Das Skelett

Begegnet war ich ihm eines Abends im Innenhof des Hauptgebäudes. Da die Studenten den Hof oft für Kundgebungen oder künstlerische Aktionen nutzten, hielt ich das Knochengerüst, das an einem der Rundtische sass, für das Überbleibsel eines politischen Protests. Ich hatte bis kurz vor der Schliessung des Gebäudes im Computerraum gearbeitet und war auf dem Weg zum Ausgang, als mir der Schädel mit seinen leeren Augenhöhlen nachblickte.
«Da kommt noch einer», sagte das Skelett. «Wohin des Weges?»
«Nach Hause», erwiderte ich konsterniert.
«So? Solltest du nicht lieber an der Universität bleiben und weiterlernen?»
«Das Gebäude schliesst bald.»
«Und?» Das Skelett schüttelte den Schädel, sodass der Unter- gegen den Oberkiefer schlug. «Zu meiner Zeit gab es noch keine Universitäten, trotzdem liessen wir uns nicht vom Lernen abhalten.»
«Wann war die denn, deine Zeit?»
Das Skelett grübelte nach, indem es die Hände auf den Tisch stützte. «Vergessen», murmelte es nach einer Weile beschämt.
«Gehen wir zu mir nach Hause und finden es heraus», schlug ich vor.

Zuhause durchforsteten wir viele archäologische Artikel, aber nirgends fand sich ein Hinweis auf eine etwaige Ausgrabungsstätte in der Nähe. Ich geriet auf den Gedanken, das Skelett sei jüngeren Datums und ganz einfach dem örtlichen Friedhof entstiegen – denn die Knochen wirkten relativ frisch – als ich einen Seufzer hörte. Es hatte sich mit einem Philosophiebuch in die Ecke gesetzt.
«Was liest du da?», fragte ich verärgert. Statt zu helfen, wollte es sich bloss vergnügen.
Ich riss dem Skelett das Buch aus der Hand und las die aufgeschlagene Seite. Da stand Platons Höhlengleichnis.
«Da kommen bloss Schatten und keine Knochen vor», bemerkte ich und stellte das Buch zurück ins Regal.
Das Skelett erwiderte nichts, seufzte nur.
«Was ist?»
«Im Vergleich zu den alten Meistern sind wir nichts», sinnierte es.
Das verärgerte mich nun noch mehr, ja, verdarb mir ganz die Suche nach Antworten.
«Gehen wir schlafen. Vielleicht finden wir morgen etwas», sagte ich.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen und starrte an die Decke. Jetzt bereute ich es, das Skelett mit nach Hause genommen zu haben. Denn wenn ich ehrlich war, ich hatte gehofft, es sei ebensolch ein alter Meister, von dem ich etwas lernen konnte. Aber nun streckte es vor Platon die Knochen. Ich beschloss, der Sache ein Ende zu machen. So stand ich auf, ging hinüber zum Bett, wo das Skelett schlief, und brach ihm die Knochen ab. Es stöhnte leise, wachte aber nicht auf. Ich machte weiter, bis nur noch der Schädel übrig blieb. Am nächsten Tag verteilte ich die einzelnen Knochen je an unterschiedliche Hunde, die freudig bellten und mit der Beute im Maul davonliefen.
«So habe ich das nicht gemeint», greinte der Schädel, als ich ihn zuletzt auf die Wiese legte. «Wir sind nicht nichts.»
Darauf rannte ein kleiner Terrier herbei und bereitete der Klage ein Ende.

Im Kraftwerk

Über Nacht hatte sich die Wasserqualität der Aare massiv verschlechtert. Ich wurde zu Rate gezogen, als man vor der Insel stinkende Blasen aufsteigen sah. Kein gutes Zeichen. Die Ursache vermuteten die Arbeiter, welche die Brücke über den Fluss ausbesserten, im stillgelegten Kraftwerk gegenüber der Insel. Nach kurzer Absprache mit dem zuständigen Stromversorgungsunternehmen wurde entschieden, dass ich mir die Sache ansehen sollte. Mein Vater hatte früher im Kraftwerk gearbeitet, als ich ein kleines Kind war, so kannte ich die Räume mit ihren Rohren vom Hörensagen. Aber als ich durch die alte Metalltüre in das Maschinenhaus trat, erwartete mich nicht das Bild, das ich mir stets erträumt hatte. Die Turbinen waren von Rost zerfressen, ebenso die Generatoren, die wie Ungetüme in der Stille schlummerten.
