Sukkulent

«He, Sie.»
Ich war mir sicher, eine Stimme gehört zu haben. Aber als ich mich umsah, stand da nichts als dieser mannshohe Kaktus.
«Genau, Sie. Ich kann Ihre Schritte hören. Kommen Sie näher.»
Die Worte schienen vom Kaktus zu stammen – ich trat neugierig auf ihn zu.
«Was ist?», fragte ich und betrachtete die Pflanze. Die Stacheln waren lang und zahlreich, ich wollte sie nicht berühren.
«Wenn Sie keinen Ort zum Leben hätten, würden Sie es wagen, in einem Kaktus zu leben?»
Die Stimme gehörte, wie ich begriff, einer Frau. Und tatsächlich, sie kam aus dem Innern des Kaktus.
«Ich habe mich dafür entschieden», fuhr die Frau fort. «Und es geht mir besser denn je.»
«Wie sind Sie da reingekommen?», fragte ich skeptisch.
«Ich muss zugeben, mit Gewalt. Doch der Kaktus hat sich vollständig davon erholt.»
«Wie überleben Sie da drin?»
«Kaktusse sind Sukkulenten, das heisst, sie sind sehr saftreich. Ich besitze alles, was ich zum Leben brauche.»
«Ist Ihnen dort drin denn nicht langweilig?», fragte ich.
«War Ihnen im Mutterbauch langweilig?», fragte die Frau zurück.
«Ich kann mich nicht erinnern», gestand ich.
«Eben. Sie lebten in süsser Selbstvergessenheit. So geht es auch mir in meinem Kaktus. Jetzt sagen Sie schon, würden Sie dasselbe tun?»
«In einem Kaktus leben? Ich weiss ja nicht … irgendwann stirbt er», stammelte ich.
«Ebenso wie wir alle. Da ist es besser, man verbringt die Tage im Saft weichen Fleisches, oder nicht?»
Die Art, wie sie die Worte betonte, und die Vorstellung des Kaktusinneren liessen mich erröten.
«Zu mir kommen können Sie aber nicht», fügte die Frau hinzu, als hätte sie geahnt, was sie bei mir auslöste. «Da ist kein Platz mehr. Versuchen Sie es bei einem anderen Kaktus.»
«Danke, das werde ich», antwortete ich, während mein Blick durch den botanischen Garten schweifte.

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