Ranken

An meiner Schule ging das Gerücht herum, ein Lehrer wäre neulich im Hasenkostüm ins Büro des Rektors gestürmt und hätte alles kurz und klein geschlagen. Dabei hätte er sich selbst mit dem Handy gefilmt, in der Absicht, viral zu gehen. Ich war mindestens dreissig Jahre jünger als der Lehrer und litt unter Geldmangel, besass also zwei gute Argumente, ebenfalls mein Glück zu versuchen. Allerdings war das Verkleiden nie mein Ding gewesen, weshalb ich plante, mich auf eine andere Sparte von Videos zu konzentrieren. Nach einer kurzen Recherche stiess ich auf eine interessante Idee: Jemand hatte sich dabei aufgenommen, wie er sein Gaming-Setup in den Wald geschleppt und dort über Nacht eine Aufbausimulation gespielt hatte. Die fehlende Sicherheit durch die heimischen Wände, der wackelige Tisch samt Campingstuhl im Zelt und der Batteriestrom für den mehrstündigen Betrieb des Laptops verliehen der Unternehmung ein bizarres Flair. Obwohl der Typ im Video nach eigener Aussage nicht damit rechnete, in Schwierigkeiten zu geraten, hatte er ein Buschmesser eingepackt. Eigentlich fand ich das Ganze ziemlich bescheuert, doch sah ich mir die Sache aus Neugier an, ebenso wie über zwei Millionen andere Leute, was für die Idee sprach. Am nächsten Tag packte ich alles Nötige in eine Schubkarre und transportierte es in den Wald. Auf einer Lichtung, etwa einen halben Kilometer vom Dorfrand entfernt, fand ich einen geeigneten Platz. Ich stellte das Zelt auf, installierte den Laptop und verband die Batterie mit dem Anschluss. Bevor ich die Warcraft III: Reforged-Kampagne startete, machte ich einen Rundgang um mein Lager, sammelte Holz und entzündete ein Feuer. Ich nahm eine erste Szene mit der Kamera auf, erklärte mein Vorhaben, zeigte das Zelt und die Einrichtung. Gegen den aufkommenden Hunger ass ich Dosenravioli. Dann richtete ich die Kamera im Zelt ein. Ich lud das Spiel, kommentierte sowohl das Geschehen auf dem Bildschirm als auch die Umgebung. Dank des stellenweise transparenten Zeltstoffs hatte man gute Sicht auf die Lichtung. Ich filmte die untergehende Sonne, die langsam hinter den Bäumen verschwand, nahm die Geräuschkulisse auf. Gegen acht Uhr erschien eine Fuchsfamilie auf der Lichtung. Ich agierte möglichst leise, um sie nicht zu erschrecken. Nachdem sich die Füchse verzogen hatten, widmete ich mich wieder dem Game. Ich spielte die Kampagne der Orks. Nach etwas mehr als einer Stunde war ich bei der vierten Mission angelangt und die Dämmerung war bereits weit vorangeschritten. Ich legte eine Pause ein, griff nach der Thermoskanne. In diesem Moment registrierte ich ein merkwürdiges Geräusch, das danach klang, als hätte mir jemand eine Chatnachricht geschickt. Augenscheinlich war der Instant Messaging-Dienst, über den ich mich üblicherweise mit meinen Kollegen austauschte, aufgeploppt. Da stand die Nachricht einer Person, die sich «Die Waldnymphe» nannte:
«Es freut mich, dass du zum Spielen in den Wald gekommen bist.»
Ich überlegte nicht viel und schrieb zurück: «Danke.»
Die Nymphe fragte: «Hast du die Füchse gesehen?»
«Klar, habe ich», schrieb ich lässig.
«Das waren meine Späher», erklärte sie. «Sie haben mir von dir berichtet.»
«Haben sie das?» Ich suchte nach einem passenden Emoji. Bevor ich es fand, schrieb sie:
«Heutzutage spielt fast niemand mehr hier im Wald. Am liebsten würde ich dich hier behalten», gestand sie.
Darauf wusste ich keine passende Antwort. Ich streckte den Kopf aus dem Zelt, beobachtete die Bäume rundherum, konnte jedoch weder einen Fuchs noch sonst etwas entdecken. Trotzdem fühlte ich, dass jemand die Augen auf mich gerichtet hielt. Da fiel mir ein, dass die Kamera nach wie vor den Innenraum des Zelts filmte. Zur Erklärung meines Verhaltens sagte ein paar Sätze.
«Ein Geist verfolgt mich.»
Und dann:
«Ich spiele trotzdem weiter. Und ich habe keine Angst.»