Ausserdem lag in der Mitte der Halle ein riesiger, aufgeblähter Fisch.
Er war wirklich riesig: sein Volumen betrug mindestens das von zehn Gymnastikbällen. Unentwegt blinzelte er mit den Augen und flappte mit den kleinen Flossen. Wasser schien er keines zu benötigen; anders konnte ich mir zumindest nicht erklären, wie er in diese Halle gekommen war.
«Ich grüsse dich», sagte der Fisch, als ich die Treppe zu den Turbinen hinunterging. Ich blieb stehen.
«Du möchtest bestimmt wissen, was ich hier tue», sagte er.
«Ja », murmelte ich.
«So einfach ist die Frage nicht zu beantworten», meinte er und schlug mit der Flosse gegen eine Turbine. «Ich bin nämlich schon sehr lange hier.»
«Wie lange?», fragte ich.
«Etwa seit einem Monat.»
«Wie bist du hierher gekommen?», wollte ich wissen.
«Über die Fischtreppe.»
Zweifelnd blickte ich ihn an.
«Als ich durch die Fischtreppe schwamm, wurde ich von einer Turbine erfasst und hier hochgeschleudert», bekräftigte der Fisch.
«Das ist unmöglich.»
«Warum?»
«Weil die Fischtreppe dazu da ist, dass die Fische das Kraftwerk sicher passieren, und nicht, damit sie von den Turbinen erfasst werden. Ausserdem sind Treppe und Turbinen strikt voneinander getrennt. Und schliesslich wärst du jetzt nicht hier, wärst du in die Turbine geraten.»
«Da hast du drei sehr schlüssige Gründe aufgeführt», meinte der Fisch anerkennend. «Und trotzdem bin ich hier.»
Wir schwiegen.
Nach einer Weile fragte der Fisch: «Bist du gekommen, um mir eine Frage zu stellen?»
«Was?»
«Ob ich für die Blasen im Wasser verantwortlich bin.»
«So weit habe ich gar nicht gedacht», musste ich zugeben. «Woher weisst du von den Blasen?»
«Ich habe aus dem Fenster geschaut.»
Ich liess meinen Blick zu den verschmutzten Scheiben schweifen. Es war unmöglich, von hier aus etwas zu erkennen.
«Ich weiss, woher die Blasen kommen», sagte der Fisch selbstbewusst.
«Und das soll ich dir glauben?»
«Es gibt Dinge, die wir wissen, und Dinge, die wir nicht wissen.»
Ich seufzte. «Woher kommen die Blasen?»
«Würdest du mir die Antwort glauben?», fragte der Fisch zurück.
«Ich schätze, eine falsche Antwort ist besser als keine Antwort», sagte ich achselzuckend.
«Also gut», erwiderte der Fisch. «Vorhin habe ich meinen neuen Schnorchel ausprobiert.»
Verärgert stöhnte ich auf. «So etwas Dummes hätte ich mir auch selbst ausdenken können.»
«Ja? Warum hast du mich dann gefragt?»
«Das frage ich mich.»
Der Fisch gluckste. Ich wandte mich den Stufen zu.
«Du hast zwar gesagt, eine falsche Antwort sei besser. Aber ich kann dir auch die richtige geben, wenn du möchtest.»
Für einen Augenblick hielt ich inne. Dann meinte ich: «Möchte ich nicht, danke.»
«Schade», rief mir der Fisch nach, während ich zur Tür rausging. «Vielleicht hätte ich ab jetzt immer nur die Wahrheit gesagt.»

