Der Direktor fragte mich, was meine Lieblingsfarbe sei. Ich wählte ohne viel zu überlegen diejenige seines Anzugs, und meine Antwort stellte ihn zufrieden. Zumindest dachte ich das. Denn als ich mich beim abendlichen Tee an das Bewerbungsgespräch zurückerinnerte, schien es mir, als hätte sich ab jenem Moment eine bedrückende Stimmung über uns gelegt. Lag es an der Wahl der Farbe? Aber dann hätte der Direktor wohl kaum einen solchen Anzug getragen? – Nun, grübeln half nichts. Ich beschloss, mich mit Musik abzulenken. Kurz vor dem Wochenende erhielt ich dann eine knappe Mail, das Institut würde mich nächsten Mittwoch wieder erwarten. Aus Freude über die gute Nachricht machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Im Schaufenster eines Geschäfts, an dem ich sonst immer achtlos vorüberging, entdeckte ich per Zufall den genau gleichen Anzug, den der Direktor trug. Halb aus Neugierde, halb zum Spass betrat ich den Laden und fragte die Verkäuferin, wie viel das Stück im Schaufenster kostete. Sie nannte einen moderaten Preis, den selbst ich mir leisten konnte. Wenige Minuten später trat ich mit dem Anzug in der Einkaufstasche auf die Strasse.
Zuhause probierte ich ihn an. Er stand mir gut, wie ich fand. Ich fühlte mich richtig wohl darin. Ja, er verlieh mir einen Anflug von Ernsthaftigkeit und Seriosität, die ich benötigte, um den Mittwoch zu meistern.
Der Tag kam schnell. Ich fuhr vor das Institut; dort, beim Eingang, stand schon der Direktor. Die Tatsache, dass ich denselben Anzug trug wie er selbst, schien ihn nicht zu stören – ohne Worte führte er mich in sein Büro.
Nachdem das Gespräch eine Weile vor sich hingeplätschert war, fragte er mich plötzlich, ob ich seinen Platz einnehmen wolle.
Ich antwortete nicht sofort. Zu sehr verwirrte mich das, was ich soeben gehört hatte.
Erst, als er seine Frage wiederholte, war ich zu einer Entgegnung fähig. Lachend meinte ich, dass ich mich ja gar nicht auf seine Position beworben hätte.
Das mache nichts, erwiderte er. Der Anzug würde mich dazu prädestinieren.
Eine Weile herrschte Stille. In der Schweigsamkeit merkte ich, wie eine traurige Stimmung über mich kam. Es war dieselbe, die ich bei unserem letzten Gespräch gespürt hatte. Lag es an der Farbe des Anzugs? Wohl kaum.
Aber seltsam war: Während ich immer bedrückter wurde, hellte sich die Miene des Direktors zunehmend auf; und als er aufstand und an mir vorbeiging, lag sogar ein Lächeln auf seinen Lippen. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte, es könne immer nur einer traurig sein. Nachdem er aus dem Zimmer verschwunden war, nahm ich auf seinem Bürostuhl Platz. Ich hob die Ärmel des Anzugs vor das Gesicht und wurde noch trauriger.
Wahrscheinlich lag es doch an der Farbe.
