müssen. Es war aus riesigen Steinringen zusammengesetzt, deren massivster sich zuoberst befand. Obwohl das Gebäude so einem riesigen Kreisel glich, der auf seiner Spitze balancierte, schwankte es keinen Millimeter. Als wir durch das Schlosstor in den Innenhof traten, kamen uns zwei Burgwachen entgegen. Ich wurde an den Händen gefesselt und in ihre Obhut übergeben. Unvermittelt fand ich mich in einer fensterlosen Zelle wieder. Als ich an den Gitterstäben rüttelte, rief ich lediglich die Wärter auf den Plan, die mit ihren Spiessen nach mir stachen. Auf Fragen erhielt ich stets dieselbe Antwort: «Krah.»

Die Tage in Gefangenschaft liefen immer nach dem gleichen Muster ab. Am Morgen bekam ich eine Ration zu Essen, gegen Mittag wurde ich in den Hauptsaal geführt, den Abend verschmachtete ich in der Zelle, wo das Fackellicht der vorüberschreitenden Wachen durch die Gitterstäbe fiel. Im Saal residierte der Rat der Vogelmenschen. Die Ratsmitglieder trugen dunkle Roben mit diamantbesetzten Kapuzen. Die Wachen zwangen mich vor ihnen auf die Knie. Darauf hob stets ein lautes Gekrächze an. Wohl verhörten sie mich, aber wie konnte ich darauf antworten? Da das Krächzen in den Ohren schmerzte, wandte ich früher oder später den Kopf ab, was dazu führte, dass ich einen Speerstoss in die Rippen erhielt. «Gwack», sagten sie. Das markierte jeweils das Ende der Unterredung. Man zerrte mich hoch und schaffte mich in die Zelle zurück.
Mehrere Wochen verbrachte ich so, bis ich eines Morgens von drei Speerträgern in den Garten eskortiert wurde. Dort führte man mich zu einem Brunnen, wo ein unbekannter Vogelherr mit Brille sass. Bei meinem Erscheinen erhob er sich hastig und seine Hand fuhr zu einem Schreibblock, den er mit sich trug. Dann richtete er ein «Krah» an die Wachen, und man liess uns allein. Ich geriet in Verlegenheit; seine Bekleidung verriet einen Gelehrten oder Professor, was sollte ich diesem sagen? Sein Blick funkelte vor Wissbegier. Wohl hatte er schon viel vom seltsamen Eindringling gehört und wollte mehr erfahren. Tatsächlich krächzte er darauf in einem schnellen Stakkato auf mich ein. Ich wollte ihn nicht beleidigen und hielt mir die Ohren nicht zu. Dafür geriet ich plötzlich in einen heftigen Hustenkrampf. Er führte zu einer unerwarteten Reaktion. Der Gelehrte sprang mit einem entsetzten Blick auf und krächzte nach den Wachen. Die hatten das Husten von Weitem gehört und kamen sofort angestürmt. Man zeterte und zeigte auf mich; beinahe hätten sie mich auf der Stelle aufgespiesst, wäre nicht der Hauptmann dazwischengetreten. Er befahl seinen Untergebenen barsch, mich wieder in die Zelle zu sperren.

Am nächsten Tag wurde ich unter grossem Tumult zum Marktplatz geführt. Der Husten war schlimmer geworden. Aus einem seltsamen Grund löste er bei den Vogelmenschen, welche die Strassen säumten, eine heftige Abwehrreaktion aus. Sie wichen zurück oder spuckten mir vor die Füsse. Das alles vergass ich jedoch schnell, als der Scheiterhaufen vor mir auftauchte. Sollte ich, des Hustens überführt, bei lebendigem Leib verbrannt werden? Ich bäumte mich auf, doch es war schon zu spät. Die Vögel banden mich am Pfahl fest. Schon kamen die Häscher mit Fackeln.
«Kräh!»
