In den Tiefen

Über dem Städtchen ziehen sich sanfte Hügel hin. Auf dem höchsten sitze ich, blicke auf die Dächer, die in der Sonne glänzen. Hier, sinniere ich, bin ich auf dem Höhepunkt, dem höchsten Punkt. Da erspähe ich einen, der auf dem Dach eines Hochhauses sitzt, und komme mir plötzlich klein und unscheinbar vor. Doch habe ich eine tröstende Idee: Wenn ich nicht der Höchste sein kann, kann ich vielleicht der Tiefste werden. Nachts, als alle schlafen, steige ich in die Kanalisation hinab. Mit einer Taschenlampe wate ich durch das dreckige Wasser, als ich plötzlich ein Licht am Ende des Tunnels aufscheinen sehe. Platschende Schritte nähern sich. Ich richte meine Lampe auf den Urheber und erkenne: Er ist es! Der Höchste ist mir bis in die Tiefen gefolgt. Wir passieren einander; niemand sagt ein Wort. Nach einigen Metern drehe ich mich um – er ist ausser Sicht. Hätte ich ihn ansprechen sollen? Ihm drohen, er solle mir nicht nacheifern? Nein, schliesse ich: Vielleicht wäre es am besten, ganz einfach in die Mitte zurückzukehren.

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