Ich beendete die vierte und fünfte Mission der Ork-Kampagne. Es lief gut: Die Monster hatten mir kaum etwas entgegenzusetzen. Anders die Natur. Als es dunkel wurde, prasselte plötzlich Regen auf das Zeltdach. Das laute Geräusch lenkte mich vom Spielen ab und liess mich fürchten, die Feuchtigkeit würde der Elektronik schaden. Als ich kontrollieren wollte, ob die Batterie trocken war, hörte ich, wie etwas an der Aussenwand entlangkratzte. Zunächst hielt ich das Kratzen für Einbildung, bis der Stoff deutlich nach innen gedrückt wurde. Gleichzeitig nahm ich seltsame, unruhig dahinhuschende Schatten wahr. Ich öffnete den Reissverschluss, mit der Thermoskanne bewaffnet, bereit, mich brüllend auf jede Gefahr zu stürzen. Doch besonders weit kam ich nicht, genau genommen nicht einmal aus dem Zelt, denn es war rundum von Ranken überwuchert. Erschrocken prallte ich zurück, stiess die Kamera um. Mit der Taschenlampe beleuchtete ich das schauerliche Gewächs. Es sah zwar so aus, schien sich aber nicht um gewöhnlichen Efeu zu handeln; dagegenzudrücken half nichts. Das Gerede der Waldnymphe kam mir in den Sinn. Wollte sie mich auf diese Weise hier festhalten? Ich setzte mich vor den Laptop und schrieb ihr eine wütende Nachricht:
«Was soll das?»
Sie antwortete nicht, sandte stattdessen eine Einladung zu einem Multiplayer-Match.
Ich musste irgendwie hier raus. Nur wie? In meiner sorglosen Naivität hatte ich auf ein Buschmesser verzichtet, das mir in dieser Situation bestens zuhandengekommen wäre. Das einzige Mittel, das mir blieb, war ein Feuerzeug. Ich nahm es zwischen die Finger, überlegte. Wenn ich die Ranken in Brand steckte, lief ich in Gefahr, das ganze Zelt gleich mitanzuzünden. Doch welche andere Wahl hatte ich? Ich schob den Tisch und die Batterie zur Seite und hielt das flammende Feuerzeug unter ein Efeublatt, das sogleich Feuer fing. Die scheinbar selbstmörderische Aktion stellte sich als die richtige Strategie heraus: Ein Schrei hallte durch die Dunkelheit, die Ranken gaben den Ausgang frei. Ich packte den Laptop, hechtete aus dem Zelt und rannte los. Am Rand der Lichtung warf ich einen Blick zurück, sah mit Schrecken, wie die riesenhafte, qualmende Pflanze das Zelt und alles, was darin verblieb, unter sich begrub. Froh darüber, dass mir nicht dasselbe Schicksal beschieden war, rannte ich weiter und blieb erst stehen, als sich den Wald längst hinter mir befand. Ich drehte mich um, atmete aus. Da lag er, still und dunkel. Nichts deutete darauf hin, was sich soeben dort abgespielt hatte.
Zuhause traf ich meinen Vater an. Er war wach geblieben, um eine Fernsehserie zu schauen. Als ich ins Wohnzimmer trat, erhob er sich von seinem Sessel und wollte verwundert wissen, wo ich gewesen sei. Ich erfand eine Party-Lüge und begann, die Treppe zu meinem Zimmer hochzusteigen. Doch er durchschaute mich – nicht zuletzt, weil ich den Laptop unter dem Arm hielt – und fragte nochmals. Da erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Im Grunde war ich erleichtert, dass mir jemand zuhörte.
Nachdem ich zu Ende erzählt hatte, schwieg der Vater so lange, bis es unangenehm wurde. Dann meinte er: «Hattest du im Wald überhaupt Wi-Fi-Empfang?»
Seine kühle Logik war bestechend. «Nein», murmelte ich. In der Situation hatte ich wohl nicht an das Offensichtlichste gedacht.
«Dann hast du dir alles nur eingebildet», folgerte er. «Weil du müde warst.»
«Auch die Ranken?», fragte ich.
«Auch die Ranken.»
Andererseits schien mir dieser Schluss nun wieder etwas zu voreilig. Wie dem auch sei, ich verabschiedete mich und ging zu Bett.
Am nächsten Morgen wurde ich von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Ich ging ins Bad und machte mich frisch. Als ich ins Zimmer zurückkehrte, war das Sonnenlicht verschwunden. Erst glaubte ich, die Jalousien hätten sich selbständig gemacht, doch der Grund für die Dunkelheit war viel Schlimmer: Die Ranken waren wieder da. Sie verdeckten das Fenster, wanden sich bedrohlich hin und her. In meiner Angst wollte ich erneut zum Feuerzeug greifen, bis mir klar wurde, dass, wenn ich das Fenster öffnete, die Ranken den Zugang ins Haus fänden. Ich legte das Feuerzeug weg und wandte mich stattdessen den Laptop zu. Ich startete ihn und öffnete das Chatprogramm. Wie erwartet, hatte ich eine Nachricht von der Waldnymphe erhalten.
«Du glaubst, du hast mich geschlagen, dabei hast du nicht fair gespielt.»
Bevor ich antwortete, lauschte ich, ob etwas zu hören sei. Doch im Haus herrschte vollkommene Stille. Wo war der Vater?
«Was soll ich tun?», schrieb ich entmutigt.
«Spiel wenigstens ein faires Spiel gegen mich. Wenn du gewinnst, lasse ich dich in Ruhe», antwortete sie.
Ich hütete mich davor, zu fragen, was geschähe, wenn ich nicht gewann. Mit schweissigen Fingern klickte ich auf das Desktop-Icon von Warcraft und initiierte ein Spiel gegen die Nymphe.
Um jeden Preis musste ich gewinnen.

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