Der Turm

Der kantonale Veterinärdienst stufte die Vorfälle, die unser Städtchen heimsuchten, im Fernsehbeitrag als ernste Gefahr ein. Er hatte lange gezögert, Position zu beziehen, im Gegensatz zu den Tierschützern, die im Beitrag ebenfalls zu Wort kamen. Einer von ihnen, ein bekannter Lokalpolitiker, beschwor das Bild eines bestialischen Einzeltäters herauf. Begonnen hatte die angebliche Mordserie vor einem Monat, zu Frühlingsbeginn. Tiere streiften auf Futtersuche durch die Vororte, wobei sie nächtliche Heimkehrer erschreckten – aber nicht nur mit Geraschel in den Büschen. Manch einer traf auch auf unerklärliche verstümmelte Tierleichen. Die Hemmschwelle, eine solch verstörende Begegnung zu melden, war bei vielen zu gross, weshalb die Nachricht von den Verstümmelungen nur langsam zur Polizei vorgedrungen war. Die Tiere wiesen alle ähnliche Verletzungen auf. Die harmlosesten waren gebrochene Beine und eine Schädelfraktur. Andere Tiere lagen in so unnatürlichen Positionen auf den Quartiersstrassen, dass ihre Art kaum mehr festzustellen war. Als Todesursache hatte man zunächst Verkehrsunfälle vermutet. Entsprechende Meldungen lagen aber keine vor, weshalb die Tierrechtsaktivisten bald auf die These mit dem skrupellosen Tiermörder verfallen waren. Zum Unmut der Behörden befeuerten sie das Gerücht um «die Bestie» von A. Zuletzt hatte der Kadaver eines Fuchses – er lag auf dem Dach des Rathauses – aber auch die offiziellen Stellen zum Umdenken gezwungen. Akribisch hatten Kriminalbeamte den kuriosen Fall untersucht; die Nachforschungen waren jedoch ins Leere gelaufen. Da der Fernsehbeitrag mit dem Hinweis auf die «ernste Gefahr» erst nach dem ernüchternden Abschluss der Polizeiarbeit erfolgte, sahen darin viele ein verspätetes Schuldeingeständnis des Veterinärdienstes.
Zu der Zeit der Geschehnisse arbeitete ich als Aushilfskraft in der Kantonsbibliothek. Da ich Kopien von kostspieligen Manuskripten anfertigen musste, hielt ich mich meist im Keller auf, wo das Kopiergerät stand. Über die Zeit wurde mir die stickige Atmosphäre unerträglich, weshalb ich in den Pausen gerne draussen frische Luft schnappen ging. Bei einer dieser Pausen begegnete ich zufällig einem alten Schulfreund. Ich hatte ihn seit mindestens fünf Jahren nicht mehr gesehen, da er im Welschland studierte.
«Hallo», sagte er, leicht verschämt grinsend, als hätte er keine Erklärung dafür, hier zu sein. Aber die hatte er.
«Weisst du, ich muss ein Buch holen, das nur in der Bibliothek von A. erhältlich ist. Das glaubte selbst mein Prof nicht, aber es ist so!»
«Hallo … ein Buch?», fragte ich, überrascht, ihn hier zu sehen.
«Du weisst doch, ich ging nach L. Jetzt schreibe ich dort eine Doktorarbeit.»
Ich wurde etwas neidisch. Doch dann fasste ich mich. «Wenn du willst, kann ich dir gerne die Bibliothek zeigen.» Was ich dort zu tun hatte, verschwieg ich ihm, da er erneut grinste.
Wir betraten das Foyer der Bibliothek, wo ich den Freund zuerst zu einer der Recherchestationen lotste. Ich erklärte ihm, wie man den Computer für die Suche benutzte. Er unterbrach mich nicht, was ich im Nachhinein seltsam fand, da er sich den Standort des Buches bereits auf einem Zettel aufgeschrieben hatte. Danach gingen wir zu den Regalen. Nach kurzem Stöbern hielt er mir ein Buch vor das Gesicht.
