«Das ist ein Trick der alten Griechen», raunte der Mann, der hinter mir stand.
Ich drehte mich um und merkte, dass die Schlange vor der Wettkasse länger geworden war. Zum Glück hatte ich mich früh genug in die Reihe gestellt.
«Sie müssen auf das Pferd setzen, zu dem Sie eine tiefe Verbindung spüren, und es wird gewinnen», fuhr er fort.
Nun erst begriff ich, dass seine Worte an mich gerichtet waren. Ich musterte den Mann misstrauisch. Trotz lauer Sommertemperaturen trug er einen langen Mantel, der ihn wie ein Inspektor oder Detektiv aussehen liess. Dazu passten die schwarzen Haarsträhnen, die seine Halbglatze nur unzureichend verdeckten.
«Warum teilen Sie Ihre Wettgeheimnisse mit mir?», fragte ich.
«Oh, ich wollte Sie nicht stören», sagte er lächelnd. «Nur eins noch: Wissen Sie, wie die alten Griechen die Pferderennbahn nannten? Hippodrom.»
Er sprach das Wort so aus, als hätte er es schon viele Male zum Spass vor sich hingesagt.
«Danke», meinte ich ironisch, und wandte mich wieder um. Bald war ich an der Reihe. Ich setzte mein Geld auf die Nummer vier. Bevor ich zur Tribüne ging, beobachtete ich den Mann, um zu erfahren, auf welches Pferd er wettete. Nicht, weil ich sein Geschwafel für klug hielt, sondern nur, weil es mich wunder nahm. Er nahm die Nummer fünf.
Im Publikum, das zur Tribüne strömte, verlor ich ihn aus den Augen. Ich liess mich mittragen und fand einen Platz in grösstmöglicher Nähe zur Startlinie. Es knallte, die Pferde schossen durch die geöffneten Schranken und rasten über die Strecke. Das Publikum feuerte die Reiter an. Kurz vor Schluss des ersten Rennens entdeckte ich den Möchtegern-Inspektor. Er sass in der hintersten Reihe und wirkte, als ob er schliefe. Als das Rennen entschieden war, schreckte er auf und eilte zur Wettkasse. Wie sich herausstellte, hatte sein Pferd tatsächlich gewonnen. Da er aber nur um einen kleinen Betrag gewettet hatte, gewann er auch wenig.
«Gratuliere», sagte ich, als er sich an mir vorbei wieder zur Tribüne zwängte. Er hob die Mundwinkel und wollte weiter, doch ich konnte mir einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen. «Der Trick der alten Griechen scheint funktioniert zu haben.»
«Natürlich. Das tut er immer», erwiderte er, als ob ich etwas sehr Dummes gesagt hätte, und nahm wieder denselben Platz ein. Ich setzte diesmal auf ein älteres Pferd, obwohl ich mich fragte, ob ich damit statistisch gesehen im Nachteil war. Doch mehr als das Rennen begann mich nun der Mann zu interessieren. Warum hatte er während des Spektakels geschlafen? Ich beschloss, auf meine Art aufdringlich zu werden, und platzierte mich in seiner Nähe. Von den hinteren Rängen aus hatte man einen besseren Überblick über die Strecke, war aber für mein Empfinden etwas zu weit entfernt. Während die Pferde über die Bahn rasten, lehnte ich mich im Sitz angestrengt nach vorne. Als sich die Reiter in die Kurve legten, stürzte eines der Pferde, doch das Rennen ging weiter. Da wanderte mein Blick zum Inspektor – wieder hatte er die Augen geschlossen. Sein Kopf war sogar auf die Brust gesunken.
«Hallo?», fragte ich schnippisch. «Schlafen Sie?»
Er reagierte nicht. Ich stupste ihn an, worauf er mit einem erschrockenen Schrei hochfuhr.
«Sie verpassen ja das ganze Rennen.» Ich lachte.
Zu meiner Überraschung reagierte er völlig ungehalten und fuhr mich an: «Was stören Sie mich?»
Die Pferde hatten mittlerweile das Ziel passiert. Meine Nummer gehörte nicht zu den Gewinnern, aber offenbar auch nicht diejenige, die sich der Inspektor ausgesucht hatte.
«Verflucht seien Sie. Da haben Sie mich um mein Geld gebracht», sagte er gehässig.
«Das müssen Sie mir erklären», antwortete ich unschuldig.
«Sie würden es nicht verstehen», brummte er und schlängelte sich zur Wettkasse durch. Ich liess mich nicht abschütteln.
«Es tut mir leid», sagte ich ehrlich und stellte mich neben ihn, als er in der Reihe stand. «Wenn Sie wollen, bezahle ich auch Ihre nächste Wette.»
Der Mann tat zunächst so, als ob er nicht gehört hätte. Kurz, bevor er an die Reihe kam, drehte er sich jedoch zu mir um.
