Das Skelett

Begegnet war ich ihm eines Abends im Innenhof des Hauptgebäudes. Da die Studenten den Hof oft für Kundgebungen oder künstlerische Aktionen nutzten, hielt ich das Knochengerüst, das an einem der Rundtische sass, für das Überbleibsel eines politischen Protests. Ich hatte bis kurz vor der Schliessung des Gebäudes im Computerraum gearbeitet und war auf dem Weg zum Ausgang, als mir der Schädel mit seinen leeren Augenhöhlen nachblickte.
«Da kommt noch einer», sagte das Skelett. «Wohin des Weges?»
«Nach Hause», erwiderte ich konsterniert.
«So? Solltest du nicht lieber an der Universität bleiben und weiterlernen?»
«Das Gebäude schliesst bald.»
«Und?» Das Skelett schüttelte den Schädel, sodass der Unter- gegen den Oberkiefer schlug. «Zu meiner Zeit gab es noch keine Universitäten, trotzdem liessen wir uns nicht vom Lernen abhalten.»
«Wann war die denn, deine Zeit?»
Das Skelett grübelte nach, indem es die Hände auf den Tisch stützte. «Vergessen», murmelte es nach einer Weile beschämt.
«Gehen wir zu mir nach Hause und finden es heraus», schlug ich vor.

Zuhause durchforsteten wir viele archäologische Artikel, aber nirgends fand sich ein Hinweis auf eine etwaige Ausgrabungsstätte in der Nähe. Ich geriet auf den Gedanken, das Skelett sei jüngeren Datums und ganz einfach dem örtlichen Friedhof entstiegen – denn die Knochen wirkten relativ frisch – als ich einen Seufzer hörte. Es hatte sich mit einem Philosophiebuch in die Ecke gesetzt.
«Was liest du da?», fragte ich verärgert. Statt zu helfen, wollte es sich bloss vergnügen.
Ich riss dem Skelett das Buch aus der Hand und las die aufgeschlagene Seite. Da stand Platons Höhlengleichnis.
«Da kommen bloss Schatten und keine Knochen vor», bemerkte ich und stellte das Buch zurück ins Regal.
Das Skelett erwiderte nichts, seufzte nur.
«Was ist?»
«Im Vergleich zu den alten Meistern sind wir nichts», sinnierte es.
Das verärgerte mich nun noch mehr, ja, verdarb mir ganz die Suche nach Antworten.
«Gehen wir schlafen. Vielleicht finden wir morgen etwas», sagte ich.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen und starrte an die Decke. Jetzt bereute ich es, das Skelett mit nach Hause genommen zu haben. Denn wenn ich ehrlich war, ich hatte gehofft, es sei ebensolch ein alter Meister, von dem ich etwas lernen konnte. Aber nun streckte es vor Platon die Knochen. Ich beschloss, der Sache ein Ende zu machen. So stand ich auf, ging hinüber zum Bett, wo das Skelett schlief, und brach ihm die Knochen ab. Es stöhnte leise, wachte aber nicht auf. Ich machte weiter, bis nur noch der Schädel übrig blieb. Am nächsten Tag verteilte ich die einzelnen Knochen je an unterschiedliche Hunde, die freudig bellten und mit der Beute im Maul davonliefen.
«So habe ich das nicht gemeint», greinte der Schädel, als ich ihn zuletzt auf die Wiese legte. «Wir sind nicht nichts.»
Darauf rannte ein kleiner Terrier herbei und bereitete der Klage ein Ende.