Sehr geehrter Herr Wyss
András wurde auf allgemeinen Wunsch hin vom Gymnasium entfernt. Der Entscheid der Schulleitung und Eltern war richtig und ich denke nicht daran, ihn anzufechten. In der Sitzung von letzter Woche hatten Sie mich um eine Einschätzung der Lage gebeten. Als András’ Klassenlehrperson hatte ich beschlossen, dieselbe Antwort zu geben wie der Schulpsychologe, wobei ich den Konsens gesucht hatte, um die ohnehin angespannte Situation nicht zusätzlich zu belasten. Inzwischen habe ich eingesehen, dass dies vielleicht die falsche Strategie gewesen ist. Gewisse Umstände erfordern ein schnelles Handeln, doch nun haben sich die Gemüter wieder beruhigt, und ich würde Ihnen gerne meine persönliche Sicht der Dinge erklären. Wie gesagt, ich stehe hinter den gezogenen Konsequenzen – aber nicht aus den Gründen, die ich an der Sitzung aufgezählt habe. In Wahrheit bin ich nicht auf der Seite des Psychologen, überhaupt der Psychologie. Die Psychologie ist ein netter Zeitvertrieb für Männer wie Herrn Läubli; für das, was András zu seinen Taten bewegte, sind andere Ansätze von Nöten.
Ich werde noch früh genug darauf zurückkommen, und auf Herrn Läubli. Lassen Sie mich zunächst die Situation von András klären. Es fing nicht damit an, dass er die Schule schwänzte, nein, sondern schon damit, dass er ungewöhnlich gute Noten schrieb. Das ist von einem künftigen Akademiker wohl zu erwarten, besonders im letzten Jahr des Gymnasiums, und vielleicht auch den drängenden Eltern geschuldet, denen bereits das Doktorat vorschwebt. Trotzdem, er war nie der Beste in Mathematik gewesen. Der plötzliche Wandel schien umso seltsamer, da er zugleich immer ausgezehrter und bleicher aussah. Dann wiederum fiel er phasenweise durch eine seltsame Ruhelosigkeit auf. In den Pausen zwischen den Lektionen sass er dann keine Sekunde still. Im Unterricht war es noch schlimmer: Jede Minute streckte er auf, um seltsame Fragen zu stellen. Beim Lösen von algebraischen Gleichungen wollte er etwa wissen, ob ich «die Zahlen bewusst so angeordnet» hätte. Ich kommentierte die seltsame Wortwahl, worauf er nur lächelte. Ich beliess die Dinge nicht gerne in der Schwebe, so bat ich ihn nach der Doppellektion zu mir.
Da fing er an, noch mehr wirres Zeug zu reden. Wie er meinte, hätte er endlich «den wahren Sinn der Arithmetik» erschlossen und «die Barriere durchbrochen». Auf mein Nachhaken hin reagierte er wieder abweisend, weshalb ich versuchte, ihm väterlich zuzureden. Es ist mir heute durchaus peinlich, aber ich vermutete bei ihm ein Frauenproblem. Bestimmt hätte er, behauptete ich, genug von der Einsamkeit als stiller junger Mann. Er dürfe aber nicht dem Irrtum verfallen, dass irgendwelche Arithmetik ihm helfen würde, Erfolg bei den Frauen zu haben. Im Leben ginge es überhaupt um viel mehr als Frauen. Ehe ich zu Ende sprach, verfiel er in hämisches Gelächter, und damit war kein vernünftiges Gespräch mehr möglich. Ich entliess ihn mit einer Verwarnung.
In den nächsten Tagen häuften sich die beunruhigenden Geschehnisse. András fehlte des Öfteren in den Stunden, und wenn er anwesend war, benahm er sich aufsässig. Einmal forderte er lautstark die Lektüre einer Kabbala-Passage. Ein andermal sprang er auf den Tisch und zeichnete Kreise und Zahlen in die Luft. Trotzdem, und was war das wohl Unerklärlichste, blieben seine Mathematiknoten stets hervorragend. Ich konnte nicht länger untätig bleiben, wollte unbedingt erfahren, was es mit all dem auf sich hatte. So folgte ich meinem Schüler eines Abends nach Hause.
Ich ahne, was Sie denken.
