In einer kleinen Gemeinde auf der sonnigen Seite des Tals lebten viele Millionäre. An wolkenlosen Tagen liess sich auch erahnen, warum: Die Sicht auf die Alpen war in dieser Gegend überaus prächtig, die goldenen Gipfel der Berge schienen, blickte man Richtung Süden, nur einen Steinwurf weit entfernt. Der grösste Stolz der Gemeinde war indes eine Musikschule. Alle Bankiers und Firmenchefs, die etwas auf sich hielten, schickten ihre Sprösslinge dorthin, wo sie in Klavier, Trompete, Geige, und, wichtiger noch, von hervorragenden Lehrkräften unterrichtet wurden. Auch Ballett gehörte neuerdings zum Repertoire, worüber die Öffentlichkeit durch eine grosse Bühnenvorstellung ins Bild gesetzt werden sollte. Dass ich darüber Bescheid wusste – das Grosse war in solchen Gegenden ja doch eher klein – verdankte ich meiner Tante, die die Kinder auf ihren Auftritt vorbereitete. Im Vorfeld hatte ich mir ihre Klagen anhören müssen: es fehle den Tänzerinnen sowohl an Rhythmusgefühl als auch an Disziplin. Aber besonders fehlte es an Zeit, denn zum Üben hatten nur wenige Wochen ausreichen müssen. In unsicherer Erwartung, was da käme, reiste ich also am betreffenden Tag ins Dorf, was mich eine langwierige und an Sehenswürdigkeiten arme Bahnfahrt kostete. Als Redaktor einer Zürcher Lokalzeitung hatte ich Übung darin, jeden noch so obskuren Veranstaltungsort zu finden; trotzdem kam ich zehn Minuten zu spät in der zum Bühnenraum umfunktionierten Turnhalle an. Alle Plätze waren schon besetzt, glücklicherweise waren der Abwart und einige Lehrerinnen erst dabei, mehr Stühle für das Publikum aufzustellen. Ich setzte mich in eine der neuen Stuhlreihen und überblickte die Halle. Meine Tante war nirgends zu sehen; bestimmt half sie den Kindern noch beim Umziehen. Dafür entdeckte ich in der vordersten Reihe einen konservativen Regierungsrat, sofort zu erkennen am fettigen Rossschwanz und dem Bauch, den er stolz vor sich hertrug. Seine formelle, steife Kleidung passte eher ins politische Tagesgeschäft als zum Anlass seines Beiseins, der, wie ich vermutete, darin bestand, den Auftritt seiner Tochter zu bewundern. Gerade letzten Monat hatte er, wie die Zeitungen berichteten, Geld unterschlagen. Ich liess ihn da sitzen und wandte meinen Blick zur leeren Bühne. An meine Ohren drang das Geflüster aufgeregter Eltern. Endlich trat der Musikschulleiter vor das Publikum. Nach den üblichen Begrüssungsfloskeln ging er dazu über, in belehrendem Tonfall das Märchen vom Nussknacker und dem Mäusekönig zu erzählen. Tschaikowskis Ballett würde in einer gekürzten Version aufgeführt werden. Durchaus kein Stück für verzogene Kinder – Ich setzte meine Hoffnungen in die Tante.
Als Erstes traten die Sechsjährigen mit Geschenkpaketen auf, die sich um einen Tannenbaum drehten. Ihre Bewegungen waren zwar völlig ausser Takt, doch liess sich mit etwas Wohlwollen eine bestimmte Choreografie erkennen. Dann war eine Solistin zu sehen, die sich puppenartig bewegte. Eine Weile später folgte die Hauptrolle, Klara, die während ihres Auftritts den Nussknacker in den Händen hielt und hin und her wiegte. Darin erkannte ich die Handschrift meiner Tante; ebenso bei der Schlacht der Mäuse gegen die Soldaten. Dunkel erinnerte ich mich daran, dass ja irgendwann die Szene mit dem Mäusekönig folgen sollte; ich entdeckte ihn aber nicht. Vielleicht wäre seine drohende Gestalt auch zu unheimlich für eine Schülervorstellung gewesen. Zufällig schweifte mein Blick zum Regierungsrat. Anscheinend befand sich seine Tochter irgendwo unter den Mäusen, denn er winkte zur Bühne und rief etwas, das ich nicht verstand. Damit brachte er den sonst schon taktlosen Tanz noch mehr aus dem Takt; glücklicherweise war er bald vorbei. Es folgte, glaube ich, eine Zuckerfee-Choreografie. Die Lichter gingen an und der Musikschulleiter verkündete eine Pause.
Die zufriedenen Eltern strömten in den Vorraum der Turnhalle, um sich bei Chips und Orangensaft über die Erfolge ihrer Kinder auszulassen. Ich wollte eigentlich sehen, ob ich meine Tante fände, doch ein Durchkommen war unmöglich. So blieb ich auf meinem Platz sitzen; ebenso wie der Regierungsrat, dessen Anwesenheit mir jetzt, da nur noch wir beide in der Turnhalle verblieben waren, unangenehm wurde. Um die Zeit totzuschlagen, drückte er auf seinem Handy herum. Plante er seinen nächsten betrügerischen Coup? Oder sah er sich Kochrezepte an? Nach einer Weile stand er auf und lief ebenfalls in Richtung Vorraum; dabei kam er an meinem Platz vorbei. Als sich sein dicker Bauch an mir vorbeischob, konnte ich mir eine Bemerkung nicht verkneifen.
«Wie laufen die Geschäfte?», fragte ich.
Trotz meiner lockeren Freizeitkleidung verriet er meinen Beruf sofort, und dass ich auf den Skandal von letztem Monat anspielte. Er funkelte mich böse an, entfernte sich schnell. Ich sah ihm nach, wie er in Richtung Toilette verschwand.
Das war vielleicht zu viel des Guten gewesen, dachte ich. Meine Tante hätte mich sicher dafür gescholten – was soll’s.
Nach und nach füllte sich die Turnhalle wieder, worauf der zweite Teil des Nussknackers begann. Mein Kopf fing an zu schmerzen. Es musste an der stickigen Luft liegen. Überhaupt war die Turnhalle ein grässlicher Ort. Doch die Basketballkörbe an den Wänden schienen den Bonzen als Ambiente gerade gut genug. Jedenfalls, nach mehreren weiteren Auftritten, darunter einem Tanz in historisch wirkenden Kostümen, kam die Vorstellung zu einem Abschluss. Alle Gruppen gaben sich nochmals gemeinsam die Ehre, das Publikum pfiff und klatschte begeistert. Ich klatschte höflich mit und entdeckte endlich meine Tante, die auf die Bühne trat und Blumen entgegennahm. Ich versuchte ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, leider erfolglos. Nach und nach leerte sich die Turnhalle bis auf ein paar Kinder, die umherrannten und zwischen den Stuhlreihen Fangen spielten. Ich hörte einen kleinen Jungen seine Spielkameradin fragen, ob denn die Mäuse echt gewesen seien. Inzwischen hatten die meisten Eltern den Apéro verlassen. Das war meine Gelegenheit. Ich ging in den Vorraum und fand meine Tante im Gespräch mit dem Musikschulleiter. Als ich hinzustiess, um einige Worte zu wechseln, rauschte sie davon, da sie beim Aufräumen helfen musste. Der Leiter und ich standen plötzlich allein da.
«Wie gefiel Ihnen die Darbietung?», fragte er gestelzt.
«Ganz gut», erwiderte ich ausweichend.
«Nur ganz gut?», hakte er nach.
«Ich fand sie wirklich gut», beeilte ich mich zu sagen.
«Sie kennen die Ballettlehrerin?»
«Ja, sie ist meine Tante. Darum bin ich hergekommen, um sie zu unterstützen.»
Wir schwiegen. Ich blickte nach draussen; es war bereits dunkel. Hoffentlich tauchte meine Tante bald wieder auf. Da fiel mir eine krude Idee ein – wenn auch nur zum Spass.
«Denken Sie, die Mäuse waren echt?»
«Wie bitte?», fragte mein Gegenüber. Er machte ein verständnisloses Gesicht, was mich amüsierte.
«Na die Mäuse. Die waren echt, nicht?»
«Das waren Kostüme», meinte er distanziert und strich seinen Anzug zurecht. «Kinder in Kostümen.»
«Ach, schade. Aber ich muss sagen, die Täuschung war wirklich gut gemacht», sagte ich. «Fast hätte ich geglaubt, da tanzten wirklich Mäuse über die Bühne.»
«Sie scherzen?»
«Ja, ich habe mir lediglich einen Witz erlaubt», sagte ich lächelnd.
Der Musikschulleiter atmete hörbar auf. Aber das Gespräch war ihm sichtlich verleidet. Er verabschiedete sich knapp und ging vorgeblich in sein Büro. In diesem Augenblick kam meine Tante zurück. Sie hielt Plastiktaschen in beiden Händen Ich wollte sie ihr abnehmen, doch sie bat mich, stattdessen etwas zu holen, das sie vergessen hätte: Eine leere Geschenkschachtel, die als Bühnendekoration diente.
Ich erinnerte mich daran, dass die Schachteln rund um den Weihnachtsbaum platziert worden waren, und kehrte in die Turnhalle zurück. Der Abwart hatte bereits sämtliche Lichter gelöscht, sodass ich durch die Dunkelheit tappte, bis mir einfiel, dass ich ja eine Handy-Taschenlampe besass. Ich schaltete sie ein und leuchtete zur Bühne. Der Vorhang war wie erwartet zugezogen. Unerwartet hingegen kam meine nächste Entdeckung: Der Regierungsrat hatte sein Jackett auf dem Stuhl vergessen. Im LED-Licht glänzten sogar ein paar fettige Haarsträhnen auf dem Stoff. Ich verzog den Mund, stieg auf die Bühne und schob den Vorhang beiseite. Da stand er, der Tannenbaum, und da lag auch das vergessene Päckchen. Allzu schade wäre es um den leeren Karton nicht gewesen – aber wie auch immer. Ich hob das Päckchen auf und wollte von der Bühne steigen, da hörte ich ein seltsames Geräusch. Es klang wie ein Röcheln. Ich blickte über die Schulter und sah nichts, weshalb ich erneut die Taschenlampe zur Hilfe nahm. Der Lichtstrahl traf zuerst den Baum, dann die hintere Bühnenwand – und schliesslich den Urheber des Röchelns: den Regierungsrat.
Warum ich wusste, um wen es sich handelte, wurde mir erst im Nachhinein klar. Denn seine Form entsprach ganz und gar nicht der eines Menschen. Im Gegenteil, vor mir türmte sich eine monströse, fellbedeckte Kreatur auf. Sie schien jüngst in einen Kampf verwickelt gewesen: Von ihrer Schnauze troff Blut, ein Ohr fehlte, und an der Klaue bemerkte ich eine frische Verletzung – was sie nicht weniger furchterregend machte. Ich war mir sicher, dass ein falscher Schritt reichte, um den Zorn des Tiers auf mich zu ziehen. Umso mehr, da die blutunterlaufenen Augen jede meiner Bewegungen verfolgten. Sie waren es auch, die die Metamorphose verrieten: mit demselben Blick hatte mich nämlich der Regierungsrat angesehen, als ich ihn nach seinen Geschäften gefragt hatte. Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt hatte, bewegte mich langsam rückwärts auf den Rand der Bühne zu. Mit der Folge, dass ich nach hinten stürzte und mit dem Rücken auf dem Turnhallenboden aufschlug. In diesem Moment gab die Kreatur ein schrilles Quieken von sich. Die Bretter knarzten – der Mäusekönig setzte sich in Bewegung. Ich verschwendete keine Zeit, sondern rappelte mich auf und rannte panisch aus der Halle.
Auf dem Parkplatz traf ich meine Tante, die verdutzt schaute.
«Alles in Ordnung?», fragte sie. «Wo ist das Geschenk?»
«Der Regierungsrat», antwortete ich.
«Was?»
«Er ist der Mäusekönig.»
Meine Tante schaute mich schief an. «Wovon redest du? Mäusekönig? Der kam gar nicht vor.»
«Er war da», beteuerte ich. «Ich habe ihn gesehen.»
«Wo?»
Ich wies über meine Schulter zur Turnhalle.
«Und der Nussknacker kam nicht, um dich zu retten?», fragte sie lachend.
Ich antwortete nicht.
«Was ist mit dem Geschenk?», fragte sie.
«Ich gehe auf keinen Fall dorthin zurück.»
Sie runzelte die Stirn und schien eine Weile zu zögern. Dann zuckte sie mit den Achseln. «Dann eben nicht.»
Schweigen.
«Übrigens, willst du mit mir mitfahren?» Meine Tante wies auf ihr Auto.
Ich nickte und wir fuhren los.
In den nächsten Tagen durchforstete ich die Zeitungen nach ungewöhnlichen Meldungen. Über eine gigantische Maus liess sich nichts finden – dafür über einen gewissen Regierungsrat, der sich auf unerlaubte Weise ein Steuergeschenk hatte zukommen lassen. Wie ich hoffte, würde dies das Ende seiner Karriere bedeuten.
Aber leider blieb alles beim Alten.
