In der Rathausgasse

Der Mann stürzte, als die kleine Glocke über dem Rathaus zwei Mal schlug. Ich sass gerade im Café und war ausser Dienst, darum beobachtete ich mit wachsendem Unmut, wie mehrere Passanten an dem Verunfallten vorübergingen, ohne sich um ihn zu kümmern. Er war in einen blauen Regenmantel gekleidet und lag reglos neben seinem Fahrrad. Bei dem Tempo, mit dem er in die Gasse eingebogen war, hatte so etwas ja passieren müssen. Seufzend steckte ich das Magazin weg, legte den Löffel neben die Kaffeetasse und trat nach draussen. Wenn ihm niemand zu Hilfe eilte, musste es eben ich tun. Ohne auf den Nieselregen zu achten, der meinen Kopf kitzelte, beugte ich mich über ihn. Die Kapuze des blauen Regenmantels war nach hinten gerutscht und enthüllte einen Mittvierziger mit grauem Haaransatz. Die Brille war ihm vom Gesicht gefallen. Ich hob sie auf, kontrollierte, ob sie noch ganz war, und rüttelte den Mann daraufhin leicht an der Schulter. Allmählich kam er stöhnend zu sich; der Sturz schien ihn ganz durcheinandergebracht zu haben.
«Wer sind Sie?»
«Hans Jäggi. Kantonspolizist», stellte ich mich vor. «Sie sind gestürzt. Wo wollten Sie so schnell hin?» Ich wies auf das Fahrrad.
Das Übliche: beim Wort «Kantonspolizist» vergass mein Gegenüber, dass ich ihm eine Frage gestellt hatte, und schaute mich mit ängstlichem Misstrauen an.
«Sie fuhren sehr schnell», fügte ich hinzu. «Können Sie aufstehen?»
Der Mann beantwortete die Frage, indem er sich hastig aufrappelte und mir die Brille aus der Hand riss. «Das ist keine Fussgängerzone», erwiderte er daraufhin bockig.
«Das ist mir bewusst», antwortete ich. «Trotzdem sollten Sie das nächste Mal besser aufpassen.»
«Ja», sagte er und entfernte sich in aller Eile, das Fahrrad neben sich herschiebend.

«Das war unsere erste Begegnung. Erinnern Sie sich?»
«Daran, dass ich Sie beim Kaffeetrinken störte, erinnere ich mich nicht, nein.»
«Sie wollten doch, dass ich die Dinge aus meiner Sicht schildere, Herr Hubacher.»
Hubacher sass mit dem Rücken zur Wand gelehnt auf der Pritsche. Er verzog das Gesicht und mass die Zelle, in die man ihn zur Untersuchungshaft eingesperrt hatte, mit wenigen Blicken ab.
«Sie müssen sich keine Sorgen machen», versuchte ich ihn zu beruhigen.
«Ja? Dann halten Sie also das, was geschehen ist, für normal?»
«Gerade war ich dabei, das mit Ihnen zu klären.» Ich wurde ungeduldig.
«Klären? Wenn das so weitergeht, halte ich dies für unwahrscheinlich», spottete er.
«Dann beende ich also unser kleines inoffizielles Gespräch und lasse ich Sie mit Ihren Gespenstern allein.»
Hubacher stöhnte gequält auf. «Nein, bitte. Klären Sie mich auf.»

Auf dem Nachhauseweg dachte ich nicht weiter über den Vorfall nach. Gestern war ich einem halben Dutzend solcher kleiner Verstösse gegen das Verkehrsreglement über den Weg gelaufen. Wobei der Mann Recht hatte: In der Rathausgasse herrschte im Grunde kein Fahrverbot – allein zählte das Nichtbeherrschen des Fahrzeugs gemäss Artikel 31 des SVG als Strafbestand; zudem hätte er bei dem waghalsigen Manöver leicht andere Verkehrsteilnehmer gefährden können. Aber ich war müde und hatte keine Lust mehr, darüber nachzudenken.
Zuhause schaltete ich den Fernseher ein und öffnete ein kühles Bier. Die ersten Schlucke geniessend, zappte ich durch das Programm. Die Tagesnachrichten überging ich und sprang zu den Spielfilmen. Im ersten ging es um einen Haiangriff. Der Hai wollte jedoch nicht in die Gänge kommen, so schaltete ich in der Hälfte zum nächsten Film. Dieser wiederum war in der Handlung so weit fortgeschritten, dass ich nicht begriff, warum sich die Helden auf dem Dach eines Hochhauses prügelten. Zum Glück gab es in unserer kleinen Stadt nicht viele Hochhäuser, sonst wäre bestimmt jemand auf die Idee gekommen, die Szene nachzuspielen.

«Das ist doch lächerlich.»
«Wir hatten schon solche Fälle.»
«Und Sie denken, Ihr abendliches Filmprogramm hat etwas mit uns zu tun?»
«Mehr, als Sie glauben.»
«Ja? Dann sage ich Ihnen, was ich glaube: Die Polizei sollte die Rathausgasse grossräumig absperren und sofort jedes Haus durchsuchen, bis sie den Schuldigen gefunden hat.»
«Sprachen Sie vorher nicht von Gespenstern? Dürfte schwer sein, die zu fangen.»
Herr Hubacher wurde wieder nervös.

Am nächsten Tag trat ich abermals den Dienst an. Vormittags gab es Büroarbeit zu erledigen, nachmittags ging ich erneut auf Verkehrskontrolle. Nach einer Stunde erhielt ich eine Meldung von einer Kollegin, die gerade in der Altstadt unterwegs war. Sie hatte Probleme mit zwei Jugendlichen, die mit ihren Skateboards die Besucher eines Restaurants störten. Der Restaurantbesitzer hatte die beiden schon mehrmals gebeten sich zu entfernen, ohne Erfolg. Schliesslich hatte er die Polizei gerufen. Als ich hinzukam, waren meine Kollegin und einer der Jugendlichen in eine Auseinandersetzung verwickelt. Der Junge trug eine grüne Kappe und ein T-Shirt mit einem Blitz, wohl eine überteuerte Kleidermarke. Während er aufgebracht gestikulierte, stand sein Freund, ein dünner Hänfling, mit gesenktem Blick daneben.
«Was ist hier los?», fragte ich.
Meine Kollegin seufzte. «Der will mir weismachen, er habe etwas gesehen.»
«Was gesehen?», fragte ich.
Der Junge wies nach oben. «Dort.»
An der Ecke des nahen Gebäudes hing ein alter Eisenkäfig. Ob er früher zur Blossstellung für Verbrecher verwendet worden war oder einfach nur dort hing, wusste ich nicht, aber er regte zur Fantasie an.
«Ein Gespenst», brach der Hänfling hervor.

Herr Hubacher sprang erregt auf, als hätte er die Lösung eines Rätsels gefunden. «Sehen Sie?», rief er. «Das war der Grund, weshalb ich gestürzt war! Ich fuhr aus der Kirch- in die Rathausgasse, und da war diese grässliche Gestalt im Käfig, die ihre Arme nach mir ausstreckte! Ich schaute die Fassade hoch, und im nächsten Augenblick lag ich am Boden.»
«Und warum haben Sie mir davon bei unserem ersten Treffen nichts erzählt?»
«Ich hatte Angst», stotterte Hubacher.
«Und wie kommt es, dass die Jugendlichen das Gespenst anscheinend auch sahen, aber die zahlreichen Restaurantbesucher und Passanten nicht? Scheint Ihnen da nicht etwas faul an der Geschichte?»
«Manche sehen es, manche nicht. Und Sie gehören als Ordnungshüter natürlich zu den letzteren», belehrte mich Hubacher, die Augen verdrehend.

Der Tag wurde nicht besser. Weil nächste Woche die Herbstferien bevorstanden, schienen die Leute besonders aufgereizt. Ein Falschparker, den ich in flagranti erwischte, wollte sich auf Diskussionen einlassen, ebenso ein Motorradfahrer, der das gut sichtbare Fahrverbot missachtete und sich durch eine der gepflasterten Nebengassen der Altstadt zwängte. Bei Dienstschluss war ich so aufgerieben, dass ich ein Bier brauchte. Da ich mich noch an die Begegnung mit dem unfreundlichen Mann im blauen Regenmantel erinnerte und keine Lust hatte, erneut aus dem Feierabend gerissen zu werden, ging ich in eine Bar drei Strassen weiter. Hier war ich sonst nie, somit herrschte keine Gefahr, belästigt zu werden. Ich setzte mich an den Tresen und bestellte ein dunkles Bier. Trotz der gelösten Stimmung blieb die Bar relativ leer, auch, als draussen längst die Dunkelheit hereingebrochen war. Der Barkeeper, etwa halb so alt wie ich, fing ein Gespräch an. Zum Glück wollte er nicht über Verkehr, sondern über Biersorten reden. Wir verloren uns in Fachsimpeleien, bis er auf einmal den Blick zur Wanduhr hob und halb erschrocken meinte, die Bar würde in zehn Minuten schliessen. Ich bedankte mich für die Plauderei, zahlte und trat in die Nacht hinaus. Es musste wieder kurzweilig geregnet haben, denn der Asphalt war feucht.

«Warum müssen Sie immer abschweifen? Das hat überhaupt nichts mit der Sache zu tun», beschwerte sich Herr Hubacher.
«Sie haben keine Geduld», erwiderte ich.
«Und? Wollen Sie mich noch lange auf die Folter spannen? Haben Sie das Gespenst nun gesehen oder nicht?»
«Diese Frage haben Sie schon für sich selbst beantwortet. Warum soll ich mich also beeilen, nochmals zu antworten?»
«Sie haben nichts gesehen», schloss Hubacher resigniert.
«Doch.»
«Doch? Was heisst das, doch?»
«Einen Mann habe ich gesehen. Ich schätze, er war in Ihrem Alter, schlich verdächtig durch die Gassen. Wissen Sie wohl, wer das sein mochte?»
«Sehr witzig», brummte Hubacher.

Nach einer Weile bog ich in die Rathausgasse ein. Kurz nach Mitternacht war sie leer, kein Licht brannte in den Fenstern. Die Stimmung schien fast winterlich; nur die sternenförmige Beleuchtung, die Ende Jahr zwischen den Fassaden hing, fehlte. Langsam schlenderte ich an dem Restaurant vorbei, vor dem die Jugendlichen mit ihren Skateboards herumgelungert waren. Ich schaute hoch zum Käfig an der Strassenecke. Wenn man dort oben jemals Verbrecher ausgestellt hatte, was ich bezweifelte, hatten sie bestimmt Besseres zu tun, als in ihr enges Gefängnis zurückzukehren und Leute zu erschrecken. Ich ging weiter in Richtung Rathaus, als ich ein Geräusch hörte. Neugierig wandte ich den Kopf. Da schlich zwar kein Gespenst umher, aber ein Mann mit Kapuze. Er machte einen verdächtigen Eindruck; unter dem Arm trug er eine Klappleiter, wie man sie für Reparaturarbeiten oder Ähnliches benutzte. In der anderen Hand hielt er einen Besen umklammert. Im Licht der Strassenlaterne stellte er die Leiter ab und verschnaufte für einen Moment. Jetzt erkannte ich ihn wieder: Es war der Mann im blauen Regenmantel, mit dem ich gestern ein so unerfreuliches Zusammentreffen hatte. Ich blieb stehen und beobachtete, wie der Mann die Leiter unter den Käfig stellte, die Stufen hochkletterte und begann, mit dem Besen lautstark gegen die Gitterstäbe zu klopfen. Dabei verursachte er einen solchen Lärm, dass allerorts die Lichter angingen.

«Sie verstehen, warum ich eingreifen musste?»
«Nein», brummte Herr Hubacher. «Es ist mein Recht als Bürger …»
«Erst einmal haben Sie für Ruhestörung gesorgt. Dann hätten Sie beinahe den Käfig von seiner Befestigung gerissen. Und wissen Sie, was der grösste Fehler war?»
«Was?»
«Einfach wegzurennen, als ich mit Ihnen sprechen wollte. Das hätte Ihnen einiges an Unannehmlichkeiten erspart.»
«Trotzdem haben Sie keinen Grund, mich hier festzuhalten.»
Ich zuckte mit den Achseln. «Das sehen meine Kollegen anders. Aber kommen wir zur Sache.»

Als ich näher ging, wurde der Mann auf mich aufmerksam, aber er hörte nicht auf, gegen das Gitter zu klopfen. Im Gegenteil, er schlug noch stärker gegen die Stäbe und fluchte laut.
«Aufhören», befahl ich harsch.
Ob der Täter mich ebenfalls erkannte, wusste ich nicht, doch sein Gesicht verzerrte sich vor Wut.
«Sehen Sie nicht? Ein Gespenst», schrie er. Weitere Lichter gingen an.
«Kommen Sie da runter, sofort», sagte ich und packte den Mann am Saum der Jacke. Darauf schien er nicht gefasst, denn er taumelte für einen Moment – bis er sich wieder fing und mit dem Besenstiel nach mir schlug. Ich liess los, worauf er von der Leiter sprang und davonrannte. Ich machte mir nicht die Mühe, ihm nachzufolgen, sondern telefonierte mit den Kriminalbeamten. Diese griffen ihn eine Viertelstunde später in Bahnhofsnähe auf. Wie ich später erfuhr, hatte er sich heftig gewehrt und ständig von einem Gespenst deliriert.
Was mich angeht – ich eilte nach dem Telefonat wieder zur Polizeiwache. Am Ende der Rathausgasse angekommen, fiel mir ein, dass ich den Besen auf der Strasse liegengelassen hatte. Ich drehte mich um und wurde ein seltsames Schauspiel gewahr: Im Käfig hockte eine zusammengekrümmte, nackte Gestalt mit langen Haaren und noch längeren Armen. Sie streckte ihre Klauenfinger nach dem Besen aus, bekam ihn zu fassen und stopfte ihn zwischen die Zähne. Ein lautes Schmatzen, ein Rülpser, und der Besen war verschwunden. Ich rieb mir die Augen.

«Also doch!», schrie Herr Hubacher triumphierend. «Sie taten die ganze Zeit so, als würde ich Lügen erzählen, dabei haben Sie …»
«… Unsinn erzählt», erklärte ich. «Tut mir leid.»
«Was? Was soll das heissen? Soeben sagten Sie …»
«Ich liess mich zu einem Witz hinreissen, das ist alles. Da war kein Gespenst.» Ich schaute auf die Uhr. «Wie auch immer, ich bin schon viel zu lange hier und würde gerne nach Hause gehen.»
«Nein!», heulte Hubacher. «Das mit dem Gespenst können Sie sich doch nicht einfach so ausgedacht haben!»
«Und warum nicht?», fragte ich. «Sie scheinen doch auch ziemlich gut darin, sich Dinge auszudenken.»
«Aber wie können Sie dasselbe denken wie ich?»
«Das lernt man», erklärte ich.
Hubacher stierte mich enttäuscht an.
Ich seufzte. «Nun. Alles Weitere klären Sie ab jetzt mit den anderen Beamten.» Ich wandte mich ab. «Auf Wiedersehen.»

