Gelungene Premiere

Am Freitag ging die Premiere des „weissen Kalongs“ über die Bühne. Bis vor Beginn stieg meine Nervosität stetig an: Das erste Mal würde mein Stück vor Publikum aufgeführt. Würde alles klappen? Wie würden die Leute die Vorstellung aufnehmen? Und vor allem: war das, was ich da fabriziert hatte, überhaupt verständlich?
Nach den ersten paar Szenen lösten sich meine Bedenken jedoch in Luft auf. Das lag nicht nur an den Reaktionen des Publikums, sondern auch an den Schauspielern, die ihre Rollen mit Enthusiasmus verkörperten und so jeder Figur Leben einhauchten. Ob die arrogante Frau Eichenberg, der verzweifelte Museumsdirektor, die dienstfertigen Assistenten und schüchterne Johannes: Alle brachten ihre Persönlichkeit zur Geltung und verliehen dem Stück den nötigen Pfiff. Die Szenen, die für die Bühne gekürzt oder umgeschrieben worden waren, fügten sich gut ins Gesamtbild ein; die eine Szene gegen Ende (Johannes sitzt neben dem weissen Kalong) kam gar, anders als im Skript, beinahe ohne Worte aus – trotzdem zeigte sie Wirkung (vielleicht sogar eine bessere als mit Worten). Die Theatertruppe sowie das Museum scheuten keinen Aufwand: Beleuchtung, Szenenwechsel, die Gruppenführungen liefen fast reibungslos ab. Dahinter steckten viele Stunden Arbeit, die ich sehr schätze. Ohne das Engagement aller Beteiligten wäre ein solch gelungener Abend nie möglich gewesen. Hut ab!

„Der weisse Kalong“ basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte im Erzählband „Der Graben“. Ein Team von Wissenschaftlern reist nach Borneo, um Flughunde zu beobachten. Bei einem seiner Streifzüge wird der Hilfsassistent vom weissen Kalong entführt, einem mysteriösen Wesen zwischen Mensch und Tier. In der Erzählung endet die Begegnung mehr oder weniger glimpflich. Nicht so im Theaterstück, das sich als Fortsetzung der Erzählung versteht. Der weisse Kalong wird unschädlich gemacht und landet als Schenkung im Naturmuseum, wo er wieder erwacht und für Unheil sorgt. Der Kalong ist indes nicht der einzige Unruhestifter: Eichenberg will für die Entlassung des Museumsdirektors sorgen, die Assistenten bemühen sich um einen Platz in des Professors Monographie und da ist noch ein Vampirjäger – kurz, für Chaos ist gesorgt.
Woher kam aber die Idee für die Kurzgeschichte?
Ursprünglich sollte sie den wissenschaftlichen Betrieb auf die Schippe nehmen. Zwar hatte ich damals noch nicht selbst als Hilfskraft gearbeitet, machte aber über das nähere Umfeld Bekanntschaft mit dem Alltag eines niederen Mitarbeiters. Vom Kopien anfertigen übers Kaffee bringen bis hin zum Koffer schleppen war alles dabei – nur die persönliche Entwicklung blieb auf der Strecke. Figuren mit grossen Plänen und kleinen Möglichkeiten sind mir sympathisch. Was also lag näher, als einen Hilfsassistenten zum Helden einer Erzählung zu machen? Dass sie ausgerechnet im Urwald Borneos und mit Vampirmythen spielt, ist wohl meiner Lektüre einiger klassischer Gothic Novels und Heart of Darkness zu verdanken.
Vielleicht ist da aber auch mehr. Seit einiger Zeit hatte ich begonnen, mich mit phantastischer Literatur zu beschäftigen. Neben dem immer sichereren Gefühl, dass die Phantastik die wohl einzige ernstzunehmende Literaturform darstellt, wollte ich auch ihren Grenzen nachspüren: Wo lösen sich Vorstellung und Realität auf? Hat die Wissenschaft als kontinuierliche Desillusionierung – in ihren Zielen und Kaffeemethoden – ein Anrecht darauf, alle Geheimnisse zu lösen? Viele klassische Horrorautoren würden die Frage wohl verneinen – sie ist auch eigentlich ein alter Hut. Anders als E.T.A. Hoffmann halte ich aber nichts von einem „feindlichen Prinzip“: womöglich sind sich das Wissenschaftliche und das Phantastische (der weisse Kalong) einander gar nicht so unähnlich. Sie arbeiten einfach in unterschiedliche Richtungen. Während uns die Wissenschaft hilft, die Welt zu verstehen, entrückt uns die Fantasie in unverständliche Welten. Wir erleiden sie passiv, in Tagträumen und Abschweifungen. Die Wissenschaft hingegen betreiben wir aktiv. Oder eben bloss blätterkopierend, kaffeekochend – also nicht ihrem eigentlichen Zweck entsprechend. Ebenso pflegt das Phantastische, sobald es sich uns annähert, seine Gestalt zu verändern. Aus dem unheimlichen Kalong-Wesen wird etwas, das nicht so sehr „feindlich“ ist, wie es den Anschein hatte. So lösen sich die Grenzen auf, und was wir mühsam zu verstehen versuchten, hat sich unserer längst ermächtigt.

„Der weisse Kalong“ wird mit der heutigen Vorstellung noch sieben Mal gespielt. Die Daten sind unten und auf dem Flyer aufgeführt. Nicht vergessen: wegen der beschränkten Platzzahl sind Reservationen nötig.

(Weitere Überlegungen zur phantastischen Literatur finden sich in diesem Essay zu Henry Rider Haggards Roman She: A History of Adventure (1887))

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Reservationen

Ab dieser Woche sind Reservationen für das Theaterstück „Der weisse Kalong“ unter larissa.fritsch@bluewin.ch möglich.

Aufführungen:

19./20./21. Februar
26./27./28. Februar
2./4./5. März

Jeweils 20 Uhr Im Naturama Aargau.

Eine Reservation ist aufgrund der beschränkten Platzzahl unerlässlich. Ich werde an der Premiere und 1-2 weiteren Daten anwesend sein.