Meine erste und furchteinflössendste Begegnung mit der Unendlichkeit hatte ich als Kind. Mit sieben oder acht Jahren spielte ich ein Videospiel, in dem es galt, Sterne zu sammeln. Mindestens siebzig davon brauchte man, um ins Versteck des Endbosses, einer schlecht gelaunten Riesenechse, vorzudringen. Versuchte man den oberen Bereich des Schlosses, beziehungsweise das letzte Level, zu erreichen, ohne die benötigte Anzahl Sterne gesammelt zu haben, strafte einen das Spiel ab – nicht etwa mit einer simplen unsichtbaren Wand, sondern mit einem perfiden Trick. Zunächst schien da ein gewöhnlicher Treppenaufgang zu sein; doch sobald man die ersten Stufen nahm, verwandelte sich die Treppe in eine unendliche Abfolge von Stufen. Das hiess: Egal, wie lange man nach oben rannte, hüpfte oder schlitterte, nie kam man ans Ziel; es blieb nur die resignierte Rückkehr ins Erdgeschoss. Als Kind hatte ich noch nicht viel Erfahrung mit Videospielen und schaffte es bedauerlicherweise nie, die siebzig Sterne zu sammeln. So blieb mir die unendliche Treppe immer ein Sinnbild meines Scheiterns, ein unheimliche Verzerrung des Raumes und der Zeit, die mir des Nachts Albträume bescherte.
Zwanzig Jahre später arbeitete ich als aufstrebender Wissenschaftler in einer Grossforschungseinrichtung, die sich mit Teilchenbeschleunigung befasste. In den vergangenen Jahren war immer wieder die Schreckensmeldung durch die Medien gegangen, unsere unterirdische Einrichtung sei dazu in der Lage, schwarze Löcher entstehen zu lassen und damit die gesamte Welt zu zerstören. In den Mittagspausen lachten meine Kollegen und ich darüber. Das Szenario war etwa so wirklichkeitsnah wie ein schlecht geschriebener Science-Fiction-Roman. Nie erzählte ich meinen Kollegen, dass ich insgeheim Träume hegte. Träume, wie mir einst der Durchbruch gelänge und ich ein schwarzes Loch erschüfe, das tatsächlich die uns bekannte Welt in den Abgrund risse. Das schwarze Loch frässe alles Lebendige und Tote auf, wüchse immerfort, bis es schliesslich genügend Masse erreichte, um die Sonne, ja all die Sterne unserer Galaxie zu verschlucken. Oder wenigstens siebzig davon.
Mir war klar, dass die Naturgesetze nicht so funktionierten; andererseits taten sie das auch nicht in dem Videospiel aus meiner Kindheit. Ja, hätte mein schwarzes Loch erst einmal sein Werk getan, würde meine alte Furcht vor der unendlichen Treppe verschwinden. Allerdings ebenso ich selbst, was die Realisierung meiner Träume wenig erstrebenswert machte. Und doch beging ich den Fehler, eines Abends nach zwei oder drei Bier dem Institutsleiter zu erzählen, ich sei ernsthaft an der Frage interessiert, wie man die Welt zerstören könne. Vermeintlich hatte mein betrunkenes Geschwafel keine Konsequenzen. Bis ich eines Morgens die Kündigung erhielt. Ich hegte gefährliche Ideen, hiess es. Wohl fürchteten sich manche eher vor Gedanken- als Videospielen.
