Als ich die Bergstation erreichte, war die letzte Gondel schon talwärts gefahren. Die Maschinerie rührte sich nicht, in der Station herrschte eine unheimliche Stille. Beunruhigt schaute ich zu den Stahlseilen auf, die leicht im Wind schwankten. Hatte ich im Restaurant so lange getrödelt? Ein Blick auf das Handy bestätigte den Verdacht; ich hatte die letzte Fahrt um eine halbe Stunde verpasst. Nun blieb mir wohl nichts anderes übrig, als ins Tal zu wandern. – Doch das Schicksal hatte anderes mit mir vor. Gerade, als ich mich aufmachen wollte, setzte sich die Seilbahn mit lautem Getöse in Bewegung. Ich hielt verwundert inne. Aus der Dämmerung stieg eine Gondel auf und hielt mit einem Ruck vor mir. Sie öffnete ihre Türen. Ihr Inneres war nicht beleuchtet und deshalb kaum zu erkennen, doch die Kabine schien leer zu sein. Ich blickte mich um, ob jemand die Seilbahn in Gang gesetzt hätte, aber da war niemand. Die geisterhafte Einladung war mir nicht geheuer, und so hätte ich sie beinahe ausgeschlagen, hätte nicht in diesem Moment eine Frau die Station betreten. Sie trug eine auffällige, weisse Winterkappe, die im Halbdunkeln leuchtete, und machte einen herzlichen Eindruck.
«Ist hier noch frei?», fragte sie gutgelaunt, zur Kabine deutend.
Ich nickte und wir stiegen ein.
Durch den unerwarteten Gast hatte ich vergessen, dass ich nicht einsteigen wollte. Aber die Türen schlossen sich, und es war schon zu spät.
«Woher kommen Sie?», fragte die Frau, während die Gondel nach unten glitt.
«Vom Bergrestaurant», erwiderte ich, worauf mir einfiel, dass die Frage vielleicht anders gemeint war.
«Ist das Essen dort gut?», wollte sie wissen.
«Nicht schlecht. Die üblichen Gerichte», sagte ich.
Die Gondel passierte einen der Masten. Ein Ruck ging durch die Kabine. Ich verspürte ein Ziehen im Bauch, als sie leicht nach unten sackte.
«Ich hätte auch dort essen sollen. Jetzt habe ich nämlich Hunger», meinte die Frau.
«Die Restaurants im Tal sind sicher noch geöffnet.»
Wir schwiegen eine Weile und schauten aus dem Fenster. Die Gondel schwebte knapp über den Baumwipfeln. Dunkle Schatten stiegen aus dem Geäst, ein Krächzen ertönte – Raben. Die Vögel kamen mir wie ein schlechtes Omen vor. Ich verstand nicht warum, bis mir auffiel, dass wir die Mitte der Strecke passiert hatten. Eigentlich hätte die Gondel, die in die Gegenrichtung fuhr, längst zu sehen sein müssen.
«Wo ist die andere Gondel?», murmelte ich. Die Frau stellte sich neben mich und betrachtete den Berghang.
«Sehen Sie dort.» Sie wies neben einen Bach, der über die Felsen stürzte. Von der grauen Masse hob sich ein Schemen ab, den ich zunächst nicht einordnen konnte.
«Mein Gott», brach ich hervor, als ich begriff. Da lag die Gondel, in ihre Einzelteile zerschmettert.
«Wie ist das passiert?» Ich versuchte die Fassung zu bewahren.
Wie es aussah, fiel dies der Frau nicht schwer. Sie lächelte nur mit einer nachdenklichen Miene. Nachdem sie offenbar genug nachgedacht hatte, wandte sie sich zu mir.
«Wahrscheinlich haben es die Passagiere darin zu wild getrieben», erklärte sie. «Die Gondel ist ins Schwanken geraten und abgestürzt.»
«Sind Sie sicher?», fragte ich ängstlich. «Das ist doch nicht möglich. Seilbahnen sind gegen so etwas abgesichert. Warum fährt dieses Ding überhaupt noch?»
«Offenbar sind Sie ein leichtes Opfer», sagte die Frau. Was sie damit meinte, verstand ich nicht, wollte aber auch nicht nachfragen, denn sie wirkte immer unheimlicher. Zugleich verspürte ich eine seltsame Anziehung. Unter dieser weissen Kappe verbargen sich bestimmt wunderbar glänzende Haare. Mein Blick fuhr über ihr weiches Gesicht und ihre zierlichen Hände. Beschämt und verwirrt wandte ich ihn ab.
«Ich frage mich, ob uns dasselbe geschieht, wenn ich das hier tue», sagte sie. Mit diesen Worten ging sie in die Ecke der Kabine und stampfte einmal fest mit dem Fuss auf. Die Gondel erzitterte unter ihrem Fuss. Mein Herz setzte für einen Schlag aus.
«Bitte, tun Sie das nicht», bat ich sie.
Von draussen erschallte erneut ein Krächzen. Die Vögel kreisten um uns her.
«Warum nicht?», fragte die Frau neckisch und stampfte ein weiteres Mal auf den Boden. Nun begann sie zu hüpfen – die Gondel schwankte. In einem verzweifelten Versuch gab ich Gegensteuer, indem ich in die andere Ecke der Kabine stand, nicht ahnend, dass ich dadurch alles nur noch schlimmer machte. Die Gondel schwankte so heftig, dass über uns ein Knirschen ertönte. Jeden Moment, so glaubte ich, würde ein Sicherheitsmechanismus sie zum Stillstand bringen, doch die Fahrt ging weiter. Mittlerweile legten wir das letzte Drittel der Strecke zurück, die Lichter des Dorfes schienen zu uns herauf.
«Sind Sie lebensmüde?», brüllte ich.
Die Frau ignorierte mein Brüllen und setzte ihr Tun fort, während ich mich an die Kabinenwand drückte.
Endlich hörte sie auf zu hüpfen. Sie stellte sich wieder in die Mitte der Kabine, sodass sich die Gondel allmählich beruhigte.
«Dasselbe muss ich Sie fragen. Denn Sie sind mit mir eingestiegen, nicht wahr?», gab die Frau zurück. Sie warf mir ein Lächeln zu, das mir nicht mehr herzlich, sondern vielmehr sadistisch erschien. Ich schüttelte flach atmend den Kopf.
«Das war ein Fehler», stiess ich hervor.
«Oh, da haben Sie Recht», erwiderte sie. «Aber für heute lasse ich Sie gehen.»
«Wie bitte?»
Die Gondel fuhr in der Talstation ein, worauf sich die Türen mit einem leisen Zischen öffneten.
«Nun gehen Sie schon», drängte die Frau ungeduldig. «Bevor ich Sie hier behalte.»
Ohne mich noch einmal umzudrehen, rannte ich aus der Kabine, froh, am Leben zu sein.
