Am Festival

Das Festival fand auf einer Wiese in der Nähe eines abgelegenen Grenzdorfes statt. Im Dorf geschah die meiste Zeit des Jahres nicht viel. Gelegentlich übernachteten Wanderarbeiter im Hotel, die saisonal über die Grenze pendelten. Nur während der drei Festivaltage im Sommer waren sämtliche Zimmer ausgebucht und auf dem Parkplatz standen die Wagen dicht an dicht in der Hitze. Am Rand der Wiese, gesäumt von Baumgruppen, parkierten die Camper, weiter entfernt von der Strasse waren die Zelte aufgeschlagen. Davon gab es so viele, dass sie beinahe die Sicht auf die Mitte der Wiese versperrten. Auf drei Bühnen spielten dort Bands, deren sphärische Musik in die späten Abendstunden passte, wenn die Dämmerung einsetzte und die ersten Feuer brannten. Die letzte Gruppe trat für gewöhnlich von der Bühne ab, wenn der Wind aufgehört hatte, über die Äste der umgebenden Bäume zu streichen. Dann, wenn die Stille einsetzte, kehrten die Besucher vor ihre Zelte zurück und verbrachten den Rest der Nacht mit leisen Gesprächen.
Ich kam am zweiten Tag an, als neben manchem Zelt schon ein Holzkohlegrill qualmte. Unter den Leuten hatten sich bereits flüchtige Bekanntschaften gebildet. Mein Zelt hatte ich am Rand des Zauns aufgestellt, der das Festivalgelände abgrenzte, und schlenderte über das trockene Gras. Die Zelte liessen nur wenig Platz übrig, sodass ich gezwungen war, über die Pflöcke zu steigen. Neben den drei Bühnen wurden an diversen Ständen Fanartikel, Essen und Alkohol verkauft. An jedem anderen Tag wäre mir der Zeitpunkt zu früh erschienen, aber da ich morgen bereits wieder abreisen würde, wollte ich die Stimmung geniessen und bestellte ein starkes Bier. Während ich am Tresen wartete, blickte ich um mich und sah am Merchandise-Stand einen auffälligen Mann. Er trug einen langen weissen Bart und einen alten, verschrumpelten Spitzhut. Sogar der leicht neckische Blick passte zu einem Zauberer; wäre nicht die fehlende Robe gewesen. Stattdessen hatte er dasselbe T-Shirt wie ich: ein schwarzes mit der Aufschrift meiner Lieblingsband, die auch schon letztes Jahr hier aufgetreten war. Ich musterte ihn mit erwachter Neugier und nahm mein Bier. Es schwappte über den Rand eines dicken Krugs mit dem Festivallogo. Ich nahm einen Schluck und ging langsam zum Merchandise-Stand, wo der Alte noch immer die Accessoires auf dem Tisch betrachtete. Ich tat es ihm gleich, wobei ich einen Aufnäher der besagten Band entdeckte.
«Teuer», murmelte ich.
Wie erhofft stieg der Alte darauf ein. «Früher war alles besser», meinte er ironisch und zwinkerte mir zu.
«Ich glaube, der heutige Auftritt aber wird der beste seit Jahren», entgegnete ich.
«Ja, sie haben mich noch nie enttäuscht», gab der alte Mann zu. «Haben Sie das Konzert vorletztes Jahr erlebt, wo der Bassist ausgefallen war?»
«Nein.»
«Selbst da war die Band nicht zu halten. Das hätten Sie sehen müssen!» Er lachte, wobei – sah ich richtig? – ein Silberzahn aufblitzte. «Aber ich will Sie nicht neidisch machen», fügte er entschuldigend hinzu. «Man sieht sich dann also abends.»
Ohne etwas gekauft zu haben, bahnte sich der Mann einen Weg zu den hinteren Zeltreihen. Ich sah ihm nach und wunderte mich; ich wusste nicht wieso, aber vom Gespräch hatte ich mir mehr erhofft. Achselzuckend schlenderte ich mit dem Bier zum Essensstand.