Auf einmal war die Luft erfüllt von Vogelgeschrei. Eine kleine Gruppe von Vogelmenschen, die nicht zum Volk zu gehören schien, stiess in die Menge hinab. Das zerstreute sie zwar nicht, diente aber lediglich zur Ablenkung. Ich spürte, wie jemand von hinten an meinen Fesseln zerrte und sie lockerte. Dank dieser unerwarteten Hilfe konnte ich mich befreien. Da packten mich zwei der abtrünnigen Vögel und trugen mich davon.
«Kräh!»
Die Burgwachen und manche der Schaulustigen flogen uns nach. Wir hängten sie aber bald ab und das Geschrei der Menge wurde immer leiser. Die Stadt mit dem Marktplatz lag nunmehr wie ein kleiner Fleck unter uns. Wir überflogen Seen, Berge und Täler. Allmählich drohte ich, das Bewusstsein zu verlieren. Das Letzte, was ich wahrnahm, war, wie wir auf einen bronzefarben Berg zuflogen.

Als ich wieder erwachte, lag ich in einer Höhle. Man hatte mich auf eine steinerne Pritsche gelegt, die aus dem Felsen gehauen schien. Neben mir sass eine vermummte Gestalt. Als sie die Kapuze vom Kopf zog, blickte ich in das Gesicht einer Vogelfrau. Über ihre Stirn zog sich eine Narbe, die sie gefährlich und verwegen aussehen liess. Sie krächzte leise, doch als Antwort brachte ich wiederum lediglich ein Husten hervor. Schon das Schlimmste befürchtend, drückte ich mich gegen die Wand, doch diesmal hatte das Husten eine weitaus angenehmere Wirkung. Die Vogelfrau nickte mir verschwörerisch zu. Es schien hier als eine geheime Losung zu gelten – bestimmt der Grund, weshalb man mich befreit hatte. Aus ihrem Umhang holte sie einen Ring hervor, den sie mir voller Stolz entgegenstreckte. Darin war eine Art Wappenzeichen eingraviert, mit einem Schwert und einem gefiederten Schild.
«Krah», sagte sie mit tiefer Inbrunst.
«Krah», erwiderte ich versuchshalber.
Die Antwort schien sie vollends zu befriedigen. Sie führte mich vom Schlafplatz weg in ein verzweigtes System von Höhlengängen. Links und rechts taten sich auf unserem Weg kleine Höhlenräume und Nischen auf. In ihnen trieben sich Vogelmenschen herum. Sie trugen Uniformen und wirkten, als bereiteten sie eine Offensive vor. Gegen wen diese gerichtet sein sollte, ahnte ich bereits, wagte ich aber nicht anzusprechen. Wir traten in eine riesige Höhle, in der sich hunderte von ihnen um ein monströses Gebilde versammelt hatten. Vom steinernen Balkon aus, auf dem wir standen, konnte ich es zuerst nicht erkennen. Ich kniff die Augen zusammen und blinzelte. War das der verkohlte Pilotensitz? Tatsächlich – die Vogelmenschen hatten mein Flugzeug wieder zusammengebaut. Seine Form glich allerdings nur entfernt dem Original. Statt auf Rädern sass der Rumpf des Flugzeugs auf mechanischen Krähenfüssen, statt zweier Flügel gab es mehrere Arme, die riesige Speere abschiessen konnten. Der Aufklärungsflieger war in eine primitive, monströse Kampfmaschine verwandelt worden.
«Gwack!» Die Vogelfrau forderte mich auf, an den Rand des Balkons zu stehen. Sie krächzte ihren Untertanen zu – denn sie war ohne Zweifel die wahre Königin des Vogelvolks –, diese legten ihre Arbeit nieder und schauten zu uns hoch.
«Krah», sagte ich und blickte in fragende Gesichter.
Die Vogelkönigin zupfte mich am Ärmel. Da wusste ich, was zu tun war. Ich hustete, wie es noch nie ein Husten gegeben hatte. Die versammelten Vögel verfielen in laute Jubelschreie. Die Königin persönlich hob mich hoch und ich flog in ihren Armen zum Pilotensitz hinunter. Sie platzierte mich auf dem Sitz, worauf sich die ganze Maschine ohne mein Zutun in Bewegung setzte.

