In der Rathausgasse

Der Mann stürzte, als die kleine Glocke über dem Rathaus zwei Mal schlug. Ich sass gerade im Café und war ausser Dienst, darum beobachtete ich mit wachsendem Unmut, wie mehrere Passanten an dem Verunfallten vorübergingen, ohne sich um ihn zu kümmern. Er war in einen blauen Regenmantel gekleidet und lag reglos neben seinem Fahrrad. Bei dem Tempo, mit dem er in die Gasse eingebogen war, hatte so etwas ja passieren müssen. Seufzend steckte ich das Magazin weg, legte den Löffel neben die Kaffeetasse und trat nach draussen. Wenn ihm niemand zu Hilfe eilte, musste es eben ich tun. Ohne auf den Nieselregen zu achten, der meinen Kopf kitzelte, beugte ich mich über ihn. Die Kapuze des blauen Regenmantels war nach hinten gerutscht und enthüllte einen Mittvierziger mit grauem Haaransatz. Die Brille war ihm vom Gesicht gefallen. Ich hob sie auf, kontrollierte, ob sie noch ganz war, und rüttelte den Mann daraufhin leicht an der Schulter. Allmählich kam er stöhnend zu sich; der Sturz schien ihn ganz durcheinandergebracht zu haben.
«Wer sind Sie?»
«Hans Jäggi. Kantonspolizist», stellte ich mich vor. «Sie sind gestürzt. Wo wollten Sie so schnell hin?» Ich wies auf das Fahrrad.
Das Übliche: beim Wort «Kantonspolizist» vergass mein Gegenüber, dass ich ihm eine Frage gestellt hatte, und schaute mich mit ängstlichem Misstrauen an.
«Sie fuhren sehr schnell», fügte ich hinzu. «Können Sie aufstehen?»
Der Mann beantwortete die Frage, indem er sich hastig aufrappelte und mir die Brille aus der Hand riss. «Das ist keine Fussgängerzone», erwiderte er daraufhin bockig.
«Das ist mir bewusst», antwortete ich. «Trotzdem sollten Sie das nächste Mal besser aufpassen.»
«Ja», sagte er und entfernte sich in aller Eile, das Fahrrad neben sich herschiebend.

«Das war unsere erste Begegnung. Erinnern Sie sich?»
«Daran, dass ich Sie beim Kaffeetrinken störte, erinnere ich mich nicht, nein.»
«Sie wollten doch, dass ich die Dinge aus meiner Sicht schildere, Herr Hubacher.»
Hubacher sass mit dem Rücken zur Wand gelehnt auf der Pritsche. Er verzog das Gesicht und mass die Zelle, in die man ihn zur Untersuchungshaft eingesperrt hatte, mit wenigen Blicken ab.
«Sie müssen sich keine Sorgen machen», versuchte ich ihn zu beruhigen.
«Ja? Dann halten Sie also das, was geschehen ist, für normal?»
«Gerade war ich dabei, das mit Ihnen zu klären.» Ich wurde ungeduldig.
«Klären? Wenn das so weitergeht, halte ich dies für unwahrscheinlich», spottete er.
«Dann beende ich also unser kleines inoffizielles Gespräch und lasse ich Sie mit Ihren Gespenstern allein.»
Hubacher stöhnte gequält auf. «Nein, bitte. Klären Sie mich auf.»