Als die Luft in der Nachmittagssonne flimmerte, suchten die Menschen Schutz unter schattenspendenden Schirmen. Kleinere Musikgruppen, die mal mehr, mal weniger zur Ausrichtung des Festivals passten, spielten träge auf. Am späteren Nachmittag kam ein Alleinunterhalter, der verschiedene Instrumente gleichzeitig beherrschte. Das Geschehen auf der Bühne interessierte mich vorerst lediglich am Rande. Nach und nach zeigte der Alkohol Wirkung und ich fühlte mich müde. Um für den Abend fit zu sein, wollte ich ein kurzes Nickerchen machen. Deshalb ging ich zurück zum Zelt und legte mich hin. Mein Schlaf wurde jedoch gestört – kurz, nachdem ich die Augen geschlossen hatte, erklang draussen ein leises Fluchen. Ich streckte den Kopf aus dem Zelt und blinzelte. Ein junger Mann war über meinen Zeltpflock gestolpert und hingefallen. Zum Glück hatte ich den Pflock gut verankert, sonst hätte er das ganze Zelt mitgerissen. Der Mann war ziemlich bleich und dünn. Als hätte ich das Hindernis mit böser Absicht aufgestellt, zischte er: «Kannst du nicht aufpassen?»
«Tut mir leid», gab ich zurück, wohl wissend, dass mir nichts leid tun sollte.
«Stell dein Ihr Zelt das nächste Mal woanders hin», belehrte er mich.
«Alles klar», sagte ich gleichgültig.
Er trat auf mich zu – aufgrund der Statur verlor seine Geste aber von der erhofften Bedrohlichkeit.
«Hören Sie, es tut mir leid …», begann ich genervt, da streckte er mir einen Zettel hin. Ich stutzte und faltete ihn auseinander. «Helfen Sie mir. Ich bin ein Gefangener des Zauberers», stand da. Völlig verblüfft stierte ich auf den Zettel, dann auf den jungen Mann – aber er hatte sich aber bereits entfernt, ohne Blick zurück, als wäre nichts gewesen. Mit dem Papierstück in der Hand stand ich bestimmt eine Minute wie versteinert auf der Stelle und versuchte zu begreifen, wie mir gerade geschehen war. Entweder spielte man mir einen üblen Streich – oder die Nachricht zeugte vom irrigen Delirium einer Entführung, die sich im Kopf des Betroffenen abspielte. So oder so hielt ich es nicht für angebracht, der Sache weiter nachzugehen. Ich warf den Zettel fort und kehrte ins Zelt zurück, um den verpassten Schlaf nachzuholen.

Allmählich brach die Dämmerung herein und die Atmosphäre wurde intensiver, magischer. Überall zündete man Feuerkörbe an, Fledermäuse huschten durch die Schatten. Jetzt war die Zeit, auf die alle gewartet hatten. Die Besucher strömten zur Hauptbühne, wo der Headliner spielen sollte. Wie immer liess sich die Band Zeit. Bevor der erste Gitarrenton erklang, dröhnte aus den Boxen ein leises, tiefes Synthesizergeräusch, das von einer Nebelmaschine unterstützt wurde. Die Nebelschwaden erreichten bald die vordersten Zuschauer, die sich gespannt an die Absperrung zwischen Platz und Bühne geklammert hielten, und schwebte über die Köpfe zu den hinteren Besuchern, die mit einem Bier in der Hand bei den Rundtischen standen. Ich befand mich in der Mitte des Publikums, wo das Gedränge immer grösser wurde. Das letzte Mal hatte ich mir einen Platz in der vordersten Reihe sichern können, diesmal war ich jedoch zu spät gekommen. Ich ärgerte mich ein wenig, war aber froh, dass ich vor dem Auftritt die Möglichkeit hatte, zu den Verpflegungsständen zu gehen. Da die Warterei anhielt, machte ich irgendwann von ihr Gebrauch.
Wieder bestellte ich den Krug mit dem Festivallogo. Und wieder sah ich just in dem Augenblick, da ich die Hand um den Henkel schloss, den Zauberer. Er winkte mir von einem der Stehtische aus zu. Zögerlich ging ich zu ihm. Einerseits hatte ich sonst keine Gesellschaft, andererseits kam mir der Vorfall mit dem bleichen Mann in den Sinn. Unter welchen Zauber er auch gefallen war, einen anderen als diesen Alten, der ihn hätte wirken können, gab es hier offensichtlich nicht.
«Na, schon gespannt?», fragte der Zauberer grinsend und wies auf die Bühne.
«Kann man wohl sagen», meinte ich distanziert. Seine joviale Art wirkte auf mich weniger einladend als vorher.
«Ich war ja immer jemand, der die Spätphase skeptisch beurteilt hat. Aber in den letzten Jahren musste ich doch zugeben, dass sie reifer geworden sind.» Er nickte zur Bühne. Sie war nach wie vor leer.
«Welches ist Ihr Lieblingsalbum?», fragte ich.
«Das Pilz-Album.»
So nannten Kenner das vierte Album. Es zeigte auf dem Cover einen moosbedeckten Waldabschnitt, wo im Hintergrund, wenn man genau hinsah, ein Pilz zu sehen war.
«Mich hat das erste am meisten beeindruckt», meinte ich. «Das war damals echt neue Musik.»
«Ja? Wie alt waren Sie denn, als es erschien?», fragte der Zauberer mit gespielter Strenge.
Ich lachte und winkte ab. Er nahm einen Schluck Bier.
Vorne kam nach und nach Leben in die Szene. Das Publikum begann zu jubeln, als die Schatten menschlicher Gestalten durch den Nebel auf der Bühne huschten. Ob es sich dabei um die Band selbst oder einen verirrten Roadie handelte, spielte keine Rolle. Danach geschah wieder eine Weile nichts. Bis das Schlagzeug erklang – und kaum hatte sich der Nebel verzogen, standen auf einmal sämtliche Bandmitglieder im Scheinwerferlicht und spielten den ersten Song. Es handelte sich das neue Material, das ich noch nicht allzu gut kannte. Die Melodie war jedoch eingängig und die sphärischen Abschnitte fuhren ein wie eh und je. Glücklich liess ich mich berieseln und schloss die Augen. Da stiess mich der Zauberer an der Schulter.
«Da, schauen Sie», sagte er und wies nach vorne. Der Bassist strauchelte. Zuerst hielt ich den raschen Schritt, den er gegen das Publikum machte, für einen Teil der Performance. Als er jedoch vom Rand der Bühne stürzte, erschrak ich. In der allgemeinen Verunsicherung schaffte ich es, mir einen Weg nach vorne zu bahnen. Ich stiess durch den Kreis der Schaulustigen – und blieb abrupt stehen. Der Mann, der dort am Boden lag, war derselbe, der mir den Zettel gereicht hatte.

Da er laut schrie und man eine ernstere Verletzung vermutete, trugen ihn die Sicherheitsleute zum Parkplatz. Dort warteten sie auf die Ambulanz. Sie kam, und das letzte, was wir sahen, war, wie die Notärzte unverrichteter Dinge davonfuhren und er ins Hotel geleitet wurde. Der Unfall schien also doch nicht so ernst zu sein. Das Konzert wurde trotzdem unterbrochen; der Sänger versprach aber, eine Lösung zu finden. Ich hatte das Geschehen mit gebannten Blicken verfolgt. Nun, da jeder mit dem Nächstbesten darüber zu tuscheln begann, fiel mir ein, wie der Zauberer einen ähnlichen Vorfall erwähnt hatte. Er war aber nirgends mehr zu finden. Zuerst der stille Hilferuf, jetzt das – die Merkwürdigkeiten nahmen überhand. Während die erste Aufregung langsam abflaute, stieg im Publikum eine unsichere Spannung, die manchen dazu animierte, den Namen des Bassisten zu skandieren. Verwirrt dachte ich an die vergangene Begegnung zurück. Hatte ich tatsächlich mit einem meiner Idole gesprochen, ohne es zu ahnen? Ich zückte das Handy und schaute mir das Video eines alten Auftritts an. Wirklich sah der Musiker, der dort im Halbdunkeln neben dem Gitarristen stand und den Nummer 1-Hit begleitete, dem unglücklich Stolpernden zum Verwechseln ähnlich. Weshalb war mir die Ähnlichkeit nicht schon vorher aufgefallen? Ich blickte genauer hin. Ja, nur die Gesichtszüge waren gleich geblieben, ansonsten schien er nunmehr ein ausgemergelter Schatten seiner selbst.
Als ich den Zauberer nach zwanzig Minuten Suche immer noch nicht fand und zuletzt ein Festival-Stammgast behauptete, er habe noch nie einen solchen Typ gesehen, kam ich zum Schluss, dass an der Sache definitiv etwas faul war. Ich schnappte mir eine dünne Jacke aus dem Zelt und marschierte in Richtung Hotel.