Das Skelett

Begegnet war ich ihm eines Abends im Innenhof des Hauptgebäudes. Da die Studenten den Hof oft für Kundgebungen oder künstlerische Aktionen nutzten, hielt ich das Knochengerüst, das an einem der Rundtische sass, für das Überbleibsel eines politischen Protests. Ich hatte bis kurz vor der Schliessung des Gebäudes im Computerraum gearbeitet und war auf dem Weg zum Ausgang, als mir der Schädel mit seinen leeren Augenhöhlen nachblickte.
«Da kommt noch einer», sagte das Skelett. «Wohin des Weges?»
«Nach Hause», erwiderte ich konsterniert.
«So? Solltest du nicht lieber an der Universität bleiben und weiterlernen?»
«Das Gebäude schliesst bald.»
«Und?» Das Skelett schüttelte den Schädel, sodass der Unter- gegen den Oberkiefer schlug. «Zu meiner Zeit gab es noch keine Universitäten, trotzdem liessen wir uns nicht vom Lernen abhalten.»
«Wann war die denn, deine Zeit?»
Das Skelett grübelte nach, indem es die Hände auf den Tisch stützte. «Vergessen», murmelte es nach einer Weile beschämt.
«Gehen wir zu mir nach Hause und finden es heraus», schlug ich vor.

Zuhause durchforsteten wir viele archäologische Artikel, aber nirgends fand sich ein Hinweis auf eine etwaige Ausgrabungsstätte in der Nähe. Ich geriet auf den Gedanken, das Skelett sei jüngeren Datums und ganz einfach dem örtlichen Friedhof entstiegen – denn die Knochen wirkten relativ frisch – als ich einen Seufzer hörte. Es hatte sich mit einem Philosophiebuch in die Ecke gesetzt.
«Was liest du da?», fragte ich verärgert. Statt zu helfen, wollte es sich bloss vergnügen.
Ich riss dem Skelett das Buch aus der Hand und las die aufgeschlagene Seite. Da stand Platons Höhlengleichnis.
«Da kommen bloss Schatten und keine Knochen vor», bemerkte ich und stellte das Buch zurück ins Regal.
Das Skelett erwiderte nichts, seufzte nur.
«Was ist?»
«Im Vergleich zu den alten Meistern sind wir nichts», sinnierte es.
Das verärgerte mich nun noch mehr, ja, verdarb mir ganz die Suche nach Antworten.
«Gehen wir schlafen. Vielleicht finden wir morgen etwas», sagte ich.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen und starrte an die Decke. Jetzt bereute ich es, das Skelett mit nach Hause genommen zu haben. Denn wenn ich ehrlich war, ich hatte gehofft, es sei ebensolch ein alter Meister, von dem ich etwas lernen konnte. Aber nun streckte es vor Platon die Knochen. Ich beschloss, der Sache ein Ende zu machen. So stand ich auf, ging hinüber zum Bett, wo das Skelett schlief, und brach ihm die Knochen ab. Es stöhnte leise, wachte aber nicht auf. Ich machte weiter, bis nur noch der Schädel übrig blieb. Am nächsten Tag verteilte ich die einzelnen Knochen je an unterschiedliche Hunde, die freudig bellten und mit der Beute im Maul davonliefen.
«So habe ich das nicht gemeint», greinte der Schädel, als ich ihn zuletzt auf die Wiese legte. «Wir sind nicht nichts.»
Darauf rannte ein kleiner Terrier herbei und bereitete der Klage ein Ende.

Im Kraftwerk

Über Nacht hatte sich die Wasserqualität der Aare massiv verschlechtert. Ich wurde zu Rate gezogen, als man vor der Insel stinkende Blasen aufsteigen sah. Kein gutes Zeichen. Die Ursache vermuteten die Arbeiter, welche die Brücke über den Fluss ausbesserten, im stillgelegten Kraftwerk gegenüber der Insel. Nach kurzer Absprache mit dem zuständigen Stromversorgungsunternehmen wurde entschieden, dass ich mir die Sache ansehen sollte. Mein Vater hatte früher im Kraftwerk gearbeitet, als ich ein kleines Kind war, so kannte ich die Räume mit ihren Rohren vom Hörensagen. Aber als ich durch die alte Metalltüre in das Maschinenhaus trat, erwartete mich nicht das Bild, das ich mir stets erträumt hatte. Die Turbinen waren von Rost zerfressen, ebenso die Generatoren, die wie Ungetüme in der Stille schlummerten.
Ausserdem lag in der Mitte der Halle ein riesiger, aufgeblähter Fisch.
Er war wirklich riesig: sein Volumen betrug mindestens das von zehn Gymnastikbällen. Unentwegt blinzelte er mit den Augen und flappte mit den kleinen Flossen. Wasser schien er keines zu benötigen; anders konnte ich mir zumindest nicht erklären, wie er in diese Halle gekommen war.
«Ich grüsse dich», sagte der Fisch, als ich die Treppe zu den Turbinen hinunterging. Ich blieb stehen.
«Du möchtest bestimmt wissen, was ich hier tue», sagte er.
«Ja », murmelte ich.
«So einfach ist die Frage nicht zu beantworten», meinte er und schlug mit der Flosse gegen eine Turbine. «Ich bin nämlich schon sehr lange hier.»
«Wie lange?», fragte ich.
«Etwa seit einem Monat.»
«Wie bist du hierher gekommen?», wollte ich wissen.
«Über die Fischtreppe.»
Zweifelnd blickte ich ihn an.
«Als ich durch die Fischtreppe schwamm, wurde ich von einer Turbine erfasst und hier hochgeschleudert», bekräftigte der Fisch.
«Das ist unmöglich.»
«Warum?»
«Weil die Fischtreppe dazu da ist, dass die Fische das Kraftwerk sicher passieren, und nicht, damit sie von den Turbinen erfasst werden. Ausserdem sind Treppe und Turbinen strikt voneinander getrennt. Und schliesslich wärst du jetzt nicht hier, wärst du in die Turbine geraten.»
«Da hast du drei sehr schlüssige Gründe aufgeführt», meinte der Fisch anerkennend. «Und trotzdem bin ich hier.»
Wir schwiegen.
Nach einer Weile fragte der Fisch: «Bist du gekommen, um mir eine Frage zu stellen?»
«Was?»
«Ob ich für die Blasen im Wasser verantwortlich bin.»
«So weit habe ich gar nicht gedacht», musste ich zugeben. «Woher weisst du von den Blasen?»
«Ich habe aus dem Fenster geschaut.»
Ich liess meinen Blick zu den verschmutzten Scheiben schweifen. Es war unmöglich, von hier aus etwas zu erkennen.
«Ich weiss, woher die Blasen kommen», sagte der Fisch selbstbewusst.
«Und das soll ich dir glauben?»
«Es gibt Dinge, die wir wissen, und Dinge, die wir nicht wissen.»
Ich seufzte. «Woher kommen die Blasen?»
«Würdest du mir die Antwort glauben?», fragte der Fisch zurück.
«Ich schätze, eine falsche Antwort ist besser als keine Antwort», sagte ich achselzuckend.
«Also gut», erwiderte der Fisch. «Vorhin habe ich meinen neuen Schnorchel ausprobiert.»
Verärgert stöhnte ich auf. «So etwas Dummes hätte ich mir auch selbst ausdenken können.»
«Ja? Warum hast du mich dann gefragt?»
«Das frage ich mich.»
Der Fisch gluckste. Ich wandte mich den Stufen zu.
«Du hast zwar gesagt, eine falsche Antwort sei besser. Aber ich kann dir auch die richtige geben, wenn du möchtest.»
Für einen Augenblick hielt ich inne. Dann meinte ich: «Möchte ich nicht, danke.»
«Schade», rief mir der Fisch nach, während ich zur Tür rausging. «Vielleicht hätte ich ab jetzt immer nur die Wahrheit gesagt.»

