Mähmaschine

Ich stieg aus dem Postauto und sah mich um. Dort lag der Wanderweg; er führte an einer Wiese mit hohem Gras vorbei. Die letzten Tage hatte ich zuhause verbracht, über unsinnige Probleme grübelnd. Deshalb hoffte ich, die Natur würde mich auf andere Gedanken bringen. Ich sog die frische Luft ein und ging los. Während ich an der Wiese entlangwanderte, ertönte das ferne Geräusch einer Mähmaschine. Ein Bauer fuhr durch das Gras. Ich beachtete ihn nicht. Doch das penetrante Maschinengeräusch wurde immer lauter. Ich blickte über die Wiese. Der Bauer war näher gekommen, hatte mittlerweile schon die Hälfte der Fläche gemäht. Da erklang ganz in der Nähe ein Fiepen. Ich kniff die Augen zusammen, entdeckte zwei Rehkitze, die wie erstarrt im Gras lagen. Augenblicklich kamen mir die Schlagzeilen in den Sinn: In den Sommermonaten kam es oft zu tragischen Unfällen beim Mähen; die Rehkitze waren noch nicht in der Lage, selbständig das Weite zu suchen, weshalb sie einen kläglichen Tod starben. Ich ging zu den Jungtieren und beugte mich zu ihnen hinab. Im selben Moment realisierend, dass ich wohl lieber den Bauern warnte, wollte ich bereits loslaufen, als das eine Tier sagte: «Bleib doch kurz.»
Ich staunte, blieb.
«Du musst keine Angst haben», sagte das zweite Tier.
Es dauerte eine Weile, bis ich die Fassung wiedergewann. «Vor euch habe ich keine Angst», sagte ich. «Aber ihr? Habt ihr keine Angst vor der Mähmaschine?»
«Wir? Bestimmt nicht», sagten die Tiere im Chor. «Aber du?»
«Ich habe auch keine Angst», erwiderte ich zögerlich. «Obwohl …»
«Wenn du hier bleibst, wird dir nichts passieren», sagten sie.
«Warum nicht?» Ich setzte mich unwillkürlich zu ihnen.
«Du wirst schon sehen.»
Und tatsächlich. Als der Bauer und seine Maschine nur noch wenige Meter entfernt waren, geschah das Unglaubliche: Er erhob sich in die Lüfte – seinem Schreien nach zu urteilen, unfreiwillig – flog über unsere Köpfe hinweg und landete wenige Meter entfernt wieder im Gras. Vollkommen verwirrt richtete der Bauer seine Mütze und machte sich aus dem Staub. Er hatte für heute wohl genug vom Mähen.
«Siehst du? Alles ist gut gegangen», sagten die Rehkitze.
«Wie habt ihr das gemacht?»
«Das waren nicht wir, sondern er», sagten sie. «Der Bauer hat Angst vor uns, ohne es zu wissen.»
«Aha», erwiderte ich und rappelte mich auf. «Und wenn er wiederkommt?»
«Dann sind wir ja längst weg, also alles kein Problem.»
«Sicher?»
«Sicher.»
So überzeugt, wie sie klangen, vermochte ich dagegen nichts mehr einzuwenden – ich verabschiedete mich und setzte meine Wanderung fort.

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