«Das würden Sie tun?», fragte er.
«Ja», erwiderte ich.
Er blickte mich durchdringend an.
«Wissen Sie was, ich schlage Ihnen eine Wette vor. Wenn mein Pferd gewinnt, bekomme ich Ihr Geld. Wenn Sie gewinnen, kommen Sie glücklich und mit vollen Taschen davon. Wir spielen allerdings auf meine Art. Was sagen Sie dazu?»
Ich war mir nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, sich auf den Mann einzulassen.
«Was meinen Sie damit, auf Ihre Art?»
«Das werde ich Ihnen auf der Tribüne zeigen. Also, was sagen Sie?»
Es war wohl zu spät, einen Rückzieher zu machen. «Na gut», willigte ich ein.
«Kommen Sie mit.» Er führte mich auf seinen Platz in der hintersten Sitzreihe. Das nächste Rennen hatte noch nicht begonnen, somit blieb ihm Zeit, mich in sein Geheimnis einzuweihen.
«Erinnern Sie sich, als ich vom alten Trick der Griechen sprach?»
«Sie sprachen vom Trick der alten Griechen, ja», sagte ich.
«Die Verbindung zu Ihrem Pferd ist das Entscheidende», schärfte er mir ein.
«Ach», kommentierte ich mit einem schiefen lächeln.
«Schliessen Sie die Augen.»
«Was?»
«Machen Sie schon», forderte er mich auf.
Ich tat wie geheissen. «Damit ich wie Sie einschlafe?», fragte ich und lehnte mich mit geschlossenen Lidern im Sitz zurück.
«Bleiben Sie genau so. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie seien das Pferd auf der Rennbahn.»
«Bitte?»
Er legte mir die Hand auf die Schulter. «Sie müssen Sich entspannen.»
Ich spürte den Druck seiner Finger und wollte protestieren, hielt es dann aber für besser zu schweigen. Zwei Mal, drei Mal atmete ich tief durch.
«Stellen Sie sich alles gut vor. Sehen Sie die Schranke vor sich?»
Tatsächlich begannen sich vor meinem inneren Auge allmählich Bilder zu formen. Ich stand direkt vor der Startlinie. Vor mir die Schranke, die sich jeden Moment öffnen würde. Links und rechts standen die übrigen Pferde mit ihren Reitern, bereit, loszurennen. Ich fühlte eine nie zuvor dagewesene Energie meinen Körper durchströmen, einen wilden Bewegungsdrang, der sich nicht bändigen liess. Auf meinem Rücken lastete das Gewicht des Jockeys – aber das spürte ich kaum.
«Los!»
Und ich galoppierte, als gäbe es keinen Morgen mehr.
Wie lange das Rennen und mein transgressiver Zustand anhielten, konnte ich nicht sagen. Alles, was ich wusste, war, dass ich gewinnen wollte. Ich flog über die Bahn dahin, sprang über die Hecken und den Wassergraben, im Rausch der Geschwindigkeit. Einer der Reiter stürzte, als er sprang, ein anderer, als er in die Kurve ging, doch meiner hielt sich im Sattel. Zuletzt wurde es zu einem Duell, Kopf an Kopf, mit dem letzten verbliebenen Teilnehmer. Instinktiv spürte ich meinen Rivalen, den Inspektor, neben mir. Er wollte mir den Gewinn streitig machen. Das liess ich nicht zu. Mit grosser Kraftanstrengung schoss ich über die Ziellinie – ich hatte gewonnen.
«Und, glauben Sie mir jetzt?»
Ich öffnete die Augen – wie vorher sass ich wieder auf der Tribüne. Der Inspektor stupste mich an.
«Was?»
«Ob Sie mir glauben.»
Erst rieb ich mir die Stirn. Dann gab ich Antwort: «Ich schätze ja. Aber wie haben Sie das gemacht?»
«Das war nicht ich, sondern Sie waren es», sagte er.
«Aber wie?», wollte ich wissen.
«Das konnten bereits die alten Griechen im Hippodrom. Es ist also kein Wunder, dass wir es auch können.»
«Das ist keine Erklärung», erwiderte ich, sah aber nun ein, warum der Mann beim letzten Rennen so wütend reagiert hatte.
Noch wackelig auf den Beinen, begleitete ich den Inspektor zur Wettkasse, wo ich meinen Gewinn einlöste. Einen Teil wollte ich ihm überlassen, doch er lehnte ab. Stattdessen schüttelte er mir zum Abschied die Hand.
«Ich muss jetzt los. Kaufen Sie etwas Schönes», sagte er.
Zu gerne hätte ich mich länger mit dem Inspektor unterhalten. Aber da liess sich wohl nichts mehr machen, denn er schien es plötzlich eilig zu haben. Immerhin war er mir nicht mehr böse. Ich sah ihm nach, bis er das Gelände verliess.