Flammende Wälder

«Die Schweiz am Abgrund», titelte eine namhafte Tageszeitung am fünften November.
Zu Beginn waren die Anzeichen der Katastrophe harmlos oder überhaupt nicht als solche erschienen. Wegen des ungewöhnlich warmen Herbstes hielten sich die Menschen noch immer an den Grillplätzen in den Wäldern auf. Trotz Warnschilder kam es dabei wie immer zu Brandunfällen, sodass Feuerwehr oder Sanität geholt werden mussten. In unserer Gemeinde ging am fünfzehnten Oktober eine Meldung in der Zentrale ein; ich rückte mit zwei Kollegen aus. Wir fuhren zum Waldrand, wo uns drei Jugendliche mit verschreckten Gesichtern erwarteten. Die Flammen züngelten an einer nahegelegenen Fichte empor und drohten auf die übrigen Bäume überzugreifen. Der Brand war schnell gelöscht und hätte mich auch nicht weiter zum Nachdenken angeregt, hätte ich nicht durch einen befreundeten Polizisten erfahren, dass die Jugendlichen auf der Wache jegliche Aussage verweigert hatten. Das Feuer sei «von selbst entstanden», sei ihnen «unerklärlich», beteuerten sie. Derlei Ausflüchte ärgerten mich, da sie verharmlosten, wogegen wir tagtäglich kämpften.
Ein paar Tage später, an der Konfirmationsfeier meiner Tochter, bekam ich zufällig die Gelegenheit, einen der Strolche zu belehren. Er ging in dieselbe Klasse wie sie und war flüchtig mit ihr befreundet. Als sie im Trubel vor der Kirche miteinander redeten, trat ich wie beiläufig hinzu und erwähnte den Brand von letzter Woche. Ich tat so, als hätte ich davon lediglich aus der Zeitung erfahren, obwohl er bestimmt wusste, wer ich war. Er blickte verschämt zu Boden, bis ich einen abfälligen Witz über meinen Freund, den Polizisten riss. Da erzählte er mir abermals dieselbe Geschichte. Das Feuer sei «plötzlich da» gewesen. Ich verlor die Geduld und erklärte ihm, dass alle Feuer «plötzlich da» waren, wenn man nicht aufpasste. Manchmal reichte schon ein Funkenflug. Er blieb stur und behauptete, die Fichte sei in Flammen aufgegangen, als die Feuerstelle längst erloschen war. «Warum die Schwindelei?», fragte ich ihn herausfordernd. Sie nützte ihm doch längst nichts mehr. Im Gegenteil hatte sie ihm schon, wie ich wusste, eine höhere Busse eingebracht. Als die Tochter am Ärmel zog, verzichtete ich darauf, ihn weiter zu massregeln. Trotzdem erschien mir die Sache, als ich nochmals darüber nachdachte, reichlich merkwürdig. Für gewöhnlich sagten die Leute die Wahrheit, wenn ich sie erst einmal in der Zange hatte. Nun, aber ich war ja kein Polizist.
In der zweiten Oktoberhälfte begannen sich die Brände zu häufen. Der unserer Gemeinde angegliederte Forst blieb zwar bis auf Weiteres verschont, dafür traf es die der Nachbarsdörfer und später die Waldflächen jenseits der Kantonsgrenzen. Durch beunruhigte Verwandte von einem weiteren Brand im Jura in Kenntnis gesetzt, wurde ich tatsächlich zum forschenden Zeitungsleser. Die Vorfälle häuften sich bald in der Romandie, bald in der Ostschweiz. Gerade der trockene Süden blieb aber vorerst verschont. Ich konnte mir die Vorkommnisse umso weniger erklären, als am Wochenende ein heftiger Regenschauer über das Flachland gefegt war und der Grillsaison ein jähes Ende bereitet hatte. Womöglich sorgte der starke Wind für die schnelle Verbreitung der Flammen. Andererseits hätten sie im feuchten Unterholz gar nicht erst entstehen dürfen.
Als eine Kaltfront über das Land zog, kamen die Brände für ein paar Tage zum Erliegen. Schon erwachte die Hoffnung, dass die unglückliche Serie vorüber war, doch sie wurde zerstört, als die Zeitung am dreissigsten Oktober unheildrohend verkündete: «Inferno im Simmental». Diese abgelegene Ecke des Berner Oberlandes kannte ich wenig, wusste aber von einem Wanderausflug, dass sich jede noch so winzige Ortschaft mit einer gross beschrifteten Feuerwehrzentrale schmückte. Dass ausgerechnet dort ein «Inferno» wüten sollte, erschien mir unwirklich, bis mir ein Bekannter ein Video zuschickte. Das Video war per Handykamera aufgenommen worden. Zuerst zeigte es einen Fluss, der friedlich talwärts strömte. Dann jedoch schwenkte die Kamera hin zu einem Wald am gegenüberliegenden Hang, aus dem grelle Flammen schlugen. Dunkler Rauch verteilte sich über den Himmel; und das letzte, was man erblickte, war ein rotes Glühen am Horizont, wie von einer fernen Feuersbrunst.
Ich teilte das Video mit meiner Familie, die nicht viel von Bränden verstand. Die Tochter rief, das sei ja wie in Australien, worauf ich sie beruhigte; doch tags darauf erschien die Momentaufnahme des feurigen Horizonts auf der Titelseite der Zeitung, zusammen mit dem vier mal das Wort «Australien» proklamierenden Leitartikel. Die neue Dimension, welche die Bedrohung dadurch annahm, war das eine; die Rätselhaftigkeit ihrer Entstehung das andere. Obwohl ich fürchtete, mich dadurch lächerlich zu machen, suchte ich in der darauffolgenden Woche das Gespräch mit dem Kommandanten. Meine Bedenken – nämlich, dass sich das Feuer viel zu schnell ausbreitete und dass die Wetterlage eigentlich zu nass für eine Katastrophe solchen Ausmasses war – nahm er schweigend auf. Als ich ihm jedoch gestand, dass mir die Sache nicht geheuer anmutete und ihm nahelegte, Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen, wurde er ausfällig und schrie, er würde jedes Flämmchen eigenhändig ersticken.
In der Nacht vom vierten auf den fünften November war es so weit. Das Feuer erreichte den Wald neben unserer Gemeinde und kehrte damit scheinbar zu seinem Ursprungsort zurück. Das Telefonklingeln weckte mich um drei Uhr morgens aus dem Schlaf. Eine Viertelstunde später fuhr ich mit denselben Kollegen dieselbe Strecke hoch zum Forst. Nur war die Szenerie jetzt ins Höllische gewandelt. Je höher wir fuhren, desto weiter konnten wir über das Land blicken. In einer normalen Nacht hätte man lediglich die Silhouetten der Hügel erahnt, über die sich der Wald zog. Nun war das Land um uns herum vom Widerschein des Feuers erhellt. Die Hitze liess uns kaum atmen, während der Geruch nach verbrannter Asche uns betäubte. Von überall her drang Sirenengeheul; die blinkenden Lichter der Feuerwehrwagen rasten aus den Dörfern einem hoffnungslosen Kampf entgegen. – Über ihnen glühte der Horizont.
Mit Mühe wandte ich meine Aufmerksamkeit der unmittelbaren Situation vor Ort zu. Das Feuer hatte den Waldrand noch nicht erreicht. Stattdessen stieg eine dicke Rauchsäule aus dem Innern des Waldes empor. Gerade berieten wir uns darüber, ob wir weiter vordringen sollten, als die Flammen mit unerwarteter Wut hinter der Fichte hervorschossen, welche wir das letzte Mal gerettet hatten. Während meine Mitstreiter losrannten, blieb ich verwundert neben dem Feuerwehrwagen stehen – mir fiel auf, dass auch die übrigen Bäume vollkommen schwarz und verkohlt waren. Das konnte aber nicht sein, ausser, das Feuer hätte sich zuvor auf irgendeine unerklärliche Weise zurückgezogen. Trieb mich jene Beobachtung oder eine Verwirrung der Sinne? – Ich wusste nur, dass die Rufe meiner Kollegen schon in der Ferne verklungen waren, als ich realisierte, mitten in den Wald hineingerannt zu sein.
Zunächst versuchte ich mich zu orientieren. Ich war auf einem Weg gelandet, den ich von früher kannte: Er führte an der Köhlerhütte vorbei und stieg danach kontinuierlich an, bis er an einem Aussichtspunkt endete, der einen den Rest des Waldes überblicken liess. Dort würde ich das Zentrum des Brandes ausmachen, worauf – aber sollte ich nicht umkehren? Dass ich kaum daran dachte, erschien mir in jenem Moment als eine Form von Berufsinstinkt, wenn ich auch ahnte, eines verfehlten und gefährlichen. Ich trug mit Ausnahme der Uniform keinerlei Ausrüstung bei mir, sogar die Atemmaske lag noch im Auto. So lief ich los, in der steten Angst vor einer plötzlich ausweglosen, lebensbedrohlichen Situation. Im Gegensatz dazu schien die Umgebung seltsam ruhig, nahezu geisterhaft. Zwischen den verkohlten Bäumen regte sich nichts; selbst die Stämme, welche auf den Weg gekippt waren, wirkten, als lägen sie seit Jahren auf dieselbe Weise an demselben Ort. Lediglich die anhaltende Hitze verriet den Brand in der Nähe. Und wieder fragte ich mich: wie war das möglich, wo doch vor weniger als einer Stunde der gesamte Wald gebrannt hatte? Nicht einmal der Wind konnte für den schnellen Rückzug des Feuers verantwortlich sein, denn die Ascheschicht, die den Weg bedeckte, wurde durch nichts als meine eigenen Schritte aufgewirbelt. Ich passierte die Köhlerhütte und stellte fest, dass sie unversehrt geblieben war. Meine Verwunderung stieg und kumulierte, als ich auf der Spitze des Aussichtspunkts stand, in ungläubigem Staunen.
Der Ursprung der Rauchsäule, die wir vom Waldrand aus gesehen hatten, war eine Art Schloss.
Nun waren Burgen und Schlösser in dieser Gegend weiter nichts Ungewöhnliches; auf den Hügeln im Umland ragten viele Ruinen in den Himmel. Aber eben das waren sie – Ruinen. Der Anblick einer komplett erhaltenen Festung, noch dazu an einem Ort, an dem es niemals eine solche gegeben hatte, löste Unbehagen aus. Die Bauweise des Schlosses glich weniger einem mittelalterlichen Grafensitz als vielmehr einer kreisrunden Anordnung von mächtigen, glatten Säulen, die zu ihrem Ende hin spitz zuliefen. Auf diesen Spitzen sass, das zur Mitte hin offene Dach eines Innenhofs bildend, ein breiter Ring, wie bei einem überdimensionierten Modell des Saturns. Die Rauchsäule stieg aus der Mitte dieses Ringes empor. Da sich zwischen den Türmen Mauerwerk befand, war nicht zu sehen, was sie verursachte. Hätte ich ein Funkgerät bei mir gehabt, wäre der Fall klar gewesen. Ich hätte meine Kollegen über das unheimliche Phänomen informiert und ihr Eintreffen abgewartet. Ohne ihre Unterstützung blieben mir nur zwei Optionen übrig, wovon eine – zurückzukehren und im Versuch, das Gesehene zu erklären, als Lachfigur zu enden – kaum zusagte. So stieg ich den Zickzackweg in Richtung Schloss hinunter.
Je näher ich kam, desto höher schienen die Türme zu wachsen. Auch die Umgebung veränderte sich. War die Asche zuvor nicht mehr als eine dünne Schicht auf dem Boden gewesen, versank ich nun bis zu den Knöcheln darin. Das Atmen fiel mir immer schwerer und die Hitze wurde stärker. Die Bäume, ihrem Blätterdach beraubt, wirkten wie aschene Pfähle, Überbleibsel von grausamen Hinrichtungen. Doch mit jedem Schritt lockte die Neugier. Wer hatte das Schloss erbaut? Warum war es so lange unentdeckt geblieben? Waren seine Bewohner für das Inferno verantwortlich?
Etwa hundert Meter von der Schlossmauer entfernt, wurde ich seltsame Steinquader gewahr. Sie lagen in regelmässigen Abständen links und rechts des Wegs und waren etwa mannshoch. Vor allem aber waren sie das untrüglichste Anzeichen dafür, dass ich nicht in ein Totenreich vordrang: die Oberflächen der Quader zierten Efeupflanzen oder Blumen, deren Anordnung ästhetisches Gespür voraussetzte. In einem der präzis gemeisselten Steinblöcke war eine rechteckige Öffnung zu sehen, eine Art Tür. Sie führte ins Dunkel, und ich wagte nicht, mich dem Eingang der Behausung – denn solche schienen die Blöcke zu sein – zu nähern. Ich richtete meinen Blick wieder auf das Schloss. Fast hatte ich das Haupttor erreicht. Es bestand aus einem Steinbogen, der sich zwischen zwei Türmen spannte. Der Bogen war ebenfalls mit Pflanzen geschmückt. Diesen indes setzte die Hitze zu – wie auch mir, sodass ich in Strömen schwitzte. Das Knistern des Feuers im Burghof war mittlerweile deutlich zu hören. Obwohl ich keine Angst vor den Flammen hatte, riet mir eine unbestimmte Ahnung dazu, nicht den Hauteingang zu benutzen, sondern eine Alternative zu suchen. Tatsächlich fand ich nach einem kurzen Gang um die Festung eine Stelle, wo die Steine genug Halt gaben, um ungesehen auf die Mauer zu klettern. Nach einiger Anstrengung oben angelangt, kauerte ich mich hinter die Mauerbrüstung. Von dort aus warf ich einen Blick in die Mitte des Hofs.
Was ich auch erwartet hatte – nichts davon wurde dem gerecht, was sich dort unten abspielte. Im ersten Moment glaubte ich zu halluzinieren; so grotesk, so bizarr schien das, was meine Augen erblickten. Und doch konnte ich die Dinge nicht anders umschreiben, als dass ich lebendige Flammen sah.
Nun, jeder, der mal längere Zeit in ein Kaminfeuer gestarrt hat, könnte erzählen, die Flammen hätten nach einer Weile zu tanzen begonnen. Diese hier waren für das Tanzen allerdings wie geschaffen: Sie besassen Füsse, Beine, ja sogar Arme, die sie beim Gehen energisch umherschwangen. Einzig die Gesichter und Köpfe fehlten, dafür bestand ihr Körper aus einer einzigen, in die Höhe schiessenden Lohe. Was sie taten, wurde mir erst bewusst, nachdem ich mich ein wenig von der ungläubigen Verwirrung erholt hatte. Allem Anschein nach hielten sie eine Versammlung ab, denn sie standen im Kreis, was zugleich die Ursache der von weither sichtbaren Rauchsäule bildete. Manche der Flammen trugen spitze Waffen und warteten etwas abseits, andere hielten das Eingangstor besetzt; offensichtlich sollten sie die anderen vor Eindringlingen schützen. In der Mitte des Kreises – so genau konnte ich es durch den Rauch nicht erkennen – leuchtete manchmal etwas auf, das wie die Spitze einer besonders hellen Flamme aussah. In diese Richtung hielten sich die übrigen Flammen gewandt. Ihr stetes Knistern liess beinahe vermuten, dass sie über etwas … sprachen? Ich erschauderte und wischte mir den Schweiss vom Gesicht. Wenn diese Flammen tatsächlich nicht nur über ein Land, sondern auch Sprache verfügten, so liess sich vielleicht erklären, woher das unnatürliche Muster der Waldbrände rührte: Es war eben doch natürlich, nämlich als Resultat einer koordinierten, man wagte zu sagen, bewussten Taktik zu verstehen. Der König der Flammen hatte der Schweiz den Krieg erklärt und gedachte sein Reich an mehreren Fronten auszudehnen, um seiner Art den Platz zu schaffen, der ihr wohl zustand. Ich zweifelte nicht daran, dass sich der Angriff bald auf die Dörfer und Städte der Menschen ausweiten würde, und machte mich darum voller Furcht auf den Weg, meine Kollegen, und wenn nötig, die gesamte Feuerwehr des Landes zu warnen.
Ich robbte von der Brüstung weg und kletterte von der Mauer. Es gelang mir, mich ungesehen vom Haupttor zu entfernen. Als ich zwischen den Quadern hindurchging, glaubte ich, die sei Gefahr überwunden, doch ich lag falsch. Gerade aus jener offenen Tür, an der ich zuvor vorbeigegangen war, aus ihr trat jetzt eine hochgewachsene Flamme, die eine kleinere an der Hand spazieren führte. Ich hörte ein lautes Zischen und sah, wie die grosse Flamme anklagend den Finger nach mir ausstreckte. Sofort drangen vom Haupttor her die beiden Wachen. Sie trugen, wie ich mit Schrecken feststellte, steinerne Schwerter. Ich rannte blindlings los, auf der Suche nach einem Unterschlupf im Gehölz. Ich fand keinen, sodass ich immer weiter rannte, bis ich wieder den Zickzackweg empor- und am Aussichtspunkt angelangt war. Ich blickte über die Schulter – die Flammen folgten mir nicht mehr. Sie schienen ihre Jagd aufgegeben zu haben. Oder bereiteten sie sich nur auf einen weiteren, umso schlimmeren Angriff vor? Bevor es so weit kam, musste ich das gesamte Land warnen.
Die Verantwortung eines nationalen Retters wog schwerer als gedacht. Nur mit Mühe konnte ich das Zittern der Beine unterdrücken. Erst, nachdem ich die Köhlerhütte passiert hatte, gewann ich wieder mehr Sicherheit. Ich befand mich jetzt ganz in der Nähe des Waldrandes, dort, wo die Fichte und der Einsatzwagen standen. Ich ging weiter und trat zwischen den Bäumen hindurch ins Freie – endlich. Dort stand der Wagen; doch von den Kollegen sah ich keine Spur. Hatten sie sich auf die Suche nach mir gemacht? Wenn ja, hatten sie bestimmt ihre Funkgeräte mitgenommen, und ich konnte sie kontaktieren. Zu diesem Zweck stieg ich in den Feuerwehrwagen, dessen Tür immer noch offen stand. Als ich die Sprechanlage einschalten wollte, hörte ich lautes Zischen. Mit Schrecken hob ich den Kopf und sah durch die Frontscheibe, wie zahlreiche Flammen hinter den Bäumen auftauchten. Sie hatten sich organisiert: jede von ihnen hielt ein langes Steinschwert in der Hand und sie rückten in geordneten Marschreihen vor. Schon hatten sie die Feuerstelle erreicht, als ich den Zündschlüssel umdrehte und auf das Gaspedal drückte. Sobald sie sahen, dass ich ihnen im Rückwärtsgang zu entfliehen versuchte, gaben sie die Ordnung auf und drangen wild zischend auf das Auto ein. Sie schlugen mit ihren Schwertern auf das Dach und die Scheiben des Wagens, die zerbarsten. Weder Verstand noch Geschick retteten mich – sondern eine grosse Pfütze, die auf dem Kiesweg lag. Auf einmal ging ein Ruck durch den Wagen; zu beiden Seiten spritzte ein Schwall Wasser hoch und traf die Flammen, die an den Türen rüttelten. Sie zischten verschreckt auf und liessen vom Wagen ab. Die Chance nutzend, fuhr ich ein halsbrecherisches Wendemanöver und raste hinunter ins Dorf.
«Die Schweiz am Abgrund»: auch ich glaubte nach meinen Erlebnissen daran, wiewohl, so meinte ich, aus berechtigteren Gründen wie der Verfasser jener Schlagzeile. Die Flammen würden das Land mit Krieg überziehen und die nichtsahnende Bevölkerung mit einem Schlag auslöschen. Ja, selbst dann würden sie keinen Halt machen, in die Nachbarsländer einfallen und schliesslich den ganzen Kontinent unter ihre Herrschaft bringen. Einen Tag, nachdem der Artikel in der Zeitung erschienen war, gab ich einen stockenden Bericht beim Kommandanten ab. Später folgte ein Interview in einer Regionalsendung. Ich hatte zunächst damit gezögert, das Erlebte mit der Öffentlichkeit zu teilen, weil ich fürchtete, sie würden die Angst in der Bevölkerung nur noch verschlimmern. Doch mein Zutun erwies sich als folgenlos: Man glaubte mir kein Wort. Was vor allem dem Umstand geschuldet blieb, dass es, auch nach Wochen, nie zu einem Krieg zwischen dem Flammenkönigreich und der Schweiz kam. Ja, die Brände erreichten kein einziges Dorf. Selbst im Simmental, wo das Feuer am stärksten gewütet hatte, waren die Häuser verschont geblieben. Zuletzt hörte das Wüten des Feuers sogar komplett auf, als der erste Schnee fiel. Warum?
Wenn es nach meinen zwei Kollegen ginge, die mit mir zum Einsatz fuhren – übrigens wollten sie nichts gesehen haben – hatte uns die Natur einen guten Dienst getan. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, länger auf tröstliche Wetterlagen zählen zu können, hege ich eine andere Vermutung. Vielleicht hatten wir es weniger mit einer aggressiven Expansion zu tun gehabt, als einer aufgrund Nahrungsknappheit entstandenen kurzfristigen Notlage, welche die Flammen dazu zwang, ihr übliches Territorium zu verlassen. Die Tatsache, dass die Köhlerhütte sowie alle übrigen von Menschen gebauten Objekte unangetastet blieben, lässt diesen Schluss zu. Womöglich waren sie sich unserer Existenz nicht einmal bewusst, oder fürchteten selbst, dass ein Angriff auf die Menschen einen Krieg provozieren würde, den sie nicht gewinnen konnten. Warum in unserem Land solche Wesen leben, woher sie gekommen und wohin sie verschwunden sind, weiss ich nicht. Aber das Wissen von ihrer Existenz hat, wie ich gestehen muss, meinem Beruf einiges von seiner noblen Ausrichtung genommen.