Auf dem Nachhauseweg dachte ich nicht weiter über den Vorfall nach. Gestern war ich einem halben Dutzend solcher kleiner Verstösse gegen das Verkehrsreglement über den Weg gelaufen. Wobei der Mann Recht hatte: In der Rathausgasse herrschte im Grunde kein Fahrverbot – allein zählte das Nichtbeherrschen des Fahrzeugs gemäss Artikel 31 des SVG als Strafbestand; zudem hätte er bei dem waghalsigen Manöver leicht andere Verkehrsteilnehmer gefährden können. Aber ich war müde und hatte keine Lust mehr, darüber nachzudenken.
Zuhause schaltete ich den Fernseher ein und öffnete ein kühles Bier. Die ersten Schlucke geniessend, zappte ich durch das Programm. Die Tagesnachrichten überging ich und sprang zu den Spielfilmen. Im ersten ging es um einen Haiangriff. Der Hai wollte jedoch nicht in die Gänge kommen, so schaltete ich in der Hälfte zum nächsten Film. Dieser wiederum war in der Handlung so weit fortgeschritten, dass ich nicht begriff, warum sich die Helden auf dem Dach eines Hochhauses prügelten. Zum Glück gab es in unserer kleinen Stadt nicht viele Hochhäuser, sonst wäre bestimmt jemand auf die Idee gekommen, die Szene nachzuspielen.

«Das ist doch lächerlich.»
«Wir hatten schon solche Fälle.»
«Und Sie denken, Ihr abendliches Filmprogramm hat etwas mit uns zu tun?»
«Mehr, als Sie glauben.»
«Ja? Dann sage ich Ihnen, was ich glaube: Die Polizei sollte die Rathausgasse grossräumig absperren und sofort jedes Haus durchsuchen, bis sie den Schuldigen gefunden hat.»
«Sprachen Sie vorher nicht von Gespenstern? Dürfte schwer sein, die zu fangen.»
Herr Hubacher wurde wieder nervös.

Am nächsten Tag trat ich abermals den Dienst an. Vormittags gab es Büroarbeit zu erledigen, nachmittags ging ich erneut auf Verkehrskontrolle. Nach einer Stunde erhielt ich eine Meldung von einer Kollegin, die gerade in der Altstadt unterwegs war. Sie hatte Probleme mit zwei Jugendlichen, die mit ihren Skateboards die Besucher eines Restaurants störten. Der Restaurantbesitzer hatte die beiden schon mehrmals gebeten sich zu entfernen, ohne Erfolg. Schliesslich hatte er die Polizei gerufen. Als ich hinzukam, waren meine Kollegin und einer der Jugendlichen in eine Auseinandersetzung verwickelt. Der Junge trug eine grüne Kappe und ein T-Shirt mit einem Blitz, wohl eine überteuerte Kleidermarke. Während er aufgebracht gestikulierte, stand sein Freund, ein dünner Hänfling, mit gesenktem Blick daneben.
«Was ist hier los?», fragte ich.
Meine Kollegin seufzte. «Der will mir weismachen, er habe etwas gesehen.»
«Was gesehen?», fragte ich.
Der Junge wies nach oben. «Dort.»
An der Ecke des nahen Gebäudes hing ein alter Eisenkäfig. Ob er früher zur Blossstellung für Verbrecher verwendet worden war oder einfach nur dort hing, wusste ich nicht, aber er regte zur Fantasie an.
«Ein Gespenst», brach der Hänfling hervor.

Herr Hubacher sprang erregt auf, als hätte er die Lösung eines Rätsels gefunden. «Sehen Sie?», rief er. «Das war der Grund, weshalb ich gestürzt war! Ich fuhr aus der Kirch- in die Rathausgasse, und da war diese grässliche Gestalt im Käfig, die ihre Arme nach mir ausstreckte! Ich schaute die Fassade hoch, und im nächsten Augenblick lag ich am Boden.»
«Und warum haben Sie mir davon bei unserem ersten Treffen nichts erzählt?»
«Ich hatte Angst», stotterte Hubacher.
«Und wie kommt es, dass die Jugendlichen das Gespenst anscheinend auch sahen, aber die zahlreichen Restaurantbesucher und Passanten nicht? Scheint Ihnen da nicht etwas faul an der Geschichte?»
«Manche sehen es, manche nicht. Und Sie gehören als Ordnungshüter natürlich zu den letzteren», belehrte mich Hubacher, die Augen verdrehend.

