Mond

Ich hatte Glück: Am ersten Dorffest lernte ich meine erste Freundin kennen. Sie stand allein neben einem der Fahrgeschäfte auf dem Kiesplatz und sah aus, als suchte sie jemanden, der sie für eine Fahrt begleitete. Die Attraktion bestand aus jenen Drehtassen, die auf schiefer Ebene im Kreis wirbelten und in mir starke Übelkeit verursachten. Trotzdem wagte ich es und sprach sie an, ob sie Lust hätte, mit mir aufzusteigen. Sie willigte ein und lächelte dabei mit einer anziehenden Gleichgültigkeit, so, als hätte sie jeden genommen, der zufällig des Weges kam. Wir stiegen auf die Plattform und setzten uns in eine Tasse, die sich bald zu drehen begann. Während der ganzen Fahrt hielt sie die Augen fest auf mich gerichtet. Ich tat umgekehrt dasselbe und wurde so von der Übelkeit verschont. Sie rief lachend etwas in den Wind, das ich nicht verstand, und streckte die Hand nach mir aus. Ich war zu unerfahren; von ihrer Offenheit überrascht, zuckte ich zusammen und drückte mich tiefer in den Sitz, als es die Drehung schon tat.
Die Musik wurde leiser, das Zischen der Hydraulik kündigte das Ende der Fahrt an. Wir stiegen aus und liefen über den Platz. Um das wattige Gefühl in den Beinen zu vertreiben, zeichnete ich mit dem Schuh Spuren über den Kies. Sie schlug vor, den Schiessstand auszuprobieren. Glücklich darüber, dass sie meiner Begleitung noch nicht überdrüssig geworden war, stimmte ich zu. Sie jubelte, als ich alle zehn Ziele traf, und bedankte sich lächelnd, als ich ihr einen Anhänger in die Hand drückte. Obwohl mich ihre Aufgeschlossenheit freute, wunderte ich mich insgeheim darüber, wie wenig sie sonst sprach. Sie erzählte kaum von sich, und wenn längere Gesprächspausen entstanden, wirkte sie abwesend und betrübt. Ich befürchtete eine Herzensangelegenheit und wollte fragen, ob sie bereits einen Freund hatte, ahnte jedoch, dass sie nicht hier darüber reden würde. Ich kaufte uns zwei grosse Zuckerwatten und erzählte ihr von einem schönen Platz abseits des Trubels. Sie hingegen bat mich, sie ein Stück auf dem Nachhauseweg zu begleiten. Er führte an den Rand des Dorfes, wo sich ein karges Feld öffnete. Es hatte vor kurzem brach gelegen, nun wuchsen Weizensprösslinge darauf. In der Ferne konnte ich ein alleinstehendes Haus erblicken; in diese Richtung steuerte sie.
Je länger wir den Weg über das Feld gingen, desto bedrückter wurde ihre Stimmung. Sie hatte die Zuckerwatte nicht mehr angerührt, hielt aber den Stängel fest in der Hand. Immer wieder sah sie hinauf zum Mond, dessen Licht auf ihre schöne Stirn fiel. Zunächst hielt ich ihre Blicke für ein Zeichen von Verlegenheit, dann jedoch bemerkte ich die Unruhe, die in ihnen lag. Es schien, als fürchtete sie eine Katastrophe, die jeden Moment auf sie herabfahren würde. Wie sehr sich mein Eindruck bewahrheiten sollte, ahnte noch nicht.
Da begann sie von sich aus zu sprechen, allerdings nicht von einem Freund, sondern von ihrer Familie. Sie erzählte, dass sie allein bei ihrem Vater wohnte; die Mutter sei vor langer Zeit verschwunden, wohin, wisse sie nicht. Sie müsse immer wieder zurückkehren, und nichts liesse sich daran ändern. Auf diese seltsame Andeutung hin schwieg sie, obwohl ich versuchte, sie zum Fortfahren zu bewegen. Ihre Furcht vor einer unsichtbaren Bedrohung war mittlerweile so gross geworden, dass sie zu zittern begann. Mit einem Mal fuhr sie zusammen und schrie. Ich erstarrte und hörte darauf ein wirres Gestammel. Immer wieder stotterte sie nur das eine Wort: Mond … Mond. Dabei streckte sie schwach die Arme über den Kopf, als wollte sie einen Angriff von oben abwehren. Zuletzt sank sie auf der Stelle um; ich konnte sie gerade noch davor bewahren, mit dem Kopf auf den Asphalt zu knallen.
