«Alles ist da, wo es hingehört», versicherte der Arzt.
Glücklich wurde Marchetti damit nicht. Mochten seine Organe auch am rechten Platz sitzen, sein merkwürdiges Gefühl blieb.
«Mein Eindruck lügt nicht», betonte er.
Schuld an der Situation war das Rennen von letzter Woche. Jede Person, der er sein Erlebnis schilderte, hielt ihn für verrückt, aber das war ausgeschlossen. Er erinnerte sich an jedes Detail, besonders aber an die Art des Rennwagens, der ihm auf der Strecke in Monza entgegengerast war. In der Curva Biassono war es geschehen: Aus dem Nichts war ein Auto in ihn hineingeschlittert, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit – und in Gegenrichtung. Das Modell hatte seltsam veraltet ausgesehen; zuletzt waren Wagen dieses Typs in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts benutzt worden, es handelte sich um ein Maybach-Spezialauto, das damals für gewöhnlich auf Kurzstrecken zum Einsatz gekommen war. Kurz vor dem Crash hatte Marchetti die Augen geschlossen, doch als er sie wieder geöffnet hatte, war nichts passiert, der Geisterfahrer schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Aus diesem Grund hatte er das Erlebnis für eine Sinnestäuschung gehalten, zumindest, bis er das Rennen beendet und aus dem Auto gestiegen war. Denn seither fühlte er sich, als gehorche ihm sein Körper nicht mehr. Wollte er den Kopf nach links drehen, drehte er ihn nach rechts. Senkte er ihn, warf er ihn in den Nacken. Ebenso störrisch agierten seine Gliedmassen; gedachte er den rechten Fuss nach vorne zu setzen, bewegte sich stattdessen sein linker, und mit den Armen war es dasselbe. Selbst etwas so Simples wie sich zu bücken, gelang ihm nicht mehr, weil sich ersatzweise nach oben streckte. Zu Beginn hatte Marchetti Mühe damit, überhaupt seinen alltäglichen Geschäften abseits der Rennstrecke nachzugehen. Duschen war zum Albtraum geworden, und jeder Einkauf im Dorfladen hatte ihn Stunden gekostet. Mittlerweile hatte er es irgendwie geschafft, sich umzugewöhnen. Trotzdem war ein Gang zum Arzt dringlich notwendig, denn so konnte es nicht weitergehen.
«Glauben Sie, dass ich lüge?», fragte Marchetti verärgert.
«Ich kann nur feststellen, was ich sehe und messe. Und mit Ihnen ist alles in Ordnung.»
«Was ist mit dem Gehirn?»
«Dazu müsste ich Sie zum Neurologen überweisen.»
«Dann tun Sie es», drängte Marchetti und stampfte auf dem Boden auf.
Der Arzt seufzte und tätigte die Überweisung. Leider würde es drei Wochen dauern, bis er einen Termin bekäme, und das nächste Rennen fand in drei Tagen statt.
Am Tag des Rennens hielt Marchetti nach ungewöhnlichen Erscheinungen Ausschau. Er stattete sogar jedem Rennstall einen Besuch ab, um zu sehen, ob sich irgendwo ein Auto aus den Zwanzigerjahren eingeschlichen hätte. Doch überall standen nur brandneue Boliden. Marchettis Verzweiflung wuchs. Ihm blieb nichts anderes übrig, als das Rennen in seinem verkehrten Zustand zu fahren. Immerhin hatte er sich inzwischen so gut im Griff, dass ihm kein Fehler unterlaufen würde.
Das Rennen startete, Marchetti drückte auf das Gaspedal und liess seine Konkurrenten hinter sich. Im Grunde hatte er nichts anderes zu tun, als das Steuerrad gefühlt stets in die Gegenrichtung zu drehen und die Strecke somit gespiegelt zu absolvieren. Doch als er die Curva Biassono das dritte Mal erreichte, tauchte der unheimliche Wagen erneut auf. Diesmal erhaschte Marchetti auch einen Blick auf die gespenstische Gestalt hinter dem Steuer: Sie trug einen langen Mantel, Hut und Brille wie ein Mensch, doch ihr Kopf schien seltsam deformiert und furchteinflössend, ihr Mund war zu einem teuflischen Grinsen verzerrt. Vor Angst wagte Marchetti nicht länger hinzusehen – im nächsten Moment war das Auto wieder verschwunden. Marchetti fand sich in einsamer Spitzenposition wieder, wie vorhin. Nur etwas hatte sich verändert – was das war, begriff er leider zu spät. An der Variante della Roggia drehte er das Steuerrad in die erlernte Richtung – die nun wieder die falsche war. Was folgte, war unvermeidlich: Marchetti kam von der Strecke ab, sein Wagen geriet ins Schleudern und überschlug sich.
Das Nächste, woran sich Marchetti erinnerte, war, dass er in einem Krankenhausbett aufwachte. Er blickte um sich und sah seine Teamkollegen, Krankenschwestern und Ärzte um sich stehen. Sie blickten mit besorgten Mienen zu ihm herunter. Obwohl jede Bewegung schmerzte, hob Marchetti erleichtert die linke Hand, winkte.
«Alles ist wieder so, wie es sein soll», krächzte er.