Nachts auf Deck

«Unter unseren Füssen schlafen die Piraten», sagte ich, in den Sternenhimmel blickend. Das Deck war ausgestorben, das Meer ruhig. Über dem Mast schien der Mond.
«Und doch hält sich einer verborgen, nachts auf Deck», antwortete eine Stimme. Sie kam aus einem leeren Fass, das jemand vergessen hatte.
«Das sagst du», erwiderte ich. «Aber ob du ein Pirat bist, weiss ich nicht.»
«Und du hältst dich für einen?»
«Wer weiss.» Ich ging zum Fass, hob den Deckel und blickte hinein. Es war jedoch zu dunkel, um etwas zu erkennen. «Bist du ein Pirat?»
«Wer weiss», echote die Stimme schnippisch.
«Wer ist dann der, von dem du sprichst?», fragte ich zurück.
«Das hättest du sein können.»
«Ich verstecke mich also?» Mit diesen Worten beugte ich mich ins Fass hinunter, sodass er mich sehen, gar spüren musste.
Nun blieb die Stimme für eine Weile still. Der Pirat, der keiner war, schien nachzudenken.
«Du hast Recht», meinte er schliesslich. «Hier gibt es keine Piraten.»
«Sie schlafen unter unseren Füssen», ergänzte ich. Damit schloss ich den Deckel des Fasses und ging in Richtung Kajüte.

Am Festival

Das Festival fand auf einer Wiese in der Nähe eines abgelegenen Grenzdorfes statt. Im Dorf geschah die meiste Zeit des Jahres nicht viel. Gelegentlich übernachteten Wanderarbeiter im Hotel, die saisonal über die Grenze pendelten. Nur während der drei Festivaltage im Sommer waren sämtliche Zimmer ausgebucht und auf dem Parkplatz standen die Wagen dicht an dicht in der Hitze. Am Rand der Wiese, gesäumt von Baumgruppen, parkierten die Camper, weiter entfernt von der Strasse waren die Zelte aufgeschlagen. Davon gab es so viele, dass sie beinahe die Sicht auf die Mitte der Wiese versperrten. Auf drei Bühnen spielten dort Bands, deren sphärische Musik in die späten Abendstunden passte, wenn die Dämmerung einsetzte und die ersten Feuer brannten. Die letzte Gruppe trat für gewöhnlich von der Bühne ab, wenn der Wind aufgehört hatte, über die Äste der umgebenden Bäume zu streichen. Dann, wenn die Stille einsetzte, kehrten die Besucher vor ihre Zelte zurück und verbrachten den Rest der Nacht mit leisen Gesprächen.
Ich kam am zweiten Tag an, als neben manchem Zelt schon ein Holzkohlegrill qualmte. Unter den Leuten hatten sich bereits flüchtige Bekanntschaften gebildet. Mein Zelt hatte ich am Rand des Zauns aufgestellt, der das Festivalgelände abgrenzte, und schlenderte über das trockene Gras. Die Zelte liessen nur wenig Platz übrig, sodass ich gezwungen war, über die Pflöcke zu steigen. Neben den drei Bühnen wurden an diversen Ständen Fanartikel, Essen und Alkohol verkauft. An jedem anderen Tag wäre mir der Zeitpunkt zu früh erschienen, aber da ich morgen bereits wieder abreisen würde, wollte ich die Stimmung geniessen und bestellte ein starkes Bier. Während ich am Tresen wartete, blickte ich um mich und sah am Merchandise-Stand einen auffälligen Mann. Er trug einen langen weissen Bart und einen alten, verschrumpelten Spitzhut. Sogar der leicht neckische Blick passte zu einem Zauberer; wäre nicht die fehlende Robe gewesen. Stattdessen hatte er dasselbe T-Shirt wie ich: ein schwarzes mit der Aufschrift meiner Lieblingsband, die auch schon letztes Jahr hier aufgetreten war. Ich musterte ihn mit erwachter Neugier und nahm mein Bier. Es schwappte über den Rand eines dicken Krugs mit dem Festivallogo. Ich nahm einen Schluck und ging langsam zum Merchandise-Stand, wo der Alte noch immer die Accessoires auf dem Tisch betrachtete. Ich tat es ihm gleich, wobei ich einen Aufnäher der besagten Band entdeckte.
«Teuer», murmelte ich.
Wie erhofft stieg der Alte darauf ein. «Früher war alles besser», meinte er ironisch und zwinkerte mir zu.
«Ich glaube, der heutige Auftritt aber wird der beste seit Jahren», entgegnete ich.
«Ja, sie haben mich noch nie enttäuscht», gab der alte Mann zu. «Haben Sie das Konzert vorletztes Jahr erlebt, wo der Bassist ausgefallen war?»
«Nein.»
«Selbst da war die Band nicht zu halten. Das hätten Sie sehen müssen!» Er lachte, wobei – sah ich richtig? – ein Silberzahn aufblitzte. «Aber ich will Sie nicht neidisch machen», fügte er entschuldigend hinzu. «Man sieht sich dann also abends.»
Ohne etwas gekauft zu haben, bahnte sich der Mann einen Weg zu den hinteren Zeltreihen. Ich sah ihm nach und wunderte mich; ich wusste nicht wieso, aber vom Gespräch hatte ich mir mehr erhofft. Achselzuckend schlenderte ich mit dem Bier zum Essensstand.

Als die Luft in der Nachmittagssonne flimmerte, suchten die Menschen Schutz unter schattenspendenden Schirmen. Kleinere Musikgruppen, die mal mehr, mal weniger zur Ausrichtung des Festivals passten, spielten träge auf. Am späteren Nachmittag kam ein Alleinunterhalter, der verschiedene Instrumente gleichzeitig beherrschte. Das Geschehen auf der Bühne interessierte mich vorerst lediglich am Rande. Nach und nach zeigte der Alkohol Wirkung und ich fühlte mich müde. Um für den Abend fit zu sein, wollte ich ein kurzes Nickerchen machen. Deshalb ging ich zurück zum Zelt und legte mich hin. Mein Schlaf wurde jedoch gestört – kurz, nachdem ich die Augen geschlossen hatte, erklang draussen ein leises Fluchen. Ich streckte den Kopf aus dem Zelt und blinzelte. Ein junger Mann war über meinen Zeltpflock gestolpert und hingefallen. Zum Glück hatte ich den Pflock gut verankert, sonst hätte er das ganze Zelt mitgerissen. Der Mann war ziemlich bleich und dünn. Als hätte ich das Hindernis mit böser Absicht aufgestellt, zischte er: «Kannst du nicht aufpassen?»
«Tut mir leid», gab ich zurück, wohl wissend, dass mir nichts leid tun sollte.
«Stell dein Ihr Zelt das nächste Mal woanders hin», belehrte er mich.
«Alles klar», sagte ich gleichgültig.
Er trat auf mich zu – aufgrund der Statur verlor seine Geste aber von der erhofften Bedrohlichkeit.
«Hören Sie, es tut mir leid …», begann ich genervt, da streckte er mir einen Zettel hin. Ich stutzte und faltete ihn auseinander. «Helfen Sie mir. Ich bin ein Gefangener des Zauberers», stand da. Völlig verblüfft stierte ich auf den Zettel, dann auf den jungen Mann – aber er hatte sich aber bereits entfernt, ohne Blick zurück, als wäre nichts gewesen. Mit dem Papierstück in der Hand stand ich bestimmt eine Minute wie versteinert auf der Stelle und versuchte zu begreifen, wie mir gerade geschehen war. Entweder spielte man mir einen üblen Streich – oder die Nachricht zeugte vom irrigen Delirium einer Entführung, die sich im Kopf des Betroffenen abspielte. So oder so hielt ich es nicht für angebracht, der Sache weiter nachzugehen. Ich warf den Zettel fort und kehrte ins Zelt zurück, um den verpassten Schlaf nachzuholen.

Allmählich brach die Dämmerung herein und die Atmosphäre wurde intensiver, magischer. Überall zündete man Feuerkörbe an, Fledermäuse huschten durch die Schatten. Jetzt war die Zeit, auf die alle gewartet hatten. Die Besucher strömten zur Hauptbühne, wo der Headliner spielen sollte. Wie immer liess sich die Band Zeit. Bevor der erste Gitarrenton erklang, dröhnte aus den Boxen ein leises, tiefes Synthesizergeräusch, das von einer Nebelmaschine unterstützt wurde. Die Nebelschwaden erreichten bald die vordersten Zuschauer, die sich gespannt an die Absperrung zwischen Platz und Bühne geklammert hielten, und schwebte über die Köpfe zu den hinteren Besuchern, die mit einem Bier in der Hand bei den Rundtischen standen. Ich befand mich in der Mitte des Publikums, wo das Gedränge immer grösser wurde. Das letzte Mal hatte ich mir einen Platz in der vordersten Reihe sichern können, diesmal war ich jedoch zu spät gekommen. Ich ärgerte mich ein wenig, war aber froh, dass ich vor dem Auftritt die Möglichkeit hatte, zu den Verpflegungsständen zu gehen. Da die Warterei anhielt, machte ich irgendwann von ihr Gebrauch.
Wieder bestellte ich den Krug mit dem Festivallogo. Und wieder sah ich just in dem Augenblick, da ich die Hand um den Henkel schloss, den Zauberer. Er winkte mir von einem der Stehtische aus zu. Zögerlich ging ich zu ihm. Einerseits hatte ich sonst keine Gesellschaft, andererseits kam mir der Vorfall mit dem bleichen Mann in den Sinn. Unter welchen Zauber er auch gefallen war, einen anderen als diesen Alten, der ihn hätte wirken können, gab es hier offensichtlich nicht.
«Na, schon gespannt?», fragte der Zauberer grinsend und wies auf die Bühne.
«Kann man wohl sagen», meinte ich distanziert. Seine joviale Art wirkte auf mich weniger einladend als vorher.
«Ich war ja immer jemand, der die Spätphase skeptisch beurteilt hat. Aber in den letzten Jahren musste ich doch zugeben, dass sie reifer geworden sind.» Er nickte zur Bühne. Sie war nach wie vor leer.
«Welches ist Ihr Lieblingsalbum?», fragte ich.
«Das Pilz-Album.»
So nannten Kenner das vierte Album. Es zeigte auf dem Cover einen moosbedeckten Waldabschnitt, wo im Hintergrund, wenn man genau hinsah, ein Pilz zu sehen war.
«Mich hat das erste am meisten beeindruckt», meinte ich. «Das war damals echt neue Musik.»
«Ja? Wie alt waren Sie denn, als es erschien?», fragte der Zauberer mit gespielter Strenge.
Ich lachte und winkte ab. Er nahm einen Schluck Bier.
Vorne kam nach und nach Leben in die Szene. Das Publikum begann zu jubeln, als die Schatten menschlicher Gestalten durch den Nebel auf der Bühne huschten. Ob es sich dabei um die Band selbst oder einen verirrten Roadie handelte, spielte keine Rolle. Danach geschah wieder eine Weile nichts. Bis das Schlagzeug erklang – und kaum hatte sich der Nebel verzogen, standen auf einmal sämtliche Bandmitglieder im Scheinwerferlicht und spielten den ersten Song. Es handelte sich das neue Material, das ich noch nicht allzu gut kannte. Die Melodie war jedoch eingängig und die sphärischen Abschnitte fuhren ein wie eh und je. Glücklich liess ich mich berieseln und schloss die Augen. Da stiess mich der Zauberer an der Schulter.
«Da, schauen Sie», sagte er und wies nach vorne. Der Bassist strauchelte. Zuerst hielt ich den raschen Schritt, den er gegen das Publikum machte, für einen Teil der Performance. Als er jedoch vom Rand der Bühne stürzte, erschrak ich. In der allgemeinen Verunsicherung schaffte ich es, mir einen Weg nach vorne zu bahnen. Ich stiess durch den Kreis der Schaulustigen – und blieb abrupt stehen. Der Mann, der dort am Boden lag, war derselbe, der mir den Zettel gereicht hatte.

Da er laut schrie und man eine ernstere Verletzung vermutete, trugen ihn die Sicherheitsleute zum Parkplatz. Dort warteten sie auf die Ambulanz. Sie kam, und das letzte, was wir sahen, war, wie die Notärzte unverrichteter Dinge davonfuhren und er ins Hotel geleitet wurde. Der Unfall schien also doch nicht so ernst zu sein. Das Konzert wurde trotzdem unterbrochen; der Sänger versprach aber, eine Lösung zu finden. Ich hatte das Geschehen mit gebannten Blicken verfolgt. Nun, da jeder mit dem Nächstbesten darüber zu tuscheln begann, fiel mir ein, wie der Zauberer einen ähnlichen Vorfall erwähnt hatte. Er war aber nirgends mehr zu finden. Zuerst der stille Hilferuf, jetzt das – die Merkwürdigkeiten nahmen überhand. Während die erste Aufregung langsam abflaute, stieg im Publikum eine unsichere Spannung, die manchen dazu animierte, den Namen des Bassisten zu skandieren. Verwirrt dachte ich an die vergangene Begegnung zurück. Hatte ich tatsächlich mit einem meiner Idole gesprochen, ohne es zu ahnen? Ich zückte das Handy und schaute mir das Video eines alten Auftritts an. Wirklich sah der Musiker, der dort im Halbdunkeln neben dem Gitarristen stand und den Nummer 1-Hit begleitete, dem unglücklich Stolpernden zum Verwechseln ähnlich. Weshalb war mir die Ähnlichkeit nicht schon vorher aufgefallen? Ich blickte genauer hin. Ja, nur die Gesichtszüge waren gleich geblieben, ansonsten schien er nunmehr ein ausgemergelter Schatten seiner selbst.
Als ich den Zauberer nach zwanzig Minuten Suche immer noch nicht fand und zuletzt ein Festival-Stammgast behauptete, er habe noch nie einen solchen Typ gesehen, kam ich zum Schluss, dass an der Sache definitiv etwas faul war. Ich schnappte mir eine dünne Jacke aus dem Zelt und marschierte in Richtung Hotel.
Obwohl der Parkplatz bis auf die letzte Ecke mit Autos überfüllt war, wirkte er im verlassenen Chromstahlglanz gespenstisch still. Das Hotel am Ende der Asphaltfläche schien sich mit seinen Fensterlöchern drohend über die Karosserien zu beugen. Wenige Meter vor dem Eingang suchte ich Schutz hinter einem Geländewagen. Um den Ansturm von besorgten Fans zu verhindern, hatte man zwei Sicherheitsleute abkommandiert. Sie standen mit verschränkten Armen, aber gelangweilt um sich blickend unter dem Vordach und warfen einander Beleidigungen zu. Die Walkie-Talkies an ihren Gürteln gaben dauernd Geräusche von sich. Irgendwie musste ich an ihnen vorbeikommen. Hatte das Hotel einen Hintereingang? – Das Problem erübrigte sich, als vom Parkplatz her ein Pfeifen ertönte. Ein dritter Wachmann rief die beiden mit einer Taschenlampe zu sich. Wohl hatte er etwas Verdächtiges an einem Wagen entdeckt. Kaum war das Personal ausser Sicht, nutzte ich die Chance und ging mit schnellen Schritten durch die gläserne Drehtür.
Die Rezeption war leer. Niemand würde mir unangenehme Fragen stellen – aber ich würde auch keine Antworten über den Aufenthaltsort des Bassisten bekommen. Für einmal mehr half mir der Zufall: Ein muskulöser Roadie kam durch die Drehtür. Er trug eine Gitarrentasche in der Hand. Ohne mich zu beachten – wahrscheinlich hielt er mir für einen gewöhnlichen Hotelmitarbeiter – steuerte er auf den Lift zu und drückte den Knopf. In einer Eingebung griff ich nach der Klingel auf der Theke und sprang im letzten Moment zu ihm in die Kabine.
«Buffet», sagte ich nickend, wies auf die Klingel und drückte sie. Auf mein nervöses Grinsen hin schnitt er eine Grimasse. Im dritten Stock stieg er aus und drehte sich um.
«Buffet», knurrte er und wies nach unten.
«Ah, Buffet!», erwiderte ich nervös lachend und schlug mir mit der flachen Hand auf die Stirn. Die Lifttür schloss sich. Tatsächlich fuhr ich wieder nach unten – nur um eine Minute später wieder hochzufahren. Im dritten Stock stieg ich aus, blickte nach links und rechts. Der Roadie war verschwunden. Aber die Gitarrentasche lehnte an der Wand neben einer offenen Zimmertür, aus der leise, nervöse Stimmen drangen. Eine davon identifizierte ich als diejenige des Zauberers. Plötzlich trat er aus der Tür in den Gang. Wäre er in Richtung des Lifts gekommen, hätte er mich zweifellos entdeckt – doch er verschwand weiter hinten um die Ecke. Ich holte tief Luft und schlüpfte ins Zimmer.

Im Geheimen ahnte ich, was mich erwartete. Dennoch ängstigte mich der Anblick Bassisten, wie er elend dalag, zutiefst. In der Ecke des Zimmers brannte eine rötlich gedimmte Lampe, die seinen Zustand weder hervorhob noch aber verstecken konnte. Unter dem Laken waren die Linien eines sterbenden Körpers zu erkennen; die Arme, welche er, kaum bei Bewusstsein, über den Bettrand hängen liess, wirkten so dünn, dass man glaubte, die Knöchel würden die Haut jeden Moment zerreissen. Der Kopf – fast ein Schädel – lag auf einem Turm von Kissen gebettet, die unter seinem Gewicht kaum zusammensanken.
Zu meiner Verunsicherung war er trotz seiner Lage hellwach. Kaum war ich ins Zimmer getreten, drehte er den Kopf zu mir. In seinen Augen lag zuerst blankes Erstaunen, dann aufblitzender Ärger und am Ende Resignation.
«Du hättest früher kommen müssen», murmelte er. «Jetzt ist es zu spät.»
«Wofür?», fragte ich.
Ich bekam keine Antwort.
Der Bassist drehte den Kopf auf dem Kissen, sodass er seitlich lag. «Ich kenne dich nicht», begann er. «Aber so lange ich noch Kraft habe, will ich dir meine Geschichte erzählen. Vor fünf Jahren lernte ich den Zauberer kennen. Ein aufgestellter alter Mann, nicht wahr? Ja, ich dachte zuerst genauso. Dann aber begannen sich die Unglücke zu häufen. Ich wurde oft krank, fiel beinahe einem Auto- oder Fahrradunfall zum Opfer. Jeweils kurz vor, während oder nach unseren Auftritten. Immer häufiger mussten wir sie absagen. Und jetzt? Sieh mich an. Ich bin nicht einmal mehr dazu in der Lage, richtig den Kopf zu heben. Der Einfluss des Zauberers hat an meinen Kräften gezehrt. Und jetzt, kurz bevor du kamst, hat er einen letzten Zauber auf mich gesprochen. Einen Todeszauber. Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit …»
«Du glaubst, der Zauberer hat dich … verzaubert?»
«Wie auch nicht», stöhnte der Bassist. «Das erste Mal traf ich ihn an ebendiesem Festival. In der Nacht vor unserem grossen Auftritt litt ich unter solchen Gelenkschmerzen, dass an meine Teilnahme nicht mehr zu denken war. Zum Glück konnte die Band kurzfristig Ersatz finden. Sie wird überleben. Aber ich … mit mir ist es aus.»
Ich wurde unsicher. Redete ich mit einem Verrückten oder tatsächlich mit dem Opfer magischer Gewalten?
«Woher weisst du, dass nicht alles schlimme Zufälle waren? Warum sollte der Zauberer dir schaden wollen?»
Der Bassist lachte leise, verzweifelt auf. «Du müsstest die Blicke sehen, die er mir zuwirft. Wie ein Rabe, ein schwarzes Gespenst steht er im Publikum. Nie lässt er die Augen von mir. Er wartet nur darauf, bis seine Flüche ihre Wirkung entfalten. Meine Finger werden klamm, wenn ich allein daran denke!» Er röchelte, als täte er bald den letzten Atemzug. Schwach fügte er hinzu: «Was deine zweite Frage angeht, so ist die Sache klar: Ihm missfällt der Pfad, den wir mit der Band eingeschlagen haben. Und er glaubt, ich allein sei schuld daran, obwohl ich nicht einmal die Hälfte der Songs schreibe. Hat er einmal den Sinn auf dich gerichtet, lässt er nicht mehr von dir ab, bis …» Der Bassist hörte auf zu Sprechen; sein Blick verlor sich irgendwo zwischen Wänden und Decke des Raumes.
«Was soll ich tun?», fragte ich, obgleich mir tausend andere Fragen durch den Kopf gingen: Wie wirkte der Zauberer seine Magie? Warum hatte der Bassist den Hilferuf gerade an mich gerichtet? Warum glaubte er den Grund für den Fluch so genau zu kennen? Doch auch die Antwort auf die letztlich gestellte Frage blieb aus. Ich hielt den Atem an und blickte ins Gesicht meines Gegenübers. Er hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht mehr. Erst fürchtete ich, er sei gestorben; dann aber sah ich, wie sich die Decke über dem Brustkorb leicht hob und senkte. Meine Erleichterung währte allerdings nicht lange. Hinter mir hörte ich ein kurzes Knurren, wie von einem Hund, der in den Angriff überging. Ich drehte mich um und erblickte den Roadie, der mit seiner bedrohlichen Masse den gesamten Türrahmen ausfüllte.
«Buffet», bellte er, stampfte auf den Boden und wies nach unten. Dass ich seinen schwingenden Armen auswich und durch die Tür entweichen konnte, glich einem Wunder, aber irgendwie schaffte ich es. Die Sicherheitsleute vor dem Hotel, die eben von ihrer Wageninspektion zurückkamen, konnten mir nur verdattert nachschauen.

Ich beschloss, über das Erlebte eine Nacht zu schlafen.
Am nächsten Morgen hörte ich, dass die Band trotz der Unannehmlichkeiten eine Lösung gefunden hatte. Wie diese aussah, konnte ich aber nicht sagen, denn als ich zur Bühne gekommen war, hatte bereits die Nachfolgegruppe gespielt, deren Musik mich nicht mehr ansprach. Ich war deshalb schnell im Zelt verschwunden und erst am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Nun sass ich mit brummendem Kopf auf der Wiese. Der Schlaf hatte keineswegs geholfen, die Gedanken zu vertreiben, die mir seit der Geschichte im Hotel durch den Kopf schwirrten. Nachdem sich die Kopfschmerzen wieder ein wenig gelegt hatte, fragte ich vorsichtig herum, was mit dem Bassisten los sei – ich erfuhr bloss, die Band wäre am frühen Morgen mit dem Tourbus in Richtung Autobahn davongefahren. Also kein Todesfall, kein Mord, ja, nicht mal ein nachtragender Roadie. Dennoch wollte ich den Zauberer zur Rede stellen und machte mich auf die Suche nach ihm. Die Hoffnung, ihn und somit die wahren Zusammenhänge dieser seltsamen, magischen Beziehung zu seinem ausgesuchten Opfer zu finden, schwand jedoch mit jeder Stunde. Als Mittag geworden war, gab ich die Suche auf. Ich konnte nicht ewig hierbleiben, zumal ich am nächsten Morgen im Büro arbeiten musste. So blieb die Ratlosigkeit in mir sitzen, während ich das Zelt abbrach, die Stangen und Pflöcke in der Tragtasche verstaute. Als alles zusammengepackt war, schaute ich ein letztes Mal auf den Fleck niedergedrückten Grases, um mich zu vergewissern, ob ich nichts vergessen hatte. – Da lag etwas. Der Zettel, den ich gestern fortgeworfen hatte. Ohne ihn erneut auszufalten, hob ich ihn auf und steckte ihn in die Tasche. In diesem Augenblick tippte mir jemand auf die Schulter.
«Wo waren Sie gestern?»
Der Zauberer beugte sich ganz nah zu mir und trommelte mit dem Finger auf den Rand seines Spitzhuts.
«Ich war … hier», stammelte ich. Eigentlich ungelogen.
«Ja? Ich habe Sie beim Konzert aber gar nicht mehr gesehen?», fragte er wieder mit derselben gespielten Strenge wie in der Frage nach meinem Alter.
«Ich stand weiter vorne», erwiderte ich.
«Ja? Ich auch.» Seine Stimme wurde beinahe drohend. Ich dachte an den schaurigen Blick, den der Bassist beschrieben hatte. Genauso hatte ich ihn mir vorgestellt. Jetzt also Schluss mit den Spielchen.
«Was haben Sie im Hotel gemacht?», konfrontierte ich ihn.
Die Überraschung auf seinem Gesicht währte nur kurz. Dann lachte der Zauberer. «Sie waren auch dort? Na, dann wissen Sie wohl, weshalb ich es war.»
«Ich weiss es nicht. Und sie werden mir den Grund für Ihr Rumschgeschleiche sofort verraten.»
Befremdet grinste er und kramte in den Tiefen seiner Robe. «Also ich verstehe nicht. Weshalb waren Sie wohl dort? Doch auch nur, um als langjähriger Fan das hier zu ergattern, oder nicht?» Mit einem triumphierenden Lächeln streckte er mir einen Zettel entgegen. In Form und Grösse entsprach er exakt demselben, der zerknüllt in meiner Tasche lag – mit dem Unterschied, dass darauf kein Hilferuf, sondern ein schwungvolles Autogramm prangte.
«Der Bassist versprach mir sogar ein Backstage-Ticket für nächstes Mal», sagte er grinsend und zwinkerte mir zu. «Als Entschädigung für den Unfall. Na, neidisch?»
Meine Überzeugung bröckelte so schnell, wie auf unsicherem Fundament nur möglich. Ich wusste nichts darauf zu erwidern und schwieg. Erst nach einer geraumen Weile konnte ich mich zu einer Frage durchringen: «Wie hat er ausgesehen? Der Bassist, meine ich.»
«Oh, ganz gut», schwadronierte der Zauberer fröhlich. «Unter uns, die Sache war wohl gar nicht so schlimm, wie es den Anschein hatte. Im Gegenteil, er verriet mir sogar, er sei ganz froh, mal eine Pause machen zu können … Nebenbei, sind Sie mit Abreisen beschäftigt?» Der Alte warf einen Blick auf die leere Wiesenfläche, auf der zuvor das Zelt gestanden war.
«Ja, leider. Ich muss morgen früh wieder arbeiten.»
«Oh, tut mir leid.»
Das waren die letzten Worte, die ich mit dem Zauberer wechselte. Vollends aus der Bahn geworfen, machte ich mich ohne weitere Umtriebe auf den Weg. Als ich im Inland an einer Raststätte hielt, warf ich den Zettel in den Abfall.