Sie hatte das Bewusstsein verloren.
Ich legte sie vorsichtig auf den Rücken und lauschte an ihrer Brust. Ein schwacher Atem. Alle Versuche, sie zu wecken, schlugen fehl. In Gedanken ging ich unzählige Krankheitsszenarien durch, doch je mehr sich in meinem Kopf zusammenhäuften, desto hilfloser fühlte ich mich. Gerade wollte in Richtung Dorf rennen, um Hilfe zu holen, als mich die Lichter zweier Wagenscheinwerfer blendeten. Ein alter Toyota hielt neben uns an. Wie es sich ergab, war der Fahrer, der in aller Hast ausstieg und die Ohnmächtige auf den Rücksitz legte, ausgerechnet der Vater des Mädchens. Mir bot er den Platz auf dem Beifahrersitz an. Wir rasten zum einsamen Haus am Feldrand. Dort trugen wir sie ins Wohnzimmer und legten sie auf das Sofa. Bei all dem Wirbel hatte ich keine Fragen gestellt, nun aber, als der Vater in der Küche verschwand und mich mit dem Mädchen in der Stube zurückliess, rief ich ihm nach, ob wir sie nicht besser ins Krankenhaus fahren sollten. Der Vater kam mit einem feuchten Lappen zurück und schüttelte den Kopf. Während er ihr das Tuch auf die Stirn drückte, verriet er mir, dass er Arzt sei. Die Zustände seiner Tochter würde er kennen. Ohnmachtsanfälle, die in regelmässigen Abständen aufträten und jeweils von selbst vorübergingen. Die Ursache erklärte er in medizinischem Kauderwelsch – statt mich zu beruhigen, förderte es aber mein Misstrauen. Als er mir riet, unbesorgt nach Hause zu gehen, fragte ich, wo sich seine Praxis befände. Darauf wurde er wütend. Er sprang auf und zischte, dass ich mich in Dinge einmischte, die mich nichts angingen. Zuletzt jagte er mich aus dem Haus.
Lange stand ich mit pochendem Herzen vor der verschlossenen Tür.
Nach einer Weile gab ich mich geschlagen und blickte ich zu den Lichtern des Dorfs. Die Festgeräusche drangen leise über das Feld und vermischten sich mit dem Rauschen des Windes, der um das Haus strich. Alles blieb ruhig, als wäre nichts geschehen.

Die Maschinen summten gleichförmig im beengten Raum. Ich arbeitete in einer Garage, in der Gebrauchtwagen repariert wurden. Ein Ferienjob, um meine Eltern zufriedenzustellen. Sie sagten, ich würde damit wichtige Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln. In Wahrheit war mir die Arbeit egal, wenn sie mir nur genügend Geld einbrachte. Ich brauchte dringend neue Ersatzteile für mein Mofa, das seit den letzten Wochen ein besorgniserregendes Klappern von sich gab. Für gewöhnlich wäre ich damit samstags auf dem Pausenplatz aufgekreuzt, um die Mädchen zu beeindrucken. Nun aber wollte ich, da mir bei dem Geklappere ihr Spott sicher war, darauf verzichten. Dass ich mir die «pubertäre Aktion», wie sie Mutter nannte, mittlerweile ersparte, hatte aber auch einen anderen Grund.
Denn immerzu musste ich an sie denken, und an das Wort, das sie gerufen hatte. «Mond» – wie eine Warnung hatte es geklungen. Ich hatte mich in der Schule umgehört, aber niemand schien das Mädchen zu kennen, geschweige denn zu wissen, in welche Klasse sie ging. Ich hatte deshalb schon den Verdacht, sie käme aus der Stadt; aber warum hätte sie sich dann an unser Dorffest verirrt? Nein, das war unwahrscheinlich – ausserdem hatte ich sie doch selbst Bekanntschaft mit ihrer Familie gemacht. Allerdings weckte das Verhalten ihres Vaters nicht gerade Vertrauen. Vielleicht, kam mir in den Sinn, unterrichtete er sie zuhause und hielt sie von der Aussenwelt fern. – Weshalb das Dorffest, an das sie sich heimlich schlich, zu viel für ihre Nerven gewesen war –
Ich wusste selbst, dass meine Gedankenspiele nichts taugten. Deshalb nahm ich an einem Freitag von der Arbeit Reissaus, um nach ihr zu sehen. Damit mein Verschwinden fürs Erste unentdeckt bliebe, fragte ich den Werkstattleiter, ob ich mich um den Wagen auf der Rückseite der Garage kümmern könne. Ich wusste, dass man mich dort höchstens alle zwei Stunden behelligte, und ich würde mir so genügend Zeit verschaffen. Der Leiter gab nichtsahnend seine Erlaubnis, ich huschte um das Gebäude, bis ich vor meinem Mofa stand, das ich zuvor hier versteckt hatte. Die ersten Meter bis zum Tor schob ich es neben mir her. Kaum hatte ich jedoch die Strasse erreicht, schwang ich mich auf den Sitz und fuhr los.
Ich liess das Dorf hinter mir. Die Sonne brannte auf das Feld, das keinerlei Schatten bot. Der Asphalt war trocken und staubig. Links und rechts erstreckten sich die Sprösslinge. Endlich kam ich beim Haus an. Ich stellte das Mofa vor dem Garten ab und ging den Weg zwischen Apfelbäumen hindurch zur Haustür. Anscheinend war der Vater nicht nur Arzt, sondern auch Naturfreund. Ich klingelte. Als niemand reagierte, klopfte ich beharrlich. Immer noch keine Antwort. Ich hielt nach einem offenen Fenster Ausschau. Das fand ich nicht, dafür etwas Besseres: Eine Aussentreppe führte zu einer unverschlossenen Kellertür. Ich riss sie auf und schlüpfte hinein. Ein Druck auf den Lichtschalter erhellte einen Raum mit allerlei Gerümpel. Ich bahnte mir einen Weg zur Treppe, ging nach oben und fand mich in der Stube wieder.
Die Tochter lag noch genau so da, wie ich sie zurückgelassen hatte.
Der Vater hatte lediglich eine graue Wolldecke über sie gebreitet, unter der ihre bleichen Arme hervorlugten. Auf einem Nachttisch neben dem Sofa stand eine Tasse Tee. Sie war leergetrunken. Ich setzte mich neben das Mädchen und betrachtete sie. Ihre Wangen schienen eingefallen. Ansonsten wirkte sie so schön wie an dem Abend, als ich sie getroffen hatte. Ich beugte mich über ihr Gesicht und wollte ihren Namen flüstern – doch ich kannte ihn ja nicht.
«Juna», sagte eine Stimme hinter mir.
Der Vater hatte mich vom Ofen aus beobachtet. Er kam bedrohlich auf mich zu. «Juna» hiess in einem japanischen Dialekt «Mond», wie ich später erfuhr. Es blieb das einzige, was er sagte. All meine erneuten Fragen zu ihrem Zustand ignorierte er wortlos und drängte mich einmal mehr zum Gehen, indem er zur Tür wies. Arzt hin oder her, ich fand ihn unerträglich. In einer heissen Wut wollte ich ihn zurückstossen, doch da fiel mir etwas Besseres ein.