Flammende Wälder

«Die Schweiz am Abgrund», titelte eine namhafte Tageszeitung am fünften November.
Zu Beginn waren die Anzeichen der Katastrophe harmlos oder überhaupt nicht als solche erschienen. Wegen des ungewöhnlich warmen Herbstes hielten sich die Menschen noch immer an den Grillplätzen in den Wäldern auf. Trotz Warnschilder kam es dabei wie immer zu Brandunfällen, sodass Feuerwehr oder Sanität geholt werden mussten. In unserer Gemeinde ging am fünfzehnten Oktober eine Meldung in der Zentrale ein; ich rückte mit zwei Kollegen aus. Wir fuhren zum Waldrand, wo uns drei Jugendliche mit verschreckten Gesichtern erwarteten. Die Flammen züngelten an einer nahegelegenen Fichte empor und drohten auf die übrigen Bäume überzugreifen. Der Brand war schnell gelöscht und hätte mich auch nicht weiter zum Nachdenken angeregt, hätte ich nicht durch einen befreundeten Polizisten erfahren, dass die Jugendlichen auf der Wache jegliche Aussage verweigert hatten. Das Feuer sei «von selbst entstanden», sei ihnen «unerklärlich», beteuerten sie. Derlei Ausflüchte ärgerten mich, da sie verharmlosten, wogegen wir tagtäglich kämpften.
Ein paar Tage später, an der Konfirmationsfeier meiner Tochter, bekam ich zufällig die Gelegenheit, einen der Strolche zu belehren. Er ging in dieselbe Klasse wie sie und war flüchtig mit ihr befreundet. Als sie im Trubel vor der Kirche miteinander redeten, trat ich wie beiläufig hinzu und erwähnte den Brand von letzter Woche. Ich tat so, als hätte ich davon lediglich aus der Zeitung erfahren, obwohl er bestimmt wusste, wer ich war. Er blickte verschämt zu Boden, bis ich einen abfälligen Witz über meinen Freund, den Polizisten riss. Da erzählte er mir abermals dieselbe Geschichte. Das Feuer sei «plötzlich da» gewesen. Ich verlor die Geduld und erklärte ihm, dass alle Feuer «plötzlich da» waren, wenn man nicht aufpasste. Manchmal reichte schon ein Funkenflug. Er blieb stur und behauptete, die Fichte sei in Flammen aufgegangen, als die Feuerstelle längst erloschen war. «Warum die Schwindelei?», fragte ich ihn herausfordernd. Sie nützte ihm doch längst nichts mehr. Im Gegenteil hatte sie ihm schon, wie ich wusste, eine höhere Busse eingebracht. Als die Tochter am Ärmel zog, verzichtete ich darauf, ihn weiter zu massregeln. Trotzdem erschien mir die Sache, als ich nochmals darüber nachdachte, reichlich merkwürdig. Für gewöhnlich sagten die Leute die Wahrheit, wenn ich sie erst einmal in der Zange hatte. Nun, aber ich war ja kein Polizist.
In der zweiten Oktoberhälfte begannen sich die Brände zu häufen. Der unserer Gemeinde angegliederte Forst blieb zwar bis auf Weiteres verschont, dafür traf es die der Nachbarsdörfer und später die Waldflächen jenseits der Kantonsgrenzen. Durch beunruhigte Verwandte von einem weiteren Brand im Jura in Kenntnis gesetzt, wurde ich tatsächlich zum forschenden Zeitungsleser. Die Vorfälle häuften sich bald in der Romandie, bald in der Ostschweiz. Gerade der trockene Süden blieb aber vorerst verschont. Ich konnte mir die Vorkommnisse umso weniger erklären, als am Wochenende ein heftiger Regenschauer über das Flachland gefegt war und der Grillsaison ein jähes Ende bereitet hatte. Womöglich sorgte der starke Wind für die schnelle Verbreitung der Flammen. Andererseits hätten sie im feuchten Unterholz gar nicht erst entstehen dürfen.