Mond

Ich hatte Glück: Am ersten Dorffest lernte ich meine erste Freundin kennen. Sie stand allein neben einem der Fahrgeschäfte auf dem Kiesplatz und sah aus, als suchte sie jemanden, der sie für eine Fahrt begleitete. Die Attraktion bestand aus jenen Drehtassen, die auf schiefer Ebene im Kreis wirbelten und in mir starke Übelkeit verursachten. Trotzdem wagte ich es und sprach sie an, ob sie Lust hätte, mit mir aufzusteigen. Sie willigte ein und lächelte dabei mit einer anziehenden Gleichgültigkeit, so, als hätte sie jeden genommen, der zufällig des Weges kam. Wir stiegen auf die Plattform und setzten uns in eine Tasse, die sich bald zu drehen begann. Während der ganzen Fahrt hielt sie die Augen fest auf mich gerichtet. Ich tat umgekehrt dasselbe und wurde so von der Übelkeit verschont. Sie rief lachend etwas in den Wind, das ich nicht verstand, und streckte die Hand nach mir aus. Ich war zu unerfahren; von ihrer Offenheit überrascht, zuckte ich zusammen und drückte mich tiefer in den Sitz, als es die Drehung schon tat.
Die Musik wurde leiser, das Zischen der Hydraulik kündigte das Ende der Fahrt an. Wir stiegen aus und liefen über den Platz. Um das wattige Gefühl in den Beinen zu vertreiben, zeichnete ich mit dem Schuh Spuren über den Kies. Sie schlug vor, den Schiessstand auszuprobieren. Glücklich darüber, dass sie meiner Begleitung noch nicht überdrüssig geworden war, stimmte ich zu. Sie jubelte, als ich alle zehn Ziele traf, und bedankte sich lächelnd, als ich ihr einen Anhänger in die Hand drückte. Obwohl mich ihre Aufgeschlossenheit freute, wunderte ich mich insgeheim darüber, wie wenig sie sonst sprach. Sie erzählte kaum von sich, und wenn längere Gesprächspausen entstanden, wirkte sie abwesend und betrübt. Ich befürchtete eine Herzensangelegenheit und wollte fragen, ob sie bereits einen Freund hatte, ahnte jedoch, dass sie nicht hier darüber reden würde. Ich kaufte uns zwei grosse Zuckerwatten und erzählte ihr von einem schönen Platz abseits des Trubels. Sie hingegen bat mich, sie ein Stück auf dem Nachhauseweg zu begleiten. Er führte an den Rand des Dorfes, wo sich ein karges Feld öffnete. Es hatte vor kurzem brach gelegen, nun wuchsen Weizensprösslinge darauf. In der Ferne konnte ich ein alleinstehendes Haus erblicken; in diese Richtung steuerte sie.
Je länger wir den Weg über das Feld gingen, desto bedrückter wurde ihre Stimmung. Sie hatte die Zuckerwatte nicht mehr angerührt, hielt aber den Stängel fest in der Hand. Immer wieder sah sie hinauf zum Mond, dessen Licht auf ihre schöne Stirn fiel. Zunächst hielt ich ihre Blicke für ein Zeichen von Verlegenheit, dann jedoch bemerkte ich die Unruhe, die in ihnen lag. Es schien, als fürchtete sie eine Katastrophe, die jeden Moment auf sie herabfahren würde. Wie sehr sich mein Eindruck bewahrheiten sollte, ahnte noch nicht.
Da begann sie von sich aus zu sprechen, allerdings nicht von einem Freund, sondern von ihrer Familie. Sie erzählte, dass sie allein bei ihrem Vater wohnte; die Mutter sei vor langer Zeit verschwunden, wohin, wisse sie nicht. Sie müsse immer wieder zurückkehren, und nichts liesse sich daran ändern. Auf diese seltsame Andeutung hin schwieg sie, obwohl ich versuchte, sie zum Fortfahren zu bewegen. Ihre Furcht vor einer unsichtbaren Bedrohung war mittlerweile so gross geworden, dass sie zu zittern begann. Mit einem Mal fuhr sie zusammen und schrie. Ich erstarrte und hörte darauf ein wirres Gestammel. Immer wieder stotterte sie nur das eine Wort: Mond … Mond. Dabei streckte sie schwach die Arme über den Kopf, als wollte sie einen Angriff von oben abwehren. Zuletzt sank sie auf der Stelle um; ich konnte sie gerade noch davor bewahren, mit dem Kopf auf den Asphalt zu knallen.
Sie hatte das Bewusstsein verloren.
Ich legte sie vorsichtig auf den Rücken und lauschte an ihrer Brust. Ein schwacher Atem. Alle Versuche, sie zu wecken, schlugen fehl. In Gedanken ging ich unzählige Krankheitsszenarien durch, doch je mehr sich in meinem Kopf zusammenhäuften, desto hilfloser fühlte ich mich. Gerade wollte in Richtung Dorf rennen, um Hilfe zu holen, als mich die Lichter zweier Wagenscheinwerfer blendeten. Ein alter Toyota hielt neben uns an. Wie es sich ergab, war der Fahrer, der in aller Hast ausstieg und die Ohnmächtige auf den Rücksitz legte, ausgerechnet der Vater des Mädchens. Mir bot er den Platz auf dem Beifahrersitz an. Wir rasten zum einsamen Haus am Feldrand. Dort trugen wir sie ins Wohnzimmer und legten sie auf das Sofa. Bei all dem Wirbel hatte ich keine Fragen gestellt, nun aber, als der Vater in der Küche verschwand und mich mit dem Mädchen in der Stube zurückliess, rief ich ihm nach, ob wir sie nicht besser ins Krankenhaus fahren sollten. Der Vater kam mit einem feuchten Lappen zurück und schüttelte den Kopf. Während er ihr das Tuch auf die Stirn drückte, verriet er mir, dass er Arzt sei. Die Zustände seiner Tochter würde er kennen. Ohnmachtsanfälle, die in regelmässigen Abständen aufträten und jeweils von selbst vorübergingen. Die Ursache erklärte er in medizinischem Kauderwelsch – statt mich zu beruhigen, förderte es aber mein Misstrauen. Als er mir riet, unbesorgt nach Hause zu gehen, fragte ich, wo sich seine Praxis befände. Darauf wurde er wütend. Er sprang auf und zischte, dass ich mich in Dinge einmischte, die mich nichts angingen. Zuletzt jagte er mich aus dem Haus.
Lange stand ich mit pochendem Herzen vor der verschlossenen Tür.
Nach einer Weile gab ich mich geschlagen und blickte ich zu den Lichtern des Dorfs. Die Festgeräusche drangen leise über das Feld und vermischten sich mit dem Rauschen des Windes, der um das Haus strich. Alles blieb ruhig, als wäre nichts geschehen.

Die Maschinen summten gleichförmig im beengten Raum. Ich arbeitete in einer Garage, in der Gebrauchtwagen repariert wurden. Ein Ferienjob, um meine Eltern zufriedenzustellen. Sie sagten, ich würde damit wichtige Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln. In Wahrheit war mir die Arbeit egal, wenn sie mir nur genügend Geld einbrachte. Ich brauchte dringend neue Ersatzteile für mein Mofa, das seit den letzten Wochen ein besorgniserregendes Klappern von sich gab. Für gewöhnlich wäre ich damit samstags auf dem Pausenplatz aufgekreuzt, um die Mädchen zu beeindrucken. Nun aber wollte ich, da mir bei dem Geklappere ihr Spott sicher war, darauf verzichten. Dass ich mir die «pubertäre Aktion», wie sie Mutter nannte, mittlerweile ersparte, hatte aber auch einen anderen Grund.
Denn immerzu musste ich an sie denken, und an das Wort, das sie gerufen hatte. «Mond» – wie eine Warnung hatte es geklungen. Ich hatte mich in der Schule umgehört, aber niemand schien das Mädchen zu kennen, geschweige denn zu wissen, in welche Klasse sie ging. Ich hatte deshalb schon den Verdacht, sie käme aus der Stadt; aber warum hätte sie sich dann an unser Dorffest verirrt? Nein, das war unwahrscheinlich – ausserdem hatte ich sie doch selbst Bekanntschaft mit ihrer Familie gemacht. Allerdings weckte das Verhalten ihres Vaters nicht gerade Vertrauen. Vielleicht, kam mir in den Sinn, unterrichtete er sie zuhause und hielt sie von der Aussenwelt fern. – Weshalb das Dorffest, an das sie sich heimlich schlich, zu viel für ihre Nerven gewesen war –
Ich wusste selbst, dass meine Gedankenspiele nichts taugten. Deshalb nahm ich an einem Freitag von der Arbeit Reissaus, um nach ihr zu sehen. Damit mein Verschwinden fürs Erste unentdeckt bliebe, fragte ich den Werkstattleiter, ob ich mich um den Wagen auf der Rückseite der Garage kümmern könne. Ich wusste, dass man mich dort höchstens alle zwei Stunden behelligte, und ich würde mir so genügend Zeit verschaffen. Der Leiter gab nichtsahnend seine Erlaubnis, ich huschte um das Gebäude, bis ich vor meinem Mofa stand, das ich zuvor hier versteckt hatte. Die ersten Meter bis zum Tor schob ich es neben mir her. Kaum hatte ich jedoch die Strasse erreicht, schwang ich mich auf den Sitz und fuhr los.
Ich liess das Dorf hinter mir. Die Sonne brannte auf das Feld, das keinerlei Schatten bot. Der Asphalt war trocken und staubig. Links und rechts erstreckten sich die Sprösslinge. Endlich kam ich beim Haus an. Ich stellte das Mofa vor dem Garten ab und ging den Weg zwischen Apfelbäumen hindurch zur Haustür. Anscheinend war der Vater nicht nur Arzt, sondern auch Naturfreund. Ich klingelte. Als niemand reagierte, klopfte ich beharrlich. Immer noch keine Antwort. Ich hielt nach einem offenen Fenster Ausschau. Das fand ich nicht, dafür etwas Besseres: Eine Aussentreppe führte zu einer unverschlossenen Kellertür. Ich riss sie auf und schlüpfte hinein. Ein Druck auf den Lichtschalter erhellte einen Raum mit allerlei Gerümpel. Ich bahnte mir einen Weg zur Treppe, ging nach oben und fand mich in der Stube wieder.
Die Tochter lag noch genau so da, wie ich sie zurückgelassen hatte.
Der Vater hatte lediglich eine graue Wolldecke über sie gebreitet, unter der ihre bleichen Arme hervorlugten. Auf einem Nachttisch neben dem Sofa stand eine Tasse Tee. Sie war leergetrunken. Ich setzte mich neben das Mädchen und betrachtete sie. Ihre Wangen schienen eingefallen. Ansonsten wirkte sie so schön wie an dem Abend, als ich sie getroffen hatte. Ich beugte mich über ihr Gesicht und wollte ihren Namen flüstern – doch ich kannte ihn ja nicht.
«Juna», sagte eine Stimme hinter mir.
Der Vater hatte mich vom Ofen aus beobachtet. Er kam bedrohlich auf mich zu. «Juna» hiess in einem japanischen Dialekt «Mond», wie ich später erfuhr. Es blieb das einzige, was er sagte. All meine erneuten Fragen zu ihrem Zustand ignorierte er wortlos und drängte mich einmal mehr zum Gehen, indem er zur Tür wies. Arzt hin oder her, ich fand ihn unerträglich. In einer heissen Wut wollte ich ihn zurückstossen, doch da fiel mir etwas Besseres ein.

Ich ging nach draussen und tat so, als entfernte ich mich, machte vor dem Gartenzaun jedoch eine scharfe Biegung und schritt zielstrebig um das Haus herum. An der Seite befand sich ein zur Garage umgebauter Schuppen, in dem der Wagen parkte. Wenn dieser Tyrann jegliche Hilfe ablehnte, sollte er eben bekommen, was er verdiente. Ich klappte die Motorhaube auf – und schloss sie wieder, da mir die Unsinnigkeit meines Tuns bewusst wurde. Nein, ein kaputtes Auto würde niemandem helfen, schon gar nicht Juna. Als ich so innehaltend im Halbdunkel des Schuppens stand, fiel mir ein Leuchten auf. Es kam von der Rückwand. Zuerst vermutete ich Sonnenlicht, das durch die Lücken zwischen den Brettern schien. Dafür war es aber zu kalt. Ich trat näher und gewahrte ein loses Brett, hinter dem die Lichtquelle besonders stark leuchtete. Mit einem Ruck riss ich es von der Wand und stierte mit offenem Mund auf das, was ich sah.
Hinter der Wand hätte ich das Ende des Apfelbaumgartens erblicken müssen. Worauf ich aber schaute, war eine karge, weisse Landschaft, übersät von Kratern und Hügeln, auf denen nichts wuchs. Eine Felswüste, über die sich ein schwarzer Himmel spannte. Das kalte Leuchten dieser Wüste war so stark, dass ich die Augen zusammenkneifen musste. Am Horizont glaubte ich einen bläulichen Schemen auszumachen.
Da lenkte mich ein Geräusch ab – die Stimme des Vaters, der durch den Garten brüllte. Er hatte in der Zwischenzeit offenbar bemerkt, dass das Mofa noch immer am Gartenzaun stand, und wollte mich endgültig fortjagen. Hastig blickte mich nach einem Versteck um. Würde er erst in den kleinen Schuppen treten, bestünde wenig Aussicht auf Heimlichkeit. Da entsann ich mich, dass der Schuppen ja an der vom Zaun abgewandten Hausseite stand. Im Schutz der Fassade konnte ich eine bessere Alternative zu suchen. Und so rannte ich hinaus und sprang hinter ein Gebüsch. Es lag am Rand des Grundstücks, von wo aus man einen guten Überblick hatte. Ich beobachtete, wie der Vater wie eine Schattengestalt zwischen den Bäumen hindurchhuschte. Sein gebückter Gang wirkte unnatürlich, und meine Abneigung gegen ihn steigerte sich zu einem schwer erklärlichen Ekel.
Bald darauf war ich froh um meinen Schachzug, denn der Vater rannte zum Schuppen und riss das Tor weit auf. Ich hatte keine Zeit gehabt, das Holzbrett wieder an seinen Platz zu rücken, und so wurde mein unerlaubtes Verweilen noch augenfälliger. Ich erwartete, ihn jeden Moment aus dem Schuppen und in meine Richtung stürmen zu sehen. Doch zu meiner Verwunderung heulte der Automotor auf. Sollte er etwa wegfahren? Das schien völlig widersinnig. Nein, der Motor brummte zwar, und der Wagen fuhr, aber nicht aus dem Schuppen. Trotzdem wurde das Motorengeräusch allmählich leiser, als entfernte er sich. Aber in welche Richtung?
Erst, als ich die Vögel zwitschern hörte, wagte ich mich hinter dem Gebüsch hervor. Jeden Muskel anspannend, näherte ich mich dem Schuppen. Es blieb still. Was ebenfalls blieb, war der ungeheure Anblick der weissen Landschaft, die sich dort erstreckte, wo die hintere Bretterwand hätte sein müssen. Der Wagen fehlte, und ich ahnte: Der Vater war der falschen Spur gefolgt und suchte mich in der Einöde unter dem schwarzen Himmel.
Entweder, ich hörte auf die Vernunft, nutzte die Abwesenheit des Vaters und brachte Juna ins Krankenhaus, wo sie die nötige Behandlung bekam. Oder aber ich folgte diesem Poltergeist, dem Vater, und würde, wenn ich ihn fände, das Rätsel um seine Tochter lösen.

