Der Hüne

Auf der Suche nach Reichtum kam ich in ein Städtchen, bei dem man Gold gefunden hatte. Das war indes schon fünf Jahre her, und wie ich feststellen musste, waren die guten Zeiten längst vorbei. Die Häuser standen leer oder waren gar zerstört. Einzig der Saloon schien belebt. Ich stellte mein Pferd an die Tränke und trat durch die Eingangstür. Kaum hatte ich einen Schritt Richtung Tresen gemacht, flog mir eine Kugel um die Ohren. Ich sprang erschrocken zurück.
«Tut mir leid», sagte eine Frau. «Wir dachten, Sie seien der Hüne.» Sie steckte ihren Revolver wieder ein. Ich schob den Hut aus der Stirn und blickte in eine Reihe ängstlicher Gesichter.
«Der Hüne?», fragte ich neugierig. Ich setzte mich auf einen Hocker bei der Bar und bestellte einen Whiskey.
«Er wäre gar nicht durch die Eingangstür gekommen», meinte ein zahnloser Alter.
«Das stimmt. Er hätte gleich das Dach über unseren Köpfen fortgerissen», sagte ein Junge furchtsam.
«Nun übertreibt es mal nicht», wies die Frau die beiden zurecht.
«Wovon sprechen Sie?», fragte ich. «Wer ist dieser Hüne?»
Alle schwiegen, als warteten sie auf etwas. Der zahnlose Mann nickte der Frau zu. Dann seufzte sie und erzählte: «Er kommt immer nachts. Mit Vorliebe zur Geisterstunde. Wir hören sein Stampfen, wenn wir in unseren Betten liegen, und beten, dass er unsere Leben, unser Hab und Gut verschont.»
«Ich sah zerstörte Häuser. War das er?»
«Ja … Alle, die dazu imstande waren, haben die Stadt verlassen. Wir, die noch übrig sind, haben hier Schutz gesucht. Aber lange werden wir wohl nicht ausharren.», erklärte sie.
«Warum nicht?», wollte ich wissen.
«Schauen Sie sich doch um. Wir vermögen uns kaum zur Wehr zu setzen.»
Ich kam ihrer Aufforderung nach und blickte in die halbdunklen Ecken des Saloons. Mutlos zusammengekauerte Menschen, die nicht aussahen, als hätten sie je eine Waffe in der Hand gehabt.
«Sie und Ihr Revolver? Reicht das nicht?», fragte ich die Frau.
«Der Hüne ist unsterblich», warf der Junge dazwischen. «Man kann ihn nicht töten.»
«Er ist ein Mensch, egal wie gross er ist», widersprach der alte Mann. «Und folglich sterblich.»
«Woher wollen Sie das wissen? Kommt er nicht immer wieder?», fragte der Junge zurück. «Auf der Suche nach Gold?»
«Jetzt ist aber genug», sagte die Frau verärgert. An mich gewandt meinte sie: «Nun, da Sie die Lage kennen, wollen Sie immer noch hier bleiben?»
Ich lächelte. «Aber gern.»
Sie blickte mich ratlos an; offenbar hatte sie mit dieser Antwort nicht gerechnet.
«Von einem Ammenmärchen lasse ich mich doch nicht ins Bockshorn jagen», fügte ich gutgelaunt hinzu. Ich leerte den Whiskey und bestellte einen weiteren. «Zwar hatte ich auf reiche Beute gehofft, aber dann wird daraus eben bloss eine Übernachtung. Morgen reite ich weiter. Sie haben noch freie Betten, ja?»
Die Frau wies nach oben. Von einer Galerie im ersten Stock führten einige Türen ab. «Das Zimmer ganz rechts können Sie haben. Das hat zuvor dem Apotheker gehört. Er hat vorletzte Nacht die Stadt verlassen.»
«Danke.»
Inzwischen war es draussen dunkler geworden. Die Leute schlichen nach und nach in ihre Zimmer. Nur die Frau und ich gönnten uns noch einen Umtrunk. Gerade, als ich sie nach ihrem Namen fragen wollte, gähnte sie und streckte sich.
«Dann gute Nacht», meinte sie und verschwand in ihrer Räumlichkeit.
Ich sass eine Weile auf dem Hocker und lauschte in die Stille. Das Ticken einer Standuhr hallte durch den leeren Saloon. Draussen ertönte das Heulen eines Kojoten. Ich trank den letzten Schluck und ging ebenfalls nach oben.
Das Zimmer des Apothekers fand ich nicht nur verlassen, sondern bis auf ein Bett, einen Schrank und einem Tischchen vollkommen leer vor. Es wirkte, als hätte nie jemand darin gelebt. Doch ich war zu müde, um mich von diesem Eindruck stören zu lassen. Ich zog die Schuhe aus, fiel auf das Bett und schlief beinahe sofort ein.
