Im Kraftwerk

Über Nacht hatte sich die Wasserqualität der Aare massiv verschlechtert. Ich wurde zu Rate gezogen, als man vor der Insel stinkende Blasen aufsteigen sah. Kein gutes Zeichen. Die Ursache vermuteten die Arbeiter, welche die Brücke über den Fluss ausbesserten, im stillgelegten Kraftwerk gegenüber der Insel. Nach kurzer Absprache mit dem zuständigen Stromversorgungsunternehmen wurde entschieden, dass ich mir die Sache ansehen sollte. Mein Vater hatte früher im Kraftwerk gearbeitet, als ich ein kleines Kind war, so kannte ich die Räume mit ihren Rohren vom Hörensagen. Aber als ich durch die alte Metalltüre in das Maschinenhaus trat, erwartete mich nicht das Bild, das ich mir stets erträumt hatte. Die Turbinen waren von Rost zerfressen, ebenso die Generatoren, die wie Ungetüme in der Stille schlummerten.
Ausserdem lag in der Mitte der Halle ein riesiger, aufgeblähter Fisch.
Er war wirklich riesig: sein Volumen betrug mindestens das von zehn Gymnastikbällen. Unentwegt blinzelte er mit den Augen und flappte mit den kleinen Flossen. Wasser schien er keines zu benötigen; anders konnte ich mir zumindest nicht erklären, wie er in diese Halle gekommen war.
«Ich grüsse dich», sagte der Fisch, als ich die Treppe zu den Turbinen hinunterging. Ich blieb stehen.
«Du möchtest bestimmt wissen, was ich hier tue», sagte er.
«Ja », murmelte ich.
«So einfach ist die Frage nicht zu beantworten», meinte er und schlug mit der Flosse gegen eine Turbine. «Ich bin nämlich schon sehr lange hier.»
«Wie lange?», fragte ich.
«Etwa seit einem Monat.»
«Wie bist du hierher gekommen?», wollte ich wissen.
«Über die Fischtreppe.»
Zweifelnd blickte ich ihn an.
«Als ich durch die Fischtreppe schwamm, wurde ich von einer Turbine erfasst und hier hochgeschleudert», bekräftigte der Fisch.
«Das ist unmöglich.»
«Warum?»
«Weil die Fischtreppe dazu da ist, dass die Fische das Kraftwerk sicher passieren, und nicht, damit sie von den Turbinen erfasst werden. Ausserdem sind Treppe und Turbinen strikt voneinander getrennt. Und schliesslich wärst du jetzt nicht hier, wärst du in die Turbine geraten.»
«Da hast du drei sehr schlüssige Gründe aufgeführt», meinte der Fisch anerkennend. «Und trotzdem bin ich hier.»
Wir schwiegen.
Nach einer Weile fragte der Fisch: «Bist du gekommen, um mir eine Frage zu stellen?»
«Was?»
«Ob ich für die Blasen im Wasser verantwortlich bin.»
«So weit habe ich gar nicht gedacht», musste ich zugeben. «Woher weisst du von den Blasen?»
«Ich habe aus dem Fenster geschaut.»
Ich liess meinen Blick zu den verschmutzten Scheiben schweifen. Es war unmöglich, von hier aus etwas zu erkennen.
«Ich weiss, woher die Blasen kommen», sagte der Fisch selbstbewusst.
«Und das soll ich dir glauben?»
«Es gibt Dinge, die wir wissen, und Dinge, die wir nicht wissen.»
Ich seufzte. «Woher kommen die Blasen?»
«Würdest du mir die Antwort glauben?», fragte der Fisch zurück.
«Ich schätze, eine falsche Antwort ist besser als keine Antwort», sagte ich achselzuckend.
«Also gut», erwiderte der Fisch. «Vorhin habe ich meinen neuen Schnorchel ausprobiert.»
Verärgert stöhnte ich auf. «So etwas Dummes hätte ich mir auch selbst ausdenken können.»
«Ja? Warum hast du mich dann gefragt?»
«Das frage ich mich.»
Der Fisch gluckste. Ich wandte mich den Stufen zu.
«Du hast zwar gesagt, eine falsche Antwort sei besser. Aber ich kann dir auch die richtige geben, wenn du möchtest.»
Für einen Augenblick hielt ich inne. Dann meinte ich: «Möchte ich nicht, danke.»
«Schade», rief mir der Fisch nach, während ich zur Tür rausging. «Vielleicht hätte ich ab jetzt immer nur die Wahrheit gesagt.»