Immer wieder drohten heftige Regenfälle.
Schlecht für mich, aber auch den Betrieb der Minigolfbahn, bei der ich den Sommer über arbeitete. Bei Regen blieb die Anlage nämlich geschlossen, die Besucher fielen aus. Ebenso mein Lohn, mit dem ich mir ab und zu Videospiele kaufte. Jeden Schichttag hoffte ich also auf gutes Wetter. Im August, gegen Ende der Saison, hatte ich endlich Glück: Die Witterung blieb ein paar Tage stabil, der Himmel wolkenlos. Der einzige Nachteil war die mörderische Hitze, die mich dazu zwang, im Schatten auszuharren. Ich sass die meiste Zeit im Häuschen, wo wir die Schläger und Bälle lagerten. Das ergab den Vorteil, dass ich alles griffbereit hatte, wenn Kundschaft antanzte, aber den Nachteil, dass ich die Anlage nicht immer überblicken konnte. Als ein Junge zu mir gerannt kam und atemlos verkündete, es führe ein Tentakel aus dem Loch, glaubte ich ihm deshalb zunächst nicht. Trotzdem folgte ich ihm auf die Bahn Nummer fünf, um die Lage zu sondieren. Da war nichts, ausser der Rampe, auf die man den Ball spielen musste. Aber der Junge deutete unablässig auf das Loch. Ich beugte mich darüber, kniff die Augen zusammen.
«Nichts», sagte ich.
Doch da lag ich falsch. Denn just in diesem Moment kam der Tentakel hervorgeschossen und wickelte sich um meinen Fuss. Ich überlegte nicht lange, entriss dem Jungen den Schläger und hieb auf das schleimig glänzende Ding ein. Die rohe Behandlung zeigte Wirkung, der Tentakel löste sich von mir und zog sich ins Loch zurück. Der Junge und ich sahen einander an.
«Was jetzt?», fragte er.
Langsam näherte ich mich dem Loch wieder. Da war nichts mehr zu sehen.
«Abwarten», sagte ich.
Wir warteten ab. Der Tentakel blieb verschwunden.
Ich gab dem Jungen den Schläger zurück.
«Was, wenn er wiederkommt?», fragte er ängstlich.
«Dann rufst du mich.» Ich machte eine Runde über die gesamte Anlage, um mich über ihren Zustand zu vergewissern. Alles Weitere schien in Ordnung zu sein. Ich begab mich wieder zum Häuschen in den Schatten, liess Musik laufen, um den Tentakel zu vergessen. Doch das war unmöglich. Wiederholt wanderten meine Gedanken zur schleimigen Umklammerung. Wie konnte es sein? Das fragte ich mich. Wie kam der Tentakel ins Loch? Und vor allem, wem gehörte er? Einem Kraken? Und wenn ja, wie war dieses Tier unter die Anlage gelangt? Waren die heftigen Regenfälle dafür verantwortlich? Ich stellte die Musik lauter.
Allmählich rückte das Ende der Schicht heran. Die Leute gaben das Spielmaterial ab, stiegen auf ihre Fahrräder und radelten davon. Manche von ihnen blieben, um einen letzten Kaffee zu trinken. Niemand berichtete von Tentakeln. Den Jungen und mich musste es unglücklich getroffen haben. Nebenbei, wo war er eigentlich geblieben? Als ich damit anfing, die Kaffeemaschine zu säubern, hörte ich ein Platschen auf dem Dach. Dunkle Wolken brauten sich zusammen, ein Donnern erklang. Noch ein Gewitter? –Immerhin war die Schicht zu Ende. Ich verscheuchte die Kaffeetrinker, beeilte mich, das Geld abzurechnen und alles an seinen Platz zu räumen. Zuletzt machte ich einen finalen Rundgang über die Anlage, um zu kontrollieren, ob jemand einen Schläger, einen Ball oder Abfall hatte liegenlassen.
Als ich bei Bahn Nummer fünf angelangt war, setzte ein sintflutartiger Regen ein. Das Wasser quoll aus den Löchern und flutete die Umgebung in Sekundenschnelle. Bei Bahn neun stand es mir bis zu den Knöcheln, Bahn Nummer dreizehn war bereits unter den Fluten verschwunden. Hilflos blieb ich stehen. Unter diesen Bedingungen würde ich keinen Schläger finden. Doch es kam noch schlimmer: erst kaum merklich, dann immer schneller, begannen sich die Wassermassen zu drehen.
«Ein Strudel», schoss mir durch den Kopf.
Ich dachte an all die Badeunfälle, die durch diese unberechenbaren Phänomene geschahen, und wollte mich in Sicherheit bringen. Dafür war es jetzt indes zu spät. In der Mitte des Strudels, dort, wo er am tiefsten war, öffnete sich ein riesiges, mit scharfen Zähnen besetztes Maul. Rundherum schossen mehrere Tentakel aus dem Wasser, schlingerten durch die Luft. Der Kraken suchte sein Opfer. Ich verlor den Halt, geriet in den Strudel. Während ich im Kreis wirbelte, wickelten sich die Fangarme um meinen Körper. Das schreckliche Maul kam immer näher. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen, als ich durch das Sturmgeheul plötzlich eine Stimme wahrnahm. War das nicht der Junge? Tatsächlich, dort stand er, in sicherer Entfernung des Strudels, und hielt mit einer Hand den tief hängenden Ast eines Baumes fest. Mit der anderen Hand umklammerte er den Minigolfschläger, den er mir entgegenstreckte. Als der Strudel mich in seine Nähe trieb, zögerte ich nicht und packte ihn. Der Junge wurde fast von den Füssen gerissen, hielt jedoch tapfer Stand, bis ich mich aus der Gefahrenzone gezogen hatte. Meinem Beispiel folgend, hieb der Junge auf die Tentakel ein, bis sie mich losliessen. Ich watete zum Baum und kletterte zusammen mit meinem Retter auf den Ast. Dort blickte ich auf den Strudel und das Monstrum in der Mitte herab. Die Bewegung des Wassers entstand offenbar dadurch, dass das Untier es einsaugte. Doch da ihm die Beute entwischt war, hörte es bald damit auf; der Strudel verschwand, ebenso wie das Maul des Kraken. Nach einiger Zeit verzog sich auch der Sturm, und im ruhigen Wasser spiegelte sich die Sonne.
«Das war knapp», brummte ich.
Der Junge nickte erleichtert.
Wir wateten zum Häuschen zurück, das von grösseren Schäden zum Glück verschont geblieben war.
«Kriege ich dafür etwas?», fragte er, stützte sich erwartungsvoll auf die Verkaufstheke.
«Auf jeden Fall», antwortete ich. «Wie wäre es mit einem Eis?»
«Gerne. Am liebsten das da», sagte er und deutete auf die Karte.
Ich gab ihm, was er wollte.
«Nur das?» Er packte das Cornetto-Eis aus.
«Meinetwegen kannst du den Rest der Saison gratis spielen kommen», fügte ich hinzu.
«Danke sehr.» Er summte fröhlich und ging. Ich schloss das Häuschen ab und machte mich ebenfalls auf den Weg.
Bei den billigen Eintrittspreisen wäre der Verlust zu verschmerzen.
