Der Sohn

Vormittags am Zürcher Hauptbahnhof: Eine junge Mutter stieg aus einem Zug. Sie hatte Mühe damit, ihren Kinderwagen aus dem Wagon zu bugsieren, sodass ihr ein Student zur Hilfe eilte. Zunächst schien alles gut zu gehen: Der Mann packte das vordere Ende des Kinderwagens und schob ihn in Richtung Perron. Doch auf halber Höhe liess er ihn entgeistert los – das Vorderrad landete unsanft auf dem Boden, und der Junge im Sitz begann zu weinen. Die Mutter schrie auf und wollte den Studenten zurechtweisen, aber er war bereits panisch davongerannt. Auf den Tumult hin blieben einige Passanten stehen und sahen nach dem Kind. Sie wichen ebenfalls erschrocken zurück und gingen schnell ihrer Wege. Die Mutter schüttelte den Kopf und tröstete ihren Sohn. Dann schob sie den Kinderwagen durch die Haupthalle und aus dem Bahnhofsgebäude, bis sie ihr Ziel, die nahe Tramstation, erreichte. Dort stellte sie sich in eine Ecke und wartete auf ihren Anschluss. Doch auch hier wurde sie vor ängstlichen und misstrauischen Blicken drangsaliert. Man wollte ihr nicht einmal helfen, den Kinderwagen ins Tram zu hieven, weshalb sich die Abfahrt um eine Minute verzögerte. Endlich setzte sich das Tram in Bewegung und fuhr in Richtung Kunstmuseum. Eine Station später stieg die Mutter aus – auch diesmal ohne Hilfe. Enttäuscht und bitter wischte sie sich über die Stirn. Jetzt war es zum Glück nicht mehr weit bis zum Kinderspital. Dort angekommen, wurde ihr distanzierter Respekt zuteil. Man begrüsste sie höflich, wies sie und ihr Kind in den leeren Warteraum, kurze Zeit später bat sie der Arzt in sein Behandlungszimmer. Während sie sich setzte, tippte der Mediziner etwas in den Computer. Dann blickte er auf das Kind. Die Mutter sah seiner Miene an, dass er sein Unbehagen beherrschen musste, und wurde grantig.
«Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie kein Mann der Wissenschaft?», fragte sie herausfordernd.
«Doch, gerade darum habe ich nicht damit gerechnet», erwiderte er nervös und erhob sich.
«Halt, wo wollen Sie hin?»
Der Arzt ging ohne Antwort aus dem Zimmer. Das Kind begann wieder zu weinen.
«Nicht doch, mein Bub», sagte sie und strich ihm das Haar aus der Stirn. Dabei versuchte sie die Hörner mit seinen Strähnen zu verdecken, aber sie waren zu gross. Um das Mindeste zu tun, schob sie den Schweif, der auf der Seite hervorlugte, hinter seinen Rücken. In diesem Moment trat ein fremder Herr zur Tür hinein. Er trug die Robe eines Geistlichen. Wo sie den so schnell aufgetrieben hatten, wusste die Mutter nicht, doch sie verspürte eine sofortige Abneigung gegen ihn. Der Pfarrer nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem zuvor noch der Arzt gesessen hatte, und sah das Kind eindringlich an.
«Woher haben Sie dieses Kind?», fragte er.
«Woher wohl? Ich habe es geboren», erwiderte die Frau sarkastisch.
«Wer ist der Vater?»
«Was wollen Sie sonst noch wissen? Mein Sohn ist krank, ich brauche Hilfe.»
Das Kind hustete kläglich.
«Was hat er denn?», fragte der Pfarrer.
«Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier, oder? Wo ist der Arzt?»
«Er wartet draussen. Was Sie benötigen, ist keine medizinische Hilfe, sondern den Beistand des Herrn. Bitte, legen Sie das Kind dorthin.» Der Pfarrer wies auf eine Patientenliege. Da die Mutter sich wunderte, was daraus entstünde, leistete sie dem Befehl Folge. Aber da zog der Geistliche eine Bibel unter seinem Gewand hervor und begann daraus vorzulesen. Die eintönige Litanei ging der Frau nach kurzer Zeit auf die Nerven. Auch dem Kind gefiel es nicht, was sein Weinen bestätigte.
«Jetzt hören Sie schon auf damit», wies die Mutter den Pfarrer zurecht. «Das wird nichts nützen.»
«Warum nicht?», fragte der Geistliche naiv.
«Sehen Sie sich den Jungen mal an. Er ist nicht von einem Dämon besessen.»
«Was dann?»
«Er ist ein Dämon.»
Darauf wusste der Pfarrer nichts zu erwidern. Er klappte die Bibel mit besorgter Miene zu.
«Ich kann Ihnen nur raten, sich nicht mit dunklen Kräfte einzulassen. Doch wie ich sehe, ist es dafür leider schon zu spät.»
«Darum lassen Sie uns jetzt allein und bringen lieber wieder den Doktor her.»
Der Pfarrer liess die Schultern hängen und ging aus dem Raum. Eine Weile geschah nichts. Die Mutter sah sich im Zimmer um, ohne dass ihr Blick irgendwo hängen blieb. Der Sohn schwieg still. Endlich kam der Arzt wieder und bereinigte die Situation – allerdings nicht wie erhofft: Er wies sie aus dem Gebäude.
Nun waren Mutter und Kind wieder auf sich alleine gestellt. Auf der Strasse beugte sie sich zu ihrem Sohn herab und sagte leise: «Gehen wir nach Hause.»

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