Hasen

Meine Kurzgeschichte „Hasen“ erschien kürzlich auf der Webseite des Magazins Delirium. Hier ist sie nochmals zu lesen:

Der Lehrer lag mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze. Sie hatte sich in einer der Kuhlen im Feld gebildet, welche die Reihen der Maisstöcke voneinander trennten. Als ich vor ihm stand, hob er den Kopf und wischte sich einen Dreckklumpen von der Stirn.
«Was tun Sie hier?», fragte er.
«Ich war auf dem Weg zum Bauernhof», sagte ich. «Wollte eine Abkürzung nehmen und bin durch das Feld gegangen.»
Der Lehrer nickte, rappelte sich auf und schwankte.
«Und was tun Sie hier?», fragte ich zurück. Uns der seltsamen Fügung anvertrauend, hatten wir unsere Schritte in Gleichklang gebracht und gingen nun nebeneinander her.
«Die Bauerntochter hat schlechte Noten geschrieben.»
«Die wollte ich eben besuchen», erwiderte ich.
Da wir den Bauernhof wegen der hohen Maispflanzen nicht sahen, gingen wir in die ungefähre Richtung, in der wir ihn vermuteten. Wir stiegen quer über die Erdfurchen hinweg. Gestern hatte es geregnet, und unsere Füsse versanken im Dreck. Wir waren lange unterwegs und kamen nur schlecht voran. Nach einer geraumen Weile hörten wir ein Brummen. Als das Brummen immer lauter wurde, zog mich der Lehrer hinter eine Maispflanze.
Zwischen den Pflanzen brach ein Auto hervor. Der Wagen, ein robuster Toyota, war dreckbespritzt. Ein Mann stieg aus. Er trug einen Filzhut, dicke Hosen und feste Stiefel. Ein Jäger. Sein Gewehr hatte er über die Schulter gelegt.
«Guten Abend», sagte er. Hinter dem dürftigen Versteck hatte er uns leicht erspäht.
Ich legte die Hand über die Stirn und schaute in den Himmel. Tatsächlich war bereits der Abend hereingebrochen, obwohl wir uns am frühen Nachmittag aufgemacht hatten.
«Was suchen Sie hier?», wollte der Jäger auch wissen.
Der Lehrer erklärte seine Situation. Als er dieselbe Frage an den Jäger stellte, behauptete dieser, der Bauer hätte ein Hasenproblem. Ich musste bei dem Wort ein wenig lachen. Der Jäger schielte missbilligend in meine Richtung.
Zu Dritt marschierten wir durch das Feld. Die Maispflanzen wuchsen immer höher und versperrten uns jegliche Sicht. Über unseren Köpfen flogen die Krähen. Ab und zu landeten sie auf den Kürbisköpfen von Vogelscheuchen, die uns mit ihren ausgestreckten Armen den Weg wiesen. Der Jäger zielte auf die Vögel. Sie flogen krächzend davon.
Als die Nacht hereinbrach, waren wir unserem Ziel nicht näher gekommen. Auf alle Seiten hin streckten sich Maisstauden in die Dunkelheit. Der Mond warf fahle Schatten.
Wir mussten auf den nächsten Morgen warten. Deshalb suchten wir uns einen freien Platz zwischen den Pflanzen und zündeten ein Feuer an. Als Brennmaterial dienten uns verwelkte Blätter. Der Lehrer warf einen Maiskolben in die Flammen.
«Das Hasenproblem ist grösser, als ich bisher angenommen habe», sagte der Jäger nach einer Weile. «Da haben Sie Recht», pflichtete der Lehrer ihm bei.
«Ja?», fragte ich ihn erstaunt.
«Ich lag ja nicht ohne Grund in der Pfütze», führte er aus. «Etwas hatte mich am Kopf getroffen und mich zu Boden geworfen. Das war bestimmt einer dieser Hasen. Als Sie auftauchten, musste er davongehoppelt sein.»
Der Maiskolben knisterte im Feuer.
«Die schlechten Noten der Bauerntochter haben wahrscheinlich auch etwas mit dem Hasenproblem zu tun», behauptete der Jäger.
«Ja», sagte der Lehrer. «Der Bauer hat keine Zeit mehr, sich um sie zu kümmern. Immer muss er sich um die Hasen kümmern.»
«Ich habe hier noch nie einen Hasen gesehen», warf ich ein.
«Weil Sie immer in den Himmel starren. Dann sehen Sie die Hasen auch nicht», wies mich der Jäger zurecht.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Pfeifen geweckt. Ich öffnete die Augen und sah auf die verkohlten Reste des Feuers. Es war kühl und ich fröstelte. Der Jäger stand abseits, pfiff und blickte um sich. Dann drehte er sich zu mir um und sagte: «Der Lehrer ist verschwunden.»
Bis zum Mittag suchten wir ihn erfolglos. Als die Luft allmählich zu heiss wurde, schlug ich vor, zum Auto zurückzukehren, doch mein Gefährte winkte energisch ab.
«Wir müssen weiter», sagte er. «Der Bauer wartet auf uns.»
«Was ist mit dem Lehrer?»
«Der kommt schon alleine zurecht.»
Da ich insgeheim dasselbe dachte, beschloss ich, dem Jäger zu vertrauen und stapfte ihm hinterher.
Wieder verging ein halber Tag, an dem wir kein Stück weiter kamen. Egal, wie lange wir durch das Feld marschierten, schienen wir uns kaum vom Fleck zu bewegen. Der Bauernhof kam nicht in Sicht, ebenso wenig das Ende der Maisstauden.
Gegen Abend begannen wieder die Krähen über unseren Köpfen zu kreisen. Der Jäger zielte mit dem Gewehr in den Himmel und gab einen Schuss ab. Laut krächzend zerstreuten sich die Vögel.
Als die Nacht hereinbrach, entfachten wir wieder ein Feuer. Diesmal warf niemand einen Maiskolben hinein.
Da ich nichts Besseres zu tun wusste, fing ich an zu reden: «Ich habe immer noch keinen Hasen gesehen.»
Der Jäger antwortete nicht.
«Wenn das Problem wirklich so schlimm ist, wie Sie sagen», fuhr ich fort, «sollten wir dann nicht längst einem begegnet sein?»
«Den Hasen begegnet man nicht einfach so», sagte er mürrisch. «Man muss aufpassen.»
Ich fragte ihn nicht weiter aus.

