Nachts um 23 Uhr schloss der Tankstellenshop. Ich hatte deshalb die Gewohnheit angenommen, regelmässig eine Viertelstunde vorher aus der Wohnung zu gehen und Zigaretten und Bier zu kaufen. Das Bier trank ich für gewöhnlich gleich nach Ladenschluss, die Zigaretten bewahrte ich in der Hosentasche auf. Einige Monate frönte ich meinem Laster ungestört; der Weg von der Wohnung zum Shop und wieder zurück wurde mir zu einer Art meditativen Reise. Da ich alleine wohnte, kreisten die Gedanken unaufhörlich, der Spaziergang in der kühlen Brise half mir, sie zu ordnen. Alles hätte so friedlich weitergehen können – bis eines Nachts er auftauchte, der Unerwünschte. Wer er war, wusste ich nicht. Aber er lebte im selben Block. Auch sein Ziel war der Tankstellenshop. Immer zur gleichen Zeit, in der ich zu meinem nächtlichen Spaziergang aufbrach, trat er ebenfalls nach draussen. Oft ging er vor mir, in gemächlichem Tempo. Manchmal auch hinter mir, etwas schneller, sodass ich gezwungen war, meine Schritte zu beschleunigen. Im Shop stand er lediglich umher, als wäre es sein einziges Ziel, mich zu beobachten. Eine Kapuze verbarg sein Gesicht. Wenn ich den Laden mit meinen Utensilien verliess, tat er dasselbe und ging mir hinterher. Für eine Weile versuchte ich, ihn zu ignorieren. Aber je mehr Zeit verstrich, desto schwerer fiel es mir, ihn nicht zu hassen. Sein einziger Zweck bestand offensichtlich darin, mir auf die Nerven zu gehen und die Ruhe zu stören, die ich so dringend benötigte. Mein Hass auf ihn gärte, steigerte sich. Bis er sich eines Nachts entlud. Auf einer kleinen Brücke zwischen dem Laden und dem Wohnblock drehte ich mich zu ihm um und schrie ihn an, er solle verschwinden. Er zuckte zurück und hielt sich am Geländer fest. Die Reaktion brachte mich nicht etwa wieder zu Sinnen – nein, sie ermutigte mich zur Eskalation. Mit einer Kaltblütigkeit, die ich mir nicht zugetraut hätte, stiess ich ihn in den schwarzen Bach. Ich hörte ein Platschen und ein dumpfes Geräusch. Es klang, als sei er gegen die Felsen im Bachbett geknallt. Erst da wurde mir bewusst, was ich getan hatte. Voller Schreck warf ich die Zigaretten und die Bierdose von mir und rannte nach Hause. Im Schlafzimmer verkroch ich mich unter der Bettdecke und lauschte. Beinahe glaubte ich bereits die Polizeisirenen zu hören. Doch es blieb ruhig; und ich schlief nach Stunden des Zitterns endlich ein. Am nächsten Morgen erwachte ich mit vollkommen durchnässter Kleidung und blutendem Kopf. Verwirrt stellte ich fest, dass ich mir den Unerwünschten offenbar lediglich eingebildet hatte. Statt ihn hatte ich voller Abscheu mich selbst in den Bach geworfen. Ich sank ins Kissen zurück und überlegte, was ich mir eigentlich wünschte. – Nach zwei Nächten setzte ich meine späten Meditationen einfach fort, als sei nichts gewesen. Wenn auch ohne länger auf etwas oder jemanden zu achten – am wenigsten auf mich selbst.
