Da mir das Dorfleben mit der Zeit eintönig geworden war, kam es mir gelegen, dass man am Morgen nach einem heftigen Regenguss einen Koi vor dem Laden entdeckte. Es gab keinen zweiten Laden im Dorf, sodass sich jeder schnell am selben Ort einzufinden wusste, als die Nachricht herumging. Ich änderte die Route meines Sonntagsspaziergangs noch so gerne, um mir die Sache anzusehen. Selbst der Gemeindepräsident war unter den Neugierigen, die sich auf der Strasse versammelt hatten. Dort lag der teure Fisch, in den Überresten einer Pfütze, reglos.
«Warum liegt der hier?», fragte ich in die Runde.
«Er ist ausgetrocknet», sagte jemand.
«Wohl eher die Pfütze», meinte ein anderer.
«Der arme Fisch», flüsterte ein Mädchen mitleidig.
Der Gemeindepräsident wollte verärgert wissen: «Wo ist Herr Hasler?»
Die Leute blickten sich um. Stimmt: Herr Hasler, der Ladenbesitzer, war nirgends zu sehen. Dabei wohnte er im oberen Stockwerk über dem Laden. Das Mädchen wies auf die Fassade – das Wohnzimmerfenster stand offen.
«Ob der Koi aus dem Fenster gesprungen ist?», witzelte ich.
Die Leute sahen mich ernst an, woraufhin der Gemeindepräsident an der Türe klingelte. Als nach einer halben Minute niemand öffnete, klopfte er, ebenfalls ohne Resultat.
«Wo ist er nur hin?», fragte ein Jugendlicher. Die Leute sahen einander besorgt an: Vielleicht war mit Herrn Hasler etwas Schlimmes geschehen? Die Türe ging auf, als das Mädchen die Klinke niederdrückte, und schien damit die Befürchtungen zu bestätigen. Der Präsident, der Jugendliche, das Mädchen und ich beschlossen, die Treppe hochzusteigen. Auch die Wohnungstür war offen. So gingen wir in Herrn Haslers Stube und sahen uns um. Tatsächlich, in der Nähe des Fensters befand sich ein mit Wasser gefülltes, aber leeres Aquarium. Der Koi musste aus dem Becken über den Fenstersims gesprungen sein. Daneben erblickten wir eine Sammlung von kuriosen Gegenständen: eine Wandhalterung mit fünf Samuraischwertern, ein Regal voller Bonsai-Pflanzen und die kleine Nachbildung eines japanischen Schreins mit Kerze.
«Ich wusste nicht, dass Herr Hasler solche Gegenstände sammelt», murmelte der Gemeindepräsident überrascht.
«Woher hatte er das Geld für den Koi?», fragte das Mädchen.
Der Jugendliche interessierte sich für die Schwerter. Er ging zur Halterung und versuchte eines herauszunehmen, aber es sass fest. Er rüttelte daran.
«Lassen Sie das», wies ihn der Präsident zurecht, bevor er ans Fenster trat und zu den auf der Strasse herumstehenden Menschen sprach.
«Herr Hasler ist verschwunden», sagte er bedauerlich. «Wohin, wissen wir nicht.»
«Ich habe ihn gestern Abend in den Zug steigen sehen», sagte jemand, der neu hinzugekommen war.
«Dann wissen wir wohin», folgerte ich. «Er hat sich nach Japan abgesetzt. Darum ist der Koi aus dem Fenster gesprungen. Der Fisch wollte ihm folgen.»
Alle nahmen meine Konklusion als gegeben an. Selbst der Gemeindepräsident, der mir seufzend die Hand auf die Schulter legte.
«Was wird jetzt aus dem Laden?», fragte das Mädchen traurig. Mehrere stimmten in ihre Sorge ein, sodass allseitiges Gemurmel entstand. Der eine bangte um seine morgendliche Milch, die andere um ihre Nachmittagsschokolade.
«Wir werden eine Lösung finden», sagte der Gemeindepräsident. «Jemand wird die Nachfolge Herrn Haslers antreten.» Damit trat er vom Fenster zurück und wir gingen wieder aus der Wohnung.
Auf der Strasse fiel ihm ein Letztes ein. «Kann sich jemand um den Koi kümmern?»
Ich übernahm die Aufgabe, packte den Fisch in einen Plastiksack und entsorgte ihn im Restmüll.
