Späte Rache

Meine Feindschaft mit dem Sohn des Dorfmetzgers reichte bis in die Kindheit zurück. Damals, in der ersten Klasse, hatte er alle meine Stifte gestohlen, sodass ich bei der Lehrerin, die furchtbar streng war, um Malutensilien betteln musste. Das amüsierte den Metzgersohn prächtig, während ich mir schwor, eines Tages Rache zu nehmen. Dieser Tag war nun, zwanzig Jahre später, gekommen: Per Zufall hatte ich erfahren, wo er mittlerweile lebte – es handelte sich um ein hübsches Häuschen mit einer griechischen Statue im Garten. Um sein augenscheinliches Glück zu zerstören, fing ich einen Waschbären im Wald und setzte ihn nachts in seinem Garten aus. Das Tier flitzte an der Statue vorbei und kletterte durch ein offenes Fenster. Ich selbst entfernte mich ungesehen vom Tatort. Wenn mein Feind den Waschbären am nächsten Morgen im Haus entdeckte, würde er einen gehörigen Schrecken kriegen. Doch es kam nicht wie erhofft: Kurze Zeit später las ich in den Nachrichten, dass ein angesehener Immobilienmakler im Schlaf erdrosselt worden war. Das Foto neben dem Artikel zeigte den Metzgersohn. Den Mord hatte offensichtlich der Waschbär begangen. Von Schuldgefühlen geplagt, fand ich keinen Schlaf mehr. Schon gar nicht, als der Geist des Verstorbenen des Nachts am Kopfende meines Bettes auftauchte. Seine Stimme dröhnte laut in meinem Kopf: Auch dich wird der Waschbär eines Tages finden, wart du nur. Seither leide ich sehr und meide sowohl den Wald als auch die Vorstädte.

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