Am folgenden Tag war auch der Jäger verschwunden. Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Stiefelabdrücke führten von der Feuerstelle weg, direkt zwischen den Maisstöcken hindurch. Ich folgte den Abdrücken. Sie endeten vor einem dunklen Loch, das sich in der Erde auftat. Verwundert blickte in die Schwärze. Der Jäger musste hier hineingestürzt sein. Also doch ein Hasenversteck? Ich kauerte an den Rand des Lochs und streckte die Hand hinein. Gerade, als ich glaubte, mit den Fingerspitzen etwas zu berühren, spürte ich, wie mich jemand kräftig von hinten boxte. Der Schlag war so stark, dass ich ins Loch kullerte.
Als ich die Augen wieder öffnete, starrte ich in ein menschliches Gesicht. Doch es waren weder die strengen Züge des Lehrers, noch die bärtige Visage des Jägers.
«Was tust du hier, Anneliese?», rief ich aus. Anneliese, das war die Bauerntochter.
«Komm», sagte sie nur und führte mich in eine grosse unterirdische Höhle. Dort lebten und arbeiteten hunderte von Hasen. Sie knabberten an Möhren oder bedienten Baustellenfahrzeuge. In einer Ecke lagen der Jäger und der Lehrer. Sie waren gefesselt und stöhnten, während die Tiere über sie hinweghopsten.
«Hier haben die Hasen sich also versteckt!», rief ich.
Sogar den Bauern sah ich. Er hing an einer Vogelscheuche, die in der von Radspuren durchfurchten Erde steckte. Nur Anneliese war frei und überblickte fröhlich das Treiben. Da wurde ich unsicher. «Und du?», fragte ich. «Gehörst du zu diesen Hasen?»
«Ja», sagte Anneliese. «Aber wir gehören auch zu dir.»
Wieder beruhigt, beobachtete ich die Baustellenfahrzeuge. Eines fuhr so nahe an den Gefesselten vorbei, dass sie ängstlich über den Boden hopsten und dabei selbst ein wenig wie Hasen aussahen.
«Und warum hast du nicht für die Schule gelernt?», wollte ich wissen.
«Einen Palast lasse ich bauen», sagte sie und legte den Arm um mich. «Um wie eine Prinzessin zu leben. Dann muss ich nie mehr in die Schule gehen.»
Sie lächelte und ich lächelte zurück.

