Notiz über Technokraten und Tiermenschen
Heute, da uns das Wesen der Anima hinlänglich bekannt ist, müssen uns die Pläne und Ziele derer, die nach ihr suchten, naiv, stellenweise sogar komisch vorkommen. Über die Glaubensvorstellungen, die Verhaltensweisen, allem voran aber die Blindheit unserer Ahnen schütteln wir zweifelnd den Kopf und fragen uns, wie eine von Unverstand beherrschte Welt solche technischen Wunderwerke hervorbrachte. Diese Gefühle sind nicht neu: dachten jene Zeitgenossen wohl ebenso über ihre Vorfahren, die besagten Vorfahren über die, die vor ihnen kamen, und so weiter. Da es sich im Folgenden um eine stilisierte Fiktion handelt, ist diese Geschichte natürlich nicht als historische Realität anzusehen. Weder haben die handelnden Figuren so existiert, noch ist ihre Disposition aus irgendeiner Quelle detailliert herauszulesen. Doch scheint mir gesichert, dass sie so manches für selbstverständlich ansahen, was uns heute fremd vorkommt. Auf die Gefahr hin zu langweilen, erinnere ich deshalb an die Faktenlage.
Im 21. Jahrhundert wurde durch die zunehmend prekären Umweltbedingungen der Grundstein für einen Konflikt gelegt, der dreihundert Jahre andauern sollte und die Menschheit in zwei Lager spaltete. Auf der einen Seite standen die Technokraten: Sie glaubten, die durch massiven Missbrauch von natürlichen Ressourcen entstanden Probleme liessen sich mit – wie der Name suggeriert – Technik lösen, das heisst, sie strebten eine Weiterentwicklung, ja, Beschleunigung des vorherrschenden Systems an, um die damit einhergehenden Fehler zu meistern und auszumerzen. Ihnen gegenüber stellte sich eine ebenso grosse Gruppe von Ökologisten, die die Rückkehr zu einfacheren, frugalen Lebensformen als einzig sinnvollen Weg erachteten. Ihr Ziel war ein symbiotisches Leben im Einklang mit der Natur, das zu einer Stabilisierung der Verhältnisse führen sollte. Dies schloss die Ablehnung des kapitalistischen Wachstums, aber auch die Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Tier mit ein. So entstanden Ende des 21. Jahrhunderts die ersten Hybriden, auch genannt «Theria», oder Tiermenschen. Während sich die Technokraten in ihren gigantischen Städten verschanzten – die aufgrund von zunehmenden Umweltkatastrophen immer weniger geworden waren –, zogen die Theria ein Leben in Stammesverbänden vor, in den grossen Wäldern, die sich seit dem Rückgang der Landwirtschaft wieder erholt hatten und ungehemmt ausbreiteten. In diese unsichere Ordnung trat nun ein drittes, gefährliches Element, welches die Welt auf brachiale Weise für immer veränderte: der erste Kontakt mit ausserirdischen Lebensformen.
