Romane

Auszug aus dem unveröffentlichten Roman Tekeli-li (2014):

Im Getöse des Berliner Hauptbahnhofs verlor Isler den Schüler aus den Augen. Er war nicht unglücklich darüber – Robert war aufdringlich und auf die Dauer ermüdend. Die kühle Zugluft vertrieb die zutrauliche Atmosphäre im Abteil zum Glück schnell wieder. Er stieg in die S-Bahn und fuhr die zehn Stationen bis zum Hotel. Es lag in Zehlendorf, einem ruhigen Quartier abseits des Stadtzentrums. Am Empfang erkundigte sich Isler über den kleinen See, den es in der Nähe gab. Seine Ufer seien am Wochenende hoffnungslos überfüllt. Ausserdem wurde ihm angeraten, morgens zeitig ins Stadtzentrum zu fahren, um nicht in die mit Studenten überfüllten Busse zu geraten. Die Freie Universität Berlin lag nur zwei oder drei Stationen vom Hotel entfernt. Isler nahm sich für nächste Woche vor, ihr einen Besuch abzustatten. Vorerst besorgte er sich eine Karte und fuhr zurück ins Zentrum. Das Messegelände befand sich in der Nähe des Alexanderplatzes. Er schlenderte quer über den Platz und sah die auffälligen Banner von weitem. Robert hatte nicht gelogen. Die bunten Bilder mit Cartoonfiguren kündigten von etwas, das nicht das Entfernteste mit einer Frankfurter Buchmesse gemein hatte. Zaudernd und misstrauisch, aber neugierig zeigte Isler sein Ticket vor und trat durch die Eingangspforte. Das Gelände bestand aus einem Aussen- und Innenbereich. Draussen wurde er unzähliger verkleideter Besucher gewahr. Sie standen in Grüppchen zusammen und liessen sich fotografieren. Die Super Mario-Mützen, die manche trugen, gehörten zum erträglichsten; andere fuchtelten mit Plastikschwertern oder liefen in Ritterrüstungen umher. Scham ergriff Isler für diese Gestalten. Drinnen sah es nicht besser aus; Regale über Regale von Fanartikeln, lächerliche Pappaufsteller und Comichändler. Fast glaubte er in einer Ecke der Halle seinen Händler mit der Batmankappe zu erkennen. Mit gesenktem Kopf marschierte er an ihm vorüber und flüchtete sich in einen Nebenraum. Hier hatte der Besucherstrom etwas nachgelassen. Isler schaute sich um. In einer Ecke sass eine Frau vor aufgehängten Plakaten und Zeichnungen. Auf ihrem Tisch waren Skizzen von Drachen und anderen Fabelwesen zu sehen. Sie verkaufte ihre Illustrationen für zehn Euro das Stück. In der anderen Ecke stand ein vor Schweiss triefender alter Herr neben Schachteln voller elektronischem Ramsch. Alle paar Minuten sog er geräuschvoll die Luft ein. Daneben entdeckte Isler endlich, wonach er suchte. Ein wackeliger Verkaufstisch ächzte unter Stapeln von Tekeli-li-Heften. Ein Mann beugte sich über die Hefte. Er schien etwa Mitte Vierzig oder Anfang fünfzig zu sein. Mit seinen Koteletten und dem Anzug hätte er in das Sitzungszimmer eines führenden Konzerns gepasst – nicht in diese heruntergekommene Markthalle.
„Sie müssen Herr Steinmann sein?“, fragte Isler höflich.
Der Mann drehte sich um. Eine Brille prangte schief auf seiner Nasenspitze.
„Herr Pasolini ist mein Name. Ricco Pasolini. Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Tut mir leid. Ich suche Jens Steinmann. Ist er nicht hier? Ich habe ein Schreiben, sehen Sie …“
Isler hielt dem Mann die Gewinnbestätigung vor Augen.
„Ach, Sie sind es!“, rief er. „Der Mann mit der Fledermaus. Sehr schön. Nadine!“ Der Alte winkte zur Frau mit den Zeichnungen hinüber. „Sehen Sie mal, wer gekommen ist! Unser Gewinner.“
Die Frau stand auf und nickte Isler schüchtern zu.
„Sie macht die Illustrationen für unsere Titelseiten. Hat sich sehr über die Zeichnung gefreut. Die Fledermaus kommt auf das nächste Heft.“
Der Mann streckte Isler die Hand hin. Er nahm Sie an.
„Ich bin der Verleger und betreue die Autoren“, erklärte Pasolini.
„Das ist mutig von Ihnen. Auf dem heutigen Markt für Pulphefte …“
„Ein Wagnis, nicht wahr? Aber nennen wir es nicht so. Nennen wir es ein Magazin für alle, die kühn genug sind, den Weltenraum zu erforschen.“
Das Wort „Weltenraum“ klebte seltsam in Islers Ohr.
„Wie kamen Sie auf dieses Konzept? Seit Jahren gab es auf dem Markt nichts Vergleichbares mehr“, fragte er, während Pasolini ihn sanft bei der Schulter in einen anderen Bereich führte.
„Auf das Unvergleichliche kommt es an.“ Ein Zwinkern. „Nun, Sie finden durchaus andere Heftreihen. Die haben sich aber längst überlebt. Neue Konzepte, Ideen mussten her.“
„Und die Autoren?“
„Jenseits von Messen und dem Blickfeld von Kuratoren gibt es Massen von Schriftstellern, die sich nicht in die Zwangsjacke des bürgerlichen Realismus stecken lassen. Da müssen Sie suchen.“
Der Besucherlärm wurde leiser. Sie gelangten in einen Seitengang des ehemaligen Fabrikgebäudes.
„Und wie haben Sie Jens Steinmann gefunden? Wenn ich mich nicht irre, lebt er zurzeit in Ungarn?“
„Seine erste Geschichte, ‚Der Jünger des Weltenraums’, wurde von namhaften deutschen Zeitschriften abgelehnt.“
Schon wieder dieses Wort, dachte Isler.
„Dann schickte er mir diese Geschichte. Ich war begeistert. So viel Spannung in kurze Episoden verpackt, dazu gute Ideen und ein fesches Luder.“
Fesches Luder?
„Wie viel Geld erhalten die Autoren?“
Pasolini hörte nicht zu, sondern klimperte mit einem Schlüsselbund. Damit öffnete er eine Eisentür im Halbdunkeln. Sie traten in einen von Neonröhren erleuchteten Raum, der wie eine Zelle aussah. Die Backsteinwände umschlossen eine trostlose Möblierung: ein Tisch, ein Stuhl. Darauf sass eine zusammengekrümmte Gestalt. Die Arme hingen schlaff an ihrer Seite hinunter. Der Kopf neigte sich schwach. Die Augen schienen die Tischkante zu fixieren.  Am meisten befremdeten Isler jedoch die Haare; der Mann schien sich seit Wochen nicht mehr gepflegt zu haben. Der Knoten in seinem Nacken war verfilzt und fettig. Ein pfeifendes Atmen war zu hören.
„Ich lasse Sie beiden eine Weile allein.“
„Wie? Ist das Herr …“
Pasolini schloss die Eisentür.
Isler wandte sich dem Mann zu.
„Herr … Herr Steinmann?“ Keine Antwort.
„Guten Tag. Sie kennen mich vielleicht nicht. Ich bin …“ Isler brach ab. Steinmann hatte sich nicht gerührt. Sein Blick, wie er jetzt bemerkte, fixierte nicht den Tisch, sondern ein Manuskript, das darauf lag. Es war fleckig und voller Rotstift-Markierungen.
„Schreiben Sie an diesem ungewöhnlichen Ort an Ihrer Geschichte weiter?“
Steinmann starrte auf die Wand, dann senkte er den Blick wieder zum Manuskript.
„Ich habe die Sternenjägerin mit grossem Interesse verfolgt. Sie machen Burroughs Ehre, ohne seine Schwächen zu wiederholen.“
Der Autor nahm das Kompliment mit einem kaum merklichen Zucken der Mundwinkel auf.
„Es freut mich, dass die Fledermaus Ihnen gefallen hat. Fippa, nicht wahr? Ich hätte mir keinen passenderen Namen ausdenken können. Und was Zahïra angeht …“
Als er den Namen hörte, begann sich Steinmann zu regen. Er hob den Kopf wie unter grosser Anstrengung. Seine Hände zitterten. Er riss an den Rändern seines Manuskripts.
„Zahïra“, hauchte er. Tränen füllten seine Augen.
„Mein Gott“, erschrak Isler. „Was haben Sie denn?“
Der Schriftsteller schluchzte leise auf. „Zahïra, Zahïra“, wiederholte er.
„Soll ich Herrn Pasolini rufen?“
„Nein, nein.“ Steinmanns Hand schoss vor und packte Isler am Arm. Sein wirrer Blick huschte unruhig zur Tür. Es lag etwas zutiefst Trauriges, Abgekämpftes darin. So blickte einer ohne Hoffnung.
„Was haben Sie?“, wiederholte Isler.
Doch alles, was Steinmann zustande brachte, waren undefinierbare Grunzlaute.  Er riss ein Stück von einem Blatt ab und schrieb in hastigen Zügen etwas darauf. Das Stück Papier schob er über den Tisch. Isler nahm es in die Hand und runzelte die Stirn. Eine Adresse. Der Ort trug einen ungarischen Namen.
„Weshalb geben Sie mir das?“
„Sagen Sie ihr, dass ich sie liebe“, flüsterte Steinmann. „Unerträglich liebe.“
„Wen lieben Sie?“
In diesem Moment klopfte jemand an der Tür. Kurz darauf  ertönte Pasolinis Stimme.
„Herr Isler? Kommen Sie, die Messe schliesst in wenigen Minuten.“
„Sogleich“, rief er. Halb war er aufgestanden. Mitleid hielt ihn zurück. Die Tür öffnete sich. Isler zerknüllte den Zettel und steckte ihn in die Hosentasche. Er warf Steinmann einen letzten Blick zu und wandte sich zu Pasolini.
„Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Unterhaltung.“ Ein süssliches Lächeln.
„Sehr. Ich wünschte, sie hätte länger gedauert.“
Isler zwängte sich an Pasolini vorbei. Er spürte argwöhnische Blicke auf sich ruhen. Der Verleger schien die ganze Zeit über vor der Tür gewartet zu haben. Isler ahnte, was das alles zu bedeuten hatte, hütete sich jedoch, es auszusprechen.
„Was hat Ihnen Steinmann erzählt? Sie wirken etwas aufgebracht.“
Isler zwang sich zu einem ruhigen Lächeln. „Etwas über die Prinzessinnen. Ich weiss jetzt, wie alles ausgehen wird.“
„Tja, das ist wohl das Los der Neugier. Vielen Dank, Herr Isler. Sie dürfen uns gerne das nächste Mal wieder besuchen.“
Isler beeilte sich, aus Pasolinis Blickfeld zu schlüpfen.

[…]

Auszug aus dem unveröffentlichten Roman Monsterland (2012):

Die Inneneinrichtung von Pruschkes Suite war über alle Massen grosskotzig. Aquarium, Minigolfbahn, ein goldener Pool sowie ein riesiges Arbeitspult mit zwei Computern. Hinter einem sass der Hotelbesitzer, hinter dem anderen ein kleiner Junge mit kurzen, blonden Haaren. Der Junge klopfte wie wild auf der Tastatur herum und trug ein Headset. Wahrscheinlich spielte er ein Videospiel. Herr Pruschke hatte sich entspannt in seinem Stuhl zurückgelehnt und nippte an einem Cocktail. Währenddessen glitt sein Blick immer wieder zu einem Ölgemälde an der Wand, das einen Blumenstrauss zeigte. Frederik räusperte sich.
„Game over“, stöhnte der Sohn.
„Was? Du hast Batman einfach sterben lassen?“, fragte Herr Pruschke.
„Ich konnte ja nichts dafür.“
„Und ob. Du versuchst es sofort noch einmal.“
„Aber Papa! Ich sollte doch Hausaufgaben machen?“
„Die machst du später. Und jetzt besiege diesen Joker endlich!“
„Aber Papa …!“
„Keine Wiederrede, mein Junge. Ich kann mich ja kaum auf meinen Helikopter konzentrieren.“
Aus den Lautsprechern von Pruschkes Computer war das flap-flap-flap eines Propellers zu hören.
„Du sitzt ja sowieso nur da und trinkst deinen Cocktail“, protestierte der Junge.
Herr Pruschke lachte auf. „Ha, stimmt, mein Sohn. Gut beobachtet.“
Frederik schwieg betreten.
„Ah, Herr Junitz.“ Endlich hatte Pruschke ihn bemerkt. „Setzen Sie sich doch.“
Er setzte sich in den weichen Sessel gegenüber dem Kartellführer. Die Hitze des PC-Lüfters schlug ihm entgegen.
„Mussten Sie lange warten?“ Pruschke lachte erneut. „Ach, was für eine dumme Frage. Tut mir Leid, dass ich Sie warten liess. Es gab einige wichtige Dinge wegen der Schweinezucht zu erledigen.“
Pruschkes Sohn schrie erneut „Game over!“ und quiekte dabei.
„Schweinezucht“, wiederholte Pruschke leise, verschwörerisch. Seine Augen zuckten zum blonden Jungen hinüber. Frederik wurde unheimlich zumute und er fragte sich, ob er sich das alles nur einbildete.
„Wie dem auch sei“, fuhr der Kartellführer fort, „Sie wissen bestimmt, weshalb Sie hier sind?“
„Wegen Reyez“, erwiderte Frederik.
Pruschke nickte. „Richtig. Ich will, dass Sie ihn kompromittieren.“
„Ich weiss.“
Der Mann bohrte die Faust in seine Handfläche. Dann bog er den Hals zurück und glotzte mit geöffnetem Mund an die Decke, als hätte er eine Fliege gesehen. Frederik sah ihn fragend an. Da erwachte Pruschke aus seiner Starre kniff die Augen zusammen.
„Ich will, dass Sie ihn schändlich niedermachen, mit einem Ihrer schändlichen Artikel. Sie können das wirklich gut. Ich habe Ihren Text über das Busunglück gelesen. Einfach fabelhaft! Welche Geschmacklosigkeiten Sie sich erlaubt haben! Das ist echter Boulevard.“
Frederik verzog irritiert die Lippen. „Ich weiss bereits, was meine Aufgabe ist. Mein Chef hat es erklärt. Aber Sie müssen mir weiterhelfen.“
„Weiterhelfen, ja, natürlich. Sehen Sie hier. Das hilft Ihnen weiter.“
Pruschke kramte in einer der Schubladen unter dem Pult umher und beförderte ein fleckiges Stück Papier zu Tage. Frederik beugte sich darüber.

Herr Pruschke
, stand da,

Wir werden Ihre skrupellosen Machenschaften nicht länger dulden. Wir wissen von Ihren unterirdischen Anlagen und von Ihren Plänen zur Vergiftung des Planeten. Machen Sie weiter, und Sie werden unseren Zorn zu spüren bekommen.

P. Reyez.

Unterirdische Anlagen? Vergiftung des Planeten?
„Erst kürzlich landete der Brief auf meinem Pult. Entsetzlich nicht?“, meinte Pruschke.
„Was meint Reyez damit?“, wollte Frederik wissen.
„Das Beach Hotel Resort, natürlich. Es gefällt ihm nicht. Wie auch? Künstliche Wellen, künstliche Muscheln. Die Tiefgaragen, die er dilettantisch ‚Anlagen‘ nennt. Ach, ach!“
„Game over!“, schrie der Sohn. Pruschke klopfte zornig auf den Tisch. „Lass Batman nicht sterben!“
An Frederik gewandt meinte er: „Sie müssen alles daran setzen, ihn aufzuhalten.“
„Sollte da nicht lieber die Polizei …?“
„Polizei, Polizei, was weiss die schon? Nein, wir müssen ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.“ Er schwenkte die Faust durch die Luft.
„Aber wer ist dieser Reyez überhaupt? Woher kennt er Sie?“
Pruschkes Faust blieb in der Luft hängen. „Woher er mich kennt? Ich bitte Sie. Jeder Mensch seiner Sorte kennt mich.“
„Hat er Anhänger?“
„Natürlich. Was glauben Sie?“
„Game over!“, quiekte der Sohn.
„Verdammt, Batman!“ Pruschke klopfte auf den Tisch. „Hören Sie, er ist einer dieser grünen Aktivisten. Ein Öko-Terrorist. Schon vor Jahren machte er Probleme, als die Hotels gebaut wurden. Seitdem lässt er nicht mehr von mir ab.“ Der Blick des Hotelbesitzers wurde hinterlistig. „Er will die Natur – ha … Aber Sie, mein lieber Herr Junitz, werden seine Menschennatur aufdecken. Ihn blossstellen.“
„Nun …“
„Schreiben Sie etwas Diffamierendes. Etwas, das ihm die Glaubwürdigkeit nimmt. Öko-Terrorist tötet Wale. Hat Sex mit Tailänderinnen. Meinetwegen auch mit Tieren oder Toten. Irgendwas, Herr Junitz! Irgendwas!“
Frederik schüttelte den Kopf. „Herr Pruschke“, wandte er ein, „ich fürchte, es ist nicht so einfach, wie Sie denken. Ich kann nicht einfach so drauflosschreiben.“
„Wofür werden Sie dann bezahlt?“
Er überhörte die Bemerkung. „Ich muss Reyez besser kennenlernen. Es reicht nicht, zu wissen, dass er ein Öko-Terrorist ist. Wo hält er sich zur Zeit auf? Gibt es eine Möglichkeit, an ihn ranzukommen? Ich brauche mehr Gehalt, mehr Informationen.“
Pruschke verengte die Augen zu Schlitzen. „Gehalt in Ihrer Zeitung wäre mir was Neues, Herr Junitz. Und Reyez zu finden ist im Übrigen ein Ding der Unmöglichkeit. Spüren Sie ihm nicht nach.“
Frederik runzelte die Stirn. „Ein Journalist sollte doch …?“
„Ein Journalist schreibt. Also schreiben Sie.“
Das waren die letzten Worte, die Pruschke an ihn richtete. Seine ganze Aufmerksamkeit war wieder auf Batman gerichtet. Unschlüssig blieb Frederik im Sessel sitzen. Was sollte er tun? Die Tür ging auf. In die Suite trat derselbe Hotelmitarbeiter, der ihn in der Tiefgarage empfangen hatte.
„Der Raum ist bereit.“
„Sehr gut. Die frische Seeluft wird Herrn Junitz gut tun.“

[…]

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