Krakatau

Nachdem Dr. Farkas in der Schweiz keine Anstellung mehr gefunden hatte, war er nach Konstanz emigriert. Dort hatte er zwei Jahre verbracht, bis er in Konflikt mit der Fakultätsleitung geraten war. Nach einigen ähnlich flüchtigen Zwischenstationen in Bologna, Rom und Genf war er in Südamerika gelandet; zuletzt hatte ich ihn in Bogotá erreicht, kurz vor der geplanten Expedition. Im Ganzen glich seine Karriere der Art, wie er vor mir über die Lavasteine hüpfte. Ich hatte Mühe, den Sprüngen zu folgen, und wusste von der Reise nur so viel, als dass sie in ein unwirtliches Loch führte – der Ort, wo seiner Vermutung nach die Unterirdischen lebten. Farkas blieb stehen und blickte bedeutungsvoll zu mir zurück.
«Na, was habe ich gesagt?» Er schwenkte den Arm. «Krakatau.»
Wenn Farkas «Krakatau» sagte, meinte er nicht den Vulkanausbruch von 1883, sondern eine Chiffre, eine Theorie. Sie besagte, dass die Ausbrüche der letzten zweihundert Jahre durch eine Serie von Ereignissen im Leben derer, die er die «Unterirdischen» nannte, verursacht worden waren. Ihr Aussehen glich dem kleiner Kinder im Alter von zehn oder zwölf. Die Proportion ihrer Gliedmassen und Köpfe hatten zwar menschliches Ansehen, aber ihre Körper waren infolge ihrer Lebensweise vollkommen von erstarrter Asche bedeckt. In Konstanz hatten die Archäologen lachend gefragt, ob Farkas denn unbeschadet den Dämpfen des Krakatau entstiegen sei, und seine Antwort trug ihm viel Häme ein: Nein, so eine gefährliche Unternehmung sei gar nicht nötig, denn die in Pompeji freigelegten Aschefiguren legten bereits ein hinreichendes Zeugnis von der Existenz der Unterirdischen ab. Man hätte nämlich nicht die verschütteten Bewohner der römischen Stadt ausgegraben, sondern die Überreste der Vulkanmenschen, die beim Angriff auf die Stadt getötet worden waren. Zu Farkas’ Leidwesen war von einem solchen Angriff weder bei Tacitus, noch bei Livius oder einer anderen römisch-antiken Quelle die Rede. In Berlin hatte er sich mit der Behauptung zu retten versucht, er besässe ein vergessenes Fragment des Lukian; ob er sich damit einen Gefallen getan hatte, blieb zu bezweifeln.
«Als wir über den Rio Paraná fuhren, da benutzten Sie so ein Ding. Wie hiess das nochmals?», fragte der Privatdozent.
«Das hier?», fragte ich und holte einen kleinen Ventilator aus der Tasche. Eines der billigen Plastikteile, die man in jedem Supermarkt kaufen konnte. «Ein Handventilator.»
«Genau. Den werden wir ab jetzt nicht mehr brauchen.»
Ich zuckte fragend mit den Achseln, worauf der Dozent enthusiastisch auf eine Höhle wies. Ihr Eingang lag in einer Senke, die von den bizarren, säulenartigen Gesteinsformationen umgeben war, die man hier oben überall fand.
«Das ist es?», fragte ich zweifelnd.
«Laut Karte ja.»
«Sieht mir nicht nach dem Eingang einer Stadt aus.»
«Wer hat etwas von Stadt gesagt?», fragte Farkas leicht verärgert zurück.
«Ich dachte nur …»
«Natürlich müsst ihr Journalisten immer übertreiben. Sie hofften bestimmt etwas Gigantisches zu finden.»
«Ich erinnere Sie gerne an unser erstes Gespräch in Bogotá. Sagten Sie nicht …?»
«Schon gut», knurrte er. «Kommen Sie.» Farkas begann den Hang hinunterzurutschen. Während ich ihm folgte, rätselte ich, was ihn dazu bewogen hatte, ein Sensationsblatt wie das unsere zu kontaktieren. Besonders erfreut über die Zusammenarbeit schien er nämlich nicht. Andererseits dachte wie Fachwelt wohl dasselbe über ihn.
«Erklären Sie nochmals», fragte ich, als ich ihn einholte, «worin besteht der Unterschied zwischen den Figuren in Pompeji und denen auf dem Cotopaxi?»