Als eine Kaltfront über das Land zog, kamen die Brände für ein paar Tage zum Erliegen. Schon erwachte die Hoffnung, dass die unglückliche Serie vorüber war, doch sie wurde zerstört, als die Zeitung am dreissigsten Oktober unheildrohend verkündete: «Inferno im Simmental». Diese abgelegene Ecke des Berner Oberlandes kannte ich wenig, wusste aber von einem Wanderausflug, dass sich jede noch so winzige Ortschaft mit einer gross beschrifteten Feuerwehrzentrale schmückte. Dass ausgerechnet dort ein «Inferno» wüten sollte, erschien mir unwirklich, bis mir ein Bekannter ein Video zuschickte. Das Video war per Handykamera aufgenommen worden. Zuerst zeigte es einen Fluss, der friedlich talwärts strömte. Dann jedoch schwenkte die Kamera hin zu einem Wald am gegenüberliegenden Hang, aus dem grelle Flammen schlugen. Dunkler Rauch verteilte sich über den Himmel; und das letzte, was man erblickte, war ein rotes Glühen am Horizont, wie von einer fernen Feuersbrunst.
Ich teilte das Video mit meiner Familie, die nicht viel von Bränden verstand. Die Tochter rief, das sei ja wie in Australien, worauf ich sie beruhigte; doch tags darauf erschien die Momentaufnahme des feurigen Horizonts auf der Titelseite der Zeitung, zusammen mit dem vier mal das Wort «Australien» proklamierenden Leitartikel. Die neue Dimension, welche die Bedrohung dadurch annahm, war das eine; die Rätselhaftigkeit ihrer Entstehung das andere. Obwohl ich fürchtete, mich dadurch lächerlich zu machen, suchte ich in der darauffolgenden Woche das Gespräch mit dem Kommandanten. Meine Bedenken – nämlich, dass sich das Feuer viel zu schnell ausbreitete und dass die Wetterlage eigentlich zu nass für eine Katastrophe solchen Ausmasses war – nahm er schweigend auf. Als ich ihm jedoch gestand, dass mir die Sache nicht geheuer anmutete und ihm nahelegte, Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen, wurde er ausfällig und schrie, er würde jedes Flämmchen eigenhändig ersticken.
In der Nacht vom vierten auf den fünften November war es so weit. Das Feuer erreichte den Wald neben unserer Gemeinde und kehrte damit scheinbar zu seinem Ursprungsort zurück. Das Telefonklingeln weckte mich um drei Uhr morgens aus dem Schlaf. Eine Viertelstunde später fuhr ich mit denselben Kollegen dieselbe Strecke hoch zum Forst. Nur war die Szenerie jetzt ins Höllische gewandelt. Je höher wir fuhren, desto weiter konnten wir über das Land blicken. In einer normalen Nacht hätte man lediglich die Silhouetten der Hügel erahnt, über die sich der Wald zog. Nun war das Land um uns herum vom Widerschein des Feuers erhellt. Die Hitze liess uns kaum atmen, während der Geruch nach verbrannter Asche uns betäubte. Von überall her drang Sirenengeheul; die blinkenden Lichter der Feuerwehrwagen rasten aus den Dörfern einem hoffnungslosen Kampf entgegen. – Über ihnen glühte der Horizont.
Mit Mühe wandte ich meine Aufmerksamkeit der unmittelbaren Situation vor Ort zu. Das Feuer hatte den Waldrand noch nicht erreicht. Stattdessen stieg eine dicke Rauchsäule aus dem Innern des Waldes empor. Gerade berieten wir uns darüber, ob wir weiter vordringen sollten, als die Flammen mit unerwarteter Wut hinter der Fichte hervorschossen, welche wir das letzte Mal gerettet hatten. Während meine Mitstreiter losrannten, blieb ich verwundert neben dem Feuerwehrwagen stehen – mir fiel auf, dass auch die übrigen Bäume vollkommen schwarz und verkohlt waren. Das konnte aber nicht sein, ausser, das Feuer hätte sich zuvor auf irgendeine unerklärliche Weise zurückgezogen. Trieb mich jene Beobachtung oder eine Verwirrung der Sinne? – Ich wusste nur, dass die Rufe meiner Kollegen schon in der Ferne verklungen waren, als ich realisierte, mitten in den Wald hineingerannt zu sein.