Das Chaos und die Zerstörung, welche die interplanetare Begegnung zwischen den Menschen und den feindlich gesinnten Kani in unmittelbarer Folge auslöste, muss ich nicht mehr im Detail erläutern; alles Nötige ist der Historia I-IX zu entnehmen. Die Theria hatten den Invasoren nichts entgegenzusetzen, ebenso wenig die Technokraten, deren Städte den gewaltigen Angriffen zum Opfer fielen. Besonders schrecklich war eine Kani-Waffe, welche unter dem Namen «Miasma» bekannt wurde. Sie überwand selbst die dicksten Mauern und raffte tausende Menschen in beängstigender Geschwindigkeit dahin. Ebenso plötzlich, wie der wabernde Nebel auftauchte, konnte er wieder verschwinden, doch wer damit in Berührung kam, dem war der Tod sicher. Den Menschen blieb nichts anderes übrig, als sich in unterirdische Bunkeranlagen zu verschanzen. Das Leben in ständiger Angst vor dem, was auf der Erdoberfläche lauerte, sowie die immer knapper werdenden Vorräte brachte die Technokraten schliesslich auf eine wagemutige und verzweifelte Idee: Sie verliessen ihre Bunker und bauten ihre Städte fernab des Miasma – in den Lüften, weit über den Baumwipfeln der unendlichen Wälder. Der Bau solcher Städte, von mächtigen Säulen getragen, erforderte viele Opfer, stachelte in den Technokraten aber auch ein Gefühl der Überlegenheit an: wieder schien die Welt durch ihr technisches Wissen und ihre kluge Voraussicht zum Besseren gewandt. Die Bedrohung durch die Kani, die nach wie vor in den Wäldern lebten, zwang die Theria dazu, in den Himmelsstädten Asyl zu suchen. Die Technokraten gaben ihre aus Stahl und Beton gebauten Oasen der Vernunft indes nur unwillig frei. Für die, die auf Kampf verzichtet und damit den Vormarsch der Kani akzeptiert, wenn nicht sogar begünstigt hatten, sollte kein Platz in den Städten sein. Die Theria wiederum sahen die Schuld des zivilisatorischen Untergangs in den Technokraten, die den Planeten ausgebeutet und damit den Zorn der Kani auf sich gezogen hatten. Welche von beiden Gruppen im Recht war, spielt aus heutiger Sicht keine Rolle.
Während die meisten Städte keine Tiermenschen duldeten, gab es ein paar wenige, die die verlorenen Flüchtlinge aufnahmen. Dazu gehörte eine Stadt irgendwo im Osten des ehemaligen Europa, die auf den Trümmern einer alten Metropole gebaut worden war. Obwohl in ihr eine offene Politik herrschte, sorgte das Aufeinandertreffen der beiden Gruppen für Konflikte, hatte soziale Spannungen und Segregation zur Folge. Es entstanden Armenviertel, in denen die Theria in unwürdigsten Zuständen lebten. Gewalt und Kriminalität im Innern, aber auch gegen die Technokraten, machten sich breit. Die Situation drohte immer mehr zu eskalieren, bis sich die Lage durch eine restriktive Politik vorübergehend stabilisierte. Das heisst, die Menschheit kehrte zu einer Staatsform zurück, die Ende des 21. Jahrhunderts in weiten Teilen der Welt überwunden schien und sich im kleinen Stadtstaat doch behauptete: die absolute Herrschaft einer einzelnen herausragenden Persönlichkeit. Doch so allumfassend Donna Lux in ihrem Sonnenturm über die Stadt wachte, blieb auch ihr Regime nicht ohne Probleme: Das Miasma, das nach wie vor erratisch aus der Erde strömte, verunmöglichte die flächendeckende Suche nach Ressourcen, was deren Knappheit und damit Missgunst und Korruption förderte. Die verbliebenen Kani stellten noch immer eine ernstzunehmende Bedrohung dar – ein koordinierter Angriff, so fürchtete die militärische Elite, könnte die Himmelsstadt wörtlich zu Fall bringen. Und zuletzt war der Zwangsfriede zwischen den Technokraten und den Theria ein unsicheres Gefüge aus Regeln und Verboten. Die Politiker sagten ihm kein schönes Ende voraus, und wie die Sache ausging, lehren uns die letzten Bände der Historia.
Die Himmelsstädte hatten für gewöhnlich wenig ansprechende Namen, ein Gemisch aus Zahlen und Buchstaben, um ihren futuristischen Charakter zu unterstreichen. Wir wollen die erwähnte, der Einfachheit halber, Dunatropolis nennen, nach dem Fluss, der einst zwischen ihren vier Säulen dahingeströmt war. Wie in allen Gesellschaften gab es zu der Zeit Menschen, die Ordnung, andere, die Chaos stifteten. Je einem von ihnen wollen wir auf seinem Weg folgen.
[Ende des Prologs]
