Der Mann, der mir im Zug gegenübersass, schien schon eine ganze Weile tot zu sein. Er bot einen grausigen Anblick: schlaff gegen das Fenster gesunken, mit blutig durchschnittener Kehle und leerem Blick. Eine Tatwaffe sah ich nirgends; das Einzige, was sich auf der Ablage neben uns befand, war eine offene Packung Chips. Das alles hatte ich erst bemerkt, als ich bereits im Abteil sass, denn ich hatte die dumme Angewohnheit, stets auf mein Handy zu starren, ohne auf die Umgebung zu achten. Ich betrachtete die Chipspackung. Nun bliebe sie wohl eine Weile da liegen, wenn es niemanden mehr gab, der sie entsorgte – ausser, ich würde dies übernehmen. Ich griff nach der Packung und knüllte sie zusammen, um sie in den Abfall zu werfen. In diesem Moment öffnete der vermeintlich tote Mann die Augen.
«Achtung, die Kanten sind scharf», sagte er mit heiserer Stimme. «Aber wenn Sie wollen, hätte ich noch ein kostenloses Muster für Sie. Wo habe ich nur meine Aktentasche gelassen?» Der Mann suchte den Sitz neben sich ab.
«Sind Sie so etwas wie ein Vertreter?», fragte ich zögerlich. Auch wenn andere Fragen Vorrang gehabt hätten.
«Ich war es», erwiderte er. «Jetzt will ich keiner mehr sein.»
«Wer hat Ihnen das angetan?», fragte ich, zeigte auf die Wunde an seinem Hals.
«Ich weiss es nicht. Jemand hatte es auf mich abgesehen. Wie gesagt, die Kanten sind scharf. Da kommt man schon mal zu Tode.» Der ehemalige Vertreter deutete auf die Chips. Dann blickte er nachdenklich aus dem Fenster.
«Was werden Sie jetzt tun?», wollte ich wissen.
«Das muss ich mir noch überlegen», meinte er. «Aber danke, dass Sie mich zurückgeholt haben. Wo hält der Zug als Nächstes?»
«In Basel», erklärte ich.
Da verkündete der Lokführer unsere baldige Ankunft. Der Zug wurde langsamer, blieb schliesslich stehen.
«Dann werde ich mir hier einen Kaffee genehmigen. Vielen Dank.» Der Mann verabschiedete sich und verliess das Abteil. Ich blickte ihm nach, bis er aus dem Wagon stieg, und warf die Chipspackung endlich in den Abfall.