Jedenfalls fuhr ich, um meinen Plan auszuführen, morgens mit dem Fahrrad zur Schule, und wartete abends, nachdem die Mathematiklektion vorbei war, mit diesem hinter einem Gebüsch. Als András vorüberradelte, stieg ich auf mein Rad und folgte ihm in einem Abstand von etwa fünfzig Metern. Ich trug eine tief in die Stirn gezogene Kappe, eine Perücke und eine Sonnenbrille. Die Verkleidung hätte kaum zwei Blicken standgehalten, doch András drehte sich die ganze Fahrt über nicht um. Als er in die Quartiersstrasse einbog, wartete ich an der Ecke und beobachtete, wie er in die Einfahrt eines schmucken Einfamilienhauses fuhr. Kurz darauf erklang das Quietschen eines alten Garagentors. Nachdem es verklungen war, fuhr ich im langsamen Tempo am Haus vorbei. Es besass eine schöne Fassade, einen gepflegten Garten. Aus der Garage – sie hatte eine Reihe von kleinen Oberfenstern – drang Licht. Ich versteckte das Fahrrad hinter einer Tonne Grünabfall und schlich zu den Fenstern. Dann stellte mich auf einen Gartenstuhl und hoffte, mit einem kurzen Blick meine Neugier zu befriedigen.
Aus dem kurzen Blick wurde ein langer; aber lassen Sie mich nochmals auf die Sitzung zu sprechen kommen. Wir stimmten mit Herrn Läubli darin überein, dass es sich bei András um den klassischen Fall eines Sonderlings handle, dessen stille Introversion eines Tages plötzlich ins Gegenteil umgeschlagen wäre und eine wilde Wut entfesselt hätte; sein Angriff auf mich hätte auch jeden anderen Unbeteiligten treffen können.
Das stimmt nun nicht. Denn, wie Sie sehen, war ich sehr wohl beteiligt – und András ganz und gar nicht einsam. Etwas, oder jemand, weilte dort bei ihm in der Garage, das spürte ich instinktiv.
Ich glotzte durch die Scheiben. Das Licht stammte von zahlreichen Kerzen, die er in einem Kreis angeordnet hatte. Rund um diesen Kreis befand sich, was der Schüler wohl unter «Arithmetik» subsummierte, eine krude Anordnung von Zahlen, mit roter Farbe hingeschmiert. Er selbst kniete reglos in diesem Kreis, und über ihm, da schwebte dieser unheimliche Nebel. Nach und nach verdichteten sich die Schwaden, bis sie neben András niedersanken und die Gestalt einer Frau annahmen.
Ja, Sie werden mich für verrückt halten. Aber ich beteure, dass der Geist, oder das, was ich dafür hielt, so real war wie Sie und ich. Angestrengt lauschend, versuchte ich zu verstehen, was András und der Geist miteinander besprachen, doch durch die Fensterscheiben drang kein Ton. Nach einer Weile führte er die Frau ins Haus. Die Vernunft riet mir dazu, das Weite zu suchen. Ich wählte die Unvernunft und schaute mich nach einer Möglichkeit um, die beiden im Blick zu behalten. Zu meinem Glück entdeckte ich eine Leiter, die ich an die Hausfassade stellen konnte. Ich kletterte hoch. Auf der Höhe der obersten Stufe hatte ich direkten Einblick in András’ Zimmer.
Da sass er an seinem Pult. Wie es schien, in Schulaufgaben vertieft. Hinter ihm stand die Geisterfrau und blickte ihm über die Schulter. Ab und zu zeigte sie auf das vor András ausgebreitete Heft und erklärte etwas. Der Schüler lauschte, nickte. Doch manchmal döste er auch erschöpft weg – dann gab ihm die Frau jeweils einen ordentlichen Schlag in den Nacken, und er fuhr erschrocken hoch.
Langsam dämmerte es mir: Der Schüler hatte sich offenbar mithilfe eines kabbalistischen Rituals eine Mentorin aus dem Totenreich geholt, die ihn unterrichtete. Das tat sie allerdings so gut, dass es ihm allmählich an Schlaf, Gesundheit und mentaler Gefasstheit mangelte – was sich tagsüber in den beschriebenen Auffälligkeiten äusserte.
Ich beschloss, dass ich genug gesehen hatte. Doch als ich die Leiter wieder runterklettern wollte, verlor ich den Halt, stürzte zwei Meter in die Tiefe und verstauchte mir den Fuss. Verschreckt humpelte ich aus dem Garten, und merkte erst auf dem Rad, dass ich die Perücke verloren hatte – egal.
Uns interessiert nur eine Frage: Wer war diese Frau? Sie stammte nicht aus unserer Zeit, so viel stand fest. Der zugeschnürten Kleidung nach zu urteilen, hätte sie wohl ins vorletzte Jahrhundert gepasst. Vielleicht war sie eine Adelige gewesen, oder zumindest gut betucht. Ihre Augen hatten einen klugen, wachen Blick. Gleichzeitig fühlte man etwas zutiefst Melancholisches in ihrer Erscheinung, was wohl daran lag, dass sie ein Geist war. Oder hatte sie ein unglückliches Leben geführt? – Ich hätte ewig so weiterspekulieren können; vernünftiger wäre es wohl gewesen, András direkt auf die Geisterbeschwörung anzusprechen. Andererseits hatte mich unser letztes Gespräch diesbezüglich entmutigt.
Vorerst begnügte ich mich damit, die Situation weiterhin zu beobachten. Und: Scheinbar zufällig verlegte ich mehrere Tests in den Zeitraum der nächsten zwei Wochen. Das Resultat blieb gleich: András löste jede Aufgabe spielend, mehr noch, weil er die anderen überflügelte, musste ich sogar die Notenskala anpassen. Allmählich wurden auch die anderen Schülerinnen und Schüler auf seinen Wandel aufmerksam. Sie ermutigten ihn aber nicht etwa, sondern begannen mit Sticheleien. In der Folge kapselte sich András von ihnen ab. Währenddessen schwand seine Kraft immer mehr. Ich war kein Arzt, trotzdem sagten mir die Warnzeichen, dass er es nicht mehr lange machen würde. Eine Lösung musste her, und zwar schnell.
Eines Nachmittags kam András indes selbst nach dem Unterricht zu mir. Er wartete geduldig, bis der letzte Schüler den Raum verlassen hatte, fixierte mich mit einem stechenden Blick, und zog die Perücke aus der Tasche.
Ob ich das verloren hätte, fragte er mich.
Im ersten Moment war ich zu perplex, um angemessen zu reagieren. Ich begann zu stottern, redete etwas vom Theaterspielen, dass ich schon immer eine grosse Leidenschaft für die Bühne gehabt … – und so weiter. Er hörte mit regloser Miene zu, bis ich mich aufrichtig für die Schnüffelei entschuldigte. Dann wollte er wissen, was ich gesehen hätte. Weitere Ausflüchte hatten wohl keinen Sinn. Also erzählte ich ihm von der geisterhaften Erscheinung, die ihn – und seit kurzem auch meine Gedanken – heimsuchte. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen, als ich fragte, wer sie sei und wie sie es zustande brächte, ihn zum klügsten Mathematikschüler seines Jahrgangs zu machen. Er erwiderte schlicht, dass die besten Pädagogen stets auch ihr Fach beherrschten, was bei mir nicht der Fall sei. Den Seitenhieb musste ich wegstecken.
Sie werden verstehen, dass ich mit mir rang. Auf der einen Seite wollte ich András wirklich helfen, ihn von dem Geist befreien, der ihn plagte. Prüfungen, Mathematik, Arithmetik, was auch immer, dafür hätte er keine Hilfe aus dem Jenseits benötigt. Auf der anderen Seite wurde mein Verlangen immer stärker, den Geist zu sehen, mit ihm zu sprechen.
Ich äusserte meinen Wunsch, András schüttelte den Kopf. Das ginge nicht.
Warum nicht?, wollte ich wissen.
Er verschränkte die Arme und grinste herablassend.
Ich liess mich provozieren und zwang ihn, mir zu gehorchen, indem ich damit drohte, ihn bei der nächsten Prüfung durchfallen zu lassen. Das zeigte Wirkung. Er trat auf den Gang hinaus, schaute, ob die Luft rein war, und deute mir, ihm zu folgen. Wir begaben uns in den ersten Stock, wo András auf die Abstellkammer des Hauswarts zusteuerte. Ein letzter prüfender Blick, dann schlüpften wir in die Kammer.
Da standen wir nun zwischen scharf riechenden Putzutensilien. András holte ein Feuerzeug und eine angerissene Packung Kerzen aus seiner Tasche. Er verteilte sie sorgfältig, bis sie einen Kreis auf dem Boden bildeten, und malte mit einem Stift die Zahlenschmierereien auf den Boden, die ich bereits in der Garage gesehen hatte. Seine Handgriffe wirkten schnell und geübt, er musste das Ritual schon oft durchgeführt haben. Ich versuchte mir einen Reim auf die Zahlen zu machen, scheiterte jedoch kläglich. Schliesslich bat András mich, das Deckenlicht auszuschalten. Ich tat wie geheissen, was die Kammer in ein warmes Licht tauchte. Die Schatten tanzten an den Wänden.
Das Beschwörung begann.
András murmelte etwas vor sich hin, drehte sich mit ausgestreckten Armen um die eigene Achse. Ich hörte Zahlen, aber auch vereinzelte hebräische Wörter heraus. Was sie bedeuteten, verstand ich nicht. Als sich der Schüler in der Mitte des Kreises auf die Knie fallen liess, manifestierte sich erneut der unheimliche Nebel. Ein leises Flüstern erklang. Mir wurde bang zumute, ich drückte mich an die Tür. Der Nebel waberte durch den Raum, über András’ Kopf hinweg. Doch statt sich zu verdichten, schwebte er plötzlich in meine Richtung. Ich fragte mit zittriger Stimme, ob das normal sei, worauf András die Augen öffnete und aufsprang. Er stiess einen Schrei aus, doch es war bereits zu spät: der Nebel drang durch Mund und Nase in mich ein. Ein eisiges Gefühl durchströmte meinen Körper, ich fiel vornüber.
