Lamia

Meine Transformation stellte sich zunächst als Gewinn heraus. Manche Menschen behaupten, mit einem Schlangenkörper liesse sich nicht leben, aber im Alltag erfuhr ich das Gegenteil. Nicht nur gelangte ich neu mit Leichtigkeit an Orte und Gegenstände, die mir zuvor unerreichbar schienen, auch meine Geschäftspartner zeigten sich stets gesprächswillig – wenn sie nicht zuhörten, zwang ich sie ganz einfach dazu, indem ich ihnen so lange die Luft abschnürte, bis sie in meine Bedingungen einwilligten. Die Geschäfte liefen fortan sogar so gut, dass meine Firma ein neues Bürogebäude in Zürich beziehen konnte, und die Zahl meiner Mitarbeitenden signifikant wuchs. Ersteres verhinderte indes nicht, dass sich mein Schlangenleib durch alle Stockwerke schlängelte. Der letztgenannte Umstand führte leider auch dazu, dass ein Unfall geschah, bei dem ich ungewollt einen Informatiker erdrückte, der gerade unter mich gekrochen war, um ein Computerkabel zu erreichen. Inwieweit er Mitschuld an seinem unschönen Ende trug, wurde von den Strafverfolgungsbehörden gar nicht erst in Erwägung gezogen, und ich hätte eine lange Gefängnisstrafe verbüssen müssen, wäre ich am Tag der geplanten Verhaftung nicht in eine entlegene Höhle geflüchtet.

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