«Alle Engel sind blond», sagte mein Freund.
«So pauschal würde ich das nicht sagen», erwiderte ich.
Unser Streit dauerte seit zwei Wochen an. Es ging um alles oder nichts.
«Ich habe ein Interview mit dem Mangaka gelesen, in dem er sagte, das Haar sei blond.»
«Das Interview ist bereits zwei Jahre alt. Letzten Februar sprach er von weissem Haar.»
«Da spielte er aber auf den Anime an. Und wie du weisst, nehmen sich die Anime-Studios Freiheiten.» Mein Freund fuhr mit den Händen durch die Luft.
«Das Studio hat eng mit dem Schöpfer des Mangas zusammengearbeitet», entgegnete ich.
«Und woher willst du das so genau wissen? Hast du mit dem Studioboss gesprochen?», fragte er kritisch.
«Hast du mit dem Zeichner gesprochen?», fragte ich.
«Dem Mangaka», korrigierte er mich beflissen.
An dieser Stelle hielt ich es für besser, die Diskussion zu beenden, da mich seine Pedanterie gehörig aufregte.
«Du weisst, dass ich Recht habe», rief er mir hinterher. Doch ich war bereits ins Schulzimmer gestürmt, wo der Geografieunterricht begann.
In den nächsten Tagen legte ich mir einen Plan zurecht, um die Richtigkeit meines Standpunkts zu beweisen. Das Haar des Engels war weiss, und das nicht nur, weil Mangas für gewöhnlich ohne Farbe auskamen. Ich war mir sicher, dass der Zeichner – oder meinetwegen Mangaka – meiner Meinung beipflichten würde. Die langersehnte Gelegenheit, ihn zu fragen, würde ich an der Convention bekommen, wo er als Stargast auftrat. Nur leider fand der Event in Tokio statt. Doch um über den Freund zu triumphieren, musste ich alles tun. So kaufte ich ein Ticket nach Tokio, bereitete mich für die Reise vor. Am Tag vor der Abreise erhielt ich unerwartet eine Sprachnachricht. Die Mutter des Freundes bat mich, schnell ins Krankenhaus zu kommen. Mein Freund war angeblich in einen Autounfall verwickelt gewesen.
Besorgt, aber auch skeptisch begab ich mich zur Krankenstation und trat ins Zimmer, in dem er lag. Er begrüsste mich mit einem schwachen Wink des rechten Arms – der linke war einbandagiert.
«Was in aller Welt ist passiert?», fragte ich.
Er ging nicht auf meine Frage ein, sondern gab zurück: «Weisst du, wer mich vor dem Tod gerettet hat?»
Ich sah ihn fragend an.
«Der Engel», versetzte er.
«Wie bitte?»
«Als ich die Strasse überquerte, fuhr mich ein Auto an. Ein blonder Passant leistete mir Erste Hilfe. Der Engel.»
Ich rieb mir die Stirn. «Was redest du da?»
«Das war er, bestimmt. Ich bin mir ganz sicher.»
«Eine Manga-Figur hat dich gerettet?», fragte ich zweifelnd.
«Warum auch nicht? Du siehst also, ich habe Recht.»
«Das beweist gar nichts», meinte ich zähneknirschend. «Zeichenfiguren retten keine Menschen.»
«Schön, dann leb weiter in deiner Traumwelt», sagte er trocken.
«Gleichfalls», antwortete ich wütend und rauschte aus dem Krankenzimmer.
Am nächsten Tag fuhr ich an den Flughafen. Der Zug, mit dem ich nach Zürich gereist war, hatte Verspätung, weshalb ich wie ein Wahnsinniger durch den Check-In und die Kontrollen raste. Doch ich musste meinen Flug erwischen, koste es, was es wolle. Als ich über das Flugfeld den übrigen Passagieren nachrannte, übersah ich den Gepäckwagen, der von der Seite kam. Ich wäre beinahe mit ihm zusammengestossen, hätte mich nicht im letzten Moment jemand zurückgehalten. Verdutzt drehte ich mich nach meinem Retter um – und erschrak: Da stand ein grossgewachsener, junger Mann mit schlohweissem Haar.
«Der Engel», hauchte ich. «Aber wie ist das möglich?»
«Ihr solltet aufhören, euch zu streiten, sonst muss ich jeden von euch hundert Mal retten», riet mir der Mann.
«Ja, gut …», murmelte ich. Dann hob ich den Kopf. «Aber habe ich am Ende Recht …?»
Doch da war der Engel bereits weg.
Am nächsten Tag gab ich mir alle Mühe, das Erlebte nicht meinem Freund zu erzählen. Es war schwieriger als erhofft, denn er war aus dem Krankenhaus entlassen worden und lag mir unentwegt mit seiner Version der Engelgeschichte in den Ohren. Einmal wäre mir beinahe der Kragen geplatzt – doch da erinnerte ich mich an die Worte meines himmlischen Retters, und dass wir uns nicht mehr streiten sollten. Ich legte meine Hand auf die Schulter des Freundes und sagte: «Wir mögen unsere Meinungsverschiedenheiten haben. Aber ich habe Recht.»
Und dabei beliess ich es.
