Chemie

Wegen des Chemieunfalls hatten sieben Schülerinnen und Schüler sowie ein Lehrer ins Spital eingeliefert und das gesamte Gebäude evakuiert werden müssen. Nicht nur die Feuerwehr und die Ambulanz, sondern auch die Regionalpolizei war zum Einsatz gekommen. Die Jugendlichen durften das Spital noch am selben Abend verlassen, nur dem Lehrer ging es schlecht: Er hatte starke Brandverletzungen an den Händen und im Gesicht erlitten und blieb deshalb auf der Intensivstation. Am nächsten Tag waren die Spuren des Unfalls weitgehend entfernt worden, somit konnte der Unterricht wieder regulär stattfinden. Einzig das Chemiezimmer blieb unzugänglich; ihm entströmte nach wie vor ein seltsamer Geruch. Dieser war, wie die Feuerwehrleute sagten, zwar vollkommen ungefährlich, trotzdem erregte er bei denen, die ihm ausgesetzt waren, angeekeltes Nasenrümpfen. Was mich angeht – ich fühlte mich von der Ausdünstung seltsam angezogen.
Zunächst versuchte ich den Umstand vor meinen Mitschülern zu verbergen. Sie hätten mich wohl seltsam angeschaut, wenn nicht gar bespöttelt oder ausgelacht. Allmählich hielt ich mich jedoch in den Pausen – stets scheinbar zufällig – in der Nähe des Zimmers auf. Dort war der Geruch am intensivsten. Mit jedem Atemzug sog ich ihn tief in meine Lungen. Manche redeten von üblem Ammoniakgestank. Mir hingegen kam der Geruch wie eine sanfte, betörende Umarmung vor. Immer weniger vermochte ich mich der sinnlichen Erfahrung zu entziehen, strich ständig vor dem Zimmer umher. Ich trieb es schliesslich so weit, dass ich zu spät im Geschichtsunterricht erschien, was eine Verwarnung der Lehrerin nach sich zog. Ich fand das kindisch – wir waren ja im letzten Schuljahr, standen kurz vor der Matura – aber es kümmerte mich nicht weiter. Erst, als ein Mitschüler mich einmal dabei beobachtete, wie ich vor der Tür des Chemiezimmers sass, machten Gerüchte die Runde, die mir zusetzten. Ich sah mich von nun an gezwungen, dem Zimmer fernzubleiben. Doch man weiss ja, wie das ist: Je länger ich es mied, desto unwiderstehlicher fühlte ich mich von ihm angezogen. Das Verlangen wurde nach einigen Tagen so stark, dass ich es riskierte und abends, nachdem die meisten Schüler und Lehrpersonen gegangen waren, zur Tür schlich. Da stand ich, zitternd, und spielte mit dem Gedanken, das Zimmer zu betreten. Gleichzeitig zögerte ich: Was, wenn es sich um einen Schadstoff handelte, der sich infolge des Unfalls freigesetzt hatte? Ich würde mich in Gefahr begeben. Wobei, die Feuerwehr musste schon alles geprüft haben, andernfalls hätte sie das Schulgebäude nicht freigegeben – oder? Während ich hin und her überlegte, merkte ich nicht, wie der Hauswart um die Ecke bog. Als er mich sah, wies er mich unfreundlich zurecht und warf mich aus dem Schulhaus.
Damit hätte ich die Geschichte ruhen lassen können; wir hatten ohnehin genug Prüfungen und Vorträge, auf die es sich zu konzentrieren galt. Aber der Geruch ging mir einfach nicht aus der Nase. Ich musste zur Quelle gelangen, egal wie. Am Wochenende schritt ich zur Tat. Von einem Cousin, der in einer Werkstatt arbeitete, borgte ich mir ein Brecheisen. Wofür ich es benötigte, verriet ich ihm nicht, doch er fragte zum Glück nicht nach. – Nachts stieg ich ins Schulgebäude ein. Durch die dunklen, leeren Gänge huschend, kam ich bald vor der Tür des Chemiezimmers an. Der Geruch lockte stärker als je zuvor. Ich nahm eine süssliche, erregende Note wahr. Kurzentschlossen brach ich die Tür auf und drang ins Zimmer ein. Da stand ich nun, allein in der Finsternis, und nahm jeden Atemzug, als sei er mein letzter. Der Geruch war nunmehr so überwältigend, dass ich keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Mit jeder Minute, die ich im Sinnesrausch verbrachte, stieg meine Erregung. Zugleich machte sich aber ein leises Unbehagen in mir breit: Nein, ich war nicht allein. Etwas, das ahnte ich, befand sich ganz in der Nähe. Und es kam näher – ich spürte, wie es meinen Arm entlangstrich, über den Hals, die Wangen. Als es mich kniff, zuckte ich zurück, doch da war es schon zu spät. In meinem Kopf begannen verrückte Visionen zu spielen. Mir war, als schwämme ich durch ein dunkles Meer … auf dem Wasser glitzerte das Mondlicht, in der Ferne ragten Felsen empor, auf denen schemenhafte Gestalten sassen. Ich dachte an Meerjungfrauen, schwamm schneller. Doch bevor ich die Felsen erreichte, wurde ich in die Tiefe gezogen. Das Wasser strömte in meine Lungen –
Am nächsten Tag erwachte ich im Spital. Die Sonne schien zum Fenster hinein, Vögel zwitscherten. Der Lehrer lag im Bett nebenan. Er lächelte breit, zwinkerte mir zu.
«Sie sind von der Abschlussklasse, nicht wahr?», fragte er. «Ich kenne Sie.»
«Herr Huber?», fragte ich schwach.
Er hob die bandagierten Hände empor. «Lebend und leidend, wie Sie sehen. Aber was machen Sie hier? Sie waren beim Chemieunfall doch nicht anwesend?»
«Es gab einen zweiten, schätze ich», murmelte ich zögerlich.
«Wie das?»
«Ich verstehe es nicht ganz … Ich glaube, ich bin dabei ertrunken.»
Herr Huber sah mich zweifelnd an.
«Also, fast», ergänzte ich. «Soeben war ich noch im abgesperrten Zimmer. Jetzt bin ich plötzlich hier.»
«Ich weiss ja nicht, was Sie dort gemacht haben. Ich jedenfalls habe mich verbrannt, und nichts weiter», sagte Herr Huber.
Wir schwiegen.
«Gibt es dazu ein chemisches Gesetz?», fragte ich endlich.
«Wozu genau?», hakte Herr Huber nach.
Ich zuckte mit den Achseln, und wir liessen es dabei bewenden.

Kategorie: