In einem See im Mittelland wurde vor einigen Tagen ein seltsames Konstrukt entdeckt. Unsere Seen sind bekanntlich gut kartografiert – wir wissen Bescheid über ihre Grösse, Tiefe, die in ihnen lebenden Arten und vieles mehr. Dass uns ein Konstrukt, noch dazu eines von solchem Ausmass, so lange verborgen blieb, mag unwahrscheinlich klingen, überrascht aber nicht weiter, bedenkt man seinen Ursprung. Messdaten zufolge hat das Konstrukt einen Umfang von hundertsiebzehn Metern und eine Höhe von fünfzig Metern, wobei ein weiterer, unabsehbarer Teil im Seegrund vergraben liegt. In seiner Mitte führt, ähnlich einer Zisterne, eine Öffnung in die Tiefe. Es besteht aus dicken Stahlwänden mit einem Durchmesser von zwanzig Metern, ist kreisrund, und hat keinen erkennbaren Zweck, zumindest, wenn es nach den Naturwissenschaftlern geht, die den lieben langen Tag nichts als ihre Daten im Kopf haben – aus Rücksicht auf ihre Bemühungen habe ich sie kurz abgehandelt. Was man den Forschern zugutehalten muss: sie sind auch offen für höhere Bereiche, sonst hätten sie mich nicht mitgenommen.
Unser Boot fuhr also eines Morgens an die Stelle, an der ein Taucher das Konstrukt durch Zufall entdeckt hatte. Wir – der Leiter der Expedition, ein Mitarbeiter seines Lehrstuhls, zwei Leute von der Seepolizei und ich – zogen unsere Taucherausrüstung an, wobei mir der eine Polizist behilflich war und alles Wichtige nochmals erklärte. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, denn wer würde schon einer Menschenstimme lauschen wollen, wenn die Hoffnung bestand, bald diejenige der Götter zu vernehmen? Ich nickte seine Anweisungen weg und wartete auf das Startzeichen. Der Expeditionsleiter stürzte sich ohne Vorwarnung ins Wasser. Wir folgten ihm und ich tauchte in die Kälte ein. Wenige Meter unter dem Boot drang kaum mehr Licht hinab, sodass wir uns bald in dunklen Schatten befanden. Ich schwamm den Flossen des Lehrstuhlmitarbeiters nach, die nervös auf und ab schlugen. Ein junger Mann Mitte zwanzig, der noch wenig Feldforschung betrieben hatte, aber dem ich vertraute. In einem kurzen Gespräch auf dem Boot hatten wir über die Zoniten geredet, und wenn er selbst auch nicht an sie glaubte, schien er zumindest aufgeschlossen. Wenn er eine entsprechende Erfahrung gemacht haben würde, sässe er bald in meinen Seminaren, die in der ersten Woche noch nichts kosteten.
Nach und nach tauchten die Umrisse des Konstrukts vor uns auf. Die Modelle, die der Leiter aufgrund der Daten generiert hatte, spotteten nicht nur der realen Grösse, sondern jeglichem Gefühl: beim Anblick der glänzenden Metallstreben regte sich die Ehrfurcht in mir, die untrügliche Gewissheit, auf etwas Himmlisches gestossen zu sein. Wie ich in meinen Seminaren immer wieder betont hatte, verfügten die Zoniten, von denen wir abstammen, auf ihrem Planeten über psychokinetische Kräfte, die den Bau solcher Werke ermöglichten. In meinen Visionen hatte ich mit ihnen gesprochen und erfahren, dass sie Artefakte auf der Erde hinterlassen hatten, um die Menschen auf ihre Spur zu führen. Es gab keinen Zweifel, dass wir eines dieser Artefakte vor uns hatten – somit lag es an mir, der Welt den richtigen Umgang mit ihnen zu weisen.
