Drachen

«Genre?»
«Simulation.»
«Inhalt?»
«Drachen.»
Der Chef zuckte mit dem linken Auge, was ihm das Aussehen eines Chihuahuas verlieh. Ich hatte befürchtet, mir stünde ein Kündigungsgespräch bevor, denn in den vergangenen Sitzungen hatte ich immer wieder Einwände gegen das neue Videospiel-Projekt vorgebracht. Deshalb traute ich seinen Fragen kaum, die plötzlich so wirkten, als würde ihn meine Meinung interessieren. Ich drückte die Fersen in den Teppich unter dem Pult und wartete auf seine Antwort.
«Das müssen Sie mir erklären.»
Die Worte sprudelten aus mir heraus. «Haben Sie sich noch nie gefragt, warum es so wenige Drachenspiele gibt? Ich meine, die gibt es, aber es gibt doch fast keines, in dem man den Drachen selbst steuert.»
«Was ist mit all den Fantasygames?»
«Da muss man die doch immer nur bekämpfen. Mir schwebt aber die Idee eines Simulationsspiels vor, in der man statt eines Flugzeugs eben einen Drachen fliegt.»
«Und das würde dann in einer modernen Grossstadt spielen, oder wie?»
«Nicht zwingend. Ich meine …»
«Also haben Sie im Grunde keine Idee.»
«Was?»
«Hören Sie. Entweder, wir sprechen von einer Simulation, in der Sie versuchen, Dinge der echten Welt möglichst originalgetreu darzustellen. Oder von einem Abenteuerspiel, in dem es Drachen, Elfen und Orks gibt, die ein Produkt der Fantasie und somit nicht simulierbar sind. Was Sie mir da unterbreiten, ist eine unausgegorene Mischung aus beidem, die nicht funktioniert.»
«Warum nicht? Gibt es denn keine Spiele, in denen man die Ressourcen von fiktiven Völkern verwaltet?», fragte ich zurück.
«Das ist ein anderes Genre», belehrte mich der Chef.
«Warum überhaupt in diesen Genres denken? Warum nicht ein neues erfinden, nämlich Drachenflugsimulation?»
«Dinge zu erfinden, ist nicht Ihre Sache.»
Ich sah mich auf verlorenem Posten. Doch wollte ich nicht kampflos aufgeben.
«Es scheint, als ob unsere Fantasie nur noch Kategorien und Schubladen kennt. Wo bleiben die Sehnsüchte?»
Der Chef seufzte. «Wenn Sie tausende Spieler fänden, die sich nach demselben sehnen wie Sie, dann könnten wir nochmals darüber reden. Aber ich fürchte, Sie werden alleine damit bleiben.»
«Das kann nicht sein. Es muss doch eine Nische dafür geben.»
«Nischen sind uns zu klein. Tut mir leid.»
Enttäuscht ging ich aus dem Büro. Am liebsten wäre ich auf dem Rücken eines Drachen davongeflogen. Aber daran liess sich nun nicht mehr denken.

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