«Das ist es. Eine altes Tierkundebuch.»
«Und wofür brauchst du das?», fragte ich.
«Da sind einige Kuriositäten drin zu finden», meinte er.
Dazu wusste ich nicht viel zu sagen, aber wegen der Tiere fielen mir die hiesigen seltsamen Vorkommnisse wieder ein. Ich berichtete ihm, was ich in der Fernsehsendung gesehen hatte. Sie hatten auch in L. davon gehört.
«Ja, tragisch», sagte er.
Ich lächelte schief, vermutend, dass ihn das Geschehen in A. nicht ernsthaft interessierte.
«Weisst du was?», meinte er plötzlich, «wir könnten ja mal wieder etwas unternehmen.»
«Ja klar», erwiderte ich und versuchte mich daran zu erinnern, wann wir das letzte Mal etwas unternommen hatten. Das war kurz vor Schulabschluss gewesen, ein Kinobesuch. Damals teilten wir denselben Geschmack, weshalb wir in der Klasse so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft gebildet hatten. Aber diese Zeiten waren längst vorbei und so hatte ich berechtigte Zweifel daran, dass wir noch viel miteinander anfangen konnten.
«Ja, ja», wiederholte ich, um die Floskel zu wahren, und verabschiedete ihn mit einem kurzen Wink.

Eine Woche später rief er an.
«Wie sieht’s aus? Wollen wir was machen?»
Ich war überrumpelt. «Was, jetzt?»
«Ja morgen. Oder wann hast du Zeit?»
«Morgen … ja, morgen ist gut, glaube ich.» Ich rieb mir die Stirn. Was wollte er von mir?
«Was wollen wir machen?», fragte er.
«Ich weiss nicht.»
«Wollen wir eine Wanderung machen?»
«Eine Wanderung?», wiederholte ich stumpf.
«Ja, erinnerst du dich an diese Wanderung, die wir einmal mit der Schulklasse unternommen haben? Da war ein Grat oder so etwas. Und da ging es an einem Turm vorbei.»
«Du meinst den Aussichtspunkt W.?»
«Ja genau den. Da sind wir damals hochgewandert. Weisst du noch? Eine Exkursion mit dem Geografielehrer.»
«Ah ja», murmelte ich.
«Seit der Exkursion war nicht nie mehr dort oben. Also, was sagst du?»
«Ich weiss nicht …»
«Komm schon.»
«Ja gut, aber …» Aber was wollte er plötzlich? Das ging mir nicht in den Kopf.
«Also gut», sagte ich.

Am nächsten Morgen, wartete ich an der vereinbarten Bushaltestelle. Ich zurrte die Wanderschuhe fest und nahm einen Schluck aus der Trinkflasche. Da kam schon der Bus und mein Freund stieg aus. Er trug ein rotes T-Shirt mit einer verblichenen Aufschrift und eine Trekking-Kappe.
«Wollen wir los?», fragte er.
Ich nickte und übernahm die Führung, bis wir an den Waldrand gelangten. Sobald wir jedoch im Wald waren, schien er sich nach und nach an den Weg zu erinnern, den wir damals mit der Schulklasse genommen hatten. Seine Schritte wurden drängender, schneller, fast schon so, als befänden wir uns in einem Wettstreit. Den ganzen Morgen hatte ich mir überlegt, was wir eigentlich miteinander sprechen wollten; jetzt fiel mir indes nichts ein ausser die Sache mit den Tieren.
«Sag mal, findest du das mit den Tieren nicht auch seltsam?»
«Ja allerdings», sagte er.
«Dass sie mitten auf den Strassen von A. verendet sind … unheimlich.»
«In A. passieren seltsame Dinge», stimmte er mir zu.
Schweigen. Mich überkam das Gefühl, dass er mehr wusste, als er mir sagen wollte. Die ganze Zeit über blickte er zu den Baumwipfeln und zwischen die Büsche. Diese Exkursion hatte doch bestimmt einen Grund – und nicht den, einen alten Freund zu treffen.
«Hast du etwas gefunden in deinem alten Tierkundebuch?», fragte ich.
Er zuckte unangenehm berührt mit den Schultern, was mich dazu trieb, weiter nachzuhaken.
«Wolltest du wirklich wegen mir nach A. kommen? Oder etwa wegen der Tiere?»
Er lächelte schief.
«Einfach so hättest du mich bestimmt nicht zu dieser Wanderung gedrängt», fügte ich hinzu, um ihn wissen zu lassen, dass ich ihn längst durchschaut hatte (auch wenn das nicht der Fall war).
«Na ja … in meiner Doktorarbeit schreibe ich über den Einfluss von elektromagnetischer Strahlung auf tierische Organismen», rückte er endlich heraus. «Deshalb bin ich hier.»
«Strahlung?»
«So ist es», meinte er und präzisierte: «Radio, Handy, Fernsehen, alles, was der Mensch für die Kommunikation benutzt. Manche glauben, dass die Strahlen den Tieren und Menschen schaden.»
«Ja, aber das ist doch alles Unsinn», sagte ich. «Und was hat das mit A. zu tun?»
«Die Tiere verhalten sich nicht auf die Weise, die man von ihnen erwarten würde. Oder?»
«Hängst du jetzt irgendwelchen Verschwörungstheorien an?»
Er ging nicht darauf ein, sondern erklärte: «In dem alten Tierkundebuch, das ich ausgeliehen habe – so alt ist es übrigens noch gar nicht – steht etwas über eine Studie, die man an Kühen durchgeführt hat. Sie wurden in regelmässigen Abständen elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt. Manche der Tiere reagierten äusserst heftig darauf und drehten praktisch durch.»
«Unsinn. Was war das für eine Studie?»
«Man hat sie aus den späteren Ausgaben gestrichen. Zu dünne Datenlage. Ja, unsinn, das dachte ich zuerst auch. Aber dann habe ich von der Sache mit dem Fuchs gelesen.»
«Den man auf dem Dach des Rathauses gefunden hat?»
«Genau. Die Polizei hat all ihre Mühen darauf verwendet, herauszufinden, wie der Fuchs auf das Dach gelangen konnte. Aber nicht, woher er eigentlich gekommen ist.»
«Spielt das denn eine Rolle?»
Mein Freund lächelte nur. «Zufällig hatte eine Forschungsgruppe aus unserer Abteilung den Fuchs vor zwei Jahren gechipt, um Daten über ihn zu sammeln. Wir wissen daher recht genau, wo er wohnte.»
«Und wo?»
Er wies auf den Waldabschnitt vor uns. Wir befanden uns bereits nahe des Aussichtspunkts W.
«Hier im Wald? Und?», fragte ich achselzuckend.
Der Freund hielt den Finger noch immer ausgestreckt. Langsam führte er ihn nach oben. Ich folgte seinem Fingerzeig mit dem Blick – zwischen den Baumwipfeln war die Spitze des Sendeturms zu sehen, der sich auf demselben Hügel erhob. Da ich ihn stets nur aus der Ferne erblickt und schnell wieder vergessen hatte, hatte ich gar nicht geahnt, dass wir uns ihm die ganze Zeit genähert hatten. Glaubte mein Freund etwa, die Strahlung des Turmes …? Nein, so naiv konnte er nicht sein.
«Schauen wir ihn uns einmal an.»

Als wir den Turm erreichten, stand die Sonne bereits im Zenit. Seine Stahlträger warfen keinerlei Schatten. Er war von einem Zaun eingegrenzt, der trotz seiner Lage im stark abfallenden Gelände einen robusten Eindruck machte. Während wir vor dem Zaun standen, liess ich mir unser Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Die Strahlentheorie meines Freundes erschien mir reichlich wirr. Ich bezweifelte, dass wir hier auf die Lösung des Problems stossen würden. Erwiesenermassen hatten Radiowellen keinerlei Einfluss auf Menschen – warum sollte sie also Tiere in den Tod treiben? Und doch kam mir der Turm durchaus seltsam vor. Zwischen den Metallstangen wand sich eine Treppe mit breiten Stufen empor. Eine solch grosse Treppe hatte ich bei einem Sendeturm noch nie gesehen. Andererseits kannte ich mich damit nicht aus.
Derweil war mein Freund noch näher an den Zaun getreten und spähte über ihn hinweg. Plötzlich rief er etwas und blickte zu mir zurück. Als ich nicht reagierte, kam er zu mir und stiess mich an der Schulter.
«Schau mal. Was ist das?»
Er wies zum Zaun. Dort, an der uns gegenüberliegenden Seite, war ein Loch zu sehen.
«Das kommt mir verdächtig vor», sagte er triumphierend.
«Warum denn?»
Er warf mir einen Seitenblick zu und lief um den Zaun, bis er vor dem Loch stand.
«Na das war doch bestimmt ein Tier. Es schlüpfte hier rein.»
«Und was wollte es da drin?»
«Ich weiss es nicht. Aber das werden wir herausfinden.» Er machte Anstalten, sich durch das Loch zu zwängen.
Ich stapfte eilends um den Zaun und hielt ihn am Ärmel fest, als er den Kopf durch das Loch streckte. Es war zum Glück zu klein für einen Menschen, sodass er seine Bemühungen aufgeben musste.
«Jetzt lass den Unsinn. Du darfst hier nicht einfach rein», wie ich ihn zurecht.
«Sagt wer?»
Damit war ich überfragt. Er nutzte mein Zögern und schwang sich kurzerhand über den Zaun.
«Warte!», rief ich, folgte ihm aber nicht. Stattdessen krallte ich verzagt meine Finger ins Maschendrahtnetz.
«Hast du Angst?», fragte er lachend. «Komm schon. Ich spüre, wir sind kurz davor, ein grosses Geheimnis zu lüften.»
«Was redest du da? Glaubst du wirklich allen Ernstes, dieser Sendeturm hat die Tiere verrückt gemacht?»
«Hast du eine bessere Erklärung?»
«Den Turm gibt es doch schon seit Jahren. Und du hast doch selbst gesagt, dass die Studie mit den Kühen nichts taugt.»
«Habe ich nicht. Wir wissen nur, dass sie wegen der Datenlage aus dem Buch gestrichen wurde. Aber Daten müssen nichts heissen.»
«Und ob sie was heissen», insistierte ich, allmählich genervt. «Mit diesen Kühen hat man sich einen grossen Humbug erlaubt, nichts weiter.»
«Was für die Kuh Humbug ist, ist für den Fuchs vielleicht eine ernsthafte Bedrohung.»
«Selbst wenn, deine Strahlen erklären ganz bestimmt nicht, wie der Fuchs auf das Dach des Rathauses …»
Mein Freund hatte sich umgewandt und ging unbeirrt auf den Turm zu. Ich konnte ihm dabei nicht länger zusehen und stieg notgedrungen ebenfalls über den Zaun, um ihn davon abzuhalten, die Treppe hochzusteigen. Gerade, als ich rittlings auf dem Zaun sass, huschte auf einmal ein Schatten durch das Loch unter mir. Geschwind bewegte er sich in Richtung Turm.
«Moment mal, was ist das?», murmelte ich verdutzt.
«Ein Igel!», rief mein Freund. Er lachte.
Ich landete auf dem Boden und sah dem Igel nach.
«Warte. Was tut er da? Das ist ja verrückt.»
Der Igel trippelte unbeirrt an meinem Freund vorbei zur Treppe. Ich traute meinen Augen nicht, als das Tier begann, Stufe für Stufe hinaufzuhüpfen.
«Die Strahlung», raunte mein Freund. «Siehst du? Sie verwirrt den Igel komplett.»
«Das ist nicht wahr», hielt ich dagegen. Doch schien mir das Verhalten des Tiers wirklich seltsam. Der Igel war bereits auf einer Zwischenplattform auf mittiger Höhe angelangt. Bald würde er die Spitze des Turms erreicht haben.
«Er will doch nicht etwa runterspringen?» Mein Freund lachte erneut.
«Das ist nicht lustig», zischte ich. «Warte hier. Ich hole ihn.»
Bevor mein Freund etwas dagegen einwenden konnte, stieg ich schon die metallenen Stufen hoch.
«Pass auf die Strahlen auf!», rief er mir nach. Doch ich hörte nicht zu. Stattdessen fixierte ich den Igel, der nur noch wenige Stufen von seinem Ziel entfernt war.
«Komm doch zur Vernunft!», rief ich dem Igel zu. Zu spät. Er war bereits auf der Spitze des Turms angelangt. Dort trennte ihn lediglich ein Geländer vom tiefen Abgrund – und zu meinem Entsetzen überwand er selbst dieses Hindernis, indem er ganz einfach zwischen den Gitterstäben hindurchschlüpfte. Der Igel würde zu Tode stürzen. Ich schloss die Augen – und öffnete sie wieder, als ich ein zufriedenes Grunzen vernahm.
Der Igel befand sich jenseits des Geländers – aber er fiel nicht, sondern spazierte seelenruhig durch die leere Luft. Als würde er über unsichtbaren Boden trippeln.
«Was zum …»
Ich rannte zum Geländer und beugte mich drüber. Intuitiv schob ich einen Schuh unter den Gitterstäben hindurch. An der Stelle, wo das Ende der Plattform hätte sein müssen, stiess meine Sohle auf Widerstand. Fassungslos schaute ich dem Igel zu, wie er sich durch die Luft weiter von mir entfernte.
«Was ist da los?», rief mir mein Freund von unten zu.
«Der Igel … Ich glaube, da ist ein Kraftfeld oder so etwas!», rief ich.
«Ein was?»
«Sieh zu», sagte ich und schwang mich wagemutig über das Geländer. So verrückt es schien, auch ich landete mitten in der Luft auf festen Boden. Derweil war der Igel noch weiter wegspaziert.
«Was soll das werden?», rief der Freund entgeistert.
«Gib mir eine Minute», erwiderte ich und machte probehalber ein paar Schritte durch die Luft. Der unsichtbare Grund, auf dem ich lief – was auch immer er war – hielt.
Ich blickte nach vorne. Der Igel war stehengeblieben. Jetzt war meine Chance, ihn zu retten. Wovor eigentlich, wusste ich nicht, aber ich hatte da eine unheimliche Ahnung – die sich bestätigte.
Als ich mich dem Igel auf wenige Schritte genähert hatte, zuckte er ängstlich zusammen. Und in diesem Moment geschah das, was ich befürchtete.
Ein Quieken, und er stürzte ohne Vorwarnung in die Tiefe.
«Nein!»
Ehe ich es mir versah, war das Tier aus meinem Blickfeld verschwunden. Mich nun in derselben Gefahr wie der Igel wähnend, war ich mitten im Lauf erstarrt und wagte keinen Schritt zu tun – warum war ich ihm so blind gefolgt? Ich blickte nach unten und sah meinen Freund am Fuss des Turms stehen.
«Das ist es. Jetzt ist mir klar, was es gewesen ist. Warum die toten Tiere in A. gelandet sind!», rief ich ihm zu. «Sie sind von hier aus durch die Luft gewandelt und dann durch eine Unvorsichtigkeit über A. abgestürzt. Deshalb landete der Fuchs auf dem Rathausdach. Oder? Was glaubst du?»
Mein Freund sagte nichts. Er starrte lediglich in die Luft. Ich folgte seinem Blick und sah auch warum. Da kam ein weiteres Tier durch die Luft gerannt. Und zwar ein Wolf.
«Achtung!», schrie der Freund, doch es war bereits zu spät. Der Wolf hatte mich erreicht und sprang mich an. Seine ausgestreckten Pfoten trafen mich an der Brust. Während ich rücklings fiel, krallte ich mich in sein Fell. Ein jämmerliches Winseln in den Ohren, stürzte ich mit ihm zusammen in die Tiefe.

Eine unbestimmte Zeit später erwachte ich im Krankenhaus. Benommen schaute ich mich um. Was war passiert? Nur langsam kehrten die Erinnerungen zurück. Der Turm – und das seltsame, unsichtbare Kraftfeld in der Luft – war zweifelsohne über hundert Meter hoch gewesen. Wie konnte ich einen Fall aus dieser Höhe überlebt haben?
Die Tür öffnete sich; eine Krankenschwester trat herein. Als sie sah, dass ich wach war, führte sie wortlos einige Untersuchungen durch. Bevor ich fragen konnte, wie ich hier gelandet war, verliess sie ebenso still das Zimmer und liess mich ratlos zurück. Doch wenige Minuten später trat mein Freund ins Zimmer. Er sah blass, aber erleichtert aus. Unter seinem Arm trug er eine Schachtel Schokolade, die er auf das Tischchen am Kopfende des Krankenbettes legte.
«Gott sei Dank», sagte er seufzend.
Ich blickte ihn stumm an.
«Der Wolf hat deinen Aufprall abgefangen. Aber er ist dabei gestorben», erklärte er.
«Er hat mein Leben gerettet», murmelte ich verwirrt.
«Ja, nachdem er es dir nehmen wollte. Aber was war da oben eigentlich los?»
Der Freund imitierte meinen Balanceakt in der Luft.
«Ich weiss es nicht …», sagte ich kopfschüttelnd. «Wie gesagt, da war ein unsichtbares Kraftfeld oder so etwas. Aber eins mit Löchern. Oder mit Gesetzen, die ich nicht verstehe. Der Igel stürzte hinab, als er eine hastige Bewegung machte. Glaubst du, die Strahlung ist daran schuld?»
«Woran? Am seltsamen Verhalten der Tiere? Oder am Kraftfeld?»
Ich zuckte hilflos mit den Achseln. «Sobald der Igel den Turm hinaufhüpfte, konnte ich auch nicht mehr klar denken», erinnerte ich mich. «Was sollte das alles nur?»
«Keine Ahnung», antwortete er. «Aber das Ganze erinnert mich an einen Fehler in einem Videospiel. Jedenfalls war da etwas, das nicht sein sollte.»
Wir schwiegen.
«Was hast du den Leuten erzählt?», fragte ich. «Hast du mich ins Krankenhaus gebracht?»
«Ich trug dich zum Aussichtspunkt. Dort waren Leute. Wir riefen die Rettung. Ein Wanderunfall, sagte ich.»
Ich hob die Augenbrauen. «Und das glaubten sie dir?»
«Bislang hat niemand nachgehakt», meinte er.
«Aber wenn …» Ich unterbrach mich. «Sie sollten es vielleicht besser nicht herausfinden.»
«Du hast Recht», erwiderte er. «Einigen wir uns darauf, dass du den Grat hinabgestürzt bist.»
«In Ordnung.» Ich nickte.
Nachdem wir uns über die Details der Geschichte geeinigt hatten – gesetzt den Fall, dass hoffentlich niemand den zerquetschten Wolf fand – verliess mein Freund das Zimmer. Später kamen noch meine Eltern und einige Bekannte zu Besuch. Wenige Tage nach dem Unglück konnte ich das Krankenhaus verlassen. Wann immer jemand nach Details fragte, hielt ich mich an die vereinbarte Geschichte. Die Tatsache, dass die Serie der unheimlichen «Tiermorde» Wochen später ein Ende fand, liess mich hoffen – hoffend ahnen –, dass die Welt von selbst wieder ins rechte Lot gerückt war.
War sie es? Vielleicht. Vielleicht nicht. Doch eines wusste ich sicher: Wenn die Tiere noch nicht bereit dafür gewesen waren, dann wir Menschen ganz bestimmt nicht.

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