Der Tag wurde nicht besser. Weil nächste Woche die Herbstferien bevorstanden, schienen die Leute besonders aufgereizt. Ein Falschparker, den ich in flagranti erwischte, wollte sich auf Diskussionen einlassen, ebenso ein Motorradfahrer, der das gut sichtbare Fahrverbot missachtete und sich durch eine der gepflasterten Nebengassen der Altstadt zwängte. Bei Dienstschluss war ich so aufgerieben, dass ich ein Bier brauchte. Da ich mich noch an die Begegnung mit dem unfreundlichen Mann im blauen Regenmantel erinnerte und keine Lust hatte, erneut aus dem Feierabend gerissen zu werden, ging ich in eine Bar drei Strassen weiter. Hier war ich sonst nie, somit herrschte keine Gefahr, belästigt zu werden. Ich setzte mich an den Tresen und bestellte ein dunkles Bier. Trotz der gelösten Stimmung blieb die Bar relativ leer, auch, als draussen längst die Dunkelheit hereingebrochen war. Der Barkeeper, etwa halb so alt wie ich, fing ein Gespräch an. Zum Glück wollte er nicht über Verkehr, sondern über Biersorten reden. Wir verloren uns in Fachsimpeleien, bis er auf einmal den Blick zur Wanduhr hob und halb erschrocken meinte, die Bar würde in zehn Minuten schliessen. Ich bedankte mich für die Plauderei, zahlte und trat in die Nacht hinaus. Es musste wieder kurzweilig geregnet haben, denn der Asphalt war feucht.

«Warum müssen Sie immer abschweifen? Das hat überhaupt nichts mit der Sache zu tun», beschwerte sich Herr Hubacher.
«Sie haben keine Geduld», erwiderte ich.
«Und? Wollen Sie mich noch lange auf die Folter spannen? Haben Sie das Gespenst nun gesehen oder nicht?»
«Diese Frage haben Sie schon für sich selbst beantwortet. Warum soll ich mich also beeilen, nochmals zu antworten?»
«Sie haben nichts gesehen», schloss Hubacher resigniert.
«Doch.»
«Doch? Was heisst das, doch?»
«Einen Mann habe ich gesehen. Ich schätze, er war in Ihrem Alter, schlich verdächtig durch die Gassen. Wissen Sie wohl, wer das sein mochte?»
«Sehr witzig», brummte Hubacher.

Nach einer Weile bog ich in die Rathausgasse ein. Kurz nach Mitternacht war sie leer, kein Licht brannte in den Fenstern. Die Stimmung schien fast winterlich; nur die sternenförmige Beleuchtung, die Ende Jahr zwischen den Fassaden hing, fehlte. Langsam schlenderte ich an dem Restaurant vorbei, vor dem die Jugendlichen mit ihren Skateboards herumgelungert waren. Ich schaute hoch zum Käfig an der Strassenecke. Wenn man dort oben jemals Verbrecher ausgestellt hatte, was ich bezweifelte, hatten sie bestimmt Besseres zu tun, als in ihr enges Gefängnis zurückzukehren und Leute zu erschrecken. Ich ging weiter in Richtung Rathaus, als ich ein Geräusch hörte. Neugierig wandte ich den Kopf. Da schlich zwar kein Gespenst umher, aber ein Mann mit Kapuze. Er machte einen verdächtigen Eindruck; unter dem Arm trug er eine Klappleiter, wie man sie für Reparaturarbeiten oder Ähnliches benutzte. In der anderen Hand hielt er einen Besen umklammert. Im Licht der Strassenlaterne stellte er die Leiter ab und verschnaufte für einen Moment. Jetzt erkannte ich ihn wieder: Es war der Mann im blauen Regenmantel, mit dem ich gestern ein so unerfreuliches Zusammentreffen hatte. Ich blieb stehen und beobachtete, wie der Mann die Leiter unter den Käfig stellte, die Stufen hochkletterte und begann, mit dem Besen lautstark gegen die Gitterstäbe zu klopfen. Dabei verursachte er einen solchen Lärm, dass allerorts die Lichter angingen.

