Die Geburt

Das Verhalten des Astronauten Mertens gab Rätsel auf. Nachdem er wieder auf der Erde gelandet war, hatte er ganze drei Tage in seiner Kapsel verbracht, bis er der Raumfahrtbehörde seinen verfehlten Standort mitgeteilt hatte und aus der unwirtlichen Einöde der norwegischen Wälder gerettet worden war. Wegen Verbindungsproblemen hatte seine Position nicht genau lokalisiert werden können. Die Rettungskräfte fanden ihn dehydriert und geschwächt, aber bei Bewusstsein vor. Bei der Bergung stellte sich heraus, dass sämtliche Systeme einwandfrei funktionierten, was bedeutete, dass Mertens selbst für sein Unglück verantwortlich zeichnete. Die darauffolgenden Untersuchungen waren deshalb psychologischer Natur. Warum hatte der erfahrene und qualifizierte Astronaut, der seine Ausbildung mit Bestnoten abgeschlossen hatte, nicht versucht, die Raumfahrtbehörde sofort nach der Landung zu kontaktieren? Was war während der drei Tage in den norwegischen Wäldern geschehen? Die Fragen gingen nicht nur durch die Institutionen, sondern auch eine sensationslustige Öffentlichkeit. Ein populärer Psychologe, der seine Ansichten gerne in Boulevardblättern verbreitete, stellte die These auf, dass es sich bei Mertens Einkapselung um einen zweiten Geburtsvorgang handelte. Dem Kalender nach hatte der Raumfahrer nämlich genau 277 Tage im Weltall verbracht. Setzte man eine mittlere Schwangerschaftsdauer von 40 Wochen, so ergaben sich drei fehlende Tage, die Mertens in seiner Kapsel nachgeholt hatte. Dazu passte, dass der Astronaut, wie man herausfand, einige Wochen zu früh geboren worden war und somit, nach den Worten des Psychologen, «das Versäumte nachholen» wollte. Gegen die These sprachen sich sowohl die Raumfahrtbehörde als auch zahlreiche ernstzunehmende Wissenschaftler aus. Erstens waren bei Mertens im Training keinerlei psychischen Probleme festgestellt worden, zweitens würde sich das Trauma einer frühen Geburt nicht in risikoreichem Verhalten niederschlagen. Zwar lebten Erwachsene, die zu früh auf die Welt gekommen waren, möglicherweise mit gewissen psychischen Defiziten, diese hätten sich aber spätestens in der Pubertät gezeigt. Ein Vertreter des Philosophiedepartements der Universität Oslo stimmte dem Psychologen vorsichtig zu, insofern der Selbstverlust angesichts der kosmischen Dimension, die Mertens widerfahren sein musste, durchaus mit einer Art zweiten Inkarnation zu vergleichen sei. Dagegen wurden in Bergen Stimmen von Geisteswissenschaftlern laut, die spotteten, dass keine metallische Kapsel, geschweige denn die unendliche Schwärze des Alls, mit der Wärme und Sicherheit des Mutterbauchs konkurrieren könne. Wenn die übrigen Akademiker auch nicht so kampfeslustig auf die Geburtsthese reagierten, so dachten sie wohl insgeheim dasselbe, und die Sache schien vom Tisch. Die einzige Stimme, die bei diesem Aufruhr vergessen ging, war die von Mertens. Nachdem er sich von der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, um der Boulevardpresse und dem akademischen Gerede zu entfliehen, kaufte er sich, so das Gerücht, eine abgelegene Hütte in Norwegen. Jahre später tauchte ein Artikel in der Zeitung auf, der davon berichtete, er sei von einem Wolfsrudel attackiert worden. Weiteres wurde über seinen Verbleib nicht bekannt.

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