Nachts auf Deck

«Unter unseren Füssen schlafen die Piraten», sagte ich, in den Sternenhimmel blickend. Das Deck war ausgestorben, das Meer ruhig. Über dem Mast schien der Mond.
«Und doch hält sich einer verborgen, nachts auf Deck», antwortete eine Stimme. Sie kam aus einem leeren Fass, das jemand vergessen hatte.
«Das sagst du», erwiderte ich. «Aber ob du ein Pirat bist, weiss ich nicht.»
«Und du hältst dich für einen?»
«Wer weiss.» Ich ging zum Fass, hob den Deckel und blickte hinein. Es war jedoch zu dunkel, um etwas zu erkennen. «Bist du ein Pirat?»
«Wer weiss», echote die Stimme schnippisch.
«Wer ist dann der, von dem du sprichst?», fragte ich zurück.
«Das hättest du sein können.»
«Ich verstecke mich also?» Mit diesen Worten beugte ich mich ins Fass hinunter, sodass er mich sehen, gar spüren musste.
Nun blieb die Stimme für eine Weile still. Der Pirat, der keiner war, schien nachzudenken.
«Du hast Recht», meinte er schliesslich. «Hier gibt es keine Piraten.»
«Sie schlafen unter unseren Füssen», ergänzte ich. Damit schloss ich den Deckel des Fasses und ging in Richtung Kajüte.

Der Schatten

«Nein, Sie dürfen hier nicht reinspringen. Wegen der Schwimmer.»
Vom Beckenrand aus blickte ich ins Wasser. Um den Sprungturm zu erreichen, hätte ich die gesamte Länge des Beckens umgehen müssen. Deshalb wollte ich den Weg abkürzen, indem ich quer hindurchtauchte. Im letzten Moment hatte mich der Bademeister daran gehindert. Ich drehte mich widerwillig zu ihm um. Er war dick, trug ein weisses Hemd und weisse Hosen. Unter dem geöffneten Hemdknopf lugte ein Büschel ebenso weisser Brusthaare hervor.
«Da ist niemand», protestierte ich.
«Das meinen Sie», antwortete der Bademeister und zeigte auf einen alten Herrn, der an uns vorüberschwamm. Er schnaufte und würdigte uns keines Blickes. «Aber hier im Hallenband müssen Sie aufpassen. Wie heissen Sie?»
«Warum wollen Sie das wissen?», fragte ich irritiert. «Herr Girard.»
«Also, Herr Girard. Wie mir zu Ohren gekommen ist, treiben sich in letzter Zeit Quallen im Wasser herum.»
«Wie bitte?»
«Ha.» Der Bademeister atmete geräuschvoll aus. «Kleiner Scherz. Benutzen Sie das nächste Mal die Leitern, statt zu springen. Verstanden?»
«Aber ich bin nicht gesprungen», wollte ich antworten. Doch da hatte er seinen Rundgang schon fortgesetzt.
Verstimmt ging ich um das Becken herum und kletterte auf den Sprungturm. Von dort sprang ich mehrere Male ins Wasser. Letzten Abend hatte ich im Fernsehen die wilden Kapriolen der Kunstspringer mitverfolgt. Mein Körper, der eines dreissigjährigen Büroarbeiters, konnte mit der Grazilität der jungen Sportlerinnen natürlich nicht mithalten. Das versuchte ich aber auch gar nicht. In Wahrheit sprang ich nur, um mich vor dem anstrengenden Kilometer zu drücken, den ich mir diesen Winter wöchentlich zu schwimmen vorgenommen hatte.
Als ich das fünfte Mal oben stand, sah ich den Bademeister erneut. Er blickte von seinem Stuhl zu mir hoch und hatte die Hände vor dem Mund zu einem Trichter geformt. Seine Lippen bewegten sich, doch ich hörte nicht, was er rief. Im Glauben, es seien abermals Belanglosigkeiten, wagte ich den Sprung. Er glückte mir nicht. Hinzu kamen ein plötzlicher Schmerz im linken Bein und die leidvolle Ahnung, dass ich just einen Muskel überspannt hatte. Mit verzerrtem Gesicht schwamm ich zur Leiter und kletterte aus dem Becken. Der Bademeister kam energisch auf mich zu.
«Das haben Sie sehr gut gemacht.»
Ich hatte eine Schelte erwartet.
«Aber ich muss Sie sprechen. Haben Sie kurz Zeit?»