Der Angriff auf das Schloss startete in den frühen Morgenstunden. Die Vögel in der Stadt wurden durch den Lärm, den die Maschine verursachte, geweckt, was aber keine Rolle spielte. Im Sekundentakt schoss sie Speere aus ihren Armen, sodass von der hastig aufgestellten Verteidigung der Stadtwachen bald nichts mehr übrig war. Vor der Stadtmauer wurde ich angewiesen, einen Knopf zu drücken. Einer der Krähenfüsse donnerte gegen die Mauer. Sie brach ein, und durch die entstandene Öffnung stakste die Maschine in die Stadt. Das Ungetüm diente nurmehr zur Einschüchterung, denn die Vorhut der Rebellen war längst über die Mauer geflogen. Die Königin kämpfte an vorderster Front. Mit dem Speer in der Hand wütete sie erbarmungslos unter ihren Feinden. Was alles an Grausamkeit verübt wurde, wage ich nicht zu beschreiben, aber in der Vogelsprache würde man es wohl «Kwäh» nennen. Nach wenigen Stunden schallte von überall her ein «Kwarg»: Die Stadt war erobert worden. Als letzte Bastion blieb das Schloss selbst, vor dem sich die Rebellenarmee versammelte. Der Rat der Altvögel sollte sich freiwillig ergeben und aus dem Tor treten, wenn nicht, drohte ihnen ein grausamer Tod. Die Ratsmitglieder weigerten sich, den Forderungen Folge zu leisten; ein Herold, den sie herausgeschickt hatten, um selbiges zu verkünden, war bereits aufgespiesst worden. Die Situation spitzte sich zu, die Königin schritt mit der Waffe in der Hand wild auf und ab; ein Blutbad schien unvermeidlich. Um die Situation zu retten, wagte ich das Äusserste – ich hustete so laut ich konnte in Richtung der Königin. Sie blieb abrupt stehen und blickte zu mir hoch. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Verwirrung ab. Sie liess die Waffe sinken, und ich hoffte schon, das Richtige getan zu haben. Dann aber huschte über ihre Lippen ein Lächeln, siegessicher und stolz. Einen Teil ihrer Kämpfer hiess sie das Schloss stürmen. Ein anderer Teil brachte die Maschine weg, von der man mich hinuntersteigen liess.
«Kwäh», sagte mir die Königin dankend, und ich ahnte etwas Ungutes.
Einen Augenblick später wurden die Ratsmitglieder vor sie gezerrt. Doch statt diese zu köpfen, wie ich fürchtete, tauschte die Herrscherin mit ihnen ernste Worte aus. Nach und nach wandten sie sich zu mir um; auch sie massen mich mit anerkennenden Blicken. Ich wagte nicht mehr zu husten.

«Kwarg».
Vielleicht drückt dies aus, was ich meine, vielleicht nicht. Sicher kann ich mir bis heute nicht sein, denn ich habe die Vogelsprache nie richtig gelernt. Kurz: Die Vögel brachen aus ihrer selbstgewählten Isolation aus und griffen die Menschen an. Sie verwüsteten Konstanz und St. Gallen. Morgen ist Zürich dran.
Die Pilotenjacke habe ich gegen einen edlen Mantel ausgetauscht und gelte in Vogelkreisen als engster Berater der Königin, die mit der Zustimmung des Vogelrates wieder den Thron bestiegen hat. Man begegnet mir überall in der Stadt mit furchtsamem Respekt, was ich von meinem früheren Leben in Zürich nicht behaupten kann. Wie lange dieser Feldzug noch fortdauert, weiss ich nicht. Aber eines ist ganz sicher –
Nein, dazu fällt mir kein Vogelwort mehr ein.

Hasen

Der Lehrer lag mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze. Sie hatte sich in einer der Kuhlen im Feld gebildet, welche die Reihen der Maisstöcke voneinander trennten. Als ich vor ihm stand, hob er den Kopf und wischte sich einen Dreckklumpen von der Stirn.
«Was tun Sie hier?», fragte er.
«Ich war auf dem Weg zum Bauernhof», sagte ich. «Wollte eine Abkürzung nehmen und bin durch das Feld gegangen.»
