Nachdem er seine Rechnungen auf der Post beglichen hatte, beschloss Herr Leutenegger, einen Spaziergang am Fluss zu machen. Das Geld war knapp und die Angst gross: Er wusste nicht, wie er den nächsten Monat überstehen sollte, und selbst den Gang zum Arzt – er litt unter einem hartnäckigen Hustenproblem – hatte er aufgeschoben, um die Miete zahlen zu können. Als er über die Brücke ging, rannte ihm ein Mann hinterher. Leutenegger beschleunigte seine Schritte, weil er dachte, es handle sich um einen Gläubiger.
«Ich hörte, Sie haben ein Hustenproblem», sagte der Fremde mitfühlend, als dieser ihn einholte.
Leutenegger wunderte sich, denn er hatte sich Mühe gegeben, heute nicht zu husten.
«Das stimmt», gab er zu. «Aber was nun?»
«Ich gebe Ihnen eine Tablette. Die mögen Sie verkaufen oder schlucken, wie Sie wollen.»
Unversehens hielt Leutenegger eine kleine weisse Pastille in den Händen.
«Was ist das?», fragte er.
«Etwas sehr Wertvolles», erklärte der Fremde. «Damit heisst es: Geld oder Gesundheit. Aber ins Positive gewendet.»
Nachdem der vermeintliche Gläubiger verschwunden war, dachte Leutenegger über die seltsame Wortwendung nach. Ins Positive gewendet bedeutete wohl, dass er sich gar nicht zu entscheiden brauchte: wenn er die Tablette schluckte und gesund wurde, musste er nicht länger zum Arzt gehen, und wenn er sie verkaufte, gewann er vermutlich genügend Mittel, um den Arztbesuch zu bezahlen, vorausgesetzt, sie war so wertvoll, wie der Mann ihm hatte glaubhaft machen wollen. Wobei – wie wertvoll konnte etwas sein, das man verschenkte? Herr Leutenegger beschloss, die Tablette hier und jetzt einzunehmen. Ein süsser Geschmack legte sich auf seine Zunge, als er sie in den Mund schob.
«Nichts als Traubenzucker», stellte er fest.
Als er am anderen Flussufer zurückspazierte, fühlte er trotzdem, dass ihm ein kleiner Trost gespendet worden war.