Zunächst versuchte ich mich zu orientieren. Ich war auf einem Weg gelandet, den ich von früher kannte: Er führte an der Köhlerhütte vorbei und stieg danach kontinuierlich an, bis er an einem Aussichtspunkt endete, der einen den Rest des Waldes überblicken liess. Dort würde ich das Zentrum des Brandes ausmachen, worauf – aber sollte ich nicht umkehren? Dass ich kaum daran dachte, erschien mir in jenem Moment als eine Form von Berufsinstinkt, wenn ich auch ahnte, eines verfehlten und gefährlichen. Ich trug mit Ausnahme der Uniform keinerlei Ausrüstung bei mir, sogar die Atemmaske lag noch im Auto. So lief ich los, in der steten Angst vor einer plötzlich ausweglosen, lebensbedrohlichen Situation. Im Gegensatz dazu schien die Umgebung seltsam ruhig, nahezu geisterhaft. Zwischen den verkohlten Bäumen regte sich nichts; selbst die Stämme, welche auf den Weg gekippt waren, wirkten, als lägen sie seit Jahren auf dieselbe Weise an demselben Ort. Lediglich die anhaltende Hitze verriet den Brand in der Nähe. Und wieder fragte ich mich: wie war das möglich, wo doch vor weniger als einer Stunde der gesamte Wald gebrannt hatte? Nicht einmal der Wind konnte für den schnellen Rückzug des Feuers verantwortlich sein, denn die Ascheschicht, die den Weg bedeckte, wurde durch nichts als meine eigenen Schritte aufgewirbelt. Ich passierte die Köhlerhütte und stellte fest, dass sie unversehrt geblieben war. Meine Verwunderung stieg und kumulierte, als ich auf der Spitze des Aussichtspunkts stand, in ungläubigem Staunen.
Der Ursprung der Rauchsäule, die wir vom Waldrand aus gesehen hatten, war eine Art Schloss.
Nun waren Burgen und Schlösser in dieser Gegend weiter nichts Ungewöhnliches; auf den Hügeln im Umland ragten viele Ruinen in den Himmel. Aber eben das waren sie – Ruinen. Der Anblick einer komplett erhaltenen Festung, noch dazu an einem Ort, an dem es niemals eine solche gegeben hatte, löste Unbehagen aus. Die Bauweise des Schlosses glich weniger einem mittelalterlichen Grafensitz als vielmehr einer kreisrunden Anordnung von mächtigen, glatten Säulen, die zu ihrem Ende hin spitz zuliefen. Auf diesen Spitzen sass, das zur Mitte hin offene Dach eines Innenhofs bildend, ein breiter Ring, wie bei einem überdimensionierten Modell des Saturns. Die Rauchsäule stieg aus der Mitte dieses Ringes empor. Da sich zwischen den Türmen Mauerwerk befand, war nicht zu sehen, was sie verursachte. Hätte ich ein Funkgerät bei mir gehabt, wäre der Fall klar gewesen. Ich hätte meine Kollegen über das unheimliche Phänomen informiert und ihr Eintreffen abgewartet. Ohne ihre Unterstützung blieben mir nur zwei Optionen übrig, wovon eine – zurückzukehren und im Versuch, das Gesehene zu erklären, als Lachfigur zu enden – kaum zusagte. So stieg ich den Zickzackweg in Richtung Schloss hinunter.