Wegen dem Staub, den das Mofa während der Fahrt aufwirbelte, hatte ich Mühe, durch das Helmvisier etwas zu erkennen. Dafür minderte er das gleissende Licht der Mondlandschaft. Vor mir erstreckte sich eine weite, mit Felsblöcken bespickte Ebene. Die Blöcke erreichten die Grösse von Findlingen, die ich schon auf manchen bewaldeten Berghängen gesehen hatte. Nur, dass diese, von keinem Schatten je berührt, mit der weissen Oberfläche verschmolzen schienen. In der Ferne, dort, wo sich der schwarze Himmel und die weisse Landschaft trafen, sah ich eine Staubwolke. In dieselbe Richtung führten zwei geradlinige Reifenabdrücke. Zwischen ihnen fuhr ich, einer klaren Spur ins Ungewisse folgend.
Während als einziges Geräusch das Dröhnen des Mofas meinen Kopf ausfüllte, hielt ich meinen Blick fest auf die Staubwolke gerichtet. Sie wurde weder noch grösser noch kleiner, kam weder näher noch entfernte sich. Dass ich mich in der Einöde überhaupt bewegte, bemerkte ich lediglich an den Hügelgruppen, die am Horizont auftauchten, langsam zur Seite hin wanderten und hinter mir verschwanden. Das Mofa begann wieder zu stottern; ich fürchtete, es würde zum Stillstand kommen. Da bemerkte ich eine ferne Bergkette. Zuerst war sie ein dünner Streifen, bis sie, je näher ich kam, zu einem kolossalen Felsmassiv heranwuchs. Die Staubwolke des Autos verschwand in einer Schlucht zwischen den steilen, zackigen Hängen. Ich konnte bis zum Eingang der Schlucht fahren; dann gab der felsige Grund meinem Mofa den Rest. Ich stieg ab und führte es zu Fuss unter einen Felsvorsprung. Den Helm auszuziehen wagte ich nicht, als sei ich ein Astronaut, obwohl die Bedingungen an diesem unwirtlichen Ort kaum denjenigen des wirklichen Mondes entsprechen konnten – doch was war an diesem Abenteuer überhaupt noch wirklich?
So hell das Licht gestrahlt hatte, so dunkel lauerten die Schatten am Grund der Schlucht. Der Kontrast zwischen Dunkel und Licht schmerzte so sehr in den Augen, dass sie sich nicht darauf einstellen konnten. Nach hundert Metern entdeckte ich das Auto. Es stand vor einer Geröllhalde, die ein Weiterkommen verunmöglichte. Die Fahrertür war offen, der Sitz leer. Der Vater musste ausgestiegen und über die Steine geklettert sein. Ich begann ebenfalls zu klettern, bis ich mit zerschlissenen Hosen oben ankam. Auf der anderen Seite des Gerölls mündete die Schlucht scheinbar in einer Sackgasse. Jedoch sah ich, als ich den Hang hinabrutschte, eine dunkle Öffnung im Felsen, die wegen der sie umgebenden Schatten kaum zu erkennen war. Obwohl ich sicher war, auf der richtigen Spur zu sein – einen anderen Weg gab es nicht – zögerte ich, die Höhle zu betreten; ein kalter Luftzug, so schien es, strömte aus ihren Tiefen. Doch – war da nicht ein Licht im Dunkeln? Ich folgte dem Licht; als ich darin stand, realisierte ich, dass es von einem Loch in der felsigen Decke stammte, wodurch ein fahler Schein fiel. Und dass es nicht das einzige war – in regelmässigen Abständen folgten weitere solcher Löcher, die Lichtflecken auf den Boden zeichneten, ganz so, als wiesen sie einen Pfad durch die Dunkelheit. Ob ich mich lediglich einem Zufall fügte oder nicht, es zu tun war besser als nichts, und so schritt ich den Lichtpfad ab. Er führte mich immer tiefer in die Höhle, sodass ich bald nicht mehr wusste, wie lange ich dahinwanderte. Der Weg wurde immer steiler, bis ich unverhofft einen Ausgang erreichte. Er gab die Sicht auf einen versteckten Talkessel frei, in dessen Mitte ein seltsames Gebilde stand.

Das Gebilde, ganz aus Stein wie die es umgebenden Felswände, war zunächst nicht als funktionaler Bau zu erkennen. Seine Form glich vielmehr einer natürlichen Verwerfung in der Landschaft als einem Gebäude. Felsenspitzen, die ich nach und nach als Türme zu begreifen lernte, ragten zu beiden Seiten auf. In der Mitte wölbte sich ein Felsen, den man, wäre er nicht von tiefen Furchen zersetzt gewesen, wohl als Kuppeldach hätte bezeichnen können. Am Fuss der Kuppel das Eingangstor – oder aber eine von der Zeit vergessene Einbruchstelle. Als ich den Talkessel hinunterschritt, wurde ich für einmal mehr der allumfassenden Stille gewahr. Ich hörte nichts als meine eigenen Schritte und das leise Knirschen des Staubs, in dem meine Füsse versanken. An jedem anderen Ort wäre sie mir widernatürlich erschienen, aber hier wurde jedes Geräusch zum Eindringling, der die Ordnung – von welcher Art sie auch sein mochte – störte. Ich kam vor dem Eingang zum Stehen und blickte hinein. Auch hier ein Licht – eine einzige, kreisrunde Öffnung in der Kuppel, welche das Zentrum eines einzigen Raumes erhellte. Im Lichtschein erhob sich ein niedriges, rechteckiges Podest. Und auf diesem Podest lag Juna.
Am Rand des Lichtkreises blieb ich stehen. So unheimlich schien mir ihre Anwesenheit an diesem verlassenen Ort, dass ich vor ihr zurückschreckte. Und doch war ich mir sicher, dass sie dasselbe unschuldige Mädchen war, das mir am Dorffest zugelächelt hatte. Ich wusste nicht, wie lange ich sinnend dastand, es musste aber lange genug gewesen sein, denn unbemerkt war ein Schatten neben mich getreten. Der Vater. Ich sah ihn nicht an. Stattdessen verfolgte ich Juna mit meinen Blicken. Langsam öffnete sie die Augen und richtete sich auf. Die Umgebung schien ihr vertraut; sie nahm den Raum nicht in Augenschein, sondern drehte den Kopf und sah mich direkt an.
«Bist du es?», fragte sie. «Möchtest du zu mir kommen?»
Ihre Stimme klang unverändert. Trotzdem kam es mir so vor, als hörte ich sie zum ersten Mal.
«Geh nicht», ertönte zugleich die Stimme des Vaters rechts von mir. Dieselbe Abneigung, die mich im Garten ergriffen hatte, überkam mich und ich trat zur Seite. Gesichtslos, wie er im Dunkeln stand, wollte ich nicht in seiner Nähe bleiben. Dennoch ging ich nicht in den Lichtkreis. Waren Junas Worte eine Bitte? Oder eine Drohung?
«Wie kommst du hierher?», fragte ich sie.
«Sie war schon immer hier», antwortete der Schatten an ihrer Stelle, während sie reglos auf dem Podest sitzen blieb.
«Wie?», fragte ich in ihre Richtung.
«Das kann ich nicht sagen», erwiderte der Schatten. «Ich fand sie hier ebenso wie du.»
«Warst du nicht eben im Haus deines Vaters?», sprach ich zu Juna, den Schatten ignorierend.
«Ich bin nicht ihr Vater», antwortete er ungeachtet weiter.
«Ja? Und wer bist du dann?», wandte ich mich widerwillig endlich doch an ihn.
Juna blickte mit demselben gleichgültigen Lächeln zu mir, mit dem sie mich auf dem Kiesplatz empfangen hatte. Das Licht fiel wie damals auf ihre schöne, bleiche Stirn, und ich fühlte mich an jenen Abend im Dorf versetzt. Jetzt war sie es, die Antwort gab.
«Ich möchte, dass du bei mir bleibst», sagte sie.
«Nein», sprach wiederum der Schatten.
«Warum?», fragte ich.
«Weil sie das allen Menschen sagt, die hierher kommen.» Er stand nicht mehr neben mir, sondern hatte sich in die Dunkelheit verflüchtigt. «Sie hat es auch mir gesagt.»
«Was ist das hier für ein Ort?» Ich richtete meine Worte sowohl an Juna als auch an ihn, ahnend, dass ich von beiden, die in ihrer Feindschaft doch seltsam verbunden schienen, keine oder gegensätzliche Antworten bekommen würde.
Juna stand auf, kam auf mich zu und streckte die Hand nach mir aus, wie bei unserem gemeinsamen Moment während der wirbelnden Fahrt. «Geh besser zurück, bevor dir dasselbe passiert wie mir.» Ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten, doch ihre Stimme klang nun wie die ihres Vaters. «Zurückgehen? Nein, bitte bleib bei mir», sprach sie weiter, diesmal mit ihrer eigenen Stimme. Allmählich packte mich die Angst und ich wich zurück, weg vom Mondlicht.
«Bleib doch bei mir, bitte», wiederholte sie flehend. Gleichzeitig begannen eine Vielzahl von Stimmen aufgeregt zu flüstern. Manche kamen aus ihrem Mund, andere aus der formlosen Dunkelheit um mich herum. «Hör auf uns, und verschwinde, so lange du noch kannst. Oder willst du zum Schatten werden?»
Die Eindringlichkeit dieser Worte war es, die mich schliesslich aus der Starre riss. Ich drehte mich um und ging langsam in Richtung Ausgang. Doch schon erklang ein gellender Schrei: «Bringt ihn mir her!»
Und ich rannte los.

Wenn ich meine Verfolger gesehen oder gespürt hätte, wäre meine Flucht zielgerichtet gewesen. So aber wusste ich nicht, ob sie hinter mir, über mir oder bereits vor mir waren. Mangels Alternativen rannte ich den Weg zurück, den ich gekommen war. Das Dunkel der Höhle schien lebendig; kaum hatte ich einen der Lichtflecken passiert, erlosch er wie eine ausgeblasene Kerze. Ununterbrochen erklangen die flüsternden Stimmen. Die meiste Zeit über verstand ich nicht, was sie sagten. Manchmal hallten einzelne Satzfetzen von den Wänden wider: «Bringt ihn …» war einer davon. Wer oder was Juna und ihr Vater auch immer waren, sie waren nicht die, wofür ich sie gehalten hatte. Mein Eindruck bestätigte sich, als ich verschwitzt und mit zerrissenen Kleidern auf der Spitze der Geröllhalde ankam und hinunterblickte: vom Auto des Vaters war keine Spur zu sehen. Selbst die Reifenspuren waren weg, als hätten sie nie existiert. Am Eingang der Schlucht fand ich zwar mein Mofa wieder, aber ich musste es zurücklassen, nachdem es nicht mehr ansprang. Nach einer erschöpfenden Flucht zu Fuss sah ich endlich das Tor in die Scheune.
Willst du zum Schatten werden? Diese Worte huschten mir später oft durch den Kopf. Je länger die unwirklichen Ereignisse in die Vergangenheit rückten, desto mehr erschien mir die Frage nicht als solche, sondern als erhellende Spur. Von Juna und ihrem Vater kursierten keine Dorfgeschichten. Ich schien der erste und letzte gewesen zu sein, der die beiden je zu Gesicht bekommen hatte. Das Haus, in dem sie lebten, war, seit Jahren leerstehend, nach wenigen Wochen abgerissen worden. Die irdischen Verhältnisse, so ahnte ich, berührte sie nicht mehr als ein schwacher Lufthauch; und die Gestalten, denen ich hier auf der Erde begegnet war, waren nichts als trügerische Abbilder ihres wirklichen Lebens. Juna war nicht Opfer einer gewaltsamen Entführung gewesen, nein, sondern hatte mich, wie den vermeintlichen Vater zuvor, in ihr Licht gelockt. Während der Vater – wie so viele vor ihm – zum Mondschatten geworden war, hatte ich dem Schicksal im letzten Augenblick ein Schnippchen geschlagen.
So hatte ich zweifaches Glück: Sie blieb meine erste Freundin, und die letzte, die nachts vom Himmel schien.

Der Schatten

«Nein, Sie dürfen hier nicht reinspringen. Wegen der Schwimmer.»
Vom Beckenrand aus blickte ich ins Wasser. Um den Sprungturm zu erreichen, hätte ich die gesamte Länge des Beckens umgehen müssen. Deshalb wollte ich den Weg abkürzen, indem ich quer hindurchtauchte. Im letzten Moment hatte mich der Bademeister daran gehindert. Ich drehte mich widerwillig zu ihm um. Er war dick, trug ein weisses Hemd und weisse Hosen. Unter dem geöffneten Hemdknopf lugte ein Büschel ebenso weisser Brusthaare hervor.
«Da ist niemand», protestierte ich.
«Das meinen Sie», antwortete der Bademeister und zeigte auf einen alten Herrn, der an uns vorüberschwamm. Er schnaufte und würdigte uns keines Blickes. «Aber hier im Hallenband müssen Sie aufpassen. Wie heissen Sie?»
«Warum wollen Sie das wissen?», fragte ich irritiert. «Herr Girard.»
«Also, Herr Girard. Wie mir zu Ohren gekommen ist, treiben sich in letzter Zeit Quallen im Wasser herum.»
«Wie bitte?»
«Ha.» Der Bademeister atmete geräuschvoll aus. «Kleiner Scherz. Benutzen Sie das nächste Mal die Leitern, statt zu springen. Verstanden?»
«Aber ich bin nicht gesprungen», wollte ich antworten. Doch da hatte er seinen Rundgang schon fortgesetzt.
Verstimmt ging ich um das Becken herum und kletterte auf den Sprungturm. Von dort sprang ich mehrere Male ins Wasser. Letzten Abend hatte ich im Fernsehen die wilden Kapriolen der Kunstspringer mitverfolgt. Mein Körper, der eines dreissigjährigen Büroarbeiters, konnte mit der Grazilität der jungen Sportlerinnen natürlich nicht mithalten. Das versuchte ich aber auch gar nicht. In Wahrheit sprang ich nur, um mich vor dem anstrengenden Kilometer zu drücken, den ich mir diesen Winter wöchentlich zu schwimmen vorgenommen hatte.
Als ich das fünfte Mal oben stand, sah ich den Bademeister erneut. Er blickte von seinem Stuhl zu mir hoch und hatte die Hände vor dem Mund zu einem Trichter geformt. Seine Lippen bewegten sich, doch ich hörte nicht, was er rief. Im Glauben, es seien abermals Belanglosigkeiten, wagte ich den Sprung. Er glückte mir nicht. Hinzu kamen ein plötzlicher Schmerz im linken Bein und die leidvolle Ahnung, dass ich just einen Muskel überspannt hatte. Mit verzerrtem Gesicht schwamm ich zur Leiter und kletterte aus dem Becken. Der Bademeister kam energisch auf mich zu.
«Das haben Sie sehr gut gemacht.»
Ich hatte eine Schelte erwartet.
«Aber ich muss Sie sprechen. Haben Sie kurz Zeit?»
Ahnungslos folgte ich ihm in einen abgetrennten Bereich. Durch eine Scheibe konnte er die Vorkommnisse im Hallenbad überblicken. Er setzte sich in einen Bürostuhl, auf dem er nervös hin und her rollte.
«Tut Ihnen das Bein noch weh?»
Er musste meinen hinkenden Gang bemerkt haben.
«Ja.»
«Das ist, weil Sie meinem Schatten begegnet sind.»
Ich sah ihn fragend an.
«Sehen Sie, vor einer Woche bin ich ins Becken gefallen, als ich einen Besucher vor dem Ertrinken rettete. Ich konnte ihn aus dem Wasser hieven, aber als ich selbst aus dem Becken stieg, musste mein Schatten zurückgeblieben sein. Seither treibt er im Wasser sein Unwesen.»
Ich blickte zu den Füssen des Bademeisters. Das Licht im Raum war jedoch zu schwach, um seine Worte zu überprüfen.
«Er mag es nicht, wenn die Leute zu fest plantschen. Deshalb erzähle ich ihnen den Scherz mit den Quallen», erklärte er.
Quallen, noch dazu fiktive, erschienen mir ein ungeeignetes Mittel, um die Leute zu beruhigen. Aber ich ging nicht weiter darauf ein. «Und warum erzählen Sie mir das?»
«Für Ihr Alter scheinen Sie mir unkonventionell, Herr Girard. Mit Ihren Sprüngen und Ihren Ideen. Deshalb dachte ich, Sie könnten mir helfen.»
«Wobei?»
«Na, den Schatten wieder einzufangen.»
«Was? Und wie wollen Sie das tun?», fragte ich mit höflicher Überraschung. In Wahrheit hatte ich ihn längst durchschaut. Ein Irrer, dem das Wasser zu Kopf gestiegen war.
«Kommen Sie zu mir, wenn das Hallenbad schliesst. Dann lassen wir uns etwas einfallen. In Ordnung?»
«Alles klar», erwiderte ich. «Soll ich etwas mitnehmen?»
«Nein, Ihr Mut und Ihr Verstand reichen.»

