Kastell

Ich blickte in die Ferne, bis ans Ende des Tals. Dort, auf einer hohen Klippe, hatte einmal ein Kastell gestanden. Ein guter Freund hatte mir von dessen Pracht erzählt: Es soll aus hohen, goldenen Mauern bestanden haben, hinter denen die Adeligen ihre opulenten Feste zu feiern pflegten. Das Kastell war vor ein paar Jahren geschleift worden, an seiner Stelle ragte nur noch die kahle Klippe empor. Das Tal darunter war ebenso öde, einzig ein kleiner Gasthof am Wegesrand bot dem Auge einen Anhaltspunkt. Dieser hingegen genügte, um meine goldenen Träume zu beflügeln: Immer, wenn ich einen Ritter oder eine Gruppe Händler in der Umgebung erspähte, stellte ich mir vor, was sie wohl aus den alten Tagen zu erzählen hätten; der Gasthof hatte ihnen bestimmt als Zwischenrast gedient, bevor sie zum Kastell ritten.
Nun kam es so, dass ich einen Ritter traf. Zunächst tauschten wir nur Höflichkeiten aus; dann erkundigte ich mich scheinbar beiläufig nach dem Gasthof. Ob ich ihn denn erwerben wolle, fragte der Ritter zurück. Ich hatte den Gedanken tatsächlich erwogen, und wollte wissen, ob man sich dort noch immer vom goldenen Kastell erzählte. Er schüttelte irritiert den Kopf. Obwohl es mir dank früherer Umtriebe nicht an Geld und Geschäftssinn mangelte, kehrte ich dem Tal ohne Abschied den Rücken – das Kastell musste weiterleben.

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