Ich ging nach draussen und tat so, als entfernte ich mich, machte vor dem Gartenzaun jedoch eine scharfe Biegung und schritt zielstrebig um das Haus herum. An der Seite befand sich ein zur Garage umgebauter Schuppen, in dem der Wagen parkte. Wenn dieser Tyrann jegliche Hilfe ablehnte, sollte er eben bekommen, was er verdiente. Ich klappte die Motorhaube auf – und schloss sie wieder, da mir die Unsinnigkeit meines Tuns bewusst wurde. Nein, ein kaputtes Auto würde niemandem helfen, schon gar nicht Juna. Als ich so innehaltend im Halbdunkel des Schuppens stand, fiel mir ein Leuchten auf. Es kam von der Rückwand. Zuerst vermutete ich Sonnenlicht, das durch die Lücken zwischen den Brettern schien. Dafür war es aber zu kalt. Ich trat näher und gewahrte ein loses Brett, hinter dem die Lichtquelle besonders stark leuchtete. Mit einem Ruck riss ich es von der Wand und stierte mit offenem Mund auf das, was ich sah.
Hinter der Wand hätte ich das Ende des Apfelbaumgartens erblicken müssen. Worauf ich aber schaute, war eine karge, weisse Landschaft, übersät von Kratern und Hügeln, auf denen nichts wuchs. Eine Felswüste, über die sich ein schwarzer Himmel spannte. Das kalte Leuchten dieser Wüste war so stark, dass ich die Augen zusammenkneifen musste. Am Horizont glaubte ich einen bläulichen Schemen auszumachen.
Da lenkte mich ein Geräusch ab – die Stimme des Vaters, der durch den Garten brüllte. Er hatte in der Zwischenzeit offenbar bemerkt, dass das Mofa noch immer am Gartenzaun stand, und wollte mich endgültig fortjagen. Hastig blickte mich nach einem Versteck um. Würde er erst in den kleinen Schuppen treten, bestünde wenig Aussicht auf Heimlichkeit. Da entsann ich mich, dass der Schuppen ja an der vom Zaun abgewandten Hausseite stand. Im Schutz der Fassade konnte ich eine bessere Alternative zu suchen. Und so rannte ich hinaus und sprang hinter ein Gebüsch. Es lag am Rand des Grundstücks, von wo aus man einen guten Überblick hatte. Ich beobachtete, wie der Vater wie eine Schattengestalt zwischen den Bäumen hindurchhuschte. Sein gebückter Gang wirkte unnatürlich, und meine Abneigung gegen ihn steigerte sich zu einem schwer erklärlichen Ekel.
Bald darauf war ich froh um meinen Schachzug, denn der Vater rannte zum Schuppen und riss das Tor weit auf. Ich hatte keine Zeit gehabt, das Holzbrett wieder an seinen Platz zu rücken, und so wurde mein unerlaubtes Verweilen noch augenfälliger. Ich erwartete, ihn jeden Moment aus dem Schuppen und in meine Richtung stürmen zu sehen. Doch zu meiner Verwunderung heulte der Automotor auf. Sollte er etwa wegfahren? Das schien völlig widersinnig. Nein, der Motor brummte zwar, und der Wagen fuhr, aber nicht aus dem Schuppen. Trotzdem wurde das Motorengeräusch allmählich leiser, als entfernte er sich. Aber in welche Richtung?
Erst, als ich die Vögel zwitschern hörte, wagte ich mich hinter dem Gebüsch hervor. Jeden Muskel anspannend, näherte ich mich dem Schuppen. Es blieb still. Was ebenfalls blieb, war der ungeheure Anblick der weissen Landschaft, die sich dort erstreckte, wo die hintere Bretterwand hätte sein müssen. Der Wagen fehlte, und ich ahnte: Der Vater war der falschen Spur gefolgt und suchte mich in der Einöde unter dem schwarzen Himmel.
Entweder, ich hörte auf die Vernunft, nutzte die Abwesenheit des Vaters und brachte Juna ins Krankenhaus, wo sie die nötige Behandlung bekam. Oder aber ich folgte diesem Poltergeist, dem Vater, und würde, wenn ich ihn fände, das Rätsel um seine Tochter lösen.

Wegen dem Staub, den das Mofa während der Fahrt aufwirbelte, hatte ich Mühe, durch das Helmvisier etwas zu erkennen. Dafür minderte er das gleissende Licht der Mondlandschaft. Vor mir erstreckte sich eine weite, mit Felsblöcken bespickte Ebene. Die Blöcke erreichten die Grösse von Findlingen, die ich schon auf manchen bewaldeten Berghängen gesehen hatte. Nur, dass diese, von keinem Schatten je berührt, mit der weissen Oberfläche verschmolzen schienen. In der Ferne, dort, wo sich der schwarze Himmel und die weisse Landschaft trafen, sah ich eine Staubwolke. In dieselbe Richtung führten zwei geradlinige Reifenabdrücke. Zwischen ihnen fuhr ich, einer klaren Spur ins Ungewisse folgend.
Während als einziges Geräusch das Dröhnen des Mofas meinen Kopf ausfüllte, hielt ich meinen Blick fest auf die Staubwolke gerichtet. Sie wurde weder noch grösser noch kleiner, kam weder näher noch entfernte sich. Dass ich mich in der Einöde überhaupt bewegte, bemerkte ich lediglich an den Hügelgruppen, die am Horizont auftauchten, langsam zur Seite hin wanderten und hinter mir verschwanden. Das Mofa begann wieder zu stottern; ich fürchtete, es würde zum Stillstand kommen. Da bemerkte ich eine ferne Bergkette. Zuerst war sie ein dünner Streifen, bis sie, je näher ich kam, zu einem kolossalen Felsmassiv heranwuchs. Die Staubwolke des Autos verschwand in einer Schlucht zwischen den steilen, zackigen Hängen. Ich konnte bis zum Eingang der Schlucht fahren; dann gab der felsige Grund meinem Mofa den Rest. Ich stieg ab und führte es zu Fuss unter einen Felsvorsprung. Den Helm auszuziehen wagte ich nicht, als sei ich ein Astronaut, obwohl die Bedingungen an diesem unwirtlichen Ort kaum denjenigen des wirklichen Mondes entsprechen konnten – doch was war an diesem Abenteuer überhaupt noch wirklich?
So hell das Licht gestrahlt hatte, so dunkel lauerten die Schatten am Grund der Schlucht. Der Kontrast zwischen Dunkel und Licht schmerzte so sehr in den Augen, dass sie sich nicht darauf einstellen konnten. Nach hundert Metern entdeckte ich das Auto. Es stand vor einer Geröllhalde, die ein Weiterkommen verunmöglichte. Die Fahrertür war offen, der Sitz leer. Der Vater musste ausgestiegen und über die Steine geklettert sein. Ich begann ebenfalls zu klettern, bis ich mit zerschlissenen Hosen oben ankam. Auf der anderen Seite des Gerölls mündete die Schlucht scheinbar in einer Sackgasse. Jedoch sah ich, als ich den Hang hinabrutschte, eine dunkle Öffnung im Felsen, die wegen der sie umgebenden Schatten kaum zu erkennen war. Obwohl ich sicher war, auf der richtigen Spur zu sein – einen anderen Weg gab es nicht – zögerte ich, die Höhle zu betreten; ein kalter Luftzug, so schien es, strömte aus ihren Tiefen. Doch – war da nicht ein Licht im Dunkeln? Ich folgte dem Licht; als ich darin stand, realisierte ich, dass es von einem Loch in der felsigen Decke stammte, wodurch ein fahler Schein fiel. Und dass es nicht das einzige war – in regelmässigen Abständen folgten weitere solcher Löcher, die Lichtflecken auf den Boden zeichneten, ganz so, als wiesen sie einen Pfad durch die Dunkelheit. Ob ich mich lediglich einem Zufall fügte oder nicht, es zu tun war besser als nichts, und so schritt ich den Lichtpfad ab. Er führte mich immer tiefer in die Höhle, sodass ich bald nicht mehr wusste, wie lange ich dahinwanderte. Der Weg wurde immer steiler, bis ich unverhofft einen Ausgang erreichte. Er gab die Sicht auf einen versteckten Talkessel frei, in dessen Mitte ein seltsames Gebilde stand.

Das Gebilde, ganz aus Stein wie die es umgebenden Felswände, war zunächst nicht als funktionaler Bau zu erkennen. Seine Form glich vielmehr einer natürlichen Verwerfung in der Landschaft als einem Gebäude. Felsenspitzen, die ich nach und nach als Türme zu begreifen lernte, ragten zu beiden Seiten auf. In der Mitte wölbte sich ein Felsen, den man, wäre er nicht von tiefen Furchen zersetzt gewesen, wohl als Kuppeldach hätte bezeichnen können. Am Fuss der Kuppel das Eingangstor – oder aber eine von der Zeit vergessene Einbruchstelle. Als ich den Talkessel hinunterschritt, wurde ich für einmal mehr der allumfassenden Stille gewahr. Ich hörte nichts als meine eigenen Schritte und das leise Knirschen des Staubs, in dem meine Füsse versanken. An jedem anderen Ort wäre sie mir widernatürlich erschienen, aber hier wurde jedes Geräusch zum Eindringling, der die Ordnung – von welcher Art sie auch sein mochte – störte. Ich kam vor dem Eingang zum Stehen und blickte hinein. Auch hier ein Licht – eine einzige, kreisrunde Öffnung in der Kuppel, welche das Zentrum eines einzigen Raumes erhellte. Im Lichtschein erhob sich ein niedriges, rechteckiges Podest. Und auf diesem Podest lag Juna.
Am Rand des Lichtkreises blieb ich stehen. So unheimlich schien mir ihre Anwesenheit an diesem verlassenen Ort, dass ich vor ihr zurückschreckte. Und doch war ich mir sicher, dass sie dasselbe unschuldige Mädchen war, das mir am Dorffest zugelächelt hatte. Ich wusste nicht, wie lange ich sinnend dastand, es musste aber lange genug gewesen sein, denn unbemerkt war ein Schatten neben mich getreten. Der Vater. Ich sah ihn nicht an. Stattdessen verfolgte ich Juna mit meinen Blicken. Langsam öffnete sie die Augen und richtete sich auf. Die Umgebung schien ihr vertraut; sie nahm den Raum nicht in Augenschein, sondern drehte den Kopf und sah mich direkt an.
«Bist du es?», fragte sie. «Möchtest du zu mir kommen?»
Ihre Stimme klang unverändert. Trotzdem kam es mir so vor, als hörte ich sie zum ersten Mal.
«Geh nicht», ertönte zugleich die Stimme des Vaters rechts von mir. Dieselbe Abneigung, die mich im Garten ergriffen hatte, überkam mich und ich trat zur Seite. Gesichtslos, wie er im Dunkeln stand, wollte ich nicht in seiner Nähe bleiben. Dennoch ging ich nicht in den Lichtkreis. Waren Junas Worte eine Bitte? Oder eine Drohung?
«Wie kommst du hierher?», fragte ich sie.
«Sie war schon immer hier», antwortete der Schatten an ihrer Stelle, während sie reglos auf dem Podest sitzen blieb.
«Wie?», fragte ich in ihre Richtung.
«Das kann ich nicht sagen», erwiderte der Schatten. «Ich fand sie hier ebenso wie du.»
«Warst du nicht eben im Haus deines Vaters?», sprach ich zu Juna, den Schatten ignorierend.
«Ich bin nicht ihr Vater», antwortete er ungeachtet weiter.
«Ja? Und wer bist du dann?», wandte ich mich widerwillig endlich doch an ihn.
Juna blickte mit demselben gleichgültigen Lächeln zu mir, mit dem sie mich auf dem Kiesplatz empfangen hatte. Das Licht fiel wie damals auf ihre schöne, bleiche Stirn, und ich fühlte mich an jenen Abend im Dorf versetzt. Jetzt war sie es, die Antwort gab.
«Ich möchte, dass du bei mir bleibst», sagte sie.
«Nein», sprach wiederum der Schatten.
«Warum?», fragte ich.
«Weil sie das allen Menschen sagt, die hierher kommen.» Er stand nicht mehr neben mir, sondern hatte sich in die Dunkelheit verflüchtigt. «Sie hat es auch mir gesagt.»
«Was ist das hier für ein Ort?» Ich richtete meine Worte sowohl an Juna als auch an ihn, ahnend, dass ich von beiden, die in ihrer Feindschaft doch seltsam verbunden schienen, keine oder gegensätzliche Antworten bekommen würde.
Juna stand auf, kam auf mich zu und streckte die Hand nach mir aus, wie bei unserem gemeinsamen Moment während der wirbelnden Fahrt. «Geh besser zurück, bevor dir dasselbe passiert wie mir.» Ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten, doch ihre Stimme klang nun wie die ihres Vaters. «Zurückgehen? Nein, bitte bleib bei mir», sprach sie weiter, diesmal mit ihrer eigenen Stimme. Allmählich packte mich die Angst und ich wich zurück, weg vom Mondlicht.
«Bleib doch bei mir, bitte», wiederholte sie flehend. Gleichzeitig begannen eine Vielzahl von Stimmen aufgeregt zu flüstern. Manche kamen aus ihrem Mund, andere aus der formlosen Dunkelheit um mich herum. «Hör auf uns, und verschwinde, so lange du noch kannst. Oder willst du zum Schatten werden?»
Die Eindringlichkeit dieser Worte war es, die mich schliesslich aus der Starre riss. Ich drehte mich um und ging langsam in Richtung Ausgang. Doch schon erklang ein gellender Schrei: «Bringt ihn mir her!»
Und ich rannte los.

Wenn ich meine Verfolger gesehen oder gespürt hätte, wäre meine Flucht zielgerichtet gewesen. So aber wusste ich nicht, ob sie hinter mir, über mir oder bereits vor mir waren. Mangels Alternativen rannte ich den Weg zurück, den ich gekommen war. Das Dunkel der Höhle schien lebendig; kaum hatte ich einen der Lichtflecken passiert, erlosch er wie eine ausgeblasene Kerze. Ununterbrochen erklangen die flüsternden Stimmen. Die meiste Zeit über verstand ich nicht, was sie sagten. Manchmal hallten einzelne Satzfetzen von den Wänden wider: «Bringt ihn …» war einer davon. Wer oder was Juna und ihr Vater auch immer waren, sie waren nicht die, wofür ich sie gehalten hatte. Mein Eindruck bestätigte sich, als ich verschwitzt und mit zerrissenen Kleidern auf der Spitze der Geröllhalde ankam und hinunterblickte: vom Auto des Vaters war keine Spur zu sehen. Selbst die Reifenspuren waren weg, als hätten sie nie existiert. Am Eingang der Schlucht fand ich zwar mein Mofa wieder, aber ich musste es zurücklassen, nachdem es nicht mehr ansprang. Nach einer erschöpfenden Flucht zu Fuss sah ich endlich das Tor in die Scheune.
Willst du zum Schatten werden? Diese Worte huschten mir später oft durch den Kopf. Je länger die unwirklichen Ereignisse in die Vergangenheit rückten, desto mehr erschien mir die Frage nicht als solche, sondern als erhellende Spur. Von Juna und ihrem Vater kursierten keine Dorfgeschichten. Ich schien der erste und letzte gewesen zu sein, der die beiden je zu Gesicht bekommen hatte. Das Haus, in dem sie lebten, war, seit Jahren leerstehend, nach wenigen Wochen abgerissen worden. Die irdischen Verhältnisse, so ahnte ich, berührte sie nicht mehr als ein schwacher Lufthauch; und die Gestalten, denen ich hier auf der Erde begegnet war, waren nichts als trügerische Abbilder ihres wirklichen Lebens. Juna war nicht Opfer einer gewaltsamen Entführung gewesen, nein, sondern hatte mich, wie den vermeintlichen Vater zuvor, in ihr Licht gelockt. Während der Vater – wie so viele vor ihm – zum Mondschatten geworden war, hatte ich dem Schicksal im letzten Augenblick ein Schnippchen geschlagen.
So hatte ich zweifaches Glück: Sie blieb meine erste Freundin, und die letzte, die nachts vom Himmel schien.