In einem beliebten Sammelkartenspiel aus meiner Jugend konnte man zwischen den Elementen Feuer, Erde, Luft, und Wasser wählen. Man musste sich nicht für ein einziges entscheiden – möglich waren Kombinationen von bis zu drei Naturkräften, die man in einem Kartendeck vermischte. Indem man die Element-Karten ausspielte und anschliessend aktivierte, beschwörte man Geister, Monster und ähnliche Kreaturen, die für einen kämpften oder vor den Angriffen des Gegners schützten. Das Kartenspiel war äusserst beliebt auf dem Schulhof. Alle Neuntklässler, mich eingeschlossen, besassen ein Deck, mit dem sie gegen ihre Mitschüler antraten. Während die anderen jedoch immerzu neue Element-Kombinationen ausknobelten, blieb ich bei der stets gleichen Wahl: Wasser. Meine Fixierung auf das kühle Nass brachte mir zwar einige Siege ein – niemand beherrschte sein Element wie ich – aber auch Ärger, denn man verspottete mich für meine Vorliebe. Die Übelgesinnten spielten mir Streiche, indem sie Wasser in meine Schultasche laufen liessen oder Unterrichtsmaterialien in den Brunnen auf dem Pausenplatz warfen. Doch am schlimmsten waren die Gerüchte, die sie in die Welt setzten – ich würde mich einnässen oder aus dreckigen Tümpeln trinken. Die Mädchen begannen hinter meinem Rücken zu tuscheln, und wie man weiss, ist das für einen Neuntklässler besonders schlimm. Ich sass deshalb die meiste Zeit über dunkel brütend in der hinteren Ecke des Schulzimmers und redete mit niemandem, was meinem Ansehen zusätzlich schadete. In dieser Zeit bemerkte ich eine seltsame körperliche Veränderung. Keine derer, die man für gewöhnlich in diesem Alter hat, sondern etwas viel Merkwürdigeres. Jedes Mal nämlich, wenn ich ein Blatt Papier zwischen den Fingern zerrieb, wurde es so nass, als hätte es jemand im Regen zurückgelassen. Gleichzeitig schwollen meine Finger beängstigend an und verfärbten sich blau, sodass ich fürchtete, es handle sich um einen medizinischen Notfall. Schmerzen verursachte das Phänomen indessen keine, sodass ich niemandem davon erzählte. Gleichzeitig errang ich Sieg um Sieg mit meinen Wasserkarten, weshalb mich selbst diejenigen wieder zu achten begannen, die meine Sachen in den Brunnen geworfen hatten. Sollte sich mein Glück wenden? Es schien so. Jedenfalls stiess ich eines Tages im Schulhausgang mit einem Mädchen zusammen, das ihre Karten zählte und sich nicht auf ihre Umgebung achtete. Ebenso wenig wie ich – es knallte, unsere Decks zerstreuten sich auf dem Boden. Ich rieb mir die Schulter. Sie sass verschreckt da und sah zu mir hoch, bevor sie sich aufraffte und ihr Deck zusammensuchte. Ich gab mir alle Mühe, ihr zu helfen, und fragte mich mit Blick auf die Karten, ob ich mein passendes Gegenstück gefunden hatte. Denn ebenso wie mir schien ihr ausschliesslich ein einziges Element zu gefallen: Erde. Das Erd-Element wurde durch grüne Karten symbolisiert, mit satten Wälder und Wiesen. Darin hausten Kreaturen wie Faune oder Dryaden, die Heilungskräfte besassen, oder Waldschrate, die gegnerische Monster zerstampften. Noch während ich über die Kräfte ihres Elements sinnierte, fiel mir auf, dass die Kleider des Mädchens furchtbar dreckig und zerrissen aussahen. In ihren Haaren hatten sich gar Erdklumpen verfangen. Wie mir musste man ihr in den Pausen übel mitgespielt haben. Als ich die letzte Karte aufhob und ihr überreichte, wollte ich deshalb einige Trostworte an sie richten. Doch bevor ich den Mund aufmachen konnte, geschah etwas ziemlich Groteskes. In dem Moment, als sie meine Finger streifte, wuchs ihr plötzlich ein Baum aus dem Kopf. In Sekundenschnelle schoss er in die Höhe und wäre wohl noch weitergewachsen, hätte ihm nicht die Schulhausdecke Einhalt geboten.
«Wasser?», fragte sie atemlos.
Ich nickte stumm.
Wenn ich heute nochmals darüber nachdenke, war die Situation vielleicht gar nicht so grotesk, sondern sogar ein wenig kitschig. Denn sie war der Beginn einer Beziehung, in der ich bis heute verbleibe und die ich brauche, um zu leben.
