Das offene Fenster

Weil ich es leid war, auf dem Heimweg von der Arbeit immer wieder am selben offenen Fenster vorbeizugehen, hatte ich damit begonnen, Papierflieger zu basteln und hineinzuwerfen. Das Fenster lag im ersten Stock, deshalb sah ich nicht, was sich im Zimmer dahinter befand. Es musste aber ein gehässiger alter Mann sein, denn jedes Mal, wenn ich wieder am Haus vorbeiging, fand ich den Flieger, den ich am Vortag losgeschickt hatte, auf der Strasse. Manchmal waren die Flügel mit Leuchtstift bemalt. Wohl war dem Alten ebenso langweilig wie mir. Oder in dem Zimmer wohnte gar kein Mann, sondern ein Kind, das jeden Tag sehnsüchtig auf die vermeintliche Briefpost wartete und sie enttäuscht zurücksandte. Um herauszufinden, was dahinter steckte, stellte ich mich eines Abends, nachdem ich den Flieger durch das Fenster geworfen hatte, hinter einen nahen Baum und wartete ab. Eine Viertelstunde geschah nichts. Allmählich wurde meine Geduld auf die Probe gestellt. Doch da segelte der Papierflieger in meine Richtung, landete auf dem Rasen. Ich lugte neugierig hinter dem Baum hervor. Aber das Fenster war bereits wieder geschlossen. Nun wollte ich den Flieger aufheben, als etwas von der Tragfläche hüpfte. Es sah aus wie ein kleiner Mann, besser gesagt die Form eines kleinen Mannes, aus Papier geschnitten und gefaltet. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, so dünn war er, dem kleinsten Lufthauch schutzlos ausgeliefert. Irritiert beobachtete ich, wie er davonschlenkerte, und sah ihm nach, bis er zwischen den Bäumen verschwand. Kurzentschlossen ging ich über die Strasse und klingelte an der Tür. Offensichtlich war dem Alten oder dem Kind eine Bastelei entwischt, die er oder es womöglich für eine Geburtstagsfeier benötigte. Doch auf mein Klingeln, auch auf mein Klopfen reagierte niemand. Und wenn das Haus am Ende nicht belebt, nein, nur von Scherenschnitten belebt war? Ob das stimmte, erfuhr ich leider nie, denn ab jetzt blieb das Fenster stets zu.

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