Ahnungslos folgte ich ihm in einen abgetrennten Bereich. Durch eine Scheibe konnte er die Vorkommnisse im Hallenbad überblicken. Er setzte sich in einen Bürostuhl, auf dem er nervös hin und her rollte.
«Tut Ihnen das Bein noch weh?»
Er musste meinen hinkenden Gang bemerkt haben.
«Ja.»
«Das ist, weil Sie meinem Schatten begegnet sind.»
Ich sah ihn fragend an.
«Sehen Sie, vor einer Woche bin ich ins Becken gefallen, als ich einen Besucher vor dem Ertrinken rettete. Ich konnte ihn aus dem Wasser hieven, aber als ich selbst aus dem Becken stieg, musste mein Schatten zurückgeblieben sein. Seither treibt er im Wasser sein Unwesen.»
Ich blickte zu den Füssen des Bademeisters. Das Licht im Raum war jedoch zu schwach, um seine Worte zu überprüfen.
«Er mag es nicht, wenn die Leute zu fest plantschen. Deshalb erzähle ich ihnen den Scherz mit den Quallen», erklärte er.
Quallen, noch dazu fiktive, erschienen mir ein ungeeignetes Mittel, um die Leute zu beruhigen. Aber ich ging nicht weiter darauf ein. «Und warum erzählen Sie mir das?»
«Für Ihr Alter scheinen Sie mir unkonventionell, Herr Girard. Mit Ihren Sprüngen und Ihren Ideen. Deshalb dachte ich, Sie könnten mir helfen.»
«Wobei?»
«Na, den Schatten wieder einzufangen.»
«Was? Und wie wollen Sie das tun?», fragte ich mit höflicher Überraschung. In Wahrheit hatte ich ihn längst durchschaut. Ein Irrer, dem das Wasser zu Kopf gestiegen war.
«Kommen Sie zu mir, wenn das Hallenbad schliesst. Dann lassen wir uns etwas einfallen. In Ordnung?»
«Alles klar», erwiderte ich. «Soll ich etwas mitnehmen?»
«Nein, Ihr Mut und Ihr Verstand reichen.»

Natürlich würde ich nicht auf einen Irren hören. Als das Signal der baldigen Schliessung erklang, ging ich deshalb so rasch wie möglich zu den Duschen, zog mich um, packte meine Sachen ein und strebte in Richtung Ausgang.
«Wo wollen Sie hin?»
Der Bademeister stand vor dem Drehkreuz.
«Ich wollte ein wenig frische Luft schnappen», log ich.
«Das können Sie auch nachher. Kommen Sie», drängte er.
Mir blieb keine andere Wahl. Ich folgte ihm am Duschbereich vorbei zu einer Tür, die in den durch Glasscheiben abgetrennten Raum von vorhin führte. Durch die Scheibe sah ich auf das Sprung- und das Schwimmbecken. Sie waren beide leer; die Wasseroberfläche spiegelglatt.
«Wo ist jetzt der Schatten?», fragte ich ungeduldig. Ich wollte ihn so schnell wie möglich zur Vernunft bringen und nach Hause gehen. So hoffte ich, meine Frage würde ihn verunsichern.
«Er taucht nicht einfach so auf. Wir müssen ihn reizen.»
«Und wie?»
«Warten Sie schnell.» Der Bademeister verschwand durch dieselbe Tür, durch die wir gekommen waren. Diesen Moment hätte ich zum Verschwinden nutzen können – aber wie ich mir unwillig eingestehen musste, begann mich die Sache zu interessieren; ich hielt den Schatten für das Symptom einer seltenen Wahrnehmungsstörung. Der Bademeister kam wieder. Über seiner Schulter trug er einen unförmigen Sack mit Wasserbällen. Da ich die Ausführung eines kruden Plans befürchtete, bei dem ich eine unangenehme Rolle spielte, fragte ich ihn aus.
«Ich will mehr über den Schatten erfahren. Ist Ihnen das schon einmal passiert?»
«Ja», gestand er ein. «Als Kind. Damals verlor ich ihn, als ich auf einen Baum kletterte. Er fiel zu Boden wie ein fauler Apfel, während ich in den Ästen hing. Können Sie sich mein Entsetzen vorstellen?»
«Was taten Sie dann?»