Um Mitternacht weckte mich das Dröhnen der Standuhr. Ich lauschte den Schlägen, bis sie verklungen waren, und drehte mich genervt gegen die Wand. Eine Weile blieb es still. Dann spürte ich ein leichtes Beben. Zuerst meinte ich, ich selbst sei die Ursache, denn die Decke war ziemlich dünn. Doch ich fror nicht. Als auch noch der Bettrost zu wackeln begann, wurde ich stutzig. Da hörte ich das Stampfen. Zuerst leise, doch es wurde immer lauter, eindringlicher; ich konnte es nicht mehr ignorieren. Um nach dem Rechten zu sehen, stand ich auf und trat ans Fenster. Eindeutig: das Stampfen kam von draussen. Aber aus welcher Richtung? Ich suchte mit angestrengten Blicken die Strasse ab, und stellte dabei fest, dass mein Pferd vorsorglich die Flucht ergriffen hatte. Wie hatte es geschafft, sich vom Geschirr loszureissen?
War er es? Der Hüne?
Nein. Bestimmt hatten meine Gastgeber dieses Märchen erfunden, um Glücksritter wie mich schnell wieder loszuwerden. Das Geräusch wurde von einer Ölförderpumpe verursacht. Obwohl, auf dem Weg hierher hatte ich keine gesehen.
Endlich hörte es auf, und Ruhe kehrte ein. Nach einiger Zeit begann wieder der Kojote zu heulen.
«Na also», sagte ich mir und legte mich wieder ins Bett. Es brauchte schon mehr als das, um mich abzuschrecken. Nach dem Pferd würde ich morgen suchen; wohl hatte es sich auf die Suche nach einem Fleckchen mit frischem Gras gemacht. Es gab keinen Grund, sich zu sorgen. – Doch der Schlaf wollte nicht wiederkehren; ich blieb unruhig, angespannt. Wie lange ich mich im Bett herumwälzte, vermochte ich nicht zu sagen. Nur, dass es mir irgendwann unerträglich wurde. Ich stand auf und ging ziellos im Kreis. Bis ich den Zimmerschrank registrierte und ihn aus Neugier öffnete. Zu meiner Überraschung fand ich einige medizinische Fläschchen darin. Der Apotheker musste sie bei seiner Abreise vergessen haben. Ich stellte sie auf den Tisch und studierte die Etiketten im Licht eines Zündhölzchens. Eines davon enthielt ein Beruhigungsmittel.
«Das trifft sich ja bestens», sagte ich, öffnete die Flasche und nahm einen Schluck. Sofort spürte ich, wie sich meine Glieder lockerten. Einen Augenblick später war ich so schläfrig, dass ich es kaum mehr zum Bett schaffte. Ich sank auf die Matratze und schlief ein.
Da träumte ich einen seltsamen Traum: Etwas oder jemand schüttelte und rüttelte mich so furchtbar, dass ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Doch ich konnte kein Glied rühren – bis ich erwachte.
Was ich sah, liess mich rätseln, ob der Traum bereits zu Ende war oder gerade erst begonnen hatte. Über mir schien die pralle Sonne am wolkenlosen Himmel. Dennoch lag ich nach wie vor im Bett des Apothekers. Auch den Schrank, das Tischchen erblickte ich – aber von der Zimmerdecke war keine Spur zu sehen, kurz: Das komplette Dach des Saloons fehlte. Sofort kamen mir die gestrigen Worte des Jungen wieder in den Sinn. Hatte der Hüne die Bedachung des Gebäudes fortgerissen, als wäre es ein Puppenhaus? Und wo waren die anderen? Ich stand mit brummendem Schädel auf. Der Sonne nach zu urteilen, hatte ich bis in die Mittagszeit geschlafen. Das Beruhigungsmittel hatte offenbar viel zu stark gewirkt, sodass ich die Vorgänge um mich herum nicht mitbekommen hatte. Ich dachte an den Traum zurück. Womöglich hatte man versucht, mich zu wecken, es aber nicht geschafft.
Ich klopfte an jede Zimmertür. «Hallo?», rief ich.
Keine Antwort.
«Sie haben das Weite gesucht», konstatierte ich.
Langsam ging ich die Stufen der Treppe hinab und blickte mich um. Abgesehen vom fehlenden Dach konnte ich seltsamerweise keine Spuren der Zerstörung festmachen. Die Bar und alles, was sich darin befand, war noch vollkommen intakt. Mit einer Ausnahme: Die Standuhr fehlte. Hatte sie der Hüne mitgenommen? Oder wollten die letzten Siedler sie vor seinem Zugriff schützen?
Als ich aus dem Saloon nach draussen trat, wartete mein Pferd auf mich.
Ich seufzte erleichtert. «Wenigstens bist du wieder da», sagte ich, schwang mich auf den Sattel und ritt davon.

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