«Deinem Wunsch werde ich nicht nachkommen!», brüllte die Stimme aus dem Stamm der majestätischen Dorflinde. Die Baumkrone begann sich so fürchterlich zu schütteln, dass sich ein Ast löste und mir beinahe auf den Kopf fiel. Verängstigt rannte ich nach Hause. Ich hätte es ahnen müssen: Der Schutzgeist wollte sich nicht mit Trivialitäten wie dem Verlangen nach guten Noten bei der Abschlussprüfung befassen. Sein Gebiet war eher das Verhindern grossen Unheils. So lernte ich, was zu lernen blieb, und erwartete mit flauem Gefühl den Morgen der Prüfung. Da ging die Nachricht durch das Dorf, dass der Lehrer, als er die Linde passiert hatte, über den Ast gestolpert war und sich das Bein gebrochen hatte. Die Prüfung wurde verschoben, mir blieb mehr Zeit zum Lernen, und eine Woche darauf fuhr ich ein glänzendes Resultat ein. Während die Klasse das Ende der Schulzeit auf dem Dorfplatz feierte, blickte ich sinnend über mein Bier hinweg zum Hügel hinauf, wo die einsame Linde stand. Entweder halfen Bäume, ohne es zu wollen, oder waren einfach gute Lügner.