«Ich sprang sofort hinunter. Zum Glück bewegte er sich nicht von der Stelle und ich konnte ihn mit den Füssen festnageln. Seither hatte er sich nicht mehr selbständig gemacht – bis jetzt. Ich fürchte, diesmal wird die Sache viel schwieriger. Sind Sie bereit?»
Er drückte mir den Sack mit den Bällen in die Arme.
«Was soll ich tun?»
«Sie steigen auf den Sprungturm und werfen die Bälle hinab. Der Schatten wird aus seinem Schlaf geschreckt und nach oben tauchen. Dann fange ich ihn mit diesem Netz ein.» Der Bademeister streckte ein Netz an einer Stange in die Höhe, wie man sie beim Fischen verwendet.
Obwohl ich über die Vorstellung, der Schatten schliefe, lächeln musste, tat ich, was er verlangte. Ich kletterte also auf den Turm und öffnete den Sack mit den Bällen. Nacheinander warf ich sie hinunter, die mit einem lauten Platschen im Wasser landeten und auf der Oberfläche trieben. Um dem Bademeister die illusorische Arbeit zu erleichtern, warf ich sie möglichst nah an den Beckenrand, wo er sich mit dem Fangnetz bereit gemacht hatte.
Wie erwartet, geschah nichts. Die Bälle trieben langsam im Wasser dahin, wie Bojen, die in einem verlassenen Hafen auf ein Schiff warteten. Die Reaktion des Bademeisters hingegen kündete vom Gegenteil: Zuerst reckte er den Hals, dann begann er mit dem Netz wie wild in meine Richtung zu fuchteln. Ich sah genauer ins Wasser, konnte jedoch immer noch keinen Schatten entdecken. Was ich stattdessen sah, war, dass sich die Bälle in Bewegung setzten. Zunächst wurden zwei für kurze Zeit unter Wasser gedrückt, bevor sie wieder an die Oberfläche schossen. Daraufhin verschwanden vier, fünf Bälle gänzlich, und an ihrer Stelle drangen Blasen hoch. Schliesslich trieb etwas zum Bademeister – eine zerbissene Ballhülle.
«Dort ist er! Er frisst die Bälle!», schrie er mit Euphorie und Angst zugleich. Sofort folgte ich seinem Fingerzeig – ausser einer grossen, zerplatzenden Blase konnte ich jedoch nichts erkennen. Wenn auch nichts darauf hindeutete, was diese Phänomene verursachte, gewöhnlich waren sie bestimmt nicht. Beunruhigt überlegte ich, vom Turm zu steigen, da rief der Bademeister: «Girard! Helfen Sie mir!»
Das erleichterte mir die Entscheidung. Während ich die Stufen hinunterkletterte, beobachtete ich, wie er mit dem Fangnetz durch das Wasser fuhr. Als er einer der Blasen zu nahe kam, riss etwas am anderen Ende der Stange. Er verlor das Gleichgewicht und fiel ins Becken. Sofort rannte ich dorthin, wo das Netz trieb.
Nichts regte sich. Er schien verschwunden. –
Da hörte ich ein Keuchen. Der Bademeister lag am gegenüberliegenden Beckenrand und hustete. Wie war er dorthin gelangt? Als ich zu ihm kam, war er bereits aufgestanden. Seine weissen Kleider trieften vor Nässe, und die Haare tropften. Zu meiner Überraschung machte er jedoch einen entspannten Eindruck.
«Geschafft», sagte er. «Sehen Sie.» Er drehte sich einmal um die Achse. Ich blickte zu Boden, und dort war er, sein Schatten. Wegen der Beleuchtung hatte er weniger die Form einer menschlichen Gestalt, als vielmehr eines Durcheinanders mehrerer dunkler Flecken.
«Danke, dass Sie mir geholfen haben, Herr Girard.»
«Nicht der Rede wert», erwiderte ich. Dann sah ich zu den Bällen. Sie bewegten sich nicht.
«Er hat zu viel gefressen. Darum konnte ich ihn einfangen», erklärte der Bademeister.
«Gut …», murmelte ich.
Verstohlen blickte ich erneut zu seinem Schatten. Ich wurde mit mir nicht einig, ob er schon zuvor dort gewesen war, oder ob ich ihn einfach nicht bemerkt hatte.
«Dann also eine gute Heimfahrt», meinte er fröhlich.
«Sie bleiben hier?»
«Nur eine Weile. Das schwere Essen liegt ihm im Magen. Auf Wiedersehen.» Der Bademeister winkte mir zu, während ich verunsichert zum Ausgang lief.