Als ich die Augen öffnete, sah ich András’ besorgtes Gesicht über mir. Wir befanden uns nach wie vor in der Kammer, doch brannten jetzt statt flackernde Kerzen wieder die grellen Deckenlichter. Ich richtete mich auf; mein Kopf fühlte sich seltsam leicht an, so, als würde er jeden Moment zur Decke springen. András fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich nickte und zog mich an der Türklinke hoch. Mit wackeligen Beinen machte ich ein paar Schritte durch die Kammer. Die Luft kam mir auf einmal furchtbar stickig vor. Ich entschuldigte mich bei András und trat auf den Gang. Hier war die Luft besser, doch das seltsame Gefühl im Kopf blieb. Ich drehte mich zu meinem Schüler um, der jeden meiner Schritte argwöhnisch beobachtete. Dann, auf einmal, brach ich ihn schallendes Gelächter aus. András kam auf mich zu und fragte ängstlich, ob ich noch ich selbst sei. Ich lachte weiter, lachte laut, krümmte mich, schnappte nach Luft. Da flog András’ Faust auf mich zu. Sie traf mich hart, ich fiel rücklings zu Boden.
Gerade in diesem Moment eilten Sie um die Ecke.
Wie sie mir später erklärten, hatte eine Besprechung etwas länger gedauert. Oder war sie früher zu Ende gewesen? Auf alle Fälle waren Sie wenig angetan von der Situation: Ihrem konsternierten Blick bot sich ein Schüler, der mit erhobener Faust drohend über dem zu Boden geworfenen Lehrer stand. Nein, dafür gab es keine Entschuldigung: András hatte seine Grenzen aufs Sträflichste überschritten, und das auch noch auf äusserst brutale Weise.
Das über die nächsten Wochen folgende Prozedere kennen wir. Man fand die Schmierereien in der Abstellkammer, befragte nicht nur den Schulpsychologen und meine Wenigkeit, sondern auch die gesamte Lehrerschaft und die Eltern. Allen waren die äusserlichen und inneren Veränderungen an András aufgefallen. Nach und nach ergab sich so das Bild, András hätte sich mithilfe bestimmter Bücher und anderer Informationsquellen paranormale Verschwörungsmythen angeeignet. Diese wären allmählich zu einem Wahn geworden, zu einer Paranoia. Herr Läubli ging sogar so weit, eine beginnende Schizophrenie in den Raum zu stellen. Das ist natürlich völliger Unsinn, wie durch meine Ausführungen hoffentlich klar geworden ist. Das Wort der eifrigen Pädagogen und Erzieher wiegt jedoch allzu schwer im Vergleich zu dem von András und mir. Seine Reaktion war vollkommen verständlich, hatten wir es bei der Geisterbeschwörung doch mit einem hochgefährlichen Phänomen zu tun, das leicht unerwünschte Folgen zeitigen kann.
Sie werden sich nun fragen, weshalb ich mich trotzdem positiv zum Entscheid äusserte, der in Anbetracht meiner Schilderung wie ein gravierender Fehler erscheinen muss. Es stimmt, ich glaube nicht, dass András psychisch krank ist. Ebenso wenig bin ich der Überzeugung, sein Leben würde sich durch die vorübergehende Einweisung in eine psychiatrische Anstalt bessern. Ja, sogar ein Schlag ins Gesicht eines Gymnasiallehrers hätte man ihm verzeihen können. Doch eine gute Freundin von mir hat ein Wörtchen mitzureden. Sie sagt, die Fachwelt hielt viel von ihr, und sie soll auch weiterhin viel von ihr halten, was durch eine allzu lasche Behandlung von Zöglingen, die glauben, sie könnten mit ihr wie mit einem Strassenmädchen umspringen, unnötig erschwert würde. Ein solches Verhalten muss Konsequenzen nach sich ziehen, auch von ihrer Seite. Sie wird diese provinzielle Bildungsanstalt bald verlassen, um an eine Universität zu wechseln, wo sie – ich – ihre, meine Studien über die partiellen Differenzialgleichungen fortsetzen werde. Vielleicht haben Sie im Verlauf Ihres Studiums schon mal von mir gehört. Wenn ja, werden Sie verstehen, dass ich meine Zeit nicht an einem Gymnasium verschwenden kann. Wenn nicht, dann schlagen Sie meinen Namen doch mal nach.
Hochachtungsvoll
Prof. Sofja Kowalewskaja