Obwohl der Parkplatz bis auf die letzte Ecke mit Autos überfüllt war, wirkte er im verlassenen Chromstahlglanz gespenstisch still. Das Hotel am Ende der Asphaltfläche schien sich mit seinen Fensterlöchern drohend über die Karosserien zu beugen. Wenige Meter vor dem Eingang suchte ich Schutz hinter einem Geländewagen. Um den Ansturm von besorgten Fans zu verhindern, hatte man zwei Sicherheitsleute abkommandiert. Sie standen mit verschränkten Armen, aber gelangweilt um sich blickend unter dem Vordach und warfen einander Beleidigungen zu. Die Walkie-Talkies an ihren Gürteln gaben dauernd Geräusche von sich. Irgendwie musste ich an ihnen vorbeikommen. Hatte das Hotel einen Hintereingang? – Das Problem erübrigte sich, als vom Parkplatz her ein Pfeifen ertönte. Ein dritter Wachmann rief die beiden mit einer Taschenlampe zu sich. Wohl hatte er etwas Verdächtiges an einem Wagen entdeckt. Kaum war das Personal ausser Sicht, nutzte ich die Chance und ging mit schnellen Schritten durch die gläserne Drehtür.
Die Rezeption war leer. Niemand würde mir unangenehme Fragen stellen – aber ich würde auch keine Antworten über den Aufenthaltsort des Bassisten bekommen. Für einmal mehr half mir der Zufall: Ein muskulöser Roadie kam durch die Drehtür. Er trug eine Gitarrentasche in der Hand. Ohne mich zu beachten – wahrscheinlich hielt er mir für einen gewöhnlichen Hotelmitarbeiter – steuerte er auf den Lift zu und drückte den Knopf. In einer Eingebung griff ich nach der Klingel auf der Theke und sprang im letzten Moment zu ihm in die Kabine.
«Buffet», sagte ich nickend, wies auf die Klingel und drückte sie. Auf mein nervöses Grinsen hin schnitt er eine Grimasse. Im dritten Stock stieg er aus und drehte sich um.
«Buffet», knurrte er und wies nach unten.
«Ah, Buffet!», erwiderte ich nervös lachend und schlug mir mit der flachen Hand auf die Stirn. Die Lifttür schloss sich. Tatsächlich fuhr ich wieder nach unten – nur um eine Minute später wieder hochzufahren. Im dritten Stock stieg ich aus, blickte nach links und rechts. Der Roadie war verschwunden. Aber die Gitarrentasche lehnte an der Wand neben einer offenen Zimmertür, aus der leise, nervöse Stimmen drangen. Eine davon identifizierte ich als diejenige des Zauberers. Plötzlich trat er aus der Tür in den Gang. Wäre er in Richtung des Lifts gekommen, hätte er mich zweifellos entdeckt – doch er verschwand weiter hinten um die Ecke. Ich holte tief Luft und schlüpfte ins Zimmer.

Im Geheimen ahnte ich, was mich erwartete. Dennoch ängstigte mich der Anblick Bassisten, wie er elend dalag, zutiefst. In der Ecke des Zimmers brannte eine rötlich gedimmte Lampe, die seinen Zustand weder hervorhob noch aber verstecken konnte. Unter dem Laken waren die Linien eines sterbenden Körpers zu erkennen; die Arme, welche er, kaum bei Bewusstsein, über den Bettrand hängen liess, wirkten so dünn, dass man glaubte, die Knöchel würden die Haut jeden Moment zerreissen. Der Kopf – fast ein Schädel – lag auf einem Turm von Kissen gebettet, die unter seinem Gewicht kaum zusammensanken.
Zu meiner Verunsicherung war er trotz seiner Lage hellwach. Kaum war ich ins Zimmer getreten, drehte er den Kopf zu mir. In seinen Augen lag zuerst blankes Erstaunen, dann aufblitzender Ärger und am Ende Resignation.
«Du hättest früher kommen müssen», murmelte er. «Jetzt ist es zu spät.»
«Wofür?», fragte ich.
Ich bekam keine Antwort.