Der Lehrer nickte, rappelte sich auf und schwankte.
«Und was tun Sie hier?», fragte ich zurück. Uns der seltsamen Fügung anvertrauend, hatten wir unsere Schritte in Gleichklang gebracht und gingen nun nebeneinander her.
«Die Bauerntochter hat schlechte Noten geschrieben.»
«Die wollte ich eben besuchen», erwiderte ich.
Da wir den Bauernhof wegen der hohen Maispflanzen nicht sahen, gingen wir in die ungefähre Richtung, in der wir ihn vermuteten. Wir stiegen quer über die Erdfurchen hinweg. Gestern hatte es geregnet, und unsere Füsse versanken im Dreck. Wir waren lange unterwegs und kamen nur schlecht voran. Nach einer geraumen Weile hörten wir ein Brummen. Als das Brummen immer lauter wurde, zog mich der Lehrer hinter eine Maispflanze.
Zwischen den Pflanzen brach ein Auto hervor. Der Wagen, ein robuster Toyota, war dreckbespritzt. Ein Mann stieg aus. Er trug einen Filzhut, dicke Hosen und feste Stiefel. Ein Jäger. Sein Gewehr hatte er über die Schulter gelegt.
«Guten Abend», sagte er. Hinter dem dürftigen Versteck hatte er uns leicht erspäht.
Ich legte die Hand über die Stirn und schaute in den Himmel. Tatsächlich war bereits der Abend hereingebrochen, obwohl wir uns am frühen Nachmittag aufgemacht hatten.
«Was suchen Sie hier?», wollte der Jäger auch wissen.
Der Lehrer erklärte seine Situation. Als er dieselbe Frage an den Jäger stellte, behauptete dieser, der Bauer hätte ein Hasenproblem. Ich musste bei dem Wort ein wenig lachen. Der Jäger schielte missbilligend in meine Richtung.
Zu Dritt marschierten wir durch das Feld. Die Maispflanzen wuchsen immer höher und versperrten uns jegliche Sicht. Über unseren Köpfen flogen die Krähen. Ab und zu landeten sie auf den Kürbisköpfen von Vogelscheuchen, die uns mit ihren ausgestreckten Armen den Weg wiesen. Der Jäger zielte auf die Vögel. Sie flogen krächzend davon.
Als die Nacht hereinbrach, waren wir unserem Ziel nicht näher gekommen. Auf alle Seiten hin streckten sich Maisstauden in die Dunkelheit. Der Mond warf fahle Schatten.
Wir mussten auf den nächsten Morgen warten. Deshalb suchten wir uns einen freien Platz zwischen den Pflanzen und zündeten ein Feuer an. Als Brennmaterial dienten uns verwelkte Blätter. Der Lehrer warf einen Maiskolben in die Flammen.
«Das Hasenproblem ist grösser, als ich bisher angenommen habe», sagte der Jäger nach einer Weile. «Da haben Sie Recht», pflichtete der Lehrer ihm bei.
«Ja?», fragte ich ihn erstaunt.
«Ich lag ja nicht ohne Grund in der Pfütze», führte er aus. «Etwas hatte mich am Kopf getroffen und mich zu Boden geworfen. Das war bestimmt einer dieser Hasen. Als Sie auftauchten, musste er davongehoppelt sein.»
Der Maiskolben knisterte im Feuer.
«Die schlechten Noten der Bauerntochter haben wahrscheinlich auch etwas mit dem Hasenproblem zu tun», behauptete der Jäger.
«Ja», sagte der Lehrer. «Der Bauer hat keine Zeit mehr, sich um sie zu kümmern. Immer muss er sich um die Hasen kümmern.»
«Ich habe hier noch nie einen Hasen gesehen», warf ich ein.
«Weil Sie immer in den Himmel starren. Dann sehen Sie die Hasen auch nicht», wies mich der Jäger zurecht.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Pfeifen geweckt. Ich öffnete die Augen und sah auf die verkohlten Reste des Feuers. Es war kühl und ich fröstelte. Der Jäger stand abseits, pfiff und blickte um sich. Dann drehte er sich zu mir um und sagte: «Der Lehrer ist verschwunden.»