Je näher ich kam, desto höher schienen die Türme zu wachsen. Auch die Umgebung veränderte sich. War die Asche zuvor nicht mehr als eine dünne Schicht auf dem Boden gewesen, versank ich nun bis zu den Knöcheln darin. Das Atmen fiel mir immer schwerer und die Hitze wurde stärker. Die Bäume, ihrem Blätterdach beraubt, wirkten wie aschene Pfähle, Überbleibsel von grausamen Hinrichtungen. Doch mit jedem Schritt lockte die Neugier. Wer hatte das Schloss erbaut? Warum war es so lange unentdeckt geblieben? Waren seine Bewohner für das Inferno verantwortlich?
Etwa hundert Meter von der Schlossmauer entfernt, wurde ich seltsame Steinquader gewahr. Sie lagen in regelmässigen Abständen links und rechts des Wegs und waren etwa mannshoch. Vor allem aber waren sie das untrüglichste Anzeichen dafür, dass ich nicht in ein Totenreich vordrang: die Oberflächen der Quader zierten Efeupflanzen oder Blumen, deren Anordnung ästhetisches Gespür voraussetzte. In einem der präzis gemeisselten Steinblöcke war eine rechteckige Öffnung zu sehen, eine Art Tür. Sie führte ins Dunkel, und ich wagte nicht, mich dem Eingang der Behausung – denn solche schienen die Blöcke zu sein – zu nähern. Ich richtete meinen Blick wieder auf das Schloss. Fast hatte ich das Haupttor erreicht. Es bestand aus einem Steinbogen, der sich zwischen zwei Türmen spannte. Der Bogen war ebenfalls mit Pflanzen geschmückt. Diesen indes setzte die Hitze zu – wie auch mir, sodass ich in Strömen schwitzte. Das Knistern des Feuers im Burghof war mittlerweile deutlich zu hören. Obwohl ich keine Angst vor den Flammen hatte, riet mir eine unbestimmte Ahnung dazu, nicht den Hauteingang zu benutzen, sondern eine Alternative zu suchen. Tatsächlich fand ich nach einem kurzen Gang um die Festung eine Stelle, wo die Steine genug Halt gaben, um ungesehen auf die Mauer zu klettern. Nach einiger Anstrengung oben angelangt, kauerte ich mich hinter die Mauerbrüstung. Von dort aus warf ich einen Blick in die Mitte des Hofs.
Was ich auch erwartet hatte – nichts davon wurde dem gerecht, was sich dort unten abspielte. Im ersten Moment glaubte ich zu halluzinieren; so grotesk, so bizarr schien das, was meine Augen erblickten. Und doch konnte ich die Dinge nicht anders umschreiben, als dass ich lebendige Flammen sah.
Nun, jeder, der mal längere Zeit in ein Kaminfeuer gestarrt hat, könnte erzählen, die Flammen hätten nach einer Weile zu tanzen begonnen. Diese hier waren für das Tanzen allerdings wie geschaffen: Sie besassen Füsse, Beine, ja sogar Arme, die sie beim Gehen energisch umherschwangen. Einzig die Gesichter und Köpfe fehlten, dafür bestand ihr Körper aus einer einzigen, in die Höhe schiessenden Lohe. Was sie taten, wurde mir erst bewusst, nachdem ich mich ein wenig von der ungläubigen Verwirrung erholt hatte. Allem Anschein nach hielten sie eine Versammlung ab, denn sie standen im Kreis, was zugleich die Ursache der von weither sichtbaren Rauchsäule bildete. Manche der Flammen trugen spitze Waffen und warteten etwas abseits, andere hielten das Eingangstor besetzt; offensichtlich sollten sie die anderen vor Eindringlingen schützen. In der Mitte des Kreises – so genau konnte ich es durch den Rauch nicht erkennen – leuchtete manchmal etwas auf, das wie die Spitze einer besonders hellen Flamme aussah. In diese Richtung hielten sich die übrigen Flammen gewandt. Ihr stetes Knistern liess beinahe vermuten, dass sie über etwas … sprachen? Ich erschauderte und wischte mir den Schweiss vom Gesicht. Wenn diese Flammen tatsächlich nicht nur über ein Land, sondern auch Sprache verfügten, so liess sich vielleicht erklären, woher das unnatürliche Muster der Waldbrände rührte: Es war eben doch natürlich, nämlich als Resultat einer koordinierten, man wagte zu sagen, bewussten Taktik zu verstehen. Der König der Flammen hatte der Schweiz den Krieg erklärt und gedachte sein Reich an mehreren Fronten auszudehnen, um seiner Art den Platz zu schaffen, der ihr wohl zustand. Ich zweifelte nicht daran, dass sich der Angriff bald auf die Dörfer und Städte der Menschen ausweiten würde, und machte mich darum voller Furcht auf den Weg, meine Kollegen, und wenn nötig, die gesamte Feuerwehr des Landes zu warnen.