Der Bassist drehte den Kopf auf dem Kissen, sodass er seitlich lag. «Ich kenne dich nicht», begann er. «Aber so lange ich noch Kraft habe, will ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Vor fünf Jahren lernte ich den Zauberer kennen. Ein aufgestellter alter Mann, nicht wahr? Ja, ich dachte zuerst genauso. Dann aber begannen sich die Unglücke zu häufen. Ich wurde oft krank, fiel beinahe einem Auto- oder Fahrradunfall zum Opfer. Jeweils kurz vor, während oder nach unseren Auftritten. Immer häufiger mussten wir sie absagen. Und jetzt? Sieh mich an. Ich bin nicht einmal mehr dazu in der Lage, richtig den Kopf zu heben. Der Einfluss des Zauberers hat an meinen Kräften gezehrt. Und jetzt, kurz bevor du kamst, hat er einen letzten Zauber auf mich gesprochen. Einen Todeszauber. Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit …»
«Du glaubst, der Zauberer hat dich … verzaubert?»
«Wie auch nicht», stöhnte der Bassist. «Das erste Mal traf ich ihn an ebendiesem Festival. In der Nacht vor unserem grossen Auftritt litt ich unter solchen Gelenkschmerzen, dass an meine Teilnahme nicht mehr zu denken war. Zum Glück konnte die Band kurzfristig Ersatz finden. Sie wird überleben. Aber ich … mit mir ist es aus.»
Ich wurde unsicher. Redete ich mit einem Verrückten oder tatsächlich mit dem Opfer magischer Gewalten?
«Woher weisst du, dass nicht alles schlimme Zufälle waren? Warum sollte der Zauberer dir schaden wollen?»
Der Bassist lachte leise, verzweifelt auf. «Du müsstest die Blicke sehen, die er mir zuwirft. Wie ein Rabe, ein schwarzes Gespenst steht er im Publikum. Nie lässt er die Augen von mir. Er wartet nur darauf, bis seine Flüche ihre Wirkung entfalten. Meine Finger werden klamm, wenn ich allein daran denke!» Er röchelte, als täte er bald den letzten Atemzug. Schwach fügte er hinzu: «Was deine zweite Frage angeht, so ist die Sache klar: Ihm missfällt der Pfad, den wir mit der Band eingeschlagen haben. Und er glaubt, ich allein sei schuld daran, obwohl ich nicht einmal die Hälfte der Songs schreibe. Hat er einmal den Sinn auf dich gerichtet, lässt er nicht mehr von dir ab, bis …» Der Bassist hörte auf zu Sprechen; sein Blick verlor sich irgendwo zwischen Wänden und Decke des Raumes.
«Was soll ich tun?», fragte ich, obgleich mir tausend andere Fragen durch den Kopf gingen: Wie wirkte der Zauberer seine Magie? Warum hatte der Bassist den Hilferuf gerade an mich gerichtet? Warum glaubte er den Grund für den Fluch so genau zu kennen? Doch auch die Antwort auf die letztlich gestellte Frage blieb aus. Ich hielt den Atem an und blickte ins Gesicht meines Gegenübers. Er hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht mehr. Erst fürchtete ich, er sei gestorben; dann aber sah ich, wie sich die Decke über dem Brustkorb leicht hob und senkte. Meine Erleichterung währte allerdings nicht lange. Hinter mir hörte ich ein kurzes Knurren, wie von einem Hund, der in den Angriff überging. Ich drehte mich um und erblickte den Roadie, der mit seiner bedrohlichen Masse den gesamten Türrahmen ausfüllte.
«Buffet», bellte er, stampfte auf den Boden und wies nach unten. Dass ich seinen schwingenden Armen auswich und durch die Tür entweichen konnte, glich einem Wunder, aber irgendwie schaffte ich es. Die Sicherheitsleute vor dem Hotel, die eben von ihrer Wageninspektion zurückkamen, konnten mir nur verdattert nachschauen.

Ich beschloss, über das Erlebte eine Nacht zu schlafen.