Bis zum Mittag suchten wir ihn erfolglos. Als die Luft allmählich zu heiss wurde, schlug ich vor, zum Auto zurückzukehren, doch mein Gefährte winkte energisch ab.
«Wir müssen weiter», sagte er. «Der Bauer wartet auf uns.»
«Was ist mit dem Lehrer?»
«Der kommt schon alleine zurecht.»
Da ich insgeheim dasselbe dachte, beschloss ich, dem Jäger zu vertrauen und stapfte ihm hinterher.
Wieder verging ein halber Tag, an dem wir kein Stück weiter kamen. Egal, wie lange wir durch das Feld marschierten, schienen wir uns kaum vom Fleck zu bewegen. Der Bauernhof kam nicht in Sicht, ebenso wenig das Ende der Maisstauden.
Gegen Abend begannen wieder die Krähen über unseren Köpfen zu kreisen. Der Jäger zielte mit dem Gewehr in den Himmel und gab einen Schuss ab. Laut krächzend zerstreuten sich die Vögel.
Als die Nacht hereinbrach, entfachten wir wieder ein Feuer. Diesmal warf niemand einen Maiskolben hinein.
Da ich nichts Besseres zu tun wusste, fing ich an zu reden: «Ich habe immer noch keinen Hasen gesehen.»
Der Jäger antwortete nicht.
«Wenn das Problem wirklich so schlimm ist, wie Sie sagen», fuhr ich fort, «sollten wir dann nicht längst einem begegnet sein?»
«Den Hasen begegnet man nicht einfach so», sagte er mürrisch. «Man muss aufpassen.»
Ich fragte ihn nicht weiter aus.

Am folgenden Tag war auch der Jäger verschwunden. Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Stiefelabdrücke führten von der Feuerstelle weg, direkt zwischen den Maisstöcken hindurch. Ich folgte den Abdrücken. Sie endeten vor einem dunklen Loch, das sich in der Erde auftat. Verwundert blickte in die Schwärze. Der Jäger musste hier hineingestürzt sein. Also doch ein Hasenversteck? Ich kauerte an den Rand des Lochs und streckte die Hand hinein. Gerade, als ich glaubte, mit den Fingerspitzen etwas zu berühren, spürte ich, wie mich jemand kräftig von hinten boxte. Der Schlag war so stark, dass ich ins Loch kullerte.
Als ich die Augen wieder öffnete, starrte ich in ein menschliches Gesicht. Doch es waren weder die strengen Züge des Lehrers, noch die bärtige Visage des Jägers.
«Was tust du hier, Anneliese?», rief ich aus. Anneliese, das war die Bauerntochter.
«Komm», sagte sie nur und führte mich in eine grosse unterirdische Höhle. Dort lebten und arbeiteten hunderte von Hasen. Sie knabberten an Möhren oder bedienten Baustellenfahrzeuge. In einer Ecke lagen der Jäger und der Lehrer. Sie waren gefesselt und stöhnten, während die Tiere über sie hinweghopsten.
«Hier haben die Hasen sich also versteckt!», rief ich.
Sogar den Bauern sah ich. Er hing an einer Vogelscheuche, die in der von Radspuren durchfurchten Erde steckte. Nur Anneliese war frei und überblickte fröhlich das Treiben. Da wurde ich unsicher. «Und du?», fragte ich. «Gehörst du zu diesen Hasen?»
«Ja», sagte Anneliese. «Aber wir gehören auch zu dir.»
Wieder beruhigt, beobachtete ich die Baustellenfahrzeuge. Eines fuhr so nahe an den Gefesselten vorbei, dass sie ängstlich über den Boden hopsten und dabei selbst ein wenig wie Hasen aussahen.
«Und warum hast du nicht für die Schule gelernt?», wollte ich wissen.
«Einen Palast lasse ich bauen», sagte sie und legte den Arm um mich. «Um wie eine Prinzessin zu leben. Dann muss ich nie mehr in die Schule gehen.»
Sie lächelte und ich lächelte zurück.