Ich robbte von der Brüstung weg und kletterte von der Mauer. Es gelang mir, mich ungesehen vom Haupttor zu entfernen. Als ich zwischen den Quadern hindurchging, glaubte ich, die sei Gefahr überwunden, doch ich lag falsch. Gerade aus jener offenen Tür, an der ich zuvor vorbeigegangen war, aus ihr trat jetzt eine hochgewachsene Flamme, die eine kleinere an der Hand spazieren führte. Ich hörte ein lautes Zischen und sah, wie die grosse Flamme anklagend den Finger nach mir ausstreckte. Sofort drangen vom Haupttor her die beiden Wachen. Sie trugen, wie ich mit Schrecken feststellte, steinerne Schwerter. Ich rannte blindlings los, auf der Suche nach einem Unterschlupf im Gehölz. Ich fand keinen, sodass ich immer weiter rannte, bis ich wieder den Zickzackweg empor- und am Aussichtspunkt angelangt war. Ich blickte über die Schulter – die Flammen folgten mir nicht mehr. Sie schienen ihre Jagd aufgegeben zu haben. Oder bereiteten sie sich nur auf einen weiteren, umso schlimmeren Angriff vor? Bevor es so weit kam, musste ich das gesamte Land warnen.
Die Verantwortung eines nationalen Retters wog schwerer als gedacht. Nur mit Mühe konnte ich das Zittern der Beine unterdrücken. Erst, nachdem ich die Köhlerhütte passiert hatte, gewann ich wieder mehr Sicherheit. Ich befand mich jetzt ganz in der Nähe des Waldrandes, dort, wo die Fichte und der Einsatzwagen standen. Ich ging weiter und trat zwischen den Bäumen hindurch ins Freie – endlich. Dort stand der Wagen; doch von den Kollegen sah ich keine Spur. Hatten sie sich auf die Suche nach mir gemacht? Wenn ja, hatten sie bestimmt ihre Funkgeräte mitgenommen, und ich konnte sie kontaktieren. Zu diesem Zweck stieg ich in den Feuerwehrwagen, dessen Tür immer noch offen stand. Als ich die Sprechanlage einschalten wollte, hörte ich lautes Zischen. Mit Schrecken hob ich den Kopf und sah durch die Frontscheibe, wie zahlreiche Flammen hinter den Bäumen auftauchten. Sie hatten sich organisiert: jede von ihnen hielt ein langes Steinschwert in der Hand und sie rückten in geordneten Marschreihen vor. Schon hatten sie die Feuerstelle erreicht, als ich den Zündschlüssel umdrehte und auf das Gaspedal drückte. Sobald sie sahen, dass ich ihnen im Rückwärtsgang zu entfliehen versuchte, gaben sie die Ordnung auf und drangen wild zischend auf das Auto ein. Sie schlugen mit ihren Schwertern auf das Dach und die Scheiben des Wagens, die zerbarsten. Weder Verstand noch Geschick retteten mich – sondern eine grosse Pfütze, die auf dem Kiesweg lag. Auf einmal ging ein Ruck durch den Wagen; zu beiden Seiten spritzte ein Schwall Wasser hoch und traf die Flammen, die an den Türen rüttelten. Sie zischten verschreckt auf und liessen vom Wagen ab. Die Chance nutzend, fuhr ich ein halsbrecherisches Wendemanöver und raste hinunter ins Dorf.
«Die Schweiz am Abgrund»: auch ich glaubte nach meinen Erlebnissen daran, wiewohl, so meinte ich, aus berechtigteren Gründen wie der Verfasser jener Schlagzeile. Die Flammen würden das Land mit Krieg überziehen und die nichtsahnende Bevölkerung mit einem Schlag auslöschen. Ja, selbst dann würden sie keinen Halt machen, in die Nachbarsländer einfallen und schliesslich den ganzen Kontinent unter ihre Herrschaft bringen. Einen Tag, nachdem der Artikel in der Zeitung erschienen war, gab ich einen stockenden Bericht beim Kommandanten ab. Später folgte ein Interview in einer Regionalsendung. Ich hatte zunächst damit gezögert, das Erlebte mit der Öffentlichkeit zu teilen, weil ich fürchtete, sie würden die Angst in der Bevölkerung nur noch verschlimmern. Doch mein Zutun erwies sich als folgenlos: Man glaubte mir kein Wort. Was vor allem dem Umstand geschuldet blieb, dass es, auch nach Wochen, nie zu einem Krieg zwischen dem Flammenkönigreich und der Schweiz kam. Ja, die Brände erreichten kein einziges Dorf. Selbst im Simmental, wo das Feuer am stärksten gewütet hatte, waren die Häuser verschont geblieben. Zuletzt hörte das Wüten des Feuers sogar komplett auf, als der erste Schnee fiel. Warum?
Wenn es nach meinen zwei Kollegen ginge, die mit mir zum Einsatz fuhren – übrigens wollten sie nichts gesehen haben – hatte uns die Natur einen guten Dienst getan. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, länger auf tröstliche Wetterlagen zählen zu können, hege ich eine andere Vermutung. Vielleicht hatten wir es weniger mit einer aggressiven Expansion zu tun gehabt, als einer aufgrund Nahrungsknappheit entstandenen kurzfristigen Notlage, welche die Flammen dazu zwang, ihr übliches Territorium zu verlassen. Die Tatsache, dass die Köhlerhütte sowie alle übrigen von Menschen gebauten Objekte unangetastet blieben, lässt diesen Schluss zu. Womöglich waren sie sich unserer Existenz nicht einmal bewusst, oder fürchteten selbst, dass ein Angriff auf die Menschen einen Krieg provozieren würde, den sie nicht gewinnen konnten. Warum in unserem Land solche Wesen leben, woher sie gekommen und wohin sie verschwunden sind, weiss ich nicht. Aber das Wissen von ihrer Existenz hat, wie ich gestehen muss, meinem Beruf einiges von seiner noblen Ausrichtung genommen.

Nachts auf Deck

«Unter unseren Füssen schlafen die Piraten», sagte ich, in den Sternenhimmel blickend. Das Deck war ausgestorben, das Meer ruhig. Über dem Mast schien der Mond.
«Und doch hält sich einer verborgen, nachts auf Deck», antwortete eine Stimme. Sie kam aus einem leeren Fass, das jemand vergessen hatte.
«Das sagst du», erwiderte ich. «Aber ob du ein Pirat bist, weiss ich nicht.»
«Und du hältst dich für einen?»
«Wer weiss.» Ich ging zum Fass, hob den Deckel und blickte hinein. Es war jedoch zu dunkel, um etwas zu erkennen. «Bist du ein Pirat?»
«Wer weiss», echote die Stimme schnippisch.
«Wer ist dann der, von dem du sprichst?», fragte ich zurück.
«Das hättest du sein können.»
«Ich verstecke mich also?» Mit diesen Worten beugte ich mich ins Fass hinunter, sodass er mich sehen, gar spüren musste.
Nun blieb die Stimme für eine Weile still. Der Pirat, der keiner war, schien nachzudenken.
«Du hast Recht», meinte er schliesslich. «Hier gibt es keine Piraten.»
«Sie schlafen unter unseren Füssen», ergänzte ich. Damit schloss ich den Deckel des Fasses und ging in Richtung Kajüte.