Der Lehrstuhlmitarbeiter hatte sein Tempo verlangsamt und sich zu den anderen gesellt. Die Expeditionsgruppe schwamm um die äussere Stahlwand des Konstrukts herum, wohl, um weitere Daten zu ermitteln. Fast hatte ich Mitleid mit ihnen. Sie ahnten nicht, dass es sich um eine Kommunikationseinrichtung handelte, die es erlaubte, in direkten Kontakt mit den Zoniten zu treten. Ich sonderte mich von den anderen ab, bis sie hinter der Biegung der Wand verschwunden waren. Daraufhin stieg ich so weit in die Höhe, dass ich mich über der kreisrunden Öffnung befand. Es gab keinen Zweifel: der einzige Weg, mit den Zoniten zu kommunizieren, bestand darin, in die Tiefe, ins Herz des Konstrukts hinabzusteigen. Nach zwei, drei Flossenschlägen liess ich mich langsam, aber stetig in die Dunkelheit sinken. Ich schloss die Augen und liess mich fallen, fallen in diesen Abgrund, der mich auffing. Plötzlich war da dieses Gefühl von Geborgenheit, von Wärme und Schönheit, als gäbe es keinen sichereren Ort in der Welt. Ich öffnete die Augen, und obwohl ich nichts als Schwärze sah, glaubte ich eine Präsenz zu spüren, von der all diese Wärme ausging. Tatsächlich, eine leuchtende Gestalt schwebte mir entgegen. Sie gehörte einem Wesen, das ich, mangels besserer Worte, als «ätherisch» bezeichnen würde. Seine Umrisse waren unmöglich zu bestimmen: das Licht, welches die Entität umfloss, veränderte sich stetig, strebte zu allen Seiten hin und zog sich zugleich zurück. Ich zwang mich, direkt in die Lichtquelle zu blicken. Was ich dort sah, liess mich erbeben: das Gesicht einer Frau, lieblich und anmutig. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte, und zögerte dennoch, die Worte auszusprechen. Dann erinnerte ich mich wieder an meine Mission, und den besten Weg, sie auszuführen.
«Wir werden heiraten und Kinder kriegen, um die ersten interplanetaren Nachkommen auf die Welt zu setzen», sagte ich.
Die Frau nickte, und ich streckte meine Hand nach ihr aus. Sie kam immer näher … – Doch auf einmal spürte ich einen heftigen Ruck. Jemand oder etwas zog mich nach oben. Ich verfiel in eine Schockstarre, der erst wieder aussetzte, als ich mich im Boot liegend wiederfand. Ich erblickte die besorgten Gesichter der Wissenschaftler über mir. Sie redeten wild auf mich ein und rüttelten mich. – Trotz meiner Proteste fuhren wir zurück in Richtung Ufer, wo bereits ein Krankenwagen auf mich wartete. Ich wurde ins Spital transportiert und musste zahlreiche Untersuchungen über mich ergehen lassen. Niemand antwortete auf Fragen oder reagierte auf meine Einwände. Nach drei Stunden durfte ich nach Hause gehen. Dort blieb mir endlich Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Die Begegnung mit der Zonitenfrau, ihr unerwarteter Zuspruch, musste eine heftige Sinnesreaktion ausgelöst haben, welche die anderen als gefährliche Alarmzeichen missverstanden hatten. Dabei ging es mir gut – so gut wie einem Auserwählten. Niemals hätte ich mir erträumen können, der Erste zu sein, der die Verbindung zwischen den Planeten, zwischen Schöpfer und Geschöpf einging und somit der Menschheit den entscheidenden Schritt in die Zukunft ermöglichte. Nachdem ich mich wieder gefasst hatte, entschied ich, so schnell wie möglich alle von der Begegnung in Kenntnis zu setzen. In einem Internetforum berichtete ich ausführlich von meinen Erlebnissen und lud meine Abonnenten zu einem Seminar ein. Da ich es kurzfristig auf das Wochenende ansetzte und mir damit Umtriebe entstanden, musste ich den Preis für die Teilnahme erhöhen.
Einen Tag vor dem Seminar meldete sich der Lehrstuhlmitarbeiter mit einer seltsamen E-Mail, die nur folgenden Satz beinhaltete: «Wollen Sie mich wirklich heiraten?»
Ich antwortete knapp, er würde private Fragen zu den Zoniten in der Nachbesprechung des Seminars stellen können, wofür er allerdings ein Gold-Ticket benötigte.
Am Tag des Seminars fand sich der Lehrstuhlmitarbeiter jedoch nicht unter den Teilnehmenden.
