Schuhe binden

Gestern war ich jemand, der sich die Schuhe band. Währenddessen gingen meine Freunde, mich nicht achtend, weiter durch die Gasse, bis ich sie aus den Augen verlor. Das schmerzte mich sehr. Aber heute bin ich ein anderer Mensch. Ja, heute beschreite ich zwar dieselbe Gasse, brauche mir jedoch die Schuhe nicht mehr zu binden und vermisse auch keinen der gestrigen Freunde, denn ich habe mir neue gesucht, Schuhe wie Freunde. Ich gehe also die Gasse entlang, ohne einen einzigen zögernden Schritt. An ihrem Ende bleibe ich aus einer Laune heraus dennoch stehen, blicke zurück – und sehe einen jungen Mann mit offenen Schuhbändeln. Ich will ihn darauf ansprechen, wobei ich merke, dass er mir seltsam bekannt vorkommt: so, als sei es tatsächlich ich selbst, der mir da aus dem Gestern entgegengeistert. Als er Halt macht und sich nach den Bändeln bückt, glaube ich sogar zu hören, wie er meinen Namen ruft, ruft, ich solle auf ihn warten. Eine Zeit lang überlege ich, dies zu tun – kehre ihm aber den Rücken zu und eile weiter durch die Stadt. Der nächste Tag kommt bestimmt.

Kategorie: