Die Kathedrale

Man sagt, dass die Nebel sich Dinge zuflüstern, die längst vergangen sind oder in ferner Zukunft liegen. Meine Zeit liegt irgendwo dazwischen; ich habe mich deshalb nie darum bemüht, ihnen zu lauschen, bis ich selbst Teil ihrer Geschichte wurde.
Auf der Flucht vor meinen Häschern war ich dereinst in einen stillen Wald geraten. Mein Aufbruch aus der Stadt war hastig und überstürzt gewesen; nun, beim Anblick der alten, trostlosen Bäume, wünschte ich mir die schützenden Mauern zurück. Dessen ungeachtet tauchte ich tiefer in den Wald ein, denn alles war mir lieber als die Gesellschaft meiner Verfolger. Nachdem ich eine Weile über den Weg geritten war, stiess ich auf einen Baumstumpf, vor dem das Pferd Halt machte. Ich hätte nicht sagen können, warum er sein Interesse weckte, bis ich ein leises Weinen vernahm, das aus einem Hohlraum im Stumpf zu kommen schien. Argwöhnisch legte ich die Hand auf das Schwert – worauf ein Lichtgeist aus seinem Versteck hervorschoss. Ich hatte am Hof von solchen Wesen gehört. Gerüchten zufolge führten sie verlorene Wanderer sicher durch Wälder und Steinwüsten. Dass ich ausgerechnet hier und jetzt auf einen dieser Geister traf, wertete ich als gutes Zeichen. Der Geist schickte sich sogleich an, das zu tun, was man ihnen nachsagte, und begann vor mir herzufliegen. Während ich ihm folgte, hörte er jedoch nicht auf zu weinen, im Gegenteil, sein Klagen wurde immer lauter, sodass ich bald fürchtete, er würde andere, unliebsame Kreaturen anlocken. Auf einmal flitzte der Geist mitten ins Dickicht. Ich blickte mich suchend um, aber er war verschwunden. Stattdessen waberten dicke Nebelarme um die Spitzen meiner Stiefel. Sie fühlten sich kalt und miasmisch an. Instinktiv versuchte ich, eine andere Richtung einzuschlagen. Durch meine unkontrollierten Bewegungen aufgeschreckt, galoppierte das Pferd derweil direkt zwischen die Bäume. Äste zerkratzten meine Wangen und die Flanken des Tiers –
Der wilde Ritt endete auf einer Lichtung. Ich stieg fluchend ab und sah mich um, ob ich unter dem Laub die Spur eines Weges fände. Aber alles, was ich hervorgrub, waren Büschel von Riedgras. Noch schlimmer, der Nebel war mir gefolgt und drohte mich zu verschlucken. Ich zog das Schwert, um dem, was auch immer daraus hervorkröche, standhaft zu begegnen. Zu meiner Erleichterung – und neuen Besorgnis – drang er jedoch nicht weiter auf mich ein, sondern sammelte sich in der Mitte der Lichtung. Ungläubig sah ich zu, wie sich die Schwaden zu einem ungeheuren Gebilde formten. Da lenkte das Wiehern des Pferdes meine Aufmerksamkeit ab. Es tänzelte nervös und warf den Kopf zurück, doch nicht etwa wegen dem, was vor uns lag, sondern, weil ein ferner Klang ertönte: Hufgetrappel. Wohl wissend, was das bedeutete, wandte ich mich wieder dem Nebel zu. Die Schwaden hatten sich zu einer riesigen Erscheinung verdichtet. Da waren spitze Türme zu sehen, riesige Torbögen und schmale, hohe Fenster. Noch ehe mir klar wurde, worauf ich blickte, ertönte das Getrappel schon ganz nah, dazu aufgeregte Rufe und Geschrei. Wie hatten sie mich so schnell gefunden? – Es blieb keine Zeit für lange Überlegungen. Entweder, ich stellte mich ihnen, oder ich wählte das kleinere Übel und wagte den Schritt ins Unbekannte. Nach einem letzten Blick über die Schulter tauchte ich in den Nebel ein.
Das Nächste, was ich wahrnahm, war ein Leuchten – der Lichtgeist schwebte um mich her. Noch mehr verblüffte mich aber die Umgebung: Allem Anschein nach hatte ich die Stufen eines breiten Treppenaufgangs erstiegen, ohne es zu merken, und befand mich nun im Innern einer Kathedrale – und nicht etwa einer aus Stein: Wände, Boden, Decke, kurz, das ganze Gebäude bildete sich aus dem Nebel, der auf halber Höhe zwischen den Bäumen schwebte. Zunächst fürchtete ich, jeden Augenblick durch den Boden zu fallen, der um meine Knöchel waberte und immerzu in Bewegung schien. Indes war allem, was sich um mich befand, eine seltsame Festigkeit verliehen. Ich hörte sogar den dumpfen Klang meiner eigenen Schritte. Nach und nach wurde mein Stand sicherer und ich sah mich um. Das grosse Eingangstor war zugefallen und verschlossen. Die Schergen würden somit ihre liebe Mühe haben, mir in die Kathedrale zu folgen, stellte ich mit Genugtuung fest. Aber wo war nun der Geist? – Da entdeckte ich ihn wieder in der Nähe der Chorkapelle. Erneut hob er zu klagen an, diesmal mit einer zittrigen Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. Langsam, mit gezogenem Schwert, schritt ich unter dem Kreuzrippengewölbe hindurch, jeden Augenblick einen Angriff aus dem Nebel erwartend. Doch nichts geschah. Je näher ich dem Geist kam, desto zögerlicher ging ich voran. Ich wusste nicht, ob er mich in die Irre führte. Andererseits, der Situation entfliehen konnte ich auch nicht. Und so gelangte ich bis unter die Vierungskuppel. Kaum wollte ich stehen bleiben, verschwand der Geist im Seitenschiff. Wieder auf seinen Fersen, erkannte ich, dass er mich in die Krypta führte. Ich stieg die Treppe hinab, durchquerte einen Tunnel und landete in einem von Säulen gestützten Kuppelraum. In der Mitte des Raumes sah ich eine Vertiefung, worin ein offener Sarkophag eingelassen war. Darüber schwebte der Geist, ganz so, als wollte er mir etwas zeigen. Und tatsächlich, in der Ruhestätte entdeckte ich menschliche Überreste. Sie waren von Staub bedeckt und mussten schon sehr alt sein. Gehörten sie einem König? Einem Geistlichen? Das Rätsel sollte sich auf unliebsame Art lösen.
Ein Klappern ertönte. Ehe ich begriff, was geschah, war der Geist in die Knochen gefahren. Sofort schlug meine Neugier in Angst um. Die Knochen zitterten und knirschten, flogen in die Höhe. Ohne das Resultat dieses bösen Zaubers abzuwarten, rannte ich aus der Krypta. Ich stürmte die Treppen hoch und zurück ins Mittelschiff der Kathedrale, die ein tödliches Gefängnis zu werden drohte. Hätte ich doch auf meinen Zweifel gehört! Ich suchte einen Weg aus dem Gebäude, aber wie erwartet liess sich das schwere Eingangstor nicht öffnen. Ich wandte mich um und packte das Schwert mit beiden Händen. Hinter einer der Säulen tauchte das Wesen auf: ein Skelett, durchströmt von unheiligem Licht. Von seinen Schultern hing ein Talar aus Nebel. Langsam, fast schon bedächtig, kam der Widergänger auf mich zu. Dabei dröhnte aus der grinsenden Totenfratze immerzu das schauerliche Weinen. Ich sah keine andere Möglichkeit, um mein Leben zu retten: Mit einem kräftigen Hieb zertrümmerte ich den Schädel des Toten. Ein grausiger Schrei erklang. Zu spät wurden mir die Folgen meines Handelns bewusst: denn mit dem bösen Zauber schwand auch das, worüber er gebot – der Nebel.
Die Konsequenz: Ich fiel in den Tod. Oder nicht ganz. Denn auf wundersame Weise eilte mir mein Pferd zu Hilfe, das in die Lüfte sprang. Und so landete ich, statt mit zerbrochenen Gliedern auf dem Waldboden, auf dem Rücken meines treuen Begleiters, der, gestärkt mit neuer Kraft, zwischen den Bäumen davongaloppierte. Auf diese Weise liess ich nicht nur alle bösen Zauber auf der Lichtung zurück, sondern auch meine Häscher, die meine Spur bald im Dickicht verloren.
Diese Geschichte ist nun eine Weile her. Meine Lebensumstände haben sich gebessert, vergangene Verbrechen sind gesühnt, alte Schulden getilgt worden, sodass ich mein Dasein in Ruhe friste. Vor nicht langer Zeit fand ich die Musse, in der königlichen Bibliothek nach der Quelle des Geheimnisses um die Nebelkathedrale zu forschen. Zwar fand ich allerlei über Geister und dergleichen, aber nichts über eine heilige Stätte am betreffenden Ort. Die Nebel sind offenbar bessere Geschichtenerzähler als unsere langweiligen Chronisten.

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