«Eine Ertrunkene», sagte der Polizeibeamte.
Ich blickte in den Tank.
«Das sehe ich.»
Der Tank war nur noch zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Das Dröhnen der Maschine, die ihn leerpumpte, klang unangenehm in den Ohren. Mit Besorgnis dachte ich an die morgige Sitzung mit den Investoren. Das würde kein gutes Licht auf den Freizeitpark werfen.
«Merkwürdig», meinte der Polizist.
«Ja. Ich frage mich, wie sie überhaupt da hineingeraten ist.» Nervös befingerte ich meine Krawatte.
«Das meine ich nicht.» Der Beamte beugte sich vor, um besser durch die Scheibe blicken zu können. «Sie war eindeutig eine Meerjungfrau.»
Ich schwieg, unsicher, ob ich den Polizisten richtig verstanden hatte. Meerjungfrau?
«Ja», fuhr er fort. «Was den Fall umso schwieriger macht.»
«Inwiefern?» Endlich hatte ich meine Stimme wiedergefunden.
«Haben Sie schon einmal eine ertrunkene Meerjungfrau gesehen?», fragte er zurück.
«Nein», gab ich zu. «Aber eine lebendige auch nicht.»
«Also muss sie durch andere Umstände zu Tode gekommen sein», schloss er, meine zweifelnde Bemerkung ignorierend. «Durch Ertrinken jedenfalls nicht.»
«Ich kann mir nicht vorstellen, wie», sagte ich.
«Umso dringender müssen wir den Leichnam untersuchen.»
Mittlerweile war der Tank vollständig ausgepumpt. Die Leiche der Frau lag in mitleiderregender Verrenkung auf dem Boden des Aquariums.
«Dürfte ich fragen …» Ich brach ab, als zwei Helfer sich Zugang in den Tank verschafften und die Ertrunkene davonschleppten.
Der Polizeibeamte blickte ihnen nach, bevor er sich wieder mir zuwandte.
«Dürfte ich fragen, wie Sie darauf kommen, es handle sich um eine Meerjungfrau?», fragte ich. «Ist das bewiesen?»
«Das erkennt man sofort», erwiderte er herrisch.
«Ich jedenfalls nicht, nein. Ich habe nichts gesehen. Weder Flossen noch Kiemen oder sonst was. Für mich sah sie aus wie eine vollkommen gewöhnliche Frau.»
Der Beamte legte die Miene in Falten – geradezu so, als fragte er sich, ob es die Mühe wert sei, mir eine Selbstverständlichkeit zu erklären. Er entschied sich dagegen, meinte stattdessen: «Nun haben Sie mir Fragen zu beantworten. Zum Beispiel, wie es um die Wasserqualität Ihres Parks steht.»
«Da gibt es nichts zu beanstanden», entgegnete ich reflexartig. «Und was wollen Sie damit andeuten?»
«Nichts, nichts.» Der Beamte winkte ab. «Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.»
Er entfernte sich, begleitet von den zwei Helfern.
«Ich habe nichts gesehen», wiederholte ich, obwohl er mich längst nicht mehr hören konnte.
Leider, so fürchtete ich, würden wir uns wieder sprechen.