«Sie verstehen, warum ich eingreifen musste?»
«Nein», brummte Herr Hubacher. «Es ist mein Recht als Bürger …»
«Erst einmal haben Sie für Ruhestörung gesorgt. Dann hätten Sie beinahe den Käfig von seiner Befestigung gerissen. Und wissen Sie, was der grösste Fehler war?»
«Was?»
«Einfach wegzurennen, als ich mit Ihnen sprechen wollte. Das hätte Ihnen einiges an Unannehmlichkeiten erspart.»
«Trotzdem haben Sie keinen Grund, mich hier festzuhalten.»
Ich zuckte mit den Achseln. «Das sehen meine Kollegen anders. Aber kommen wir zur Sache.»

Als ich näher ging, wurde der Mann auf mich aufmerksam, aber er hörte nicht auf, gegen das Gitter zu klopfen. Im Gegenteil, er schlug noch stärker gegen die Stäbe und fluchte laut.
«Aufhören», befahl ich harsch.
Ob der Täter mich ebenfalls erkannte, wusste ich nicht, doch sein Gesicht verzerrte sich vor Wut.
«Sehen Sie nicht? Ein Gespenst», schrie er. Weitere Lichter gingen an.
«Kommen Sie da runter, sofort», sagte ich und packte den Mann am Saum der Jacke. Darauf schien er nicht gefasst, denn er taumelte für einen Moment – bis er sich wieder fing und mit dem Besenstiel nach mir schlug. Ich liess los, worauf er von der Leiter sprang und davonrannte. Ich machte mir nicht die Mühe, ihm nachzufolgen, sondern telefonierte mit den Kriminalbeamten. Diese griffen ihn eine Viertelstunde später in Bahnhofsnähe auf. Wie ich später erfuhr, hatte er sich heftig gewehrt und ständig von einem Gespenst deliriert.
Was mich angeht – ich eilte nach dem Telefonat wieder zur Polizeiwache. Am Ende der Rathausgasse angekommen, fiel mir ein, dass ich den Besen auf der Strasse liegengelassen hatte. Ich drehte mich um und wurde ein seltsames Schauspiel gewahr: Im Käfig hockte eine zusammengekrümmte, nackte Gestalt mit langen Haaren und noch längeren Armen. Sie streckte ihre Klauenfinger nach dem Besen aus, bekam ihn zu fassen und stopfte ihn zwischen die Zähne. Ein lautes Schmatzen, ein Rülpser, und der Besen war verschwunden. Ich rieb mir die Augen.

«Also doch!», schrie Herr Hubacher triumphierend. «Sie taten die ganze Zeit so, als würde ich Lügen erzählen, dabei haben Sie …»
«… Unsinn erzählt», erklärte ich. «Tut mir leid.»
«Was? Was soll das heissen? Soeben sagten Sie …»
«Ich liess mich zu einem Witz hinreissen, das ist alles. Da war kein Gespenst.» Ich schaute auf die Uhr. «Wie auch immer, ich bin schon viel zu lange hier und würde gerne nach Hause gehen.»
«Nein!», heulte Hubacher. «Das mit dem Gespenst können Sie sich doch nicht einfach so ausgedacht haben!»
«Und warum nicht?», fragte ich. «Sie scheinen doch auch ziemlich gut darin, sich Dinge auszudenken.»
«Aber wie können Sie dasselbe denken wie ich?»
«Das lernt man», erklärte ich.
Hubacher stierte mich enttäuscht an.
Ich seufzte. «Nun. Alles Weitere klären Sie ab jetzt mit den anderen Beamten.» Ich wandte mich ab. «Auf Wiedersehen.»