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Salamander

Das vergangene Jahr war intensiv – allerdings eher in akademischer als literarischer Hinsicht. Nach „Im Krater“ folgte aufgrund von universitären Verpflichtungen vor allem in der zweiten Jahreshälfte eine längere Schaffenspause. Ganz untätig konnte ich trotzdem nicht bleiben: Seit September erscheint in mehr oder weniger regelmässigen Abständen mein Fortsetzungsroman SALAMANDER auf der Webseite des Delirium-Magazins. Der Roman befindet sich laufender Bearbeitung: zwei Kapitel sind online, ein drittes geschrieben, und ein viertes wird voraussichtlich im Februar aufgeschaltet. Wie intensiv ich in den nächsten Monaten dranbleiben kann, wird sich zeigen müssen – die Masterarbeit bzw. der Studienabschluss wird mich im Frühling ebenfalls beschäftigen.

SALAMANDER

Eine Stelle im Orchester – davon träumt der junge Pianist Flavio Linder. Die Hoffnung auf ein Empfehlungsschreiben führt ihn ins Haus des ehemaligen Dirigenten Mátyás Kovács. Doch der scheint sich überhaupt nicht mehr mit Musik, sondern dem Bau von Drohnen zu beschäftigen. Zudem ist da seine Tochter, die Ähnlichkeiten mit einer französischen Nationalheldin zu haben glaubt. Und wer oder was ist der Salamander?

Das erste Kapitel
Das zweite Kapitel
Das dritte Kapitel

Im Krater: Rezensionen

Rezensionen meines Debütromans „Im Krater“ im Netz:

– Rezension des „Schweizer Buchjahrs: „Crashing into Mittelland
– Rezension im St. Galler Tagblatt: „Der jüngste Riss in der Wirklichkeit
– Radiosendung „Drall – das junge Literaturmagazin“: Podcast vom 20.12.17 auf Kanal K
– Coucou – Kulturmagazin Winterthur: „Lies mal: Im Krater

Weitere Pressetexte über mein Kantonsschultheater, den Kurzgeschichtenband „Der Graben“ und „Das Kaninchen und der Stein“ finden sich hier.

Im Krater: Vernissage in Zürich

Hier auch besser spät als nie: Seit Anfang November ist mein Debütroman „Im Krater“ endlich käuflich erhältlich …

Im Krater

… und im Karton bei mir angekommen.

Und neu steht jetzt auch Ort und Zeit für die Vernissage (siehe FB) fest:

Buchhandlung „Material“
Klingenstrasse 23, 8005 Zürich
Beginn: 19:30 Uhr
Eintritt: 5 Fr.-

Moderation: Cédric Weidmann

Den Krater gibt es in jeder Buchhandlung mit gut sortierter CH-Literatur-Abteilung, oder ist online ganz einfach bei Waldgut zu bestellen.

 

Orte

Die Schweizer Literaturzeitschrift orte feiert in den 192. Ausgabe Bruder Klaus. Im Heft ist auch ein kurzer Beitrag von mir zu lesen:

Delirium Nr. 8

Zwei Texte von mir – eine Kurzgeschichte und ein Fantastik-Essay – sind im neuen Delirium Nr. 8 erschienen. An der Uni Zürich sowie in ausgewählten Buchhandlungen in Zürich, Winterthur u.a. gratis erhältlich.