Am nächsten Morgen hörte ich, dass die Band trotz der Unannehmlichkeiten eine Lösung gefunden hatte. Wie diese aussah, konnte ich aber nicht sagen, denn als ich zur Bühne gekommen war, hatte bereits die Nachfolgegruppe gespielt, deren Musik mich nicht mehr ansprach. Ich war deshalb schnell im Zelt verschwunden und erst am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Nun sass ich mit brummendem Kopf auf der Wiese. Der Schlaf hatte keineswegs geholfen, die Gedanken zu vertreiben, die mir seit der Geschichte im Hotel durch den Kopf schwirrten. Nachdem sich die Kopfschmerzen wieder ein wenig gelegt hatte, fragte ich vorsichtig herum, was mit dem Bassisten los sei – ich erfuhr bloss, die Band wäre am frühen Morgen mit dem Tourbus in Richtung Autobahn davongefahren. Also kein Todesfall, kein Mord, ja, nicht mal ein nachtragender Roadie. Dennoch wollte ich den Zauberer zur Rede stellen und machte mich auf die Suche nach ihm. Die Hoffnung, ihn und somit die wahren Zusammenhänge dieser seltsamen, magischen Beziehung zu seinem ausgesuchten Opfer zu finden, schwand jedoch mit jeder Stunde. Als Mittag geworden war, gab ich die Suche auf. Ich konnte nicht ewig hierbleiben, zumal ich am nächsten Morgen im Büro arbeiten musste. So blieb die Ratlosigkeit in mir sitzen, während ich das Zelt abbrach, die Stangen und Pflöcke in der Tragtasche verstaute. Als alles zusammengepackt war, schaute ich ein letztes Mal auf den Fleck niedergedrückten Grases, um mich zu vergewissern, ob ich nichts vergessen hatte. – Da lag etwas. Der Zettel, den ich gestern fortgeworfen hatte. Ohne ihn erneut auszufalten, hob ich ihn auf und steckte ihn in die Tasche. In diesem Augenblick tippte mir jemand auf die Schulter.
«Wo waren Sie gestern?»
Der Zauberer beugte sich ganz nah zu mir und trommelte mit dem Finger auf den Rand seines Spitzhuts.
«Ich war … hier», stammelte ich. Eigentlich ungelogen.
«Ja? Ich habe Sie beim Konzert aber gar nicht mehr gesehen?», fragte er wieder mit derselben gespielten Strenge wie in der Frage nach meinem Alter.
«Ich stand weiter vorne», erwiderte ich.
«Ja? Ich auch.» Seine Stimme wurde beinahe drohend. Ich dachte an den schaurigen Blick, den der Bassist beschrieben hatte. Genauso hatte ich ihn mir vorgestellt. Jetzt also Schluss mit den Spielchen.
«Was haben Sie im Hotel gemacht?», konfrontierte ich ihn.
Die Überraschung auf seinem Gesicht währte nur kurz. Dann lachte der Zauberer. «Sie waren auch dort? Na, dann wissen Sie wohl, weshalb ich es war.»
«Ich weiss es nicht. Und sie werden mir den Grund für Ihr Rumschgeschleiche sofort verraten.»
Befremdet grinste er und kramte in den Tiefen seiner Robe. «Also ich verstehe nicht. Weshalb waren Sie wohl dort? Doch auch nur, um als langjähriger Fan das hier zu ergattern, oder nicht?» Mit einem triumphierenden Lächeln streckte er mir einen Zettel entgegen. In Form und Grösse entsprach er exakt demselben, der zerknüllt in meiner Tasche lag – mit dem Unterschied, dass darauf kein Hilferuf, sondern ein schwungvolles Autogramm prangte.
«Der Bassist versprach mir sogar ein Backstage-Ticket für nächstes Mal», sagte er grinsend und zwinkerte mir zu. «Als Entschädigung für den Unfall. Na, neidisch?»
Meine Überzeugung bröckelte so schnell, wie auf unsicherem Fundament nur möglich. Ich wusste nichts darauf zu erwidern und schwieg. Erst nach einer geraumen Weile konnte ich mich zu einer Frage durchringen: «Wie hat er ausgesehen? Der Bassist, meine ich.»
«Oh, ganz gut», schwadronierte der Zauberer fröhlich. «Unter uns, die Sache war wohl gar nicht so schlimm, wie es den Anschein hatte. Im Gegenteil, er verriet mir sogar, er sei ganz froh, mal eine Pause machen zu können … Nebenbei, sind Sie mit Abreisen beschäftigt?» Der Alte warf einen Blick auf die leere Wiesenfläche, auf der zuvor das Zelt gestanden war.
«Ja, leider. Ich muss morgen früh wieder arbeiten.»
«Oh, tut mir leid.»
Das waren die letzten Worte, die ich mit dem Zauberer wechselte. Vollends aus der Bahn geworfen, machte ich mich ohne weitere Umtriebe auf den Weg. Als ich im Inland an einer Raststätte hielt, warf ich den Zettel in den Abfall.