Natürlich würde ich nicht auf einen Irren hören. Als das Signal der baldigen Schliessung erklang, ging ich deshalb so rasch wie möglich zu den Duschen, zog mich um, packte meine Sachen ein und strebte in Richtung Ausgang.
«Wo wollen Sie hin?»
Der Bademeister stand vor dem Drehkreuz.
«Ich wollte ein wenig frische Luft schnappen», log ich.
«Das können Sie auch nachher. Kommen Sie», drängte er.
Mir blieb keine andere Wahl. Ich folgte ihm am Duschbereich vorbei zu einer Tür, die in den durch Glasscheiben abgetrennten Raum von vorhin führte. Durch die Scheibe sah ich auf das Sprung- und das Schwimmbecken. Sie waren beide leer; die Wasseroberfläche spiegelglatt.
«Wo ist jetzt der Schatten?», fragte ich ungeduldig. Ich wollte ihn so schnell wie möglich zur Vernunft bringen und nach Hause gehen. So hoffte ich, meine Frage würde ihn verunsichern.
«Er taucht nicht einfach so auf. Wir müssen ihn reizen.»
«Und wie?»
«Warten Sie schnell.» Der Bademeister verschwand durch dieselbe Tür, durch die wir gekommen waren. Diesen Moment hätte ich zum Verschwinden nutzen können – aber wie ich mir unwillig eingestehen musste, begann mich die Sache zu interessieren; ich hielt den Schatten für das Symptom einer seltenen Wahrnehmungsstörung. Der Bademeister kam wieder. Über seiner Schulter trug er einen unförmigen Sack mit Wasserbällen. Da ich die Ausführung eines kruden Plans befürchtete, bei dem ich eine unangenehme Rolle spielte, fragte ich ihn aus.
«Ich will mehr über den Schatten erfahren. Ist Ihnen das schon einmal passiert?»
«Ja», gestand er ein. «Als Kind. Damals verlor ich ihn, als ich auf einen Baum kletterte. Er fiel zu Boden wie ein fauler Apfel, während ich in den Ästen hing. Können Sie sich mein Entsetzen vorstellen?»
«Was taten Sie dann?»
«Ich sprang sofort hinunter. Zum Glück bewegte er sich nicht von der Stelle und ich konnte ihn mit den Füssen festnageln. Seither hatte er sich nicht mehr selbständig gemacht – bis jetzt. Ich fürchte, diesmal wird die Sache viel schwieriger. Sind Sie bereit?»
Er drückte mir den Sack mit den Bällen in die Arme.
«Was soll ich tun?»
«Sie steigen auf den Sprungturm und werfen die Bälle hinab. Der Schatten wird aus seinem Schlaf geschreckt und nach oben tauchen. Dann fange ich ihn mit diesem Netz ein.» Der Bademeister streckte ein Netz an einer Stange in die Höhe, wie man sie beim Fischen verwendet.
Obwohl ich über die Vorstellung, der Schatten schliefe, lächeln musste, tat ich, was er verlangte. Ich kletterte also auf den Turm und öffnete den Sack mit den Bällen. Nacheinander warf ich sie hinunter, die mit einem lauten Platschen im Wasser landeten und auf der Oberfläche trieben. Um dem Bademeister die illusorische Arbeit zu erleichtern, warf ich sie möglichst nah an den Beckenrand, wo er sich mit dem Fangnetz bereit gemacht hatte.
Wie erwartet, geschah nichts. Die Bälle trieben langsam im Wasser dahin, wie Bojen, die in einem verlassenen Hafen auf ein Schiff warteten. Die Reaktion des Bademeisters hingegen kündete vom Gegenteil: Zuerst reckte er den Hals, dann begann er mit dem Netz wie wild in meine Richtung zu fuchteln. Ich sah genauer ins Wasser, konnte jedoch immer noch keinen Schatten entdecken. Was ich stattdessen sah, war, dass sich die Bälle in Bewegung setzten. Zunächst wurden zwei für kurze Zeit unter Wasser gedrückt, bevor sie wieder an die Oberfläche schossen. Daraufhin verschwanden vier, fünf Bälle gänzlich, und an ihrer Stelle drangen Blasen hoch. Schliesslich trieb etwas zum Bademeister – eine zerbissene Ballhülle.
«Dort ist er! Er frisst die Bälle!», schrie er mit Euphorie und Angst zugleich. Sofort folgte ich seinem Fingerzeig – ausser einer grossen, zerplatzenden Blase konnte ich jedoch nichts erkennen. Wenn auch nichts darauf hindeutete, was diese Phänomene verursachte, gewöhnlich waren sie bestimmt nicht. Beunruhigt überlegte ich, vom Turm zu steigen, da rief der Bademeister: «Girard! Helfen Sie mir!»
Das erleichterte mir die Entscheidung. Während ich die Stufen hinunterkletterte, beobachtete ich, wie er mit dem Fangnetz durch das Wasser fuhr. Als er einer der Blasen zu nahe kam, riss etwas am anderen Ende der Stange. Er verlor das Gleichgewicht und fiel ins Becken. Sofort rannte ich dorthin, wo das Netz trieb.
Nichts regte sich. Er schien verschwunden. –
Da hörte ich ein Keuchen. Der Bademeister lag am gegenüberliegenden Beckenrand und hustete. Wie war er dorthin gelangt? Als ich zu ihm kam, war er bereits aufgestanden. Seine weissen Kleider trieften vor Nässe, und die Haare tropften. Zu meiner Überraschung machte er jedoch einen entspannten Eindruck.
«Geschafft», sagte er. «Sehen Sie.» Er drehte sich einmal um die Achse. Ich blickte zu Boden, und dort war er, sein Schatten. Wegen der Beleuchtung hatte er weniger die Form einer menschlichen Gestalt, als vielmehr eines Durcheinanders mehrerer dunkler Flecken.
«Danke, dass Sie mir geholfen haben, Herr Girard.»
«Nicht der Rede wert», erwiderte ich. Dann sah ich zu den Bällen. Sie bewegten sich nicht.
«Er hat zu viel gefressen. Darum konnte ich ihn einfangen», erklärte der Bademeister.
«Gut …», murmelte ich.
Verstohlen blickte ich erneut zu seinem Schatten. Ich wurde mit mir nicht einig, ob er schon zuvor dort gewesen war, oder ob ich ihn einfach nicht bemerkt hatte.
«Dann also eine gute Heimfahrt», meinte er fröhlich.
«Sie bleiben hier?»
«Nur eine Weile. Das schwere Essen liegt ihm im Magen. Auf Wiedersehen.» Der Bademeister winkte mir zu, während ich verunsichert zum Ausgang lief.

Die Katzen

Am Sonntagmorgen kam ich nach Hause und fand eine Sardelle im Milchkasten vor. Jemand, vermutlich ein betrunkener Student oder Possenreisser, hatte sich den merkwürdigen Scherz erlaubt, sie auf einem Stück Zeitungspapier hineinzulegen. Ich umwickelte den Fisch angewidert mit einem Taschentuch und warf ihn in den Mülleimer, bevor ich ins Treppenhaus trat. Dort begegnete ich wie üblich niemandem; der Mieter im unteren Stock war kürzlich weggezogen. Ohne die nächtlichen Störgeräusche (mein Nachbar pflegte laut Musik zu hören) schrieb ich in diesen Stunden viel an der Doktorarbeit. Sie handelte von Metonymien bei Hoffmann. Im letzten Drittel plante ich auf einige unbekannte Werke des 18. Jahrhunderts einzugehen und mit einer Rekurrenz zu schliessen.
Aber zurück zur Sardelle. Wie ich am nächsten Tag bemerkte, hatte sie einen unerwünschten Nebeneffekt. Sei es wegen des Geruchs oder der vermeintlichen Aussicht auf eine Zwischenmahlzeit, hatten sich zwei, drei Katzen um den Briefkasten versammelt. Beim Weg zur Arbeit versuchte ich sie zu ignorieren, aber als sie abends, als ich von der ETH nach Hause kam, immer noch da sassen, verscheuchte ich die ungebetenen Gäste zischend. Einzig ein besonders aufmüpfiger Kater wollte sich nicht von der Stelle rühren – ich musste ihm mit einem Tritt nachhelfen. Er verschwand im Gebüsch auf der anderen Strassenseite, nicht ohne mich vorher rachsüchtig anzufauchen.
Die Symptome setzten ein, kurz nachdem ich in der Wohnung die Schuhe ausgezogen und hinter der Eingangstür im Flur deponiert hatte. Auf ein heftiges Jucken in der Nase folgte ein Nieser, und bald darauf tränten meine Augen, als hätte ich eine Wasabi-Nuss verschluckt. Zunächst glaubte ich an eine verspätete Reaktion auf den kalten Wind, aber als die Beschwerden eine Stunde später mit noch mehr Heftigkeit und alle gleichzeitig einsetzten, vermutete ich eine Allergie. Im Geist sondierte ich die Bestandteile des Kantinenessens. Weshalb ich nicht auf die logische Schlussfolgerung kam, dass ich den Auslöser in die Wohnung geschleppt hatte, weiss ich nicht. Aber ich muss wohl müde von der Arbeit gewesen sein.
Gegen zehn Uhr abends – ich sass noch immer mit tränenden Augen auf dem Sofa – klingelte es an der Tür. Ich schlurfte in den Eingangsflur blickte durch den Spion. Im Halbdunkel des Treppenhauses stand eine zwielichtige, vermummte Gestalt, die nicht nach einem Studenten aussah. Letztere schrieben bei mir nämlich Hausarbeiten, und es hätte wohl sein können, dass einer, verzweifelt darüber, den gestrigen Abgabetermin verpasst zu haben, vorbeischaute, um sich persönlich mit einer Schachtel Pralinen zu entschuldigen. Des enttäuschten Wunschdenkens ungeachtet öffnete ich die Tür.
Ein Mann trat ein. Er trug eine Melone samt Frack, weisse Handschuhe und bunte Hosen. Er war nicht rasiert und blickte mich mit unappetitlicher Strenge an, als fühlte er sich unwohl in dem Aufzug. Ohne Begrüssung oder ein Lächeln ging er durch den Flur in die Stube.
«Wer sind Sie?», fragte ich.
«Ich bin Priester», sagte der Mann.
« … Und? Was verschafft mir die Ehre?» Der Beruf passte, wie ich fand, nicht zu seiner Kleidung.
Er betrachtete die Vorhänge mit einem Stirnrunzeln. «Ich bin hier, um Sie von Ihrer Strafe in Kenntnis zu setzen.»
«Strafe?»
«Sie müssen wissen, das ist der höhere Wille. Ihre Strafe lautet: Allergie auf Lebenszeit.»
«Wie bitte?»
«Vor wenigen Stunden haben Sie einen Fehler begangen. Sie haben jemanden misshandelt.»
Ich verstand nicht. «Die Katze?», riet ich zögernd.
«Den Kater», korrigierte der Priester. «Sie haben ihn getreten. Das Treten eines Katers steht unter Höchststrafe. Die da lautet: Katzenhaarallergie. Auf Lebenszeit. Guten Abend.»
Der Mann nahm seinen Hut.
«Halt, warten Sie. Ich habe eine Katzenhaarallergie?» Mit brennenden Augen folgte ich ihm ins Treppenhaus. Die einzige Antwort, die ich erhielt, war das Zuschlagen der Eingangstür.

«Wann sind die Symptome das erste Mal aufgetreten?»
Ich wusste überhaupt nicht, wie ich dem Arzt den Vorfall erklären sollte. Unschlüssig sass ich im Stuhl und rutschte darin hin und her. Sollte ich den Priester in der seltsamen Verkleidung erwähnen? Oder dass ich einen Kater getreten hatte? Auf dem Weg zur Praxis hatte ich mit mir gerungen. Vielleicht bildete ich mir ja alles ein und ich hatte gar keine Allergie. Andererseits zeigte der Hauttest ein deutliches Resultat. Ich starrte auf den roten Punkt auf meinem Unterarm, der wie ein Mückenstich aussah und auch so juckte.
Der Arzt widerholte seine Frage, ich schreckte hoch.
«Vor zwei Wochen», sagte ich.
«Ja, das sieht deutlich nach einer Allergie aus», bestätigte er. «Haben Sie Katzen in der Wohnung?»
Obwohl es mich verwunderte, dass wir dieses Gespräch erst nach dem Test führten, erwiderte ich: «Nein.»
«Kamen Sie sonst mit Katzen in Kontakt?»
«Ja vielleicht», sagte ich gedehnt.
«Inwiefern?»
«Da war ein Kater vor unserem Eingang. Ich habe ihn gestreichelt.»
«Haben Sie danach die Hände zu Ihrem Gesicht geführt? Zu Nase, Mund, Augen?»
«Schon möglich …»
«Das erklärt Ihre Beschwerden. Allergiker sollten nach dem Kontakt mit Katzen die Hände waschen.»
«Gibt es denn … eine Lösung dafür? Ein Gegenmittel, oder so etwas in der Art?», fragte ich ohne viel Hoffnung.
«Eine Allergie ist keine bakterielle Infektion», erklärte der Arzt gutväterlich. «Das Beste, was Sie tun können, ist den Kontakt zu Katzen abzubrechen.»
«Sie sprechen von ihnen wie von einer Geliebten.»
«Das sind Katzen vielleicht auch», erwiderte der Arzt mit einem vieldeutigen Lächeln. «Aber jetzt haben Sie ihre Gunst für immer verloren.»
Die seltsamen Worte liessen mich stutzen. Ich sah in das Gesicht des Arztes und realisierte, dass ich die ganze Zeit mit dem Priester gesprochen hatte.
«Verloren», wiederholte er ein letztes Mal, bevor er über seinen Kittel strich und den Raum verliess.