«Ich dachte, Sie interessierten sich für den Unterschied zwischen ihren und unseren Fortpflanzungsorganen?», meinte er herablassend.
«Auch», gab ich zu.
Als wir etwa zehn Meter in die Höhle eingedrungen waren, befanden wir uns in kompletter Dunkelheit. Wir mussten unsere Stirnlampen aufsetzen, um etwas zu sehen. Im weissen Licht erschienen die Wände wie aus einer anderen Welt. Oder wenigstens versuchte ich mir das in Gedanken an den künftigen Artikel einzureden. Je weiter wir gingen, desto kühler wurde die Luft. Der Gang, der in die Tiefe führte, machte eine Biegung, und wir standen unvermutet in einer Grotte mit länglichen Felsnischen, die horizontal übereinanderlagen.
«Sehen Sie?», sagte Farkas aufgeregt. «Das sind ihre Betten.» Er schwenkte den Kopf hin und her, sodass das Licht seiner Stirnlampe nervös umherhuschte.
Die Anordnung der Nischen wirkten durchaus ungewöhnlich, sie als Betten zu erkennen, hätte aber viel Fantasie benötigt. Mehr, als ich meinen potenziellen Lesern zumuten wollte. Ich drängte den Privatdozenten zum Weitergehen. Erst warf er mir fehlenden Geist vor, dann stimmte ihn die Aussicht, mehr zu entdecken, um.
Wir marschierten durch den Gang weiter, der sich alsbald in drei kleinere verzweigte. Kurzentschlossen nahm Farkas den linken Weg und stiess daraufhin einen entzückten Schrei aus: wir waren erneut in einer Grotte gelandet.
«Unglaublich», keuchte der Privatdozent. «Das sind ihre Tische und Stühle.»
In der Mitte des Raumes waren ein paar zusammengewürfelte Steine zu sehen. Tische und Stühle waren darin beim besten Willen nicht zu erkennen, ich sagte jedoch nichts.
Als wir weitergingen, wurden die Gänge eng und ungemütlich. Ich begann zu schwitzen.
«Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?», fragte ich.
«Todsicher», sagte Farkas. «Und wissen Sie auch, weshalb?» Er drehte sich mit einem breiten Lächeln zu mir um. «Weil wir ihre Badeanstalt gefunden haben.»
Farkas trat zur Seite, und ich erblickte eine steinerne Halle mit beachtlichen Ausmassen. Die Decke und Wände schienen zu glühen, und der Boden war von heissen Dämpfen bedeckt. Die Hitze war beinahe unerträglich – und der Grund dafür lag etwa hundert Meter vor uns: ein brodelnder Magmasee.
Meine Instinkte setzten ein und ich zog Farkas am Arm zurück, der in faszinierter Selbstvergessenheit beinahe in die schwerflüssige Masse geschlafwandelt wäre. Ich bugsierte ihn in einen Nebengang und leuchtete ihm direkt ins Gesicht.
«Was tun Sie da?», fragte er entrüstet.
«Hören Sie mal, Dr. Farkas. Ich habe Ihre wirre Theorie gemocht, weil sie mir genau das richtige für unsere Zeitung zu sein schien. Aber dieser gefährliche Unsinn geht zu weit. Wir kehren jetzt um.»
«Aber …»
Ich schüttelte ihn. «Da sind keine Betten, keine Tische und Stühle, und keine Badeanstalt, klar? Nur Steine und Magma.»
«Wir müssen weiter», insistierte Farkas ungehalten und wollte sich von mir losreissen. Er hätte es geschafft, hätte er seine Bemühungen nicht von selbst aufgegeben. Sein Gesicht fror ein, und im selben Moment sah ich es ebenfalls: im Dunkel des Ganges bewegte sich eine Gestalt auf uns zu. Sie hatte ungefähr die Grösse eines Kindes; und als sie in den Lichtkegel der Lampen trat, erkannten wir, dass sie vollkommen von Asche bedeckt war.
«Ein Unterirdischer», flüsterte der Dozent. Ich liess ihn los.
Nach und nach traten aus dem Dunkel weitere dieser Geschöpfe. Sie drängten uns in die Halle zurück, indem sie mit langsamen Schritten auf uns zugingen und uns umzingelten. Der einzige Fluchtweg, der uns blieb, war keiner – er führte direkt in den kochenden Magmasee. Mein Begleiter nahm von der drohenden Gefahr keine Notiz, sondern betrachtete die Unterirdischen mit einer Mischung aus Angst und Entzücken.
Ich versuchte ihn zur Vernunft zu bringen. «Beruhigen Sie sich. Das ist eine Kinderbande, die sich einen schlechten Scherz erlaubt, mehr nicht.»
Farkas lächelte mich an, als sähe in mir selbst ein Kind. «Ja? Und auf welchem Beweis beruht diese Annahme?»
«Kein Beweis, aber zahlreiche Artikel über verschwundene Kinder in Brasilien. Und was stützt Ihre Theorie? Ein nicht vorhandenes Fragment Lukians?»
«Was brauchen Sie Beweise, wenn wir doch das Wunder direkt vor unseren Augen haben!», rief Farkas wie im Rausch zurück.
Wir waren von unserem Gespräch so absorbiert, dass wir nicht bemerkten, wie uns die Gestalten immer näher an den See geschubst hatten. Um genau zu sein, hatten sie uns schon so weit zurückgedrängt, dass wir mit den Knöcheln im Magma standen. Als ich, an mir herunterblickend, realisierte, dass meine Füsse in der heissen Masse steckten, zog ich das rechte Bein mit Schrecken hoch – es war unversehrt. Auch Farkas stapfte verwundert in der glühenden Masse umher.
«Badeanstalt», wiederholte er mit gebrochener Stimme.
Ich fragte mich, ob ich das Wort Badeanstalt schon einmal so gehört hatte.
«Aber nicht für Unterirdische, sondern für, ah, uns?», murmelte ich in heilloser Verwirrung.
«Für uns!», rief der Dozent wie von Sinnen und rannte in den See hinein.
«Warten Sie!» Ich rannte ihm hinterher, bis ich den Boden nicht mehr unter mir spürte. In weit ausholenden Zügen schwamm ich an die Stelle, wo Farkas’ Kopf aus dem Magma ragte.
«Wie haben die das gemacht?», fragte er.
«Ich glaube, sie machen gar nichts», erwiderte ich und blickte zurück zu den aschebedeckten Figuren, die immer noch am Ufer des Sees standen. Aus der Ferne glaubte ich, einige der Gesichter deutlicher zu erkennen. Sie erinnerten mich vage an Fotos von Vermisstenanzeigen, die ich in den letzten Jahren gesehen hatte.
«Wie haben … wir das gemacht?», doppelte der Privatdozent nach.
Ich wollte ihm antworten, da erfasste uns auf einmal ein starker Strom, der uns in die Tiefe zog. Mir blieb gerade noch Zeit, die Luft anzuhalten. Blind fuchtelte ich mit den Armen, bis ich Dr. Farkas’ Hand zu fassen bekam. Ich wollte ihn zurück an die Oberfläche ziehen, stellte aber erschrocken fest, dass sich über uns eine steinerne Decke befand. Wir schwammen planlos in eine Richtung, doch unsere Kräfte schwanden. Wenn sich nicht bald eine Lösung fand, würden wir ertrinken. Da fiel mir etwas ein. Ich tastete in meiner Hose umher und beförderte den Handventilator aus der Tasche. Ohne viel nachzudenken, schaltete ich ihn ein. Es klappte: Der Ventilator erzeugte die Kraft einer Schiffsschraube, die uns in Lichtgeschwindigkeit durch das Magma beförderte. Obwohl wir uns dabei mehr als einmal den Kopf an Wänden und Decke stiessen, kamen wir so schliesslich zurück zur Magmaoberfläche. Ich blickte mich um. Wir waren nicht mehr in der Halle, sondern in einer kleinen, mit Magma gefüllten Kammer. Farkas wies auf die Decke über uns, worin sich ein Loch befand. Tatsächlich, da schien Tageslicht durch die Öffnung. Da wir genug vom unfreiwilligen Bad hatten, machten wir uns unverzüglich daran, an die Erdoberfläche zu klettern. Als wir uns aus der Öffnung gezogen hatten, fanden wir uns am Fuss des Vulkans wieder. In der Ferne schimmerte das silberne Band des Rio Paraná.
Farkas und ich blickten uns an.
«Was werden Sie darüber schreiben?», fragte er.
«Ich weiss es nicht», antwortete ich.
Der Dozent runzelte die Stirn.
«Ich weiss es nicht. Beim besten Willen nicht.»
«Ja … gut», meinte er nachdenklich.
Wir machten uns